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Ostern 2022: „Friede mit Euch!“

Nachricht 16. April 2022

Wie sich globale Krisen, eigene Biografie, österlicher Friede und kirchliche Sendung miteinander verschränken

Noch nie habe ich mich so auf Ostern gefreut. Auf den Gruß des auferstandenen Jesus: „Friede mit Euch!“

Nach der Katastrophe der Kreuzigung haben sich seine Freundinnen und Freunde, seine Schüler und Schulerinnen hinter verschlossenen Türen getroffen. Aus Angst um ihr Leben – dass es ihnen genauso ergehen könnte. Und plötzlich steht er vor ihnen und sagt: „Friede mit Euch!“

Furcht und verschlossene Türen

Seit zwei Jahren Corona-Pandemie. Was selbstverständlich offen war, ist mit einem Mal geschlossen: Läden, Schwimmbäder, Kitas, Schulen, selbst Kirchen. Und wohl das Schlimmste: Der Zugang zu Seniorenheimen und Krankenhäusern war selbst für engste Angehörige versperrt. Besuche von alten Eltern nicht möglich, genauso wie Familienfeiern … Vieles geht jetzt wieder. Aber die Pandemie ist immer noch nicht überwunden. Aufatmen und Aufbruch münden in Ernüchterung und Enttäuschung.

Unsere Gesellschaft ist zum Zerreißen gespannt. Was stimmt? Was ist nur Meinung? Was ist gefährliche Stimmungsmache? Einfach miteinander zu sprechen, scheint fast unmöglich geworden. Jugendliche und junge Erwachsene haben den Eindruck, von Gesellschaft und Politik übersehen zu werden. Sie fühlen sich um Chancen und Herausforderungen ihrer Lebensphase betrogen, empfinden sich als die großen Verlierer*innen – schon wieder: Wie beim Klimawandel. Die Einen hinterlassen die Probleme einfach den Folgenden.

Auch hier: Türen, die einen Spalt offen schienen, sind wieder zugeschlagen. Corona überlagert alles. Den Alltag hinbekommen – zwischen Quarantäne und ständig wechselnden Vorgaben. Das lässt kaum Platz für die Frage nach ökologischer Transformation. Es gibt wieder Wichtigeres oder wenigstens Drängenderes.

Und dann seit dem 24. Februar der russische Angriff auf die Ukraine. Krieg in Europa! Bilder und Berichte, die kaum zu ertragen sind: wahllose Zerstörung, Belagerung, Demütigung, Vergewaltigung und Sterben. Angst.

Bei der Generation, die den Zweiten Weltkrieg miterlebt hat, werden sofort die Bilder aus dieser Zeit wieder wachgerufen. Und auch bei mir werden die Erinnerungen an die Erzählungen meiner verstorbenen Eltern lebendig. Meine Tante hat mir neulich zum ersten Mal von ihren Erlebnissen auf der Flucht und danach erzählt. Wie wichtig und wie gut, dass viele Menschen gerade Türen und Herzen öffnen für die Menschen aus der Ukraine.

Und wie bedrängend und erschütternd, dass die Türen, die zum Ende dieses Krieges führen könnten, verschlossen scheinen. Ein Dilemma, dass uns als NATO-Staaten in jedem Fall zu Mitschuldigen an Gewalt und Tod macht: Die jetzige Situation überlässt die Menschen in der Ukraine schutzlos den Luftangriffen der russischen Armee, ein Eingreifen der NATO in den Krieg dagegen könnte zu einer unverantwortlichen globalen Eskalation führen.

Mich macht das fast sprachlos – oder führt ins Gebet, das oft kaum mehr ist, als der Ruf: „Christus, erbarme dich!“

„Friede mit Euch!“

Mit diesen Worten steht Jesus Ostern plötzlich im Kreis seiner verängstigten Jünger (Johannes 20,19).

Das ist mein Wunsch für dieses Osterfest: Selbst verschlossene Türen können den nicht aufhalten, der ganz tiefen und weitreichenden Frieden bringt. „Schalom“ – in der Sprache der Bibel. Mit seinem Frieden, der höher ist als alle Vernunft (Philipper 4,7) und der mitten im Sturm die Wogen in der Tiefe unserer Seele zur Ruhe bringt. Schalom ist umfassende Geborgenheit, die Gewissheit: Ich bin niemals allein. Egal was auch kommt. Er, der Auferstandene ist da.

