Fotolia ©djama

Facetten der Religionsdistanz

Facetten der Religionsdistanz

Das religionsdistanzierte Spektrum ist so vielfältig und ausdifferenziert wie das der klassischen religiösen Traditionen. Distanzierte Einstellungen zu religiösen Wahrheitsgewissheiten können pantheistisch, skeptisch, agnostisch, tolerant-atheistisch, intolerant-atheistisch … sein. Am weitesten verbreitet ist ein praktischer Atheismus, gekennzeichnet durch die Haltung der Gleichgültigkeit gegenüber religiösen Wahrheitsgewissheiten. Prozesse einer zunehmenden Verdiesseitigung des Lebens, die sich verbinden mit dem Verzicht auf alltagsrelevante religiöse Orientierungen, sind kennzeichnend für viele Menschen in europäischen Gesellschaften.

Es zeigt sich jedoch, dass auch religionsdistanzierte Menschen in den lebenszyklischen und jahreszyklischen Übergangssituationen auf rituelle Begleitung nicht verzichten wollen, wobei die Beliebtheit der Jugendweihe in den neuen Bundesländern zeigt, dass die christlichen Kirchen, sofern sie zivilreligiöse Funktionen wahrnehmen, nicht unersetzbar sind. Mit Säkularisierungsprozessen gehen Bindungsverluste gegenüber den Kirchen und Geltungsverluste des christlichen Glaubens Hand in Hand, ein innerer und teilweise auch äußerer Auszug aus der Kirche als Institution. In vielen Milieus hat der christliche Glaube seine Selbstverständlichkeit verloren. Man spricht von „forcierter Säkularität“ und meint damit den Vorgang, dass die gesellschaftlichen Stützmechanismen für das Christentum in Europa im Schwinden begriffen sind, dass die Zahl Konfessionsloser steigt und die Zahl derer, die sich als religiös bezeichnen, sinkt. Die über Jahrhunderte selbstverständliche Verknüpfung von Volkszugehörigkeit und Kirchenmitgliedschaft lockert sich. Die konstantinische Gestalt des Christentums tritt zurück. Nirgends sind diese Prozesse weiter fortgeschritten als in den neuen Bundesländern, wo das Verschwinden der Religion durch ihre staatlich reglementierte Verdrängung als einer der größten Erfolge der SED bezeichnet werden kann.

In den Mitgliederzahlen sogenannter atheistisch-humanistischer Verbände und Organisationen spiegelt sich der Vorgang zunehmender Religionsdistanz allerdings nicht. Säkulare Organisationen sind medial wirkungsvoll präsent, ihre Mitgliederzahlen bleiben aber gering.

Weitere Informationen

Andreas Fincke: Mit Gott fertig? Konfessionslosigkeit, Atheismus und säkularer Humanismus. Eine Bestandsaufnahme aus kirchennaher Sicht, hg. und mit einem Vorwort versehen von Horst Groschopp, Humanismusperspektiven 3, Aschaffenburg 2017.

Wahrnehmungen

Atheistische Weltdeutungen wurden in den letzten Jahren medial sichtbarer, obgleich die Zahl bekennender Atheisten und „säkularer“ Humanisten kaum zugenommen haben dürfte. Die kirchliche Festkultur – Weihnachten, Ostern, Himmelfahrt – eignet sich offensichtlich besonders dafür, mit atheistischen Provokationen in die Öffentlichkeit zu gehen, zum Beispiel Aufrufen zum Kirchenaustritt („Austritt zum Hasenfest“). Die Beschneidungsdebatte war ein willkommener Anlass, sich lautstark zu Wort zu melden. Atheistische und humanistische Organisationen nutzten sie, um religiöser Praxis eine latente Gefährlichkeit zu unterstellen. Gegenüber religiösen Überzeugungen wird öffentlich ein pauschaler Fundamentalismusverdacht ausgesprochen.

Inhalte

Die Rede vom „neuen Atheismus“ fand zuerst in den Medien Erwähnung. Der in der englischsprachigen Welt beobachtbare Diskurs fand bald auch Resonanz in Deutschland. Zentrale Akteure waren bzw. sind u. a. Richard Dawkins, Sam Harris, Christopher Hitchens und Daniel C. Dennett. 2006 erschien das Werk „Der Gotteswahn“ des Evolutionsbiologen Richard Dawkins in deutscher Übersetzung. Dawkins möchte aus Gläubigen Atheisten machen. Er träumt von einer religionsfreien Gesellschaft: „Stellen wir uns mit John Lennon mal eine Welt vor, in der es keine Religion gibt – keine Selbstmordattentäter, keinen 11. September, … keine Kreuzzüge, … keinen Krieg zwischen Israelis und Palästinensern, … keine Verfolgung von Juden als ‚Christusmörder‘, … keine ‚Ehrenmorde‘ …“ (12)

Kennzeichen des neuen Atheismus sind:

  • polemische Religions- und Kirchenkritik
  • Religionskritik im Namen der Naturwissenschaft
  • Ablehnung nicht nur des religiösen Fundamentalismus, sondern auch der moderaten Religiosität
  • Vision einer religionsfreien Gesellschaft
  • Forderung einer nichtreligiösen Erziehung

