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Religiöse Gemeinschaften christlicher Herkunft

Religiöse Gemeinschaft in christlicher Herkunft

Die im Folgenden genannten sehr unterschiedlichen Gemeinschaften sind im 19. und 20. Jahrhundert als Abspaltungen von Hauptrichtungen der ökumenischen Kirchen entstanden. Dabei gingen sie unterschiedliche Wege: Die Mehrzahl der Gruppen bezieht sich auf die Bibel, hat aber zahlreiche Sonderlehren entwickelt, die von den Bekenntnissen der ökumenischen christlichen Kirchen an zentralen Punkten abweichen (z. B. Zeugen Jehovas, Christliche Wissenschaft). Diese Gruppen wurden herkömmlich als „Sekten“ (Abspaltungen), heute als „christliche Sondergemeinschaften“ bezeichnet. Mitunter vertreten einzelne Gemeinschaften einen Exklusivitätsanspruch und schotten sich ab (z. B. Zeugen Jehovas). Andere Gruppen stützen sich in Lehre und Praxis auf außerbiblische Quellen bzw. neue Offenbarungen, womit sie ein authentisches und aktualisiertes Christentum vertreten wollen (Christengemeinschaft). Dabei sind außerchristliche Neureligionen entstanden. So hat die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (Mormonen) auf der Basis von „Nebenbibeln“ zahlreiche außerchristliche Vorstellungen in ihr Glaubenssystem integriert. Die Bedeutung der Heiligen Schrift Alten und Neuen Testaments wird dabei deutlich relativiert. Das Universelle Leben (UL) betrachtet die Bibel als kirchlich verfälscht und folgt ausschließlich ihrem von seiner „Lehrprophetin“ vorgegebenen, neu geschaffenen „Neuoffenbarungskanon“. Beide Gemeinschaften stützen sich in Lehre in Praxis auf die von ihren Gründern empfangenen neuen Offenbarungen.

Auch wenn diese Gemeinschaften christliche oder gar „urchristliche“ (UL) Lehrauffassungen vertreten wollen, so haben sie sich faktisch von den theologischen Grundeinsichten (Trinität) und den biblisch fundierten Glaubensüberzeugungen der ökumenischen christlichen Kirchen weit entfernt. Die Unterschiede sind unüberbrückbar, was aus kirchlicher Sicht in Fragen des praktischen Umgangs (z. B. Taufanerkennung, Abendmahlsfrage) eine zentrale Rolle spielt.

Weitere Informationen

Kurt Hutten: Seher, Grübler, Enthusiasten. Das Buch der traditionellen Sekten und religiösen Sonderbewegungen, Stuttgart 151997.

Ulrich H. J. Körtner: Ökumenische Kirchenkunde, LETh 9, Leipzig 2018, 255-285.

Helmut Obst: Apostel und Propheten der Neuzeit. Gründer christlicher Religionsgemeinschaften des 19. und 20. Jahrhunderts, Göttingen 42000.

Wahrnehmungen

Das missionarische Engagement der Zeugen Jehovas (ZJ) in der Öffentlichkeit und an Wohnungstüren hat sie zur bekanntesten „Sondergemeinschaft“ gemacht. Bekannt sind auch ihre Zeitschriften: „Der Wachtturm“ mit einer weltweiten Gesamtauflage von 69,8 Millionen in 337 Sprachen sowie „Erwachet!“ (64,9 Millionen in 192 Sprachen).

Seit einiger Zeit lässt sich bei dieser Gemeinschaft eine Veränderung hin zu einem moderneren öffentlichen Erscheinungsbild beobachten, ohne dass sich die fundamentalistischen Überzeugungen geändert hätten: So werben nun meist jüngere Menschen mit Trolleys und Tablets in Fußgängerzonen und in Bahnhöfen größerer Städte für „Jehova“. Die Publizistik (Internetpräsenz und entsprechende Apps für Handys und Tablets) wurde in den letzten Jahren deutlich intensiviert. Auf der Internetseite www.jw.org findet man mittlerweile nahezu alle neueren Publikationen und Zeitschriften, aber auch Videos für Kinder und Jugendliche. In den kurzen Trickfilmen werden genaue Verhaltensregeln und Anweisungen vorgegeben.

In den vergangenen Jahren hat die öffentliche kritische Berichterstattung über die Gemeinschaft stark zugenommen. Insbesondere Kindesmissbrauchsfälle in den USA, in Italien und Australien und der – nach Meinung von Kritiker*innen – vertuschende Umgang damit führten zu zahlreichen Gerichtsprozessen. Zugenommen hat auch die Zahl neuerer Aussteigerliteratur.

Inhalte

Die Zeugen Jehovas sind eine im 19. Jahrhundert in den USA entstandene Gemeinschaft. Ihre Wurzeln reichen in den Adventismus, eine stark endzeitlich ausgerichtete Bewegung, zurück. Davon war der eigentliche Gründer der ZJ, Charles Taze Russell (1852 – 1916), stark beeinflusst. Im Laufe ihrer Geschichte kam es immer wieder zu Lehrveränderungen bzw. Verschärfungen der Glaubensinhalte.

Die ZJ haben sich eine eigene Bibelübersetzung gegeben, die sog. Neue-Welt-Übersetzung. Sie sind insgesamt stark fundamentalistisch geprägt: Man geht davon aus, dass die Bibel unmittelbar Gottes Wort ist, dass jede Stelle einer anderen gleichwertig und historisch-kritische Bibelauslegung unnötig ist. Geburtstagsfeiern oder die Feier des Weihnachts- oder Osterfestes werden von den ZJ als unbiblisch abgelehnt.

Ein zentrales Thema in der Verkündigung der ZJ war wiederholt die Aussage, dass man ein konkretes Datum für die endzeitliche Entscheidungsschlacht (Harmagedon) mit der Rettung der ZJ und der Vernichtung aller Ungläubigen, d. h. derer, die keine ZJ sind, wisse. Genannt wurden z. B. 1914, 1925, 1975. Heute werden keine Jahreszahlen mehr genannt, aber die baldige Erwartung von Harmagedon ist weiterhin bestimmend.

Umstritten sind die ZJ wegen ihrer kompromisslosen Ablehnung von Bluttransfusionen, selbst wenn damit das Leben der Patient*innen riskiert wird. Begründet wird dies mit dem Hinweis auf die Bibelstelle Apg 15,28f, wonach die Übertragung von Blut als Träger des Lebens gegen den Willen Jehovas verstoße. Die ZJ haben einen „Krankenhausinformationsdienst“ eingerichtet, der über Alternativen zur Bluttransfusion informiert. Eine Bluttransfusion zu erlauben, wird als Abfall von Jehova gedeutet, der einen Ausschluss aus der Gemeinschaft nach sich zieht. Die ZJ grenzen sich von anderen Kirchen und Religionen stark ab, die als falsche Religionen gesehen werden.

Insgesamt vertreten die ZJ ein geschlossenes Welt- und Geschichtsbild. Das Weltgeschehen ist nach ihrer Vorstellung von einem ständigen Kampf zwischen Gott und Satan bestimmt.

Aufgabe jedes ZJ ist es, sich aktiv am Predigtdienst zu beteiligen. Dieser kann neben Schulungen, der Teilnahme an Versammlungen und weiteren freiwilligen Diensten bis zu 18 Stunden in der Woche umfassen. So kommen die ZJ an die Haustür und versuchen, ein Gespräch über biblische Themen zu beginnen. Vorher und begleitend erfolgt eine intensive Schulungsarbeit. Hinzu kommt die regelmäßige Teilnahme an Versammlungen und weiteren Diensten innerhalb der Gemeinschaft.

Seit 2015 haben die ZJ nach einem jahrelangen Rechtsstreit den Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts in allen Bundesländern inne. Seit 1983 befindet sich der Sitz der deutschen Wachtturm-Gesellschaft in Selters/Taunus. In Deutschland gibt es 165 000 Verkündiger in 2000 Versammlungen Weltweit beläuft sich die Zahl der ZJ auf 8,7 Millionen in 120 Ländern. Die Weltzentrale der ZJ befindet sich seit 2016 in Warwick (New York, USA). Dort residiert auch die Leitung der ZJ, die sich als „theokratische Organisation“ versteht. An der Spitze steht die „Leitende Körperschaft“: Sie besteht derzeit aus acht sog. Geistgesalbten und begreift sich unmittelbar in der Tradition der Urgemeinde bzw. der ersten Apostel. Sie versteht sich als Kanal bzw. als „treuen und verständigen Sklaven Jehovas“ und zeichnet für die Inhalte der Publikationen und des Schulungsmaterials der ZJ verantwortlich.

Einschätzungen

Das geschlossene Glaubenssystem, der hierarchische Druck und nicht zuletzt die Sozialkontrolle innerhalb der Organisation verursachen immer wieder Konflikte, insbesondere im Verhältnis zu Außenstehenden. Dies zeigt sich z. B. bei Kindern, die aufgrund der rigiden Glaubensvorstellungen der ZJ keinen Geburtstag, kein Weihnachts- oder Osterfest feiern dürfen. Probleme treten oft auch in der Schule auf, weil ZJ etwa dazu angehalten werden, Kontakte mit Menschen „aus der Welt“ möglichst zu vermeiden. Letztlich wird blinder Gehorsam gegenüber der Organisation verlangt. Bei Verstößen wird der Einzelne vom Rechtskomitee bzw. den Ältesten der Versammlung (d. i. die einzelne Gemeinde der ZJ) zur Rechenschaft gezogen. In schwerwiegenden Fällen kommt es auch zu „Gemeinschaftsentzug“.

Das Glaubenssystem der ZJ lässt aus evangelischer Sicht dem Einzelnen im Glauben keinen Raum für Freiheit und Verantwortung. Aufgrund ihrer Drohbotschaften erweisen sich die ZJ als Propheten der Angst. Zahlreiche Aussteigerberichte legen davon Zeugnis ab. Die ZJ stellen sich mit ihrem Heilsexklusivismus bewusst gegen die Ökumene christlicher Kirchen.

Handlungsempfehlungen

ZJ können keinesfalls am Abendmahl teilnehmen. Sie werden dies ohnehin nicht wünschen. Evangelische Christ*innen können nicht am Gedächtnismahl der ZJ teilnehmen. Es handelt sich nicht um ein christliches Abendmahl. Anfragen von ZJ im Blick auf eine Trauung oder die Bestattung eines ZJ durch einen evangelischen Geistlichen sind nicht zu erwarten und könnten auch von evangelischer Seite nicht positiv beschieden werden. Empfehlenswert bei feststellbaren Aktivitäten der ZJ erscheint es, in Schule und Gemeindearbeit, aber auch in der Gemeindepublizistik über die Lehre und die Praxis der ZJ aufzuklären und die gravierenden Unterschiede aus evangelischer Perspektive deutlich zu benennen.

Weitere Informationen

Michael Utsch (Hg.): Jehovas Zeugen. Eine umstrittene Religionsgemeinschaft, EZW-Texte 255, Berlin 2018.

Wahrnehmungen

Die Christengemeinschaft (CG) versteht sich als „Bewegung für religiöse Erneuerung“. Sie ist eine der wenigen Sondergemeinschaften, die im deutschen Sprachraum entstanden sind.

Inhalte

Untrennbar mit ihrer Entstehungsgeschichte sind zwei Personen verbunden: Rudolf Steiner (1861 – 1925), der „Entdecker“ der Anthroposophie, und der evangelische Theologe Friedrich Rittelmeyer (1872 – 1938), der zu ihrer prägenden Führungsgestalt werden sollte. Am 16. September 1922 wurde die CG offiziell gegründet. Sie versteht sich als Kultusgemeinschaft und beansprucht Lehr- und Bekenntnisfreiheit. Ihre kultischen Grundlagen stützen sich außer auf biblische – vor allem neutestamentliche – Aussagen (die meist spirituell-esoterisch bzw. allegorisch gedeutet werden) auf die Anthroposophie Rudolf Steiners. Seine esoterische „Geisteswissenschaft“ dient dabei als hermeneutischer Schlüssel für die Interpretation der Bibel. Der Kultus ist nach Auffassung der CG neben dem Neuen Testament als zweite Offenbarungsquelle zu betrachten. Steiner habe den Kultus aus der Christus-Offenbarung heraus „vermittelt“. Der Kultus sei letztlich „durch Anthroposophie dargereicht“. Nicht „Dogmatik“, sondern das religiöse Erlebnis ist nach Meinung der CG für den Wahrheitsgehalt ausschlaggebend: Die „Kultuslautworte“ bestätigen sich im Erleben des Kultus selbst. Zentraler Kultus im religiösen Leben der CG ist die sog. Menschenweihehandlung.

Die CG kennt insgesamt sieben Sakramente: Taufe, Konfirmation, Menschenweihehandlung, Beichte, letzte Ölung, Priesterweihe und Trauung. Unterschiede zu den großen christlichen Kirchen zeigen sich besonders in ihrem Verständnis der Taufe, die in der CG im Regelfall nur bis zum 14. Lebensjahr vollzogen wird. Sie wird als Inkarnationshilfe verstanden: Die vorgeburtliche Seele soll in den menschlichen Körper einziehen. Als Taufsubstanzen dienen Wasser, Salz und Asche. Mit diesen drei „Grundkräften der himmlischen Welt“ sollen Geist, Körper und Seele des Menschen in Beziehung gesetzt werden. Dazu wird der Täufling an Stirn (Wasser), Kinn (Salz) und Brust (Asche) mit den geweihten Substanzen berührt. Nach Auffassung der CG wird durch die Berührung mit den drei geweihten Substanzen „der natürliche Vorgang, sich mit der Erde zu verbinden, durchdrungen mit der Kraft des Christus, der die himmlischen Kräfte in die Erde trägt“ (www.michael-kirche.de/pages/christengemeinschaft/taufe.php).

Der Gottesdienst der CG heißt „Menschenweihehandlung“ und wird vom Priester täglich gefeiert. Ihr Ablauf orientiert sich im Wesentlichen am katholischen Messritus und umfasst vier Teile: Evangelienlesung, Opferung, Wandlung, Kommunion sowie wechselnde Epistellesungen und – je nach liturgischem Anlass – auch kürzere Gebete (sog. „Einschaltungen“) zwischen den Hauptteilen. Weitere Elemente der Menschenweihehandlung sind das von Steiner formulierte Glaubensbekenntnis der CG, eine kurze Predigt und das Vaterunser. Im Vollzug der Menschenweihehandlung spielen liturgische Gewänder, Ministranten und Weihrauch eine Rolle.

Ein Kirchenaustritt wird von der CG nicht erwartet, sondern dem freien Ermessen des Einzelnen überlassen, so dass eine Doppelmitgliedschaft prinzipiell möglich ist. Die CG weist eine priesterschaftlich-hierarchisch geprägte Organisationsform auf: Auf geistlicher Ebene wird sie vom „Siebenerkreis“ geleitet, dem der Erzoberlenker, zwei Oberlenker und vier Lenker angehören. Sitz des Erzoberlenkers und der Leitung ist Berlin. Seit 2005 amtiert Vicke von Behr (Jahrgang 1949) als „Erzoberlenker“.

Das Hauptverbreitungsgebiet der CG liegt im nord- und mitteleuropäischen Raum; einzelne Gemeinden wurden seit den 1990er Jahren neu gegründet, wie in Tschechien, Russland, Estland, in der Ukraine und in Georgien. Außerhalb Europas bestehen einzelne Gemeinden in Nord- und Südamerika, Australien, im südlichen Afrika und in Japan (Tokio). Allerdings konnte die Gemeinschaft in jüngster Zeit keine nennenswerten Zuwachsraten verzeichnen. Die Zahl der Mitglieder wird nicht systematisch erfasst. Nach Schätzungen hat die CG im deutschsprachigen Raum rund 10 000 Mitglieder mit einem fünfmal größeren Sympathisantenkreis. Weltweit dürfte sich die Zahl auf 20 000 mit einer ebenso hohen Anzahl an Freunden und „Zugehörigen“ belaufen.

Einschätzungen

Die Abhängigkeit von anthroposophischen Überzeugungen, nicht zuletzt in Gestalt der durch Steiners geistige Schau vermittelten „Kultus-Neuoffenbarung“, entfremdet die CG von biblisch gewonnenen Grundeinsichten, denen sich die christlichen Kirchen verpflichtet wissen. Der Sonderweg der „Bewegung für religiöse Erneuerung“ zeigt sich nicht zuletzt in ihrem Taufverständnis, das von einer vorgeburtlichen Existenz der Seele ausgeht. Die Taufe der CG wird von der Evangelischen Kirche in Deutschland (nach mehreren Beratungen in den Jahren 1949, 1968 und 1969), aber auch von der katholischen Kirche nicht anerkannt. Der von Steiner geformte Kultus, sein Vollzug und sein Erleben, hat in der CG die gleiche Autorität wie die biblischen Schriften. Insofern handelt es sich bei der Christengemeinschaft – Bewegung für religiöse Erneuerung um ein anthroposophisch interpretiertes Christentum neben den konfessionellen Kirchen.

Handlungsempfehlungen

Im Fall einer Doppelmitgliedschaft ist auf eine Klärung der Zugehörigkeit hinzuwirken. Die Taufe der CG ist keine christliche Taufe. Tritt jemand von der CG zur evangelischen Kirche über und ist zuvor nicht in einer christlichen Kirche rite getauft worden, so ist er zu taufen. Die Übernahme des Patenamtes bei einer evangelischen Taufe ist für Mitglieder der CG nicht möglich. Gemeinsame Gottesdienste und Abendmahlsfeiern sowie die Überlassung von kirchlichen Räumen sind wegen der unterschiedlichen Lehrauffassungen nicht zu empfehlen.

Weitere Informationen

Michael Debus: Auferstehungskräfte im Schicksal. Die Sakramente der Christengemeinschaft, Stuttgart 32011.

Matthias Pöhlmann / Christine Jahn (Hg.): Handbuch Weltanschauungen, Religiöse Gemeinschaften, Freikirchen, Gütersloh 2015, 331-346.

Wahrnehmungen

Mit der Frage „Wie kann ich geheilt werden?“ wirbt die sonst eher unauffällige religiöse Sondergemeinschaft Christian Science bzw. Christliche Wissenschaft (CW). Sie ist im 19. Jahrhundert in den USA entstanden. In ihren zahlreichen Publikationen und Zeitschriften möchte die CW über heutige Heilungserfahrungen Zeugnis ablegen. Daneben gibt es auch „Praktiker*innen“, die das Heilsystem der CW anwenden und Krankheiten durch ein „spezifisches Gebet“ heilen sollen. Mit zahlreichen Vortragsangeboten und Schriften wirbt die Gemeinschaft für ihr „Heilsystem“.

Inhalte

Unumstrittene Autorität ist noch heute die Gründerin, die Amerikanerin Mary Baker Eddy (1821 – 1910). Ziel von Christian Science ist es, das ursprüngliche Christentum wiederherzustellen und das angeblich verloren gegangene Element des Heilens wiederzugewinnen. Bereits als Kind litt Eddy an verschiedenen Krankheiten, eine Erfahrung, die sie für die Frage nach dem Zusammenhang von Gesundheit, Heil und Heilung geöffnet habe dürfte. Zeitweise widmete sie sich zeitgenössischen alternativen Heilmethoden, u. a. dem Mesmerismus. Er geht zurück auf die Gedanken Franz Anton Mesmers (1734 – 1815), der von einem den Kosmos durchziehenden Fluidum ausging. Er meinte, es wirke auf Mensch und Tier ein. Krankheit wird demzufolge als Störung der magnetischen Strömung im Menschen betrachtet. Der ehemalige Uhrmacher Phineas Parkhurst Quimby (1802 – 1866) vermittelte Eddy diese Gedankenwelt. Es war ihm gelungen, in vielen Städten Neuenglands diese neue Methode erfolgreich zu demonstrieren. Wenige Tage nach seinem Tod im Jahr 1866 erlebte Eddy eine Heilung nach einem Unfall, obwohl aus medizinischer Sicht kaum Aussicht auf Heilung bestanden haben soll. Sie erlangte eigenen Angaben zufolge „die wissenschaftliche Gewißheit, daß alle Ursächlichkeit Gemüt ist, und jede Wirkung eine gedankliche Erscheinung“ (Mary Baker Eddy, Rückblick und Einblick, Boston 1934, 24). So soll sie „die göttlichen Gesetze von Leben, Wahrheit und Liebe“ entdeckt haben. Dieses „göttliche Prinzip“ nannte sie „Christian Science“. Diese Einsichten bilden den Inhalt ihres inzwischen weit verbreiteten Hauptwerkes mit dem Titel „Wissenschaft und Gesundheit mit Schlüssel zur Heiligen Schrift“.

1879 gründete Eddy in Boston die Church of Christ, Scientist. Ihr Ziel sollte es sein, das ursprüngliche Christentum wiederherzustellen und besonders die dabei verloren gegangene Gabe des Heilens zu praktizieren. 1910 starb Eddy in Boston. Noch zu ihren Lebzeiten entstand 1895 in Boston Die Erste Kirche Christi, Wissenschafter. Drei Jahre später, 1898, kam es in Hannover zur Gründung der ersten deutschen Zweigkirche. Eddys Buch „Wissenschaft und Gesundheit mit Schlüssel zur Heiligen Schrift“, 1875 erstmals veröffentlicht und seither mehrfach überarbeitet, bildet bis heute – neben der Bibel – die Richtschnur und Inspirationsquelle der CW. Es handelt sich dabei um eine eher unsystematische Zusammenstellung ihrer wichtigsten Gedanken, die jedoch ein anspruchsvolles religiös-philosophisches System bilden. Demnach sei Gott das zentrale Prinzip der „Wissenschaft aller Wissenschaften“. Alles Unvollkommene und Böse, also Krankheit, Tod und Materie, gehören nicht zur Wirklichkeit Gottes. Der Mensch müsse sich folglich vom Irrtum der Materie und des Bösen befreien, diesen gleichsam ihre „Tatsächlichkeit“ nehmen, wodurch er in Harmonie zu Gott treten könne.

Ein persönliches Gottesbild ist der CW fremd. Stattdessen erblickt sie in Gott eher ein unpersönliches Kraftfeld. Für Eddy ist er Grund, Macht, Substanz und Gesetz unseres Lebens. Er gleicht einem Prinzip. Aus Sicht der CW wird Materie als nicht real angesehen. Jede Materie und damit auch das Leiden seien Schein und Täuschung, indem sie vor Gott unwirklich seien. Mit anderen Worten: Wenn der Glaubende diese göttlichen Gesetze und sozusagen diese Kraft der göttlichen Liebe und die wahre spirituelle Natur des Menschen und der gesamten Schöpfung wirklich versteht, dann könne er – so Eddy – alle körperlichen Leiden, Krankheiten, auch Sünde, letztendlich auch den Tod, schon im Hier und Jetzt überwinden. Das Gebet hat dabei eine zentrale Bedeutung. Im Kern handelt es sich beim Gebet um eine Art Meditation, deren Ziel es sei, sich Gott bewusst zu machen. Entscheidend sei die innere Einstellung des Menschen. Medikamente gelten als für den Heilungsprozess eher hinderlich.

Mitglieder der CW treffen sich sonntags zum Gottesdienst, in der Sonntagsschule (für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene) sowie zum Erfahrungsaustausch in der Mittwochabend-Versammlung. Letztere ist dem Sonntagsgottesdienst ähnlich. Dabei berichten Teilnehmer des Gottesdienstes von Erkenntnissen, Erfahrungen und Heilungen, die sie aufgrund ihres Gebets und Studiums der Christlichen Wissenschaft erlebt haben. Spezielle Leseräume bieten Bücher von Mary Baker Eddy und einschlägige Literatur zum Selbststudium an.

Für Heilungen und geistliche Betreuung gibt es das Amt des „Praktikers der CW“. Es steht Mitgliedern offen, die am Elementarunterricht der CW teilgenommen haben. Die Hauptaufgabe des Praktikers besteht bei Anfrage im konkreten Gebet „für die Überwindung und Heilung anstehender Lebensprobleme, ob körperlich, finanziell, emotional oder anderweitig“ (www.christianscience.com/de/weitere-ressourcen/praktikerinnen-und-praktiker-der-christlichen-wissenschaft).

In Deutschland unterhält die CW 55 „Kirchen und Vereinigungen“ und 54 „Lesesäle“. Schätzungen belaufen sich auf 2000 Mitglieder in Deutschland. Die Zahl der „Wissenschaftler“ (so die Selbstbezeichnung) dürfte sich nach Schätzungen auf 100 000 bis 160 000 weltweit belaufen. Es ist davon auszugehen, dass die Zahlen insgesamt eher rückläufig sind.

Einschätzungen

Letztlich dominiert ein Heilungsoptimismus das Denken der CW, die zahlreiche Sonderlehren vertritt. Die Trinitätslehre wird abgelehnt. Die Bedeutung Jesu Christi wird in ihrer Tiefe nicht erfasst. Hinzu kommen zahlreiche Uminterpretationen der biblischen Sündenlehre und Anthropologie.

Handlungsempfehlungen

Wegen der Sonderlehren kann eine Zusammenarbeit mit Vertreter*innen der CW nicht empfohlen werden. Die in der CW vorgenommenen Handlungen sind keine Taufe und kein Abendmahl im christlichen Sinn. Kirchliche Räume sollten der CW nicht zur Verfügung gestellt werden.

Weitere Informationen

Mary Baker Eddy: Wissenschaft und Gesundheit mit Schlüssel zur Heiligen Schrift, Boston 1998.

Kurt Hutten: Seher, Grübler, Enthusiasten, Stuttgart 152002, 382-395.

Wahrnehmung

Der Bruno-Gröning-Freundeskreis (BGF) macht häufig mit Werbung rund um das Thema Heilung auf sich aufmerksam: Mit Postwurfsendungen, die mit dem Slogan „Es gibt kein unheilbar!“ werben, wird zu Veranstaltungen in Bürgerhäusern, Gaststätten und öffentlichen Räumen eingeladen. Die Medizinisch-wissenschaftliche Fachgruppe des BGF lädt zu sogenannten „Ärzte-Vorträgen“ ein. In Kinos wird der Film „Das Phänomen Bruno Gröning“ gezeigt. Im Internet und besonders auf YouTube finden sich diverse Werbefilme der Gruppe, in denen Gröning-Anhänger*innen von ihren Heilungen berichten. Mit Zeitungsanzeigen und Flyern wird zusätzlich geworben. Gröning-Anhänger*innen sind häufig mit einem Stand auf Esoterik- und Gesundheitsmessen vertreten. Die Anhänger*innen kommen regelmäßig in sogenannten „Gemeinschaftstreffen“ zusammen, in denen der verstorbene „Wunderheiler“ Bruno Gröning im Mittelpunkt steht.

Inhalte

Bruno Grönkowski wurde am 30. Mai 1906 in Danzig geboren. Nach verschiedenen abgebrochenen Ausbildungen, Kriegseinsatz bei der Wehrmacht und russischer Gefangenschaft zog er nach Dillenburg (Hessen). Dort war schnell die Rede von angeblichen „göttlichen Kräften“ Grönings, was für großes mediales Interesse sorgte. In verschiedenen Städten trat er als „Wunderheiler“ auf und zog die Massen an. Er kam allerdings bald in Konflikt mit staatlichen Gesundheitsbehörden und musste sich ab 1954 einem Ermittlungsverfahren unterziehen. Er wurde zu einer Strafe von acht Monaten Gefängnis verurteilt und erhielt ein Auftrittsverbot für die gesamte Bundesrepublik. Dennoch übte Gröning weiterhin seine Heilungstätigkeit aus. Weitere Verfahren folgten. Am 26. Januar 1959 erlag er einem Krebsleiden.

Erst 20 Jahre später gründete die österreichische Lehrerin Grete Häusler (1922 – 2007) nach diversen Konkurrenzkonflikten um die Rechte des Archivs von Grönings Veröffentlichungen den Bruno-Gröning-Freundeskreis.

Gröning selbst fühlte sich von Gott beauftragt und gab immer wieder an, dass es keine unheilbare Krankheit gebe. Heilungen geschähen auf geistigem Weg und seien nicht an Grönings materiellen Körper gebunden.

Kern der Ausführungen Grönings und der Praxis des Freundeskreises bildet ein „Heilstrom“, der vom „Herrgott“ ausgehe und durch Gröning hindurch Kranke heilen könne. Um den „Heilstrom“ aufzunehmen, sitzt der Hilfesuchende in einer sogenannten „Kutscherhaltung“ mit nach oben geöffneten Händen in den Versammlungen vor einem Foto Grönings. Arme und Beine sollen dabei nicht verschränkt sein, um das Fließen des Heilstroms nicht zu unterbinden. Nach Darstellung des BGF stößt der Heilstrom, wenn er durch den Körper fließt, auf kranke Organe, die er zu reinigen beginnt. Wenn dabei Schmerzen auftreten, sei dies ein Anzeichen für die Reinigung des Körpers und als Erstverschlimmerung ein Zeichen für die Wirksamkeit.

In den Versammlungen findet man viele, mitunter schwer physisch und psychisch kranke Menschen, die oft ihre letzte Hoffnung auf eine Wunderheilung setzen.

Obwohl seitens des Freundeskreises immer wieder betont wird, dass nicht Gröning heile, sondern Gott durch ihn seinen Heilstrahl schicke, wird Gröning selbst zum Glaubensgegenstand. Sein Bild steht in jeder Versammlung, er ist Mittelpunkt, und in diversen Textstellen der Literatur und des Liedgutes des Freundeskreises wird seine exklusive Stellung besungen und beschrieben.

Fest zum Ritual jeder Versammlung gehören sogenannte „Heilungszeugnisse“, in denen die Anhänger*innen von erfolgten Heilungen berichten.

Einschätzungen

Der Freundeskreis wehrt sich vehement gegen den Vorwurf, er mache Heilungsversprechungen. Aber was ist es sonst, wenn großflächig mit dem Bild von Bruno Gröning und dem Slogan „Es gibt kein unheilbar!“ zum Empfang des Heilstrahles eingeladen wird? Oftmals werden schwer kranken Menschen faktisch übersteigerte Hoffnungen auf Genesung gemacht. Menschen, die Veranstaltungen des Freundeskreises besuchten, berichten von einer Art „Heilungsdruck“, ausgelöst durch die übersteigerte Rhetorik und die implizite Aufforderung, öffentlich von Heilungen zu berichten.

Mit dem christlichen Menschenbild und Glauben sind die Heilungsvorstellungen und die Überhöhung der Person Grönings zum Vermittler von Heilung nicht zu vereinbaren. Aus evangelischer Sicht gehören Krankheiten und Einschränkungen zur Geschöpflichkeit des Menschen dazu und machen ihn nicht weniger wertvoll oder defizitär in Gottes Angesicht.

Handlungsempfehlungen

Immer wieder kommt es vor, dass örtliche Bruno-Gröning-Freundeskreisgruppen kirchliche Räumlichkeiten für ihre Veranstaltungen mieten oder nutzen wollen. Diesen Anfragen kann nicht entsprochen werden. Auch versuchen Einzelpersonen, Räume für „medizinische oder ärztliche Vorträge“ anzumieten. Erst später stellt sich heraus, dass es sich um eine Veranstaltung des BGF handelt. Hier ist also besondere Aufmerksamkeit gefordert. Kirchenmitglieder, die solche Veranstaltungen besuchen, sollten dazu ermuntert werden, sich umfassend und kritisch über die Hintergründe zu informieren.

Bei großen Werbe- und Verteilaktionen des Freundeskreises in den Gemeindebezirken sind gute Erfahrungen mit der öffentlichen Kooperation von Kirchen, Gesundheitsämtern, der Polizei und der Presse gemacht worden. Hier kann dann gemeinsam öffentlich und professionell aufgeklärt werden.

Weitere Informationen

Matthias Pöhlmann / Christine Jahn (Hg.): Handbuch Weltanschauungen, Religiöse Gemeinschaften, Freikirchen, Gütersloh 2015, 446-454.

http://www.relinfo.ch/lexikon/theosophie-und-esoterik/esoterik/freundeskreis-bruno-groening.

Wahrnehmungen

Fast jeder ist ihnen schon begegnet: jungen, gut gekleideten Missionar*innen, die Menschen in der Stadt ansprechen und zu einem Glaubensgespräch einladen. Die Mormonen sind missionarisch sehr aktiv: Junge Missionare leisten in der Regel 24 Monate, Missionarinnen 18 Monate Auslandseinsatz.

Inhalte

Die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (KJCDHLT) ist der wichtigste und einflussreichste Zweig einer Gruppe von Religionsgemeinschaften, die auf den US-amerikanischen Farmersohn Joseph Smith (1805 – 1844) zurückgehen. Smith will in den Besitz von Texten gekommen sein, die er 1830 erstmals unter dem Titel „The Book of Mormon“ herausgegeben hat. Zuvor hatte ihn die Frage umgetrieben, welche die wahre christliche Kirche angesichts der Vielzahl von Denominationen sei. Es sollen ihm Erscheinungen von Gott-Vater und Gott-Sohn sowie Visionen zuteil geworden sein. Er erhielt den Auftrag, sich keiner bestehenden Religion anzuschließen, da sie alle „im Unrecht seien“.

Ab dieser Zeit sammelte Smith seine schon bald zahlreichen Anhänger*innen um sich. 1830 wurde in Fayette (New York) die Kirche Jesu Christi gegründet. Bald traten die ersten Konflikte in der Frage auf, ob man sich in Glaubens- und Lebensfragen allein auf das Buch Mormon zu konzentrieren habe oder ob neue Offenbarungen die Lehre fortlaufend weiterentwickeln. Dieser Grundkonflikt ließ immer wieder Abspaltungen entstehen. Seit 1847 befindet sich das Zentrum der Mormonen in Salt Lake City im US-Bundesstaat Utah. Dorthin hatte Brigham Young einen großen Teil der vormaligen Anhänger*innen Smiths geführt. Hier befindet sich auch der Haupttempel. Schnell konnte sich die Religionsgemeinschaft dort etablieren. Ihre Mitgliederzahl wuchs stark an. 1843 wurde in Darmstadt die erste deutsche Gemeinde gegründet.

Neben der Bibel (sofern sie nach mormonischem Verständnis richtig übersetzt ist) gilt das Buch Mormon als weitere zentrale Offenbarungsquelle für die eigene Glaubenspraxis. Darin wird die amerikanische Heilsgeschichte in die biblische überführt und fortgeschrieben. Zentral ist für die Mormonen die Vorstellung von der „Wiederherstellung“: Demnach habe Gott nach einer dunklen Phase der Christentumsgeschichte das vollmächtige Amt und die wahre Kirche wiedereingesetzt. Daraus erklärt sich das exklusive mormonische Selbstverständnis als wahre Kirche der Endzeit im Angesicht der nahenden Wiederkunft Christi. Damit verbindet sich die Vorstellung der Wiederherstellung der Priestertumsvollmacht: So soll 1829 Joseph Smith und seinem Begleiter ein auferstandenes Wesen begegnet sein, das sich als Johannes der Täufer zu erkennen gegeben habe. Dieser habe den beiden das sog. Aaronische Priestertum übertragen. Nach mormonischer Vorstellung verleiht es die Vollmacht, die Taufe und heilige Handlungen zu vollziehen. Später sollen Smith und seinem Begleiter auch drei der ersten Apostel (Petrus, Jakobus und Johannes) erschienen sein, die ihnen die Vollmacht des Apostel- und Melchisedekischen Priestertums übertragen hätten. Seither wird es „treuen“ männlichen Mitgliedern ab dem 18. Lebensjahr durch Handauflegen übertragen. Damit ist die Ausübung eines priesterlichen Amtes verbunden: Seine Träger leiten die KJCDHLT, vollziehen „heilige Handlungen“ wie die Namensgebung und Kindessegnung, den Krankensegen und die Spendung des Heiligen Geistes an neu getaufte Mitglieder.

Die Kirche geht in ihrem eher gnostisch geprägten Menschenbild vom sog. Präexistentianismus aus, wonach der Mensch vor seinem irdischen Dasein als Geistwesen existiert habe. Durch die Inkarnation des Geistwesens in einen materiellen Körper sei ihm der Schulungs- und Erlösungsweg prinzipiell möglich. Damit verbunden ist die Vorstellung, wonach der Mensch eine gewaltige Entwicklung durchlaufen und nach seinem Tod selbst Gott werden könne. Hierfür sind bestimmte Rituale notwendig, die nur in einem der vielen Tempel als „Tor zum Himmel“ vollzogen werden können. In Deutschland befinden sich Mormonen-Tempel in Friedrichsdorf (Hessen) und Freiberg (Sachsen).

Zu den Ritualen gehören die sog. Versiegelung und eine spezielle Taufe. Da diese (heilsnotwendige) Taufe auch für bereits verstorbene Personen quasi nachträglich möglich ist, kennt die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage auch die stellvertretende Taufe, die sog. Toten- oder Vikariatstaufe. Deshalb betreibt sie intensive Ahnenforschung, um Verstorbene nachträglich zu taufen, damit diese die höchste Stufe der Seligkeit erlangen können. Aus diesem Grund fragen Mitglieder dieser Kirche auch immer wieder bei Kirchengemeinden nach, ob sie Einsicht in Kirchenbücher nehmen dürfen. In ihrer Praxis gibt es weitere rituelle Handlungen, die im Tempel vollzogen werden und die für Nichtmormonen nicht zugänglich sind. Dazu zählen das „Endowment“, eine Art Initiationsritus mit Belehrungen, die Ehe-Siegelung von Ehepaaren bzw. Familiensiegelung für Kinder für alle Zeit und Ewigkeit. In Deutschland gibt es knapp 40 000 Mitglieder in 152 Gemeinden. Weltweit sind es 16,3 Millionen, wovon 6,69 Millionen in den USA leben.

Einschätzungen

Die Christlichkeit der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage wird von den christlichen Kirchen infrage gestellt. Aus evangelischer Sicht stellt sie eine synkretistische Neureligion dar. Dafür sprechen die neuen Offenbarungen, das dort vertretene Gottes- und Menschenbild und nicht zuletzt das exklusive Heilsverständnis dieser Gemeinschaft.

Handlungsempfehlungen

Die Taufe der KJCDHLT wird von der evangelischen und der katholischen Kirche nicht anerkannt. Mitglieder dieser Neureligion, die in die evangelische Kirche übertreten möchten, sind daher zu taufen. Die Teilnahme am evangelischen Abendmahl ist für Mitglieder dieser Religionsgemeinschaft nicht möglich. Wegen des exklusiven Heilsverständnisses der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage ist eine Überlassung kirchlicher Räume ausgeschlossen. Ebenfalls sollten ihr keine Kirchenbücher, sofern diese rein kirchlichen Zwecken dienen, zur Digitalisierung oder zur Anfertigung von Kopien überlassen werden.

