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Esoterische Weltanschauungen und Angebote

Esoterische Weltanschauungen und Angebote

Wahrnehmungen

Unter dem Sammelbegriff Esoterik lässt sich der beherrschende spirituelle Trend unserer Zeit zusammenfassen: Meditationstechniken, die zu Erkenntnis oder gar Erleuchtung führen, alternative Heilungskonzepte, spirituelle Zukunfts- und Lebensberatung. Häufig trifft man auf Begriffe wie „Energie“, „Kraftorte“, „Engel“, „Licht“, „Quanten“, „energetisch“, „innerer Weg“ oder „Erleuchtung“.

Teilweise hat die Esoterik in organisierten Weltanschauungsgruppen Gestalt gewonnen wie z. B. in der Anthroposophie. Populär wurde sie aber seit den 1980er Jahren in Gestalt von einer Angebots- und Gebrauchsesoterik, die alle Lebensbereiche einbezieht, von Ernährung und Gesundheit über Lebenshilfe und Pädagogik bis hin zu Wellness und der Frage nach Lebensglück. In kommerzialisierter Form findet man Ratgeberliteratur bzw. entsprechende Angebote in Zeitschriften, Büchern, DVDs, in anderen Medien sowie auf großen Esoterik-Messen mit Workshops, Vorträgen und Gegenständen – mit milliardenschweren Umsätzen.

Inhalte

Abgeleitet von dem griechischen Wort esoterikós (innerlich, zum inneren Kreis gehörig) verspricht Esoterik auf übersinnlichen Wegen ganzheitliche und erlebbare Spiritualität, Anteil am kosmischen Bewusstsein und höhere Erkenntnisse, umfassende Lebenshilfe und Heilung. Unsere äußerlich wahrnehmbare Wirklichkeit habe noch eine Innenseite, die nicht auf dem üblichen Weg erkennbar sei. Dort finde man das eigentliche Wesen aller Dinge. Es zeige sich in besonderen Momenten, an besonderen Orten oder in eingeweihten Personen. Nur auf intuitivem Weg könne es aufgespürt, erlebt oder gefühlt werden. Der Normalverstand erfasse nur die äußerlichen Aspekte.

Diese Ziele seien erreichbar, da der Mensch im esoterischen Weltbild unbegrenzte Entfaltungsmöglichkeiten habe und in Einklang mit dem Kosmos und seinen Energien gebracht werden könne. Die Anbieter*innen esoterischer Techniken haben zwar selten eine wissenschaftlich fundierte – beispielsweise psychologische – Ausbildung, treten aber mit dem Anspruch auf, den Menschen von Grund auf zu verstehen. Sie berufen sich auf angeblich „uraltes Wissen“ von Druiden, Ägyptern, Schamanen, Kelten oder Indianern. Kennzeichnend ist auch die selektive Übernahme asiatischer Religiosität (s. u. Kap. 6).

Die moderne Esoterik versteht sich als eine universalreligiöse Bewegung mit dem Anspruch, die unterschiedlichen konkreten Religionen auf einen gemeinsamen Grund zusammenführen zu können. So werden magische oder spiritistische Orakelpraktiken mit asiatischen Meditationstechniken wie Zen oder Yoga kombiniert oder durch naturreligiöse oder schamanische Rituale mit ihren Vorstellungen von einer magischen Beseeltheit der Natur ergänzt. Diese selektiven und individuell verschiedenen Übernahmen führen nicht zu festen organisatorischen Bindungen oder Gemeinschaften. Alle Formen von Rationalität wie auch die traditionelle Religionen mit ihren Dogmen, Bekenntnissen, Ritualen und Texten werden geringgeschätzt, da dies alles nur die äußerliche Ebene erreiche.

Die Ablehnung objektiv nachprüfbarer Fakten schafft eine Offenheit für Verschwörungsdenken, wonach die „Wahrheit“ von den Mächtigen in Gesellschaft, Politik oder Kirchen unter Verschluss gehalten wird. Als ein zunehmender Trend lässt sich eine Verbindung von esoterischem mit völkischem Denken beobachten („braune Esoterik“).

Wenn das eigentlich elitäre Geheimwissen paradoxerweise einer breiten Masse zugänglich gemacht wurde, dann steht dahinter ein gewandeltes Verständnis von Esoterik: Nicht mehr länger ein auf elitäre „innere“ Kreise bezogenes Geheimwissen steht im Vordergrund, sondern eine romantische „Innerlichkeit“ des Menschen, sein Fühlen und Empfinden. Dies macht esoterische Angebote für unsere individualisierte und erlebnisorientierte Gesellschaft hoch attraktiv.

Einschätzungen

Ein Teil der esoterischen Szene knüpft ausdrücklich an das Christentum an. Gemeinsam ist beiden die Suche nach einer erfahrungsbezogenen Spiritualität wie auch der Protest gegen die Dominanz des Rationalen und gegen ein Wirklichkeitsverständnis, das nichts Geheimnisvolles mehr kennt. Allerdings führt der Anspruch, ein „höheres“ oder absolutes Wissen zu haben, zu einer Verfremdung zentraler christlicher Elemente, wenn etwa die Geschichte des christlichen Glaubens neu erzählt wird, wenn weitere heilige Texte eingeführt werden, die den christlichen Kanon faktisch entwerten, oder wenn Jesus Christus zu einem „Eingeweihten“ wird, dessen Botschaft eigentlich esoterisch zu verstehen sei.

Christlicher Glaube hat sich von seinen Anfängen an gegen den Dualismus der antