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Neue christliche Bewegungen

Neue christliche Bewegungen

In den Groß- und Freikirchen – häufiger noch neben ihnen – haben sich in den vergangenen Jahrzehnten christliche Frömmigkeitsformen entwickelt, die sich unter den Begriffen „evangelikal“ und „pfingstlich-charismatisch“ zusammenfassen lassen. Ihre Schattenseiten werden u. a. mit der wertenden Begrifflichkeit „christlich-fundamentalistisch“ beschrieben. Mit „evangelikal“ wird eine Glaubenshaltung bezeichnet, die durch Entschiedenheit charakterisiert ist und die verpflichtende Bindung an die Bibel als inspiriertes Wort Gottes hervorhebt. Pfingstler und Charismatiker unterstützen diese Anliegen und sind insofern ebenso evangelikal orientiert. Darüber hinaus praktizieren sie eine auf den Heiligen Geist und die Gaben des Geistes (v. a. Zungenrede/Glossolalie/Sprachengebet, Prophetie, Heilung) bezogene Frömmigkeit.

In neuen christlichen Bewegungen geschieht das christliche Leben oft in konfessionsübergreifenden Gemeinschaftsbildungen, die sich durch ein hohes Maß an Verbindlichkeit und missionarischem Engagement auszeichnen. Hierzu gehören u. a.:

  • Erneuerungsgruppen in den beiden großen Kirchen und den klassischen Freikirchen,
  • neue unabhängige Gemeindegründungen, die keiner bestimmten christlichen Konfession zuzuordnen sind,
  • christliche Migrationsgemeinschaften,
  • unabhängige Missionswerke.

Missionsaktivitäten pfingstlich-charismatischer und evangelikaler Bewegungen tragen zur fortschreitenden innerchristlichen Pluralisierung bei. Diese konkretisiert sich in zahlreichen neuen Gruppenbildungen, die innerhalb der Kirchen mit teilweise weit ausstrahlender Wirkung entstehen wie etwa das Gebetshaus in Augsburg im Bereich der römisch-katholischen Kirche, die sich als protestantisch-freikirchlich und zugleich unabhängig verstehende International Christian Fellowship (ICF) mit großen Gemeinden u. a. in Zürich, Basel, Karlsruhe, München und Berlin oder die aus Australien kommende Hillsong-Bewegung in Konstanz, Düsseldorf und Berlin.

In den evangelischen Landeskirchen und der römisch-katholischen Kirche werden evangelikale und pfingstlich-charismatische Erneuerungsgruppen teils als Hoffnungszeichen, teils als Störung und Provokation empfunden. Für ein christliches Selbstverständnis, das sich eng mit der säkularen Kultur verbunden hat, sind evangelikale und pfingstlich-charismatische Gemeinden und Gruppen ein Thema, das als Infragestellung eines modernen, aufgeklärten Christentums empfunden wird. Bei allen notwendigen Differenzierungen, die zwischen Pfingstlern, Charismatikern, Evangelikalen und christlichen Bibel-Fundamentalisten gemacht werden müssen, verbindet sie die Haltung des Protestes gegen ein geheimnisleeres säkulares Wirklichkeitsverständnis und die Kritik am Weltverständnis der Aufklärung.

Die wirkungsvolle Ausbreitung erwecklicher Frömmigkeit resultiert nicht nur aus der beanspruchten Wiedergewinnung urchristlicher Glaubenserfahrung. Die Resonanz dieser Frömmigkeitsform wird durch verschiedene Rahmenbedingungen begünstigt wie das Schwinden der Selbstverständlichkeit und kulturellen Abstützung christlicher Glaubenspraxis und den antiinstitutionellen Affekten junger Menschen.

Wo christliche Religion in intensiven Ausdrucksformen gelebt wird, ruft sie Bewunderung und Zustimmung, aber auch Distanz und Ablehnung hervor. Wo christlicher Glaube eine deutliche Gestalt gewinnt und mit großem persönlichem Einsatz gelebt wird, treten auch Gefährdungen und Schattenseiten zutage:

  • Religiöse Hingabebereitschaft kann ausgenutzt und missbraucht werden.
  • Die Orientierung an charismatischen Führerpersönlichkeiten kann das Erwachsenwerden im Glauben verhindern.
  • Die Berufung auf Gottes Geist kann funktionalisiert werden für ein problematisches Macht- und Dominanzstreben.
  • Das gesteigerte Sendungsbewusstsein einer Gruppe kann umschlagen in ein elitäres Selbstverständnis, das sich scharf nach außen abgrenzt, im Wesentlichen von Feindbildern lebt und Gottes Geist nur in den eigenen Reihen wirken sieht.

Die Ausbreitung evangelikaler und pfingstlich-charismatischer Bewegungen wird von diesen Schatten begleitet. Kritische Auseinandersetzungen mit erwecklichen Frömmigkeitsformen können an Kontroversen anknüpfen, die innerhalb dieser Bewegungen selbst sichtbar werden, wie z. B. die Diskussion über geistlichen Missbrauch. Kritik an intensiven Formen christlicher Frömmigkeit ist insbesondere dann berechtigt und nötig, wenn übertriebene Heilungsversprechen dazu führen, dass die Gebrochenheit christlichen Lebens nicht ernst genommen wird, oder wenn das, was als erlebte „Bekehrung“ oder „Erfahrung des Heiligen Geistes“ bezeichnet wird, den Menschen nicht für andere öffnet, sondern ihn vereinnahmt und kommunikationsunfähig macht. Die Anwesenheit neuer Gruppen und Gemeinden zeigt, dass sich die christliche Landschaft in Wandlungsprozessen befindet. Konfessionelle Bindungen sind im Schwinden begriffen. Der Einfluss transkonfessioneller Bewegungen wächst. Die weltweite Erfolgsgeschichte evangelikaler und pfingstlich-charismatischer Bewegungen ist auch im europäischen Kontext erkennbar. Religiöse Pluralisierungsprozesse tragen dazu bei, dass Christsein aufgrund von Erfahrung und persönlicher Entscheidung stärker, während Christsein aufgrund von Tradition schwächer wird. Für die Ausbildung christlicher Identität hat die Mitgliedschaft in Gruppen und Bewegungen oft eine wichtigere Bedeutung als die Konfessionszugehörigkeit.

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Wahrnehmungen

Wenn von den Evangelikalen gesprochen wird, kann sehr Unterschiedliches damit gemeint sein: unabhängige freikirchliche Bewegungen, die Bekenntnisbewegung Kein anderes Evangelium, die Pfingstbewegung, die evangelistische Aktion ProChrist, die Willow-Creek-Bewegung, die Deutsche Evangelische Allianz (DEA), mit der sich ca. 1,3 Millionen Christ*innen aus den evangelischen Landeskirchen (ca. die Hälfte) und den Freikirchen verbunden wissen. In Teilen der Medienöffentlichkeit werden Evangelikale pauschal mit christlichen Fundamentalisten gleichgesetzt, die gegen Homosexualität, gegen Feminismus und Gender Mainstreaming, mithilfe exorzistischer Praktiken gegen Dämonen und den Teufel kämpfen. Eine solche Wahrnehmung trifft jedoch nur bestimmte Ausprägungen des Evangelikalismus und wird der Vielfalt der Bewegung nicht gerecht.

Inhalte

Evangelikale repräsentieren eine erweckliche Strömung innerhalb des Protestantismus, die transkonfessionell ausgerichtet ist und eine zunehmende Resonanz erfährt. Die Wurzeln der evangelikalen Bewegung liegen im Pietismus, im Methodismus und in der Erweckungsbewegung. Vorläufer hat sie in Bibel- und Missionsgesellschaften und in der 1846 in London gegründeten Evangelischen Allianz. Bereits die geschichtliche Herkunft belegt, dass innerhalb der Bewegung ein breites Spektrum an Ausprägungen der Frömmigkeit vorhanden ist. Auf der einen Seite steht die Heiligungsbewegung, aus der die Pfingstfrömmigkeit erwuchs, auf der anderen Seite steht ein sozial aktiver Typus evangelikaler Frömmigkeit, der Beziehungen zum „Social Gospel“ aufweist. In Deutschland konkretisiert sich der „Aufbruch der Evangelikalen“ in zahlreichen missionarischen Aktionen und publizistischen Aktivitäten (Glaubenskurse, Konferenzen, das Nachrichtenmagazin idea, das Christliche Medienmagazin pro, die mediale Präsenz von ERF Medien), die sich z. T. in Parallelstrukturen zu etablierten kirchlichen Angeboten vollziehen. Das Profil der evangelikalen Bewegung in Deutschland ist auch durch das Gegenüber zur pluralen Volkskirche bestimmt.

  • Für evangelikale Theologie und Frömmigkeit charakteristisch ist die Betonung der Notwendigkeit persönlicher Glaubenserfahrung in Buße, Bekehrung/Wiedergeburt und Heiligung.
  • In Absetzung von der Bibelkritik liberaler Theologie wird die Geltung der Heiligen Schrift als höchster Autorität in Glaubens- und Lebensfragen unterstrichen. Der theologischen Hochschätzung der Heiligen Schrift entspricht eine ausgeprägte Bibelfrömmigkeit.
  • Der zweite Glaubensartikel, das Heilswerk Gottes im Kreuz und in der Auferweckung Jesu Christi, steht im Mittelpunkt. Die Einzigartigkeit Jesu Christi wird pointiert hervorgehoben. Evangelikale Religionstheologie ist exklusivistisch geprägt.
  • Gebet und Zeugendienst stehen im Mittelpunkt der Frömmigkeitspraxis. Gemeinde bzw. Kirche werden vor allem vom Evangelisations- und Missionsauftrag her verstanden.
  • Die Ethik wird vor allem aus den Ordnungen Gottes und der Erwartung des Reiches Gottes entwickelt.

Kristallisationspunkt der Sammlung der Evangelikalen im deutschsprachigen Raum ist die Evangelische Allianz, die sich zunehmend in Richtung einer evangelikalen Allianz entwickelt hat. Zentrale Dokumente der Bewegung sind die Allianz-Basis (in Deutschland, Österreich und der Schweiz in unterschiedlichen Fassungen) und die Lausanner Verpflichtung von 1994, die durch das Manila-Manifest (1989) bekräftigt und 2010 (Lausanne III in Kapstadt/Südafrika) weitergeführt wurde. Vor allem mit der Lausanner Verpflichtung bekam die evangelikale Bewegung ein theologisches Konsensdokument, das zeigt, dass sie sich nicht allein aus einer antiökumenischen und antimodernistischen Perspektive bestimmen lässt, sondern Themen aufgreift, die auch in der ökumenischen Bewegung von Bedeutung sind: die Verbindung von Mission und sozialer Verantwortung, das Engagement der Laien, das Engagement für Menschenrechte. Im Unterschied zur ökumenischen Bewegung, in der Kirchen miteinander Gemeinschaft suchen und gestalten, steht hinter der evangelikalen Bewegung das Konzept einer evangelistisch-missionarisch orientierten Gesinnungsökumene, in der kirchliche Eigenheiten und etwa die unterschiedlichen Taufverständnisse und Taufpraktiken zurückgestellt werden und in der im missionarischen Zeugnis der entscheidende Ansatzpunkt gegenwärtiger ökumenischer Verpflichtung gesehen wird.

Einschätzungen

Die Stärke der evangelikalen Bewegung besteht darin, angesichts einer oft unverbindlichen Christlichkeit die Notwendigkeit persönlicher Entscheidung und Verpflichtung hervorzuheben, auf Gestaltwerdung des gemeinschaftlichen christlichen Lebens zu drängen, für den unmittelbaren Zugang jedes Christen zur Bibel Raum zu geben und den missionarischen Auftrag in den Mittelpunkt der Glaubenspraxis zu stellen. Ihre Schwäche liegt in ihrer oft einseitigen und zum Teil verengenden Erfahrungsorientierung (Wiedergeburt als konkret datierbares Erlebnis) mit strenger Unterscheidung zwischen Glaubenden und Nichtglaubenden und der Tendenz zur Konzentration auf die eigene Frömmigkeitsform, die die Vielfalt authentischer christlicher Lebens- und Frömmigkeitsformen zu wenig wahrnimmt.