Weitere Informationen

Kai Funkschmidt / Claudia Ulrich (Hg.): Menschen, Götter, Welten. Zum Gottesverständnis der Mormonen, EZW-Texte 246, Berlin 2016.

Matthias Pöhlmann / Christine Jahn (Hg.): Handbuch Weltanschauungen, Religiöse Gemeinschaften, Freikirchen, Gütersloh 2015, 461-481.

Wahrnehmungen

Bekannt ist das Universelle Leben (UL) besonders durch Aktivitäten in seinem Umfeld: Hierzu zählen Initiativen zur Abschaffung der Jagd und zum Tierschutz, die Marktstände und Läden des Lebe-Gesund-Versandes mit veganen Bioprodukten, Tourismus-Angebote in „Sophia-Spessart-Häusern“ oder der Pflegedienst „Helfende Hände – soziale Dienste e. V.“ sowie die Naturklinik Michelrieth. Das TV-Programm „Die neue Zeit“ wird über Satellit bzw. über Kabelfernsehen verbreitet. In Esselbach besteht die „Privatschule ‚LERN MIT MIR im Universellen Leben‘“. Anhänger*innen des UL bezeichnen sich als „Urchristen“. Einzelne davon fallen immer wieder durch antikirchliche Polemik auf.

Inhalte

Das UL ist eine 1977, zunächst unter der Bezeichnung Heimholungswerk Jesu Christi, in Unterfranken entstandene Neureligion mit einem kaum durchschaubaren Geflecht an wirtschaftlichen Initiativen und Betrieben. Gründerin und Zentrum des UL ist Gabriele Wittek (Jg. 1933), die von Anhänger*innen des UL als „Lehrprophetin der Jetztzeit“ und „Inkarnation der göttlichen Weisheit“ betrachtet wird. Zunächst hatte sie infolge eines persönlichen Schicksalsschlages (ihre Mutter war gestorben) Kontakt zu einem spiritistischen Zirkel. Am 6. Januar 1975 soll sie das sog. innere Wort in sich vernommen haben. Der Geistlehrer Emanuel soll seither durch sie sprechen, aber auch ein Lehrengel Liobani, Jesus Christus und Gott-Vater. In der Folgezeit sammelten sich einzelne Hörer der Botschaften in Nürnberg und Würzburg. So entstanden die ersten „Christuszellen“, die sich ab 1977 zum Heimholungswerk Jesu Christi formierten. Die neuen Offenbarungen werden durch eine Vielzahl von Broschüren verbreitet. Zuletzt wurden Offenbarungen Witteks von März 2018 und Februar 2019 verbreitet. Bezeichnete sie sich anfangs als „Lehrprophetin der Jetztzeit“, so ist neuerdings von ihr als „Inkarnation der Weisheit“ die Rede.

1984 erfolgte die Umbenennung in Universelles Leben, gleichzeitig setzte eine massive Expansion im wirtschaftlichen Bereich ein. Der Schwerpunkt lag im Raum Würzburg/Marktheidenfeld. Dabei gründeten die Urchristen sog. Christus-Betriebe, die Güter Neu-Jerusalem für Agrar- und Naturprodukte. 1986 entstand eine Naturheilklinik, Jahre später sogar ein Einkaufszentrum. Hinzu kamen zahlreiche multimediale Aktivitäten mit Zeitschriften oder TV-Kanälen über Satellit wie „Sophia TV“ oder „Die neue Zeit“. Auch der pädagogische Bereich spielt im UL eine große Rolle: 1991 wurde die Christusschule ins Leben gerufen, die seit 2006 auch eine staatlich anerkannte Grund- und Hauptschule ist. Hinzu kommen weitere Aktivitäten wie eine Sozialstation und Betreuung von Senioren in Alten- und Pflegeheimen.

Das UL versteht sich als „innere Religion“, als weltweite Religion. Unumschränkte Autorität und das Zentrum ist die Lehrprophetin Gabriele Wittek. Die Bibel gilt aus Sicht des UL als verfälscht. Die neuen Offenbarungen seien notwendig, um das Wort zu ergänzen, zu berichtigen und zu vertiefen. Die Bibel des UL trägt den Titel „Das ist Mein Wort. A und Ω. Das Evangelium Jesu. Die Christus-Offenbarung, welche inzwischen die wahren Christen in aller Welt kennen“. Weitere Grundschriften sind „Die großen kosmischen Lehren des Jesus von Nazareth“ und das dreibändige Werk „Die Botschaft aus dem All“. Eine zentrale Rolle spielt im UL der Karma- und Reinkarnationsgedanke, der als urchristliche Lehre verstanden wird. Damit soll das Schicksal des Einzelnen und ganzer Völker verständlich und erklärbar sein. Auch endzeitliche Vorstellungen prägen das Glaubenssystem des UL, das dem Friedensreich entgegenfiebert, womit auch die Wiederkunft Christi im Geiste erwartet wird. Das UL spricht derzeit vom „Beginn des messianischen, sophianischen Zeitalters, des Zeitalters der Lilie“. Die Lilie soll für Reinheit, Liebe und göttliche Weisheit stehen.

Das Zentrum der Gemeinschaft befindet sich in Marktheidenfeld-Altfeld. Dort betreibt das UL ein Einkaufszentrum, die Sophia-Bibliothek und Übertragungsräume für die TV-Satellitenprogramme. Ende 2018 wurde dort mit dem „Zelt Gottes“ eine Art Sakralbau errichtet. Es führt die Bezeichnung „Das Zelt Gottes unter den Menschen für alle Völker dieser Erde – Die Bundeslade des freien Geistes“. Nach Schätzungen beläuft sich die eher rückläufige Zahl der Anhänger*innen- und Sympathisant*innen auf wenige tausend. Zum engeren Kreis des UL zählt die Bundgemeinde Neu-Jerusalem mit ca. 500 Anhänger*innen, die in der Nähe von Michelrieth in Wohngemeinschaften leben und in den sog. Christusbetrieben arbeiten. Genaue Mitgliederzahlen sind nicht bekannt.

Einschätzungen

Das UL ist eine konfliktträchtige Neureligion, die sich als urchristlich verstehen möchte, jedoch viele außerchristliche Vorstellungen (Karma, Reinkarnation) aufgenommen hat. Im Kern offenbart sich ein gnostisches System, das die sichtbare Welt als Produkt eines satanischen Falls betrachtet. Besonders das exklusive Heilskonzept und die überzogene Autorität der „Lehrprophetin“ sind kritisch zu beurteilen. Die unhinterfragbaren neuen Offenbarungen führen beim UL letztlich zu einem totalitären System mit einer hohen Konfliktträchtigkeit. Im Zentrum vieler Veröffentlichungen stehen Kirchenkritik und der Vorwurf, die Prophetin des UL und ihre Gemeinschaft würden von den Kirchen und ihren Weltanschauungsbeauftragten verfolgt.

Handlungsempfehlungen

Wo es geboten erscheint, ist über die Hintergründe und die aus kirchlicher Sicht mit dem christlichen Glauben unvereinbaren Glaubensauffassungen zu informieren. Besonders sollte im Zusammenhang von antikirchlichen Aktivitäten, Tierschutz- und vegetarisch-veganen Angeboten kritisch auf den weltanschaulichen Bezug zum UL hingewiesen werden. Raumanfragen von „Urchristen“ kommen infolge der starken Kirchenpolemik nicht vor. Schließt sich ein Kirchenmitglied der Gemeinschaft an, so ist im Gespräch mit ihm auf die unvereinbaren Glaubensüberzeugungen hinzuweisen und letztlich auf eine Klärung der Mitgliedschaft hinzuwirken.

