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Faszination des Dunklen und Geheimnisvollen

Faszination des Dunklen und Geheimnisvollen

Wahrnehmungen

Heutiger Okkultismus tritt mit einer Reihe von Angeboten und Praktiken in Erscheinung, wie etwa: Pendeln, Magie, Wahrsagen, Kartenlegen, Kontakte zu Verstorbenen oder höheren Geistern. Noch vor Jahren erlebte der Jugendokkultismus einen regelrechten Boom. In den späten 1990er Jahren waren drei Viertel der befragten Schüler über okkulte Praktiken informiert, etwa die Hälfte äußerte ein Interesse an Informationen über Okkultismus, für rund ein Viertel gehörten okkulte Praktiken passiv oder aktiv zum Alltag, und knapp fünf Prozent der Schüler hatten bereits aktiv oder passiv an extremen okkulten Praktiken teilgenommen. Damals lag der Anteil der Mädchen um das Zwei- bis Dreifache über dem Anteil der Jungen. Wenngleich diese „Okkultwelle“ im öffentlichen Bewusstsein abgeebbt zu sein scheint, spielen Okkultpraktiken unter Jugendlichen wie auch Erwachsenen noch immer eine Rolle:

  • Jugendliche berichten etwa verängstigt vom Gläserrücken im Schullandheim, bei dem sich angeblich ein Geist mitgeteilt hat.
  • Eine Teenie-Zeitschrift gibt Hinweise für eine „CharlieCharlieChallenge“. Dabei wird – angeblich – ein mexikanischer Geist namens Charlie beschworen. „Alles was du dafür brauchst, ist ein Blatt Papier und zwei Stifte.“
  • In Mystery-Serien und Horrorfilmen tauchen immer wieder Themen des Okkultismus (Geister, Spuk, Hexen) auf.

Inhalte

Die Bezeichnung „Okkultismus“ (von lat. ocultum, das Verborgene) geht vermutlich auf den Franzosen Éliphas Lévi (eigentl. Alphonse Louis Constant, 1810 – 1875) zurück, der ihn unter Rückgriff auf „De occulta philosophia“ von Heinrich Cornelius Agrippa Nettesheim (1486 – 1535) nachhaltig prägte. Heute handelt es sich um eine Sammelbezeichnung für besonders im 19. Jahrhundert aufgekommene weltanschauliche Richtungen und Praktiken, die von einer unsichtbaren Welt bzw. übernatürlichen Kräften ausgehen. Diese könne man – so die Auffassung – mit herkömmlichen naturwissenschaftlichen Methoden nicht erforschen, darüber aber dennoch qualifizierte Aussagen machen. Im Zentrum stehen das Wissen um die geheimnisvollen Seiten der Natur und des Geistes und die auf dieser Vorstellung beruhende Praxis. Die Praktiken umfassen Magie, Pendeln, Wahrsagen sowie die Geister- und Totenbefragung.

Spätestens seit den 1980er Jahren wird „Okkultismus“ zunehmend vom Begriff „Esoterik“ abgelöst. Spiritistische und okkult-magische Praktiken treten im Rahmen der Esoterik-Begeisterung wieder verstärkt auf. Besonders seit den 1980er Jahren kommt es immer wieder zu Okkultwellen unter Jugendlichen („Jugendokkultismus“). Im Zuge einer Sehnsucht nach Verzauberung haben, oft mit Unterstützung einschlägiger Jugendmagazine, okkult-magische Praktiken wie Gläserrücken und Pendeln Konjunktur. Der Kult um die Hexe im Mädchen ist ebenso „in“ wie Anleitungsbücher zu liebesmagischen Praktiken, um den Traumpartner herbeizuhexen. Die Motive liegen auf der Hand: Provokation, Experimentierfreude, Sehnsucht nach Entscheidungshilfen, Suche nach stabilen Beziehungen und eigener Identität.

Einschätzungen

Die kritische Einschätzung sollte besonders die theologisch-aufklärerische und eine seelsorgerlicher-beraterische Dimension berücksichtigen. Die Berufung auf ein angeblich höheres Wissen über geheimnisvolle Kräfte des Natur- und Geisteslebens sowie der daraus abgeleitete Anspruch sind kritisch zu hinterfragen. Es mag durchaus zunächst nicht erklärbare „paranormale“ Phänomene geben. Theologisch gesprochen handelt es sich um innerweltliche Phänomene, die der Schöpfung Gottes zuzuordnen sind. Sie können nicht als Ausweis eines besonderen höheren Bewusstseins oder einer besonderen Gottesnähe ihres Anwenders interpretiert werden. Sie bleiben ambivalent und können zum Schaden anderer Menschen missbraucht werden, um Abhängigkeiten zu schaffen.

Der Okkultismus bedient eine tiefe Sehnsucht des Menschen: Er verheißt Zugang zu einem höheren Wissen und zu geheimnisvollen Kräften, sei es für Lebenshilfe, Trost, Heilung oder als konkrete Entscheidungshilfe in spezifischen Lebenssituationen. Je nach Intensität der jeweiligen Okkultpraxis können Ängste auftreten, dass man die Geister, die man rief, nicht mehr loswird. Mit anderen Worten: Man bleibt in einem okkult-magischen Weltbild gefangen, gibt die eigene Verantwortung ab und schreibt sie „Geistern“ zu. Im schlimmsten Fall kann es zu einer „mediumistischen Psychose“ kommen. Dabei können im Zusammenhang mit der Kontaktaufnahme zu Verstorbenen oder jenseitigen Wesenheiten verdrängte oder ins Unterbewusstsein abgesunkene Themen unkontrolliert aufsteigen und sich als „Geisterstimmen“ zurückmelden, die der Einzelne nicht mehr in den Griff bekommt. Man sollte sich bewusst sein: Dies sind gravierende Folgen, die auftreten können, aber nicht müssen. Das hängt von der individuellen Persönlichkeitsstruktur und auch dem Grad der Beschäftigung mit Okkultpraktiken ab. Aus christlicher Sicht sollte die tatsächlich erfahrene Wirkung nicht Dämonen zugeschrieben werden. Damit würde man das okkult-magische Denkmodell in Ansätzen teilen. Wichtig ist vielmehr, seelsorgerlich-einfühlsam auf die jeweiligen Motive für die Suche nach „Jenseitskontakten“ einzugehen und behutsam auf die manchmal nicht mehr zu kontrollierenden Folgen hinzuweisen, die den Einzelnen überfordern und ihn aufgrund selbstproduzierter, suggestiv erzeugter Zwänge in seelische Not stürzen können.

Handlungsempfehlungen

Eine kritische Auseinandersetzung mit okkult-magischen Praktiken sollte im Unterricht (Religionsunterricht, Konfirmandenarbeit, Erwachsenenbildung) und in der Gemeindepublizistik geführt werden. Im Zuge einer „Entzauberung“ sollte bei Betroffenen theologisch wie seelsorgerlich angemessen auf die jeweiligen Motive eingegangen sowie auf mögliche negative Auswirkungen (Ängste, Verunsicherung, Realitätsverlust) hingewiesen werden. Als Grundaufgabe bleibt, eine vertrauensvolle Gottesbeziehung einer okkult-magischen Weltsicht gegenüberzustellen. Hilfreich können Rituale (Segnung, Beichte) sein, um Räume des Vertrauens, der Vergebung und des Trostes zu schaffen.

Weitere Informationen

Wolfgang Hund: Falsche Geister – echte Schwindler? Esoterik und Okkultismus kritisch hinterfragt, Würzburg 2000.

Arbeitskreis „Religiöse Gemeinschaften der VELKD/DNK des Lutherischen Weltbundes“ (Hg.): Wahrsagerei – nur ein harmloser Zeitvertreib?, Gütersloh 2005.