Handlungsempfehlungen

Stellungnahmen zur evangelikalen Bewegung erfordern differenzierende Wahrnehmungen und Urteilsbildungen. Aufgrund der Vielgestaltigkeit der Bewegung kann es keine pauschalen Beurteilungen geben. Ein wichtiges Kriterium für die Beurteilung evangelikaler Gruppierungen ist ihre Offenheit für ökumenische Beziehungen.

Weitere Informationen

Frederik Elwert / Martin Rademacher / Jens Schlamelcher (Hg.): Handbuch Evangelikalismus, Bielefeld 2017.

Reinhard Hempelmann: Evangelikale Bewegungen. Beiträge zur Resonanz des konservativen Protestantismus, EZW-Texte 2016, Berlin 2009.

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Wahrnehmungen

In charismatischen Gottesdiensten sind die Texte und Melodien leicht nachvollziehbar. Länger andauernde Zeiten des Lobpreises und eine neue Musikkultur sind charakteristisch. Die Lieder werden oft stehend, mit erhobenen Händen gesungen. Eine Band unterstützt den Gesang. Neben der ausführlichen Predigt sind auch Gebete um Heilung und das Rechnen mit prophetischen Worten kennzeichnend. Die gottesdienstliche Versammlung ist durch Siegesgewissheit in der Auseinandersetzung mit den Mächten des Bösen bestimmt. Im charismatischen Gottesdienst ist die Sehnsucht wirksam, in urchristliche Verhältnisse zurückzukehren (vgl. dazu Apg 1 und 2 und 1. Kor 12-14).

Inhalte

In nahezu allen historischen Kirchen, ebenso in allen Freikirchen, sind seit den 1960er Jahren charismatische Erneuerungsgruppen entstanden. Sie greifen Anliegen der klassischen Pfingstbewegung auf, die sich seit Beginn des 20. Jahrhunderts wirkungsvoll global ausbreitete. Anders als die pfingstlerischen Bewegungen, die als „erste Welle des Heiligen Geistes“ bezeichnet wurde, will dieser „zweite Ansatz“ zu keinen neuen Kirchenspaltungen führen, sondern das Leben der Kirchen von innen erneuern. Im deutschsprachigen Bereich entstanden charismatische Erneuerungsgruppen in den evangelischen Landeskirchen (Geistliche Gemeindeerneuerung, GGE) und im Bereich der römisch-katholischen Kirche (Charismatische Erneuerung in der Katholischen Kirche), ebenso in den Freikirchen, u. a. im Methodismus und Baptismus. Neben der Ausbreitung charismatischer Frömmigkeit in den historischen Kirchen vollzog sie sich seit den 1970er Jahren auch in „konfessionsunabhängigen“ Gemeinden und Missionswerken, die theologisch nicht selten eine Nähe zur Pfingstbewegung aufweisen und sich als „überkonfessionell“ verstehen (u. a. Christliche Zentren in Frankfurt, München, Karlsruhe; Jesus Gemeinde Dresden; Gemeinde auf dem Weg, Berlin; Gospel Forum, Stuttgart; ebenso Werke bzw. Gruppierungen wie Jugend mit einer Mission und Christen im Beruf).

Religiöse Pluralisierungsprozesse haben auch das Erscheinungsbild der charismatischen Bewegung verändert. Freie charismatische Zentren und neue Gemeinden stehen heute im Vordergrund: u. a. die International Christian Fellowship (ICF) und die ursprünglich zur Pfingstbewegung (Assemblies of God) gehörende Hillsong Church. Die zahlenmäßige Verbreitung pfingstlich-charismatischer Bewegungen lässt sich nur schätzen, im deutschsprachigen Bereich gehören ihnen ca. 250 000 Personen an. Im Vergleich mit anderen Ländern bleiben die Zahlen im kontinentalen Europa eher begrenzt, obgleich in den letzten Jahrzehnten mehrere Hundert neue charismatische Zentren und Gemeinden entstanden sind.