Weitere Informationen

Matthias Pöhlmann (Hg.): Universelles Leben. Beiträge zu einer umstrittenen Neureligion, EZW-Texte 213, Berlin 2011.

Ders.: Die inkarnierte Sophia. Aktivitäten des Universellen Lebens im Übergang, in: Materialdienst der EZW 9/2018, 334-338.

Wahrnehmungen

Manchmal tauchen auf Schriftentischen in Kirchengemeinden Handzettel wie „Gott spricht wieder“ auf. Oder es finden sich dort Broschüren, die für die Botschaften neuer Prophet*innen werben. Über das Internet versuchen Neuoffenbarungsanhänger*innen das Schrifttum kostenlos zu verbreiten. Nimmt man die Schriften zur Hand, so fällt auf, dass Gott als direkter Sprecher erscheint, was im Text durch Großbuchstaben wie „ICH sage euch“ oder „Hört Mein Wort!“ kenntlich gemacht wird. Es kann vorkommen, dass ein Gemeindeglied im Bibelgesprächskreis direkt auf Schriften Jakob Lorbers oder Bertha Duddes Bezug nimmt. Das Auftauchen von solcherlei Belehrungen führt in vielen Fällen in Gemeinden zu Verunsicherung und Ratlosigkeit.

Inhalte

Mit der Bezeichnung „Neuoffenbarungsbewegungen“ wird ein Spektrum beschrieben, das Empfänger*innen (sog. Träger des Inneren Wortes), Sympathisant*innen, Leserkreise, kleinere Zirkel und lose Gemeinschaftsbildungen umfasst. Darüber hinaus gibt es Einzelgänger, die für neue Offenbarungen werbend in Erscheinung treten. Die Anhänger*innen bezeichnen sich untereinander als „Geistgeschwister“. Als neue Offenbarungen lassen sich Kundgaben bezeichnen, die von Einzelpersonen auf außergewöhnlichem Wege (Audition, Trance) empfangen werden und die Bibel ergänzen wollen. Das Schrifttum des österreichischen Musikers Jakob Lorber (1800 – 1864), der sich auf das sog. Innere Wort beruft, kann man als Neuoffenbarung bezeichnen. Er gilt als Begründer einer Tradition, in deren Gefolge sich die angeblichen Christusmitteilungen durch das sog. Innere Wort häuften und die bis heute anhält. Sein einschneidendes Erlebnis hatte der Musiker Lorber im Jahr 1840 inmitten seiner Umzugsvorbereitungen in Graz. Er selbst sah sich als „Knecht“ des Herrn, der über zwei Jahrzehnte bis zu seinem Tod ein umfangreiches Werk von 20 000 Druckseiten durch inneres Diktat niederschrieb. Seine Anhänger*innen bezeichneten ihn daher rückblickend als „Schreibknecht Gottes“. Lorber betrachtete die Niederschriften als vom „HERRN“ stammend, als „neues Wort“.

Die Bezeichnung „Neuoffenbarung“ stammt indes von seinem Anhänger, dem Heilbronner evangelischen Pfarrer Hermann Luger, der den für die Folgezeit prägenden Begriff erstmals 1923 verwendete. Lorbers „Neuoffenbarung“ umfasst Werke über die geistige Schöpfung, das Jenseits und Enthüllungen über das geheimnisvolle Naturleben auf der Erde, auf Mond und Saturn. Darüber hinaus spielen auch neuoffenbarte, angeblich urbiblische Schriften wie der verloren gegangene Laodizenerbrief sowie „Das Große Evangelium Johannes“ (zehnbändig) eine wichtige Rolle. Lorbers Werk blieb unvollendet. Um seine Schriften schart sich bis heute ein nur lose organisierter Freundeskreis. Die Lorber-Gesellschaft mit Sitz in Hausham/Oberbayern sorgt für die Verbreitung des umfangreichen Schrifttums, das der Lorber Verlag in Bietigheim-Bissingen druckt. Es besteht ein großer Leserkreis, worunter sich einige wenige in sog. Lorber-Kreisen zusammengeschlossen haben, um die „Neuoffenbarung“ zu studieren und zu diskutieren. Herkömmlich verbleiben Neuoffenbarungsanhänger*innen in ihren jeweiligen Kirchen, auch wenn sie innerlich zu ihnen auf Distanz gehen, weil sie das „neue Wort“ nicht anerkennen.

Viele der Neuoffenbarungen sind umfangreich. Am bekanntesten sind die Schriften Jakob Lorbers, die andere Neuoffenbarer inspiriert haben. Lorber, der auch als „Schreibknecht Gottes“ bezeichnet wird, beschreibt ausführlich die geistige, d. h. nichtmaterielle Urschöpfung, die sich infolge des Luzifersturzes grobstofflich verdichtete. Ziel ist die geistige Wiedergeburt des Menschen, der schrittweise über lichtere Sphären in das himmlische Vaterhaus zurückkehrt. Der Jesus der Neuoffenbarung tritt in den Schriften überwiegend als Lehrer und weniger als Erlöser in Erscheinung. In Neuoffenbarungsschriften spielen ausführliche Jenseitsschilderungen eine zentrale Rolle. Den Sakramenten wird nur wenig Bedeutung beigemessen. Empfänger von neuen Offenbarungen vertreten die Willensfreiheit des Menschen und eine Allversöhnungslehre.

Frühe Anhänger*innen des Werkes Jakob Lorbers setzten die Innere-Wort-Tradition fort und schrieben ihrerseits angeblich göttliche Diktate nieder (Leopold Engel, Gottfried Mayerhofer, Georg Riehle, Johanna Ladner, Bertha Dudde u. a.). Während die Genannten Einzelgänger blieben, entstand mit dem vom Lorber-Leser Harald Stößel gegründeten Lichtkreis Christi (Übersee) eine festere Organisationsstruktur. Einzelne Inneres-Wort-Träger*innen verbreiten heute ihre umfangreichen Kundgaben im Internet. Angeblich vernehmen die Empfänger das reine, unverfälschte Wort Gottes. Christus sei im Wort wiedergekommen. Besonders aktiv ist der 1976 gegründete und in Nürnberg ansässige Liebe-Licht-Kreis Jesu Christi um die Neuoffenbarerin Renate Triebfürst. Die private Stiftung Unicon hat sich zur Aufgabe gemacht, „Jenseitskundgaben“ zu verbreiten und thematisch zu ordnen. Die Zahl von Neuoffenbarungsanhänger*innen ist nicht bekannt. Der Einfluss von neuen Offenbarungen reicht oft über den engeren Kreis der Anhänger*innen hinaus.

Einschätzungen

Neuoffenbarungen reagieren auf Umbrüche und fragil gewordene Glaubensaussagen angesichts neuer naturwissenschaftlicher Erkenntnisse. Anhänger*innen möchten mit Neuoffenbarungen über die Bibel hinaus Gottes aktuelles Wort verkünden. Es zeigen sich jedoch Widersprüche zum biblischen Zeugnis. Unübersehbar sind gnostisierende Tendenzen, die zu einer Abwertung der sichtbaren (materiellen) gegenüber der geistigen Welt führen. Die Rolle Jesu wird auf die eines Übermittlers höherer Erkenntnisse reduziert. Kreuz und Auferstehung werden in ihrer Tiefe nicht erfasst.

Handlungsempfehlungen

Das Spektrum von Neuoffenbarungsanhänger*innen ist breit: Es gibt Sympathisant*innen sowie solche, die sich in Leserkreisen engagieren. Meist geschieht dies in einem privaten Umfeld. Wird bekannt, dass ein Gemeindeglied Anhänger*in von Neuoffenbarungen ist, so sollte zunächst ein seelsorgerliches und klärendes Gespräch gesucht werden. Im Fall aktiven missionarischen Auftretens von Neuoffenbarungsanhänger*innen sollte darauf hingewirkt werden, dass öffentliche Verteil- und persönliche Werbeaktionen innerhalb der Kirchengemeinde unterbleiben.