Die Wahrnehmung der Religionen wird auf ihre dunkle Seite konzentriert. Religionen werden nicht als Quelle moralischer Verpflichtungen und Vermittlungsinstanzen eines Orientierungswissens wahrgenommen, sondern als Verstärker gewaltsamer Konflikte. Den Atheismus dagegen sieht man in enger Verbindung mit einer wissenschaftlichen Weltwahrnehmung. Religionskritik geschieht im Namen der Wissenschaft, vor allem der Naturwissenschaft. Dem neuen Atheismus geht es um die Popularisierung der Religionskritik und um ein Plädoyer, Moral und Ethik aus der Evolutionsbiologie zu begründen. Organisationen wie die Giordano-Bruno-Stiftung greifen zentrale Impulse des neuen Atheismus auf. Sie problematisieren religiöse Bindungen als Freiheitsverzicht und engagieren sich für die Etablierung einer humanistisch-atheistischen Leitkultur, die eine religiös geprägte Weltdeutung überflüssig macht.

Einschätzungen

Die beanspruchte Rationalität ist keine überzeugende Beweisführung, sondern die Missachtung der Grenzen menschlicher Vernunft. Das Fundamentalismus- und Fanatismusproblem trifft den Atheismus nicht weniger als die Religionen. Die selbstkritische Auseinandersetzung mit der eigenen Gewaltgeschichte ist auch für den Atheismus die Voraussetzung für seine Friedens- und Toleranzfähigkeit. Die Vision einer religionsfreien Welt bleibt unrealistisch. Von den „Folgelasten der Toleranz“ (Jürgen Habermas) kann auch das ungläubige Bewusstsein nicht entlastet werden. In einer pluralistischen Kultur muss von Glaubenden und Nichtglaubenden gleichermaßen erwartet werden, mit gegenseitigem Respekt zusammenzuleben.

Handlungsempfehlungen

Aufgeregte und ängstliche Reaktionen auf die Provokationen des neuen Atheismus sind unangebracht. Atheistische Bewegungen erinnern die Kirchen daran, dass die Religionsdistanz vieler Menschen ein wichtiges Thema und eine zentrale Herausforderung für alle Felder kirchlichen Handelns darstellt, vor allem für den Bereich religiöser Bildung.

Neben dem Dialog der Religionen ist auch der Auseinandersetzung mit atheistischen Weltdeutungen Beachtung zu schenken. Im Einzelfall sind die Chancen und Grenzen des Dialoges zu prüfen. Angesichts der Argumente, die für den Atheismus ins Feld geführt werden, sollten Christ*innen mit Deutlichkeit artikulieren, warum sie sich als Menschen des 21. Jahrhunderts als Glaubende verstehen und welches die Voraussetzungen und Gründe für dieses Selbstverständnis sind.

Weitere Informationen

Reinhard Hempelmann: Atheistische Weltdeutungen. Herausforderungen für Kirche und Gesellschaft, EZW-Texte 232, Berlin 2014.

Wahrnehmungen

Atheistische Bewegungen haben sich teilweise organisiert. Auf internationaler Ebene ist die 1952 in Amsterdam gegründete International Humanist and Ethical Union (IHEU) eine wichtige Organisation, die für einen wissenschaftlichen Humanismus, die strikte Trennung von Staat und Kirche und weltliche Riten als Religionsersatz eintritt. In Deutschland gibt es eine Reihe von Verbänden atheistischer, humanistischer und freidenkerischer Prägung. 2008 schlossen sich elf von ihnen in Berlin zu einer politischen Interessenvertretung zusammen und gaben sich den Namen Koordinierungsrat säkularer Organisationen (KORSO): u. a. der Deutsche Freidenker-Verband, der Bund für Geistesfreiheit Bayern, der Humanistische Verband Deutschlands (HVD), der Internationale Bund der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA), der Verein Jugendweihe Deutschland, die Giordano-Bruno-Stiftung (gbs), die Humanistische Akademie Deutschland. Freidenkerische Organisationen sehen sich gegenüber den christlichen Kirchen als benachteiligt an.

Inhalte

Humanistisch-atheistischen Organisationen geht es gemäß der Gründungsresolution des KORSO 2008 um „die Durchsetzung einer konsequenten religiösen bzw. weltanschaulichen Neutralität des Staates“, „ein integratives Pflichtfach zur Wertevermittlung (wie in Berlin „Ethik“ und in Brandenburg „LER“), darüber hinaus um die „Autonomie am Lebensende und die volle rechtliche Gültigkeit von Patientenverfügungen“, eine „Reform der öffentlichen Erinnerungs-, Gedenk- und Trauerkultur“, „Respekt gegenüber den Formen der Fest- und Feierkultur säkularer Organisationen“. Die „unvollendete Trennung“ zwischen Staat und Kirche beim konfessionellen Religionsunterricht, bei den theologischen Fakultäten, beim Kirchensteuereinzug, bei den Staatskirchenverträgen, der Militärseelsorge etc. sei zu beenden.