Die zentralen Anliegen der charismatischen Bewegung kommen gleichermaßen in den innerkirchlichen Gruppenbildungen wie in den konfessionsunabhängigen Gemeinden und Werken zum Ausdruck. Sie lauten: Anbetung, Seelsorge, Evangelisation, Heilungsdienste, das Erfasst- und Erneuertwerden des ganzen Menschen wie auch der Gemeinde. Dabei wird eine auf den Heiligen Geist und die Charismen (v. a. Heilung, Prophetie, Zungenrede/Glossolalie) bezogene erfahrungsorientierte Frömmigkeit akzentuiert. Diakonische Dienste werden in enger Zuordnung zum Evangelisationsauftrag praktiziert.

Die Sozialformen, in denen sich die Bewegung konkretisiert, sind u. a. Haus- und Gebetskreise, Glaubenskurse und Einführungsseminare, Anbetungs-, Heilungs- und Segnungsgottesdienste, Kongresse. Die charismatische Bewegung zielt auf der individuellen Ebene auf die Erneuerung des Einzelnen durch die Bitte um das Kommen des Heiligen Geistes mit seinen Gaben, auf der gemeinschaftlichen Ebene vor allem auf die Erneuerung des Gottesdienstes, der nach dem Vorbild von 1. Kor 14,26 eine neue Gestalt finden soll. Zentrum und Kristallisationspunkt der individuellen wie der gottesdienstlichen Erfahrung ist das Getauft- bzw. Erfülltwerden mit dem Heiligen Geist mit enthusiastischen Manifestationen. Die angestrebte Geistestaufe bzw. Geisterfüllung wird vor allem als Bevollmächtigung zum christlichen Zeugnis verstanden. In einzelnen Ausprägungen pfingstlich-charismatischer Bewegungen verbindet sich der pfingstlich-charismatische Impuls mit der Kraft des Positiven Denkens (Positive Thinking). Bezeichnet werden diese Ausprägungen als Wort-des-Glaubens-Bewegung. Inhaltlich verbreiten sie ein Wohlstands- und Gesundheitsevangelium (Prosperity Gospel). Es ist die Überzeugung ihrer Repräsentanten, dass Realität durch die Vorstellungskraft des Geistes geschaffen wird und sich auch entsprechend verändern lässt. Überzogene Heilungsversprechen bauen dabei jedoch einen Erfolgsdruck auf, der die Gebrochenheit christlichen Lebens unterschätzt.

Einschätzungen

Die vielfältigen Ausdrucksformen charismatischer Frömmigkeit nötigen zu differenzierender Wahrnehmung und Beurteilung. In ihnen begegnen die vergessenen Themen der eigenen Glaubensorientierung. Zugleich sind sie ein ambivalentes Phänomen: Sie schaffen Verbindungen und Brücken zwischen Christ*innen verschiedener Konfessionen, verursachen aber auch Spannungen und Spaltungen. Das christliche Zeugnis, das von charismatischer Frömmigkeit ausgeht, ist anzuerkennen und zu würdigen. Zugleich sind kritische Auseinandersetzungen nötig. Die Schattenseiten der Pfingstfrömmigkeit – u. a. unrealistischer Heilungsoptimismus, Fixierung der Geisterfahrung auf außerordentliche Phänomene, Tendenz zum Dualismus – zeigen sich auch in der Glaubenspraxis der charismatischen Bewegungen.

Handlungsempfehlungen

Zwischen Erneuerungsgruppen in Kirchen und Freikirchen einerseits und Endzeitgemeinschaften oder Gruppen, die ein Wohlstands- und Gesundheitsevangelium verkündigen, andererseits bestehen grundlegende Differenzen, auch wenn es eine innere Nähe in den Ausdrucksformen der Frömmigkeit geben mag. Pauschale Orientierungen wird es für den Umgang mit enthusiastisch geprägten Gemeinschaftsbildungen nicht geben können. Die Geisterfahrung äußerte sich in der Geschichte des Christentums in verschiedener und mannigfaltiger Weise. Außergewöhnliche Ergriffenheitserfahrungen können im christlichen Leben vorkommen, sie sind jedoch für das christliche Leben nicht entscheidend. Auseinandersetzungen mit enthusiastischen Orientierungen müssen seelsorgerliche, hermeneutische, psychologische und ethische Aspekte berücksichtigen. Kritik an Fehlformen pfingstlerischer Bewegungen sollte in einer Form geschehen, die die gemeinsamen christlichen Orientierungen nicht außer Acht lässt.