Weitere Informationen

Matthias Pöhlmann (Hg): „Ich habe euch noch viel zu sagen …“ Neuoffenbarer – Propheten – Gottesboten, EZW-Texte 169, Berlin 2003.

Wahrnehmung

Unitarier treten auf lokaler Ebene v. a. durch Konzerte und Gottesdienstangebote sowie mit eigenen Internetseiten in Erscheinung. In Frankfurt/Main hat die Unitarische Freie Religionsgemeinde die Berechtigung, unitarischen Religionsunterricht zu erteilen. Insgesamt dürfte die Mitgliederzahl der deutschen Unitarier ca. 2000 Personen umfassen. 2017 und 2019 fand in Neu-Ulm und in Berlin ein Europäischer Unitariertag mit ca. 350 Teilnehmern statt.

Inhalte

Unitarier (von lat. unitas = Einheit), deren Ursprünge bis in die Reformationszeit – zu den sog. Antitrinitariern – zurückreichen, glauben an die unteilbare Einheit Gottes und lehnen die christliche Dreieinigkeitslehre und die Göttlichkeit Jesu Christi ab. Letztlich geht es ihnen um die Einheit von Gott, Welt und Mensch. Sie nannten sich Unitarier und stützten sich dabei auf die Überzeugung der Arianer, die die göttliche Trinität leugneten, sowie auf den Humanismus des Erasmus und Michael Servets. Letzterer wurde 1557 in Genf wegen der Leugnung der Trinität auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Als eigentliche religiöse Bewegung ist der Unitarismus im 18. Jahrhundert in Neuengland entstanden. Mit Beginn des 20. Jahrhunderts hat er seine Bindung an das Christentum weitgehend aufgegeben und orientiert sich an einem allgemeinen Humanismus. Seither haben sich weltweit verschiedene unitarische Glaubensgemeinschaften herausgebildet. Ihre Anhänger*innen finden sich in Rumänien (Siebenbürgen), Ungarn, den Niederlanden, Großbritannien, Deutschland und Nordamerika. Unitarier kennen keine heiligen Schriften. Sie wollen keinen Glaubenszwang ausüben und haben keine verbindlichen Glaubenssätze formuliert.

Von den christlichen Kirchen grenzen sie sich mit unterschiedlichen Begründungen ab: Die sog. theistischen Unitarier kennen einen Gott, lehnen aber die biblisch-christlichen Vorstellungen von Gott in den Erscheinungsformen Gott-Vater, Sohn und Heiliger Geist ab. Die sog. humanistischen Unitarier weisen darüber hinaus die Vorstellung eines göttlichen bzw. überweltlichen Wesens zurück. Dies gilt in besonderer Weise für die Unitarier in Deutschland. Diese stehen in einer gewissen Nähe zu freidenkerischen Positionen, was man auch daran sieht, dass die deutschen Unitarier Mitglied im Dachverband Freier Weltanschauungsgemeinschaften sind. Die deutschen Unitarier legen Wert auf die Feststellung, dass sie sich „nach Inhalt und Form grundsätzlich von den überkommenen Kirchen unterscheiden“. Die Unitarier treffen keine Aussagen über das Jenseits, haben keine priesterlichen Ämter, kennen keine kultischen Handlungen und folglich auch keine Sakramente. Die deutschen Unitarier betrachten sich als „religiöse Nichtchristen“. Damit unterscheiden sie sich von einem Teil der weltweiten Unitarier, die sich selbst mitunter als „christlich“ verstehen. In Deutschland bestehen die Unitarische Kirche in Berlin (gegründet 1948) sowie regionale Gruppen der European Unitarian Universalists in Frankfurt/Main und Kaiserslautern. Weitere Gemeinschaften:

  • Die Unitarische Freie Religionsgemeinde (Frankfurt/Main) wurde 1845 unter dem Namen Deutsch-Katholische Gemeinde gegründet. 19 Jahre später nannte sie sich zusätzlich freie religiöse oder freireligiöse Gemeinde, ab 1921 Freireligiöse Gemeinde, seit 1948 Unitarische Freie Religionsgemeinde. Seit 1859 ist sie eine Körperschaft des öffentlichen Rechts (1984 Bestätigung durch das hessische Kultusministerium). Eigenen Angaben zufolge möchte die Gemeinschaft ohne jegliche konfessionelle Bindung Religion und Weltanschauung pflegen und versteht sich als nichtdogmatisch. Deshalb bindet die Gemeinschaft sich nicht an die Bibel oder Bekenntnisse. Aufgenommen werden nur Religionsmündige, die keiner anderen Religionsgemeinschaft angehören. Das Gemeindeleben wird bestimmt durch sonntägliche Ansprachen, Feiern wie Taufe, Konfirmation, Trauung und Trauerfeiern sowie Seminare, Vorträge, Kulturveranstaltungen, Gesprächs- und Kunstkreise, Gemeindefahrten und gesellige Zusammenkünfte.
  • Die Unitarier – Religionsgemeinschaft freien Glaubens (vormals: Deutsche Unitarier Religionsgemeinschaft) hat rund 500 Mitglieder. Sie ist Mitglied im Dachverband Freier Weltanschauungsgemeinschaften und steht damit in der Nähe von freidenkerischen Positionen. Die Zeitschrift heißt „Unitarische Blätter für ganzheitliche Religion und Kultur“ und erscheint 2019 im 70. Jahrgang. Folgende Gruppen und Institutionen sind mit dieser Glaubensgemeinschaft verbunden: Bund deutsch-unitarischer Jugend (BDUJ), Jugend- und Bildungsstätte Klingberg (JBK), Hilfswerk der Unitarier (Gesamtverband), Hilfswerk, Regionalgruppe Kiel, Unitarische Akademie, Stiftung Unitates sowie Landesgemeinde Hamburg.
  • Beim Bund Deutscher Unitarier – Religionsgemeinschaft europäischen Geistes (BDU) handelt es sich um einen pantheistisch und völkisch ausgerichteten Unitarismus, der aus der Deutschen Glaubensbewegung hervorgegangen ist. Mit dem ursprünglichen Unitarismus hat er nichts mehr gemein. Die weltanschaulich-religiöse Gemeinschaft zeigt eine Nähe zu rechtem Denken und ist maßgeblich von der Vordenkerin der Neuen Rechten, Sigrid Hunke (1913 – 1999), geprägt. Der BDU hat nach Schätzungen 100 Mitglieder.

Einschätzungen

Der Unitarismus ist geprägt von einem pantheistischen Denken, womit er sich vom biblisch-christlichen Zeugnis entfernt hat. Die deutschen Unitarier grenzen sich von den christlichen Glaubensauffassungen der Kirchen bewusst ab. Die prinzipielle Unterscheidung zwischen Schöpfer und Geschöpf ist dort hinfällig, die Trinitätslehre und die Zwei-Naturlehre Jesu Christi (wahrer Mensch und wahrer Gott) werden geleugnet. Die Hoffnung auf die Auferstehung wird von Unitariern nicht geteilt.

Handlungsempfehlungen

Aufgrund der von den christlichen Kirchen abweichenden Glaubensauffassungen bestehen zu den Unitariern keine ökumenischen Kontakte. Von daher können kirchliche Räume nicht zur Verfügung gestellt werden. Wo es örtlich geboten erscheint, ist in der Bildungsarbeit oder kirchlichen Publizistik auf die Hintergründe und abweichenden Glaubensvorstellungen der Unitarier hinzuweisen, insbesondere weil sie weitgehend unbekannt sind.

Weitere Informationen

Julia Brandt u. a. (Hg.): Radikale Reformation. Die Unitarier in Siebenbürgen (= Studia Transylvanica, Band 44), Wien 2013.

Matthias Pöhlmann / Christine Jahn: Handbuch Weltanschauungen, Religiöse Gemeinschaften, Freikirchen, Gütersloh 2015, 399-405.