Wahrnehmungen

Satanistische Elemente kommen in Film und Fernsehen als „Gruselfaktor“ deutlich häufiger vor als in der Realität. Durch die mediale Präsenz ist in der Öffentlichkeit ein Bild entstanden, das von einer weiteren Verbreitung satanistischer Rituale, Erscheinungsformen und Ausprägungen ausgeht, als dies tatsächlich der Fall ist. Bei dem Begriff Satanismus handelt es sich daher auch um einen unscharfen Containerbegriff, in den alle möglichen Erscheinungsformen hineingelegt werden: Tieropfer, Grabschändung, Schmierereien an Kirchen, Vandalismus und das provokante Tragen satanistisch interpretierter Symbole wie Pentagramme, umgedrehte Kreuze usw. Wenn solche Einzelphänomene auftreten, bei denen man den Verdacht hat, dass sie satanistischer Herkunft sein könnten, sollte man genau hinsehen und differenzieren. Schwarze Kleidung und bleiche Schminke trifft man im Satanismus zwar auch an, sie sind aber vor allem Kennzeichen der Gothic-Szene, die sich vom Satanismus abgrenzt, allerdings fließende Übergänge dorthin hat.

Inhalte

Innerhalb des Satanismus gibt es verschiedene Richtungen und Akzentuierungen. Man unterscheidet folgende Ausprägungen:

  • Satanistische Gruppen: Es gibt kleine, meist im Hintergrund und verborgen agierende Gruppen oder „Orden“, die satanistischem Gedankengut anhängen. In der Regel beschränken sich ihre Aktivitäten auf nicht nach außen dringende Rituale, Rezeptionen von Gründerfiguren wie Aleister Crowley (1875 – 1947) oder Anton Szandor LaVey (1930 – 1997) und manchmal Auftritte im virtuellen Raum (Internetseiten, Foren etc.). Diese Gruppen sind klein. Inhaltlich gemeinsam ist ihnen, dass sie den Teufel/Satan als eine Art Gegeninstanz zum Christentum und der Kirche sehen und in seinem Namen etwa unbegrenzte Freiheit und Sinnesfreude propagieren. Letzteres drückt sich oft aus in ritualmagischen Grenzerfahrungen. Oftmals geben sich Anhänger*innen satanistischer Orden als anderen Menschen deutlich überlegen aus und verachten jegliche Form christlicher Religiosität.
  • Jugendsatanismus: Diese Form ist die am meisten in der Öffentlichkeit verbreitete und wahrgenommene. In der Regel ausgehend von einer pubertären Gegenbewegung gegen den Mainstream bedienen sich Jugendliche satanistischer Provokationen. Diese können sich in gemeinsamen Treffen nachts auf einem Friedhof äußern, in Schmierereien an Kirchen oder kirchlichen Gebäuden, manchmal auch in angeblichen Tieropfern etc.
  • Krankhafte (psychopathologische) Erscheinungsformen: Im Umfeld psychischer Erkrankungen oder traumatischer Erfahrungen können Vorstellungen von satanistischen Missbrauchskontexten, Besessenheiten oder dämonischen Einflüssen auftreten. Oftmals äußern sich diese Zusammenhänge in psychotischen Zuständen von Menschen, die sehr verstörend sein können. In diesen Fällen braucht es professionalisierte Hilfe durch Kliniken und Therapeut*innen. Eine pauschale Einordung dieser Fälle verbietet sich.

Einschätzungen

Aus weltanschaulicher Sicht handelt es sich beim Satanismus um eine spezielle Form moderner Okkult-Bewegungen. Im Zentrum steht eine Power-Religiosität, der scheinbar keine Grenzen gesetzt sind. Die Lust am Bösen entspringt einem Gefühl der totalen Entgrenzung und der Entwertung aller Werte. Es ist schwierig, die unterschiedlichen Formen des Satanismus zu generalisieren. Sie können bloße Modeerscheinung, religiöse Überzeugung, aber auch Motiv krimineller und menschenverachtender Akte sein.