Weitere Informationen

Marianne Brandl / Bernd Dürholt u. a. (Hg.): Weil wir gefragt werden, Arbeitshilfe zum neo-charismatischen Christentum und seinen Großveranstaltungen, Bayreuth 2017.

Reinhard Hempelmann: Sehnsucht nach Gewissheit – neue christliche Religiosität, in: ders. u. a. (Hg.): Panorama der neuen Religiosität. Sinnsuche und Heilsversprechen zu Beginn des 21. Jahrhunderts, Gütersloh 22005, 411-509.

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Wahrnehmungen

Zum christlichen Leben gehören an vielen Orten Gemeinden, die aus der globalen Migration entstanden sind. Einige pflegen die Traditionen ihrer Herkunftsländer und -kirchen oder sehen sich sogar als deren Missionsstützpunkte. Andere fühlen sich nur schwach mit den historischen Kirchen ihrer Konfession verbunden, die kulturelle Prägung bestimmt ihre konfessionelle Identität wesentlich mit. Eine dritte Gruppe versteht sich, oft geprägt durch die bereits hier geborene Generation, ausdrücklich als international und überkonfessionell. Einen Sonderfall stellen die Farsi sprechenden Christ*innen dar: Sie haben in der Regel in den Landeskirchen eine Heimat gefunden. Schließlich gehören auch noch die zahlenmäßig sehr großen russlanddeutschen Aussiedlergemeinden zu diesem Themenbereich.

Viele der Migrationsgemeinden sind klein und werden durch gemeinsame Erfahrungen und Lebenssituationen zusammengehalten.

Inhalte

Christlicher Glaube ist hier nicht wie in unserer Gesellschaft nur eine private Option, sondern zentraler Bestandteil persönlicher Identität, der besonders in der Situation des Exils zu einem wichtigen Identifikationsfaktor wird.

Die Spiritualität der Gemeinden ist durch Bibeltreue und überwiegend pfingstlich-charismatische Erfahrungen geprägt, die Gottesdienste sind emotional und stark auf Glaubenserfahrungen bezogen. Lautes, persönliches Gebet, Tanz, Ekstase und Heilungen bilden wichtige Bestandteile. Die Verkündigung ist von einem starken Dualismus durchzogen, die Gläubigen haben teil am Kampf Gottes gegen das Böse. Bibeltexte werden oft selektiv ausgewählt und unmittelbar und ohne Berücksichtigung des innerbiblischen Zusammenhangs in die Gegenwart übertragen.

Besonders (aber nicht nur) in Gemeinden afrikanischer und russlanddeutscher Herkunft treten die (fast immer männlichen) Pastoren mit einem hohen, geistlich begründeten Autoritätsanspruch auf. Viele deuten ihre Rolle wie auch die Auswanderung aus dem Heimatland weniger ökonomisch oder politisch als religiös und sehen sich zur Mission berufen. Unsere Landeskirchen, die sie oft als säkularisiert wahrnehmen, wollen sie zum wahren Christsein bekehren.

Einschätzungen

Interkulturelle Begegnungen halten uns einen Spiegel vor und fordern uns zu konstruktiven Verhältnisbestimmungen heraus. Die Lebendigkeit der Gottesdienste, die gelebte Frömmigkeit der Mitglieder, die Einbeziehung von Emotionen, die Fähigkeit, über den Glauben zu sprechen, und die Herzlichkeit können ohne Zweifel zu ökumenischen Bereicherungen der eigenen Gemeinde- und Kirchenpraxis werden und es trotz mancher Unterschiede erleichtern, gemeinsam christlich zu glauben und zu leben. Das Zusammenleben mit Migrationsgemeinden nötigt aber auch zu Klärungen.