Er, dessen Wunden mir zeigen, dass ihm kein Leid fremd ist.

Er, der vor Lebensangst Blut geschwitzt hat.

Er, der von seinen besten Freunden im Stich gelassen wurde.

Er, der - von Gott und der Welt verlassen – elend am Kreuz gestorben ist.

Er, der selbst den Tod besiegt hat.

Deshalb tritt er plötzlich in unseren Kreis, jetzt. „Wo zwei oder drei in meinem Namen zusammen sind, da bin ich mitten unter ihnen.“ (Matthäus 18,20) Jesus Christus, mitten unter uns, unsichtbar. Durch seinen Geist.

Kirche der Sendung

„Da sprach Jesus abermals zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Und als er das gesagt hatte, blies er sie an und spricht zu ihnen: Nehmt hin den Heiligen Geist!“ (Johannes 20,21f)

Was können wir als Kirche(n) tun angesichts der Krisen in dieser Welt? Wozu sind wir berufen und gesandt? Das frage ich mich immer wieder.

Ostern zeigt mir: Vor dem Tun kommt das bewusste gemeinsame Hören auf den Auferstandenen, sich selbst immer wieder neu seinen umfassenden Frieden, Schalom, zusprechen und schenken lassen.

„Schalom Euch, die Ihr unter verschlossenen Türen leidet.

Schalom Euch, die Ihr die Ungerechtigkeiten und das Leid nur noch schwer ertragen könnt.

Schalom Euch, die Ihr Euch Sorgen macht, wie es mit diesen Krisen weitergehen wird.

Schalom Euch, die Ihr von anderen Ängsten geplagt seid.

Schalom Euch, die Ihr die Lebensfreude verloren habt angesichts der Probleme auf dieser Welt, in Eurer Kirche oder in Eurem persönlichen Leben.

Schalom Euch, die Ihr verstrickt seid in Schuld und Unversöhnlichkeit.

Friede sei mit Euch!“

Wir sind gesegnet. Wir sind mit seinem Geist beschenkt. Wir werden gesendet, diesen Frieden weiterzugeben. Erzählen und etwas tun, das zeigt: es ist wahr. Die Flexibilität und Kreativität, mit der kirchliche und diakonische Akteur*innen in Zeiten verschlossener Türen während der Corona-Pandemie neue Räume erschlossen haben, macht Mut. Die Solidarität und Hilfsbereitschaft, mit der viele Christinnen und Christen, gemeinsam mit anderen, geflüchteten Menschen aus der Ukraine beistehen, beflügelt. Die Verheißung, dass Gott selbst sein ewiges Friedensreich vollenden und dann diese geschundene Erde mit allen leidenden Geschöpfen zum Ziel kommen wird, schenkt Hoffnung.

Es klingt fern und es ist wahr: „Friede mit Euch!“ 

Wir sind gesegnet

Wir sind mit seinem Geist beschenkt. Wir werden gesendet, diesen Frieden weiterzugeben. Erzählen und etwas tun, das zeigt: es ist wahr. Die Flexibilität und Kreativität, mit der kirchliche und diakonische Akteur*innen in Zeiten verschlossener Türen während der Corona-Pandemie neue Räume erschlossen haben, macht Mut. Die Solidarität und Hilfsbereitschaft, mit der viele Christinnen und Christen, gemeinsam mit anderen, geflüchteten Menschen aus der Ukraine beistehen, beflügelt. Die Verheißung, dass Gott selbst sein ewiges Friedensreich vollenden und dann diese geschundene Erde mit allen leidenden Geschöpfen zum Ziel kommen wird, schenkt Hoffnung.

Es klingt fern und es ist wahr: „Friede mit Euch!“

Pastor Thomas Steinke, Leitender Referent für Missionarische Dienste im HkD

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Thomas Steinke

Leitender Referent für Missionarische Dienste
Pastor