Biblisch bezeugte Verweise auf Dämonen, den Satan oder Teufel können nicht eins zu eins in unsere Welt übersetzt werden. In der damaligen Umwelt hat man Phänomene, die man heute eher in einen krankheitsbezogenen Zusammenhang einordnen würde, anders gedeutet. Zur Zeit alttestamentlicher Berichte oder zur Zeit Jesu war die Vorstellungswelt deutlich bildhafter geprägt als heute. Aber nicht die Frage nach der Existenz des „Bösen“ ist zentral, sondern die biblische Aussage, dass die „Mächte und Gewalten“ durch Christus entmachtet worden sind (Phil 2,7) und uns nicht von der Liebe Gottes (Röm 8,38) trennen können. Mit dieser Zusage können wir versuchen, unsere Kraft für das Gute in der Welt einzusetzen.

Handlungsempfehlungen

In aller Ruhe sollten anlässlich von Anfragen oder Vorkommnissen, ohne das Phänomen zu dramatisieren oder zu verharmlosen, jeweils eventuelle „satanistische“ Motive geprüft und eingeordnet werden. Wenn es zu Anfragen kommt und für Kirchengemeinden Anlass zum Handeln besteht, dann meist aufgrund der folgenden beiden Vorkommnisse:

  • Schmierereien mit Satanssymbolen an kirchlichen Gebäuden oder rituelle Zeremonien in (offenen) Kirchen: Wenn Kirchen oder kirchliche Gebäude mit Symbolen (666, Pentagramm, Ritualzeichen) beschmiert werden oder Kirchen „geschändet“ werden, handelt es sich um Sachbeschädigung. Sie ist bei den Behörden (Polizei) anzuzeigen. Aufgrund von Verunsicherungen in den Gemeinden sollte dann in aller Ruhe über eventuelle Hintergründe und Motive der Täter aufgeklärt werden. Hilfreich kann es sein, Gemeindegliedern mitzuteilen, dass durch diese Vorkommnisse der kirchliche Raum nicht „entweiht“ ist. Der Empörung kann seelsorglich und in öffentlichen Veranstaltungen Raum gegeben werden. Der Fokus sollte auf einem möglichst pragmatischen und realistischen Umgang mit solchen Kontexten liegen, um keine übermäßige Mythenbildung zu fördern.
  • Friedhofs- / Grabschändungen: Die Störung der Totenruhe, mutwilliges Zerstören von Gräbern, Vandalismus oder Beschmieren von Gräbern mit satanistischen Symbolen oder Ähnlichem ist in Deutschland eine Straftat nach §168 StGB. Sie ist ebenfalls bei der Polizei anzuzeigen. Aus geistlicher Perspektive ist in diesen Fällen besonders sensibel darauf zu achten, um welche Art Grab es sich handelt und wer betroffen ist. Es gibt gute Erfahrungen damit, gemeinsam mit den staatlichen Behörden und der (teilweise kirchlichen) Friedhofsverwaltung die betroffenen Angehörigen aufzusuchen und ihnen ein seelsorgliches Gespräch anzubieten. Oft stehen sie unter Schock und können nicht verstehen, warum gerade sie bzw. das Grab des Verwandten für satanistische Missbräuche ausgewählt wurden. Es kann auch hier helfen, die unterschiedlichen Hintergründe zu erklären, um das Geschehen einzuordnen. Grabschändungen stehen oft im Fokus der Medienberichterstattung, die das Thema reißerisch aufgreift und mancher Vermutung freien Lauf lässt. Gerade im Umgang mit den Medien ist Sorgfalt angezeigt, um nicht Nachahmungstäter zu motivieren oder jugendliche Mutproben zu fördern.

Weitere Informationen

Dagmar Fügmann: Zeitgenössischer Satanismus in Deutschland. Weltbilder und Wertvorstellungen im Satanismus, Marburg 2009.

Paul Metzger: Der Teufel, Wiesbaden 2016.

http://www.relinfo.ch/lexikon/okkultismus