Das missionarische Selbstbewusstsein mancher Migrationsgemeinden versperrt oft den Weg, den weltanschaulichen Pluralismus unserer Gesellschaft als Basis für ein friedliches Miteinander zu sehen und den dabei erreichten Stand des Dialogs der Religionen und Weltanschauungen zu würdigen. Vielen Gemeinden steht auch der Lernprozess, Teil des Leibes Christi zu sein, noch bevor. Die Kritik an scheinbar laschen und verweltlichten Landeskirchen übersieht die Errungenschaft, dort Nähe und Distanz zur Gemeinde selbst bestimmen zu können und mit Ambivalenzen zu leben.

Die Autorität vieler Pastoren entzieht sich oft einer strukturellen Kontrolle, vor allem im Blick auf ihre Ausbildung und Kompetenz, auf Lehre und Seelsorge. Emotionalität bis hin zu ekstatischen Phänomenen ist kein Ausweis besonderer Frömmigkeit, sondern bedarf einer theologischen Einordnung. Damit tut sich ein dualistisches Weltbild schwer. Zu fragen wäre hier, ob in diesen Gemeinden Menschen wirklich effektiv geheilt und befreit oder ob Heilungs- und Befreiungsprozesse gar verhindert werden. Entspricht diese Form der Befreiung, mit ihrer Zwischenwelt aus Dämonen und Ahnen, der Rechtfertigung des Sünders oder wird hier eine neue religiöse Leistung gefordert? Stärkt der Wunder- und Dämonenglaube Christ*innen im Umgang mit dem Bösen oder treibt er sie in noch größere Ängste? Wird hier dem Bösen zu viel Macht eingeräumt, weil Christus als Sieger über alle Mächte und Gewalten nicht recht deutlich wird?

Diese Fragen bleiben virulent. Weil sie mit Existenzhaltungen zusammenhängen, sind sie nicht einfach kognitiv zu klären, sondern bedürfen eines toleranten und vertrauensvollen kontinuierlichen Gesprächs, das die jeweils andere Perspektive grundsätzlich würdigt. Ein dämonistisches Wirklichkeitsverständnis sollte nicht einfach als vor-aufklärerische Weltsicht geringgeschätzt werden. Bleibende, auch kulturell bedingte Unterschiede müssen nicht notwendig ökumenisch trennend wirken.

Problematisch aus evangelischer Sicht bleiben aber das Versprechen von Wohlstand als Folge und das Einhalten rigider ethischer Vorschriften als Kennzeichen gelebten Glaubens.

Handlungsempfehlungen

Überall dort, wo die genannten Probleme angesprochen und geklärt werden können, sollte einem gemeinsamen christlichen Leben nichts im Wege stehen. Zentral ist sicherlich die Frage nach der grundsätzlichen ökumenischen Haltung. Hierbei können internationale Konvente und Konferenzen hilfreich sein, bei denen sich die unterschiedlichen Gemeinden als Teil des Leibes Christi bekennen und zur ökumenischen Zusammenarbeit und zum Vermeiden von Spaltungen verpflichten.

Klare Absprachen und vor allem kontinuierliche dialogische Nachbarschaftsarbeit können helfen, kulturell bedingte Missverständnisse abzubauen. Probleme wie laute Veranstaltungen, das Abwerben von Kirchenmitgliedern oder ein allzu schnelles Umsetzen bei Taufanfragen aus anderen Gemeinden können und sollten klar angesprochen werden.

Gelingende christlich-interkulturelle Begegnungen können unsere eigenen kulturellen Engführungen aufdecken und zugleich Migrationskulturen den Weg in den westlichen Pluralismus erleichtern. Das je eigene Profil kann gestärkt werden und es wird erkennbar, dass das christliche Zeugnis facettenreich ist.

Weitere Informationen

Lothar Weiß (Hg.): Russlanddeutsche Migration und evangelische Kirchen, Bensheimer Hefte 115, Göttingen 2013.

EKD (Hg.): Gemeinsam evangelisch! Erfahrungen, theologische Orientierungen, EKD-Text 119, 2014, https://www.ekd.de/Gemeinsam-evangelisch-1091.htm.

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