Innerhalb des atheistischen Spektrums gibt es zahlreiche inhaltliche Kontroversen und politische Strategiedifferenzen. Es ist keineswegs geklärt, welches die verbindenden Orientierungsperspektiven eines atheistischen bzw. humanistischen Welt- und Menschenbildes sind. Der sogenannte neue Atheismus wird von Teilen des atheistischen Spektrums mit Skepsis und pointierter Ablehnung betrachtet. Strittig ist auch, ob man für negative oder für positive Gleichbehandlung eintritt: Der Humanistische Verband Deutschlands (HVD) und die Freireligiösen fordern zuerst die Gleichbehandlung von Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften. Der Internationale Bund der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA) und die Giordano-Bruno-Stiftung (gbs) setzen sich für einen laizistischen Staat ein.

Der wichtigste Verband ist fraglos der HVD, der den Schwerpunkt seiner Arbeit nicht auf die Religions- und Kirchenkritik legt. Die Dachorganisation ist privatrechtlich organisiert, zahlreiche Landesverbände sind Körperschaften des öffentlichen Rechts (Baden-Württemberg, Bayern, Niedersachsen, NRW, seit 2018 auch Berlin). Auf der Grundlage einer Weltanschauung, die „weltlich … ohne Bezugnahme auf einen Gott oder auf andere metaphysische Instanzen“ bestimmt ist, bekenntnisfrei und zugleich von humanistischen Traditionen geprägt (u. a. Selbstbestimmung, Eigenverantwortlichkeit, Menschenrechtsorientierung), soll ein praktischer Humanismus Gestalt gewinnen (Humanistisches Selbstverständnis, beschlossen von der HVD-Bundesdelegiertenversammlung am 10.11.2001). Die Arbeitsfelder und Angebote des praktischen Humanismus sind kontinuierlich ausgeweitet worden. Die das gesellschaftliche Leben mitbestimmenden Einrichtungen und Initiativen von Caritas und Diakonie werden in „humanistischer“ Variante angeboten, wenn auch nicht flächendeckend, sondern regional begrenzt: humanistische Kindertagesstätten, Akademien, Passageriten (Namensfeiern, Jugendweihen bzw. -feiern, humanistische Hochzeiten, Trauerfeiern) usw. In Berlin war und ist der HVD vor allem durch sein Angebot der Humanistischen Lebenskunde an öffentlichen Schulen mit kontinuierlich wachsenden Schülerzahlen erfolgreich.

Einschätzungen

Die religionspolitischen Zielperspektiven des HVD sind nicht eindeutig: Wird positive oder negative Gleichbehandlung gefordert? Geht es dem Humanistischen Verband um eine stärkere Beteiligung etwa im Bildungs- und Sozialbereich oder um die strikte Trennung zwischen Staat und Kirche? Eine religions- bzw. kirchenförmige Organisiertheit passt nicht zum Plädoyer für einen laizistischen Staat. Der Forderung nach Abbau von Kirchenprivilegien und ihre gleichzeitige Inanspruchnahme stehen im Widerspruch. Klärungsbedürftig ist auch die schillernde Rezeption des Humanismusbegriffs.

Zum Bundesverband gehören circa 20 000 bis 25 000 Mitglieder, wobei innerhalb des HVD ein Bezug auf Mitgliederzahlen als problematisch angesehen wird. Der explizit oder implizit erhobene Anspruch des HVD (zusammen mit anderen Organisationen) und anderer säkularer Organisationen, die zahlreichen religionsdistanzierten Menschen in Deutschland (mehr als ein Drittel der Bevölkerung) zu repräsentieren, ist zurückzuweisen. Er stellt eine Vereinnahmung dar und findet mit Recht politisch keine Anerkennung. Die Entwicklung eines praktischen Humanismus stellt sich im Kontext forcierter Säkularität jedoch durchaus als chancenreich dar.

Handlungsempfehlungen

Das atheistische Spektrum ist intern vielstimmig und widersprüchlich. Nur eine sehr kleine Zahl, 0,1 Prozent, der zahlreichen religionsdistanzierten Menschen (mehr als 25 Millionen) sammelt sich in säkularen Verbänden. Der in einzelnen „humanistischen Bekenntnissen“ und Selbstverständnissen zum Ausdruck kommenden Überzeugung, Atheismus und Agnostizismus seien eine unmittelbare Konsequenz des Gebrauchs kritischer Vernunft, ist deutlich zu widersprechen. Der Dialog und die Auseinandersetzung mit Vertreter*innen atheistischer und humanistischer Organisationen sollte auf der weltanschaulichen, der wissenschaftlichen und der politischen Ebene gesucht und gestaltet werden. Atheistische Verbände vertreten Haltungen, die über den Kreis der Mitglieder hinausgehen und mit denen sich eine wahrnehmungsfähige und auftragsbewusste Kirche auseinandersetzen muss.

Weitere Informationen

Matthias Pöhlmann / Christine Jahn (Hg.): Handbuch Weltanschauungen, Religiöse Gemeinschaften, Freikirchen, Gütersloh 2015, 1037-1048.