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Verschwörungsdenken, Verschwörungstheorien und Verschwörungsglaube

Wahrnehmungen

„Corona-Virus“: Regierungen fördern die Panik um das Virus, um Freiheitsrechte des Einzelnen zu beschneiden. „Moon-Hoax“: Die Mondlandung von Apollo 11 sei in einem Filmstudio inszeniert worden. „False flag“: Der Anschlag auf das World Trade Center gehe auf das Konto der CIA. „Chemtrails“: Die Kondensstreifen am Himmel seien die Rückstände chemischer Produkte, die unsere Gehirne verändern. „Barcode-Verschwörung“: Die Barcodes zum Scannen von Produkten im Einzelhandel würden negative Energie an die Konsumenten weitergeben. „Reichsbürger“: Unser Land sei kein souveräner Staat, sondern eine GmbH, es habe nie einen Friedensvertrag gegeben, daher bestehe das Deutsche Reich weiter fort.

Vertreter*innen dieser und ähnlicher Verschwörungstheorien nehmen für sich in Anspruch, eine alternative „Wahrheit“ hinter den offiziellen Erklärungen für unterschiedliche Phänomene zu kennen. Sie vernetzen sich konspirativ auf Internetplattformen und starten Kampagnen zur „Aufklärung“. In äußerlich seriös erscheinenden Meldungen werden echte Nachrichtenelemente mit Falschmeldungen und falschen Zusammenhängen vermischt („Fake News“).

Rassistische und extremistische Gedanken können, besonders in Kombination mit psychischen Störungen, auch zu schweren Straftaten führen (z. B. in Hanau 2020).

Inhalte

Verschwörungsdenken geht davon aus, dass die Wirklichkeit anders ist, als es offiziell behauptet wird. Eine kleine Gruppe von Akteuren ziehe im Verborgenen die Fäden. Wahlweise handle es sich dabei um Freimaurer, Juden, Pharmakonzerne, das Finanzkapital oder Regierungen, teilweise auch um Illuminaten oder außerirdische Reptiloiden. In der Öffentlichkeit werde diese Wahrheit unterdrückt. Zur Tarnung der wahren Absichten propagierten die Verschwörer falsche Informationen und Theorien und manipulierten damit die Bevölkerung. Nur besonders Eingeweihte („Wissende“, „Truther“) hätten das erkannt und sähen sich Repressalien durch die Verschwörer ausgesetzt.

Da es ja tatsächlich immer wieder inoffizielle und teilweise illegale Absprachen gegeben hat und gibt, ist es sinnvoll, zwischen „Verschwörungshypothesen“ mit rational überprüfbaren Vermutungen und „Verschwörungsideologien“, die immun sind gegen eine kritische Prüfung, zu unterscheiden. Letztere werden im allgemeinen Sprachgebrauch als Verschwörungstheorien bezeichnet. Hier würden alle Ereignisse, die für diese Weltdeutung relevant sind, in einem direkten kausalen Zusammenhang stehen und einen logischen Gedankengang bilden. Verschwörungstheorien stützen sich jedoch oft auf Fake News. Es handelt sich um Erklärungsmuster mit sehr großer Reichweite, die zu einem geschlossenen Weltbild führen. Gegenargumente werden auf den Einfluss der Verschwörerclique zurückgeführt („Gehirnwäsche“) und seien ein Zeichen für deren Macht.

Verschwörungstheorien sind oft antisemitisch geprägt („Zionistische Weltverschwörung“). Politisch relevant ist die „Reichsbürgerbewegung“ mit ihrer Forderung, staatliche Organe nicht anzuerkennen und aus der „Firma“ BRD auszusteigen.

Einschätzung

Verschwörungstheorien reagieren auf das Gefühl von Unsicherheit und Bedrohung angesichts komplexer gesellschaftlicher Zusammenhänge. Sie vereinfachen die Welt durch klare Zuordnungen von gut und böse, versprechen Klarheit und damit Sicherheit und eröffnen die Möglichkeit, aktiv eingreifen zu können. Ihr Ausgangspunkt ist ein grundsätzliches Misstrauen gegenüber offiziellen Einrichtungen, etablierten Medien und deren Veröffentlichungen. In ihren Ideologien vermischen sie Wahrheit mit Fantasie, tatsächliche Fragen und Probleme mit übertriebenen Aussagen. Mit ihrer Behauptung, „Wissende“ zu sein, fühlen sich ihre Vertreter*innen persönlich aufgewertet.

Eine Abgrenzung von solchen Verschwörungstheorien gegenüber tatsächlichen konspirativen illegitimen Absprachen (z. B. der NSA-Abhöraffäre oder der Manipulations-Software an Dieselmotoren) ist schwierig. Bestenfalls kann man darauf hinweisen, dass echte Verschwörungen zeitlich, räumlich und personell begrenzt sind. Grundsätzlich bietet aber das geschlossene Weltbild von Verschwörungstheorien keinen Platz für kritische Gegenargumente.

Gefährlich sind Verschwörungstheorien, weil sie Opfer erzeugen: Die Verschwörer seien von Grund auf böse und zu bekämpfen, als Reptiloiden wird ihnen sogar das Menschsein abgesprochen. Außerdem zerstören sie jedes Vertrauen in etablierte demokratische Strukturen, wenn diesen nicht mehr zugetraut wird, die Macht der Mächtigen zu kontrollieren. Schließlich kann auch unmittelbare Gefahr von Verschwörungstheoretikern ausgehen, wenn sie sich in ihre Parallelwelt zurückgezogen haben und keinen anderen Ausweg mehr sehen, als gegen das vermeintliche Unrecht anzukämpfen. Dies zeigt sich z. B. an der „Reichsbürgerbewegung“.

Handlungsempfehlungen

Mit dem Vorwurf „Verschwörungstheorie“ geht man besser sparsam um, damit nicht ein möglicherweise sinnvolles Anliegen (z. B. eine berechtigte Kapitalismuskritik) durch die Einstufung als Verschwörungstheorie („Zionistische Weltverschwörung“) untergraben wird.

Diskussionen mit Anhänger*innen von Verschwörungstheorien sind wenig sinnvoll. Ihre Argumente entziehen sich rationaler Prüfung und werden nur als Beweis für die Macht der Verschwörer und damit für die Richtigkeit ihrer Weltsicht angesehen. Statt ihre Argumente zu wiederholen und dadurch ihr Denken zu verfestigen, sollten Gegenerzählungen angeboten und betont werden.

In der Begegnung mit Verschwörungstheoretikern kann es helfen, deren Motive und Beweggründe herauszufinden. Mit Menschen, die unschlüssig sind und lediglich eine Nähe zum Verschwörungsdenken haben, kann man auch Einzelaspekte diskutieren und auf Wahrscheinlichkeiten hinzuweisen (z. B.: Wie wahrscheinlich ist es, dass Tausende von NASA-Angestellten über Jahrzehnte nichts über den angeblichen Moon-Hoax erzählen würden?). Auch Umfang, Reichweite und Effektivität einer Verschwörungstheorie oder ihrer einzelnen Bestandteile können kritisch geprüft werden.

Grundsätzlich sollte aber immer geprüft werden, ob man mit Rassisten, Antisemiten, Sexisten usw. überhaupt diskutieren soll, wenn dies nur dazu führt, dass die Tabu-Grenzen weiter hinausgeschoben werden.

Weitere Informationen

Michael Butter: „Nichts ist, wie es scheint“. Über Verschwörungstheorien, Frankfurt a. M. 2018.

Kai Funkschmidt: Verschwörungstheorien, EZW-Lexikon, 2014, https://ezw-berlin.de/html/3_4492.php.

Christian Metzenthin (Hg.): Phänomen Verschwörungstheorien. Psychologische, soziologische und theologische Perspektiven, Zürich 2019.

Giulia Silberberger / Rüdiger Reinhardt: Verschwörungsideologien & Fake News. Erkennen und widerlegen, Berlin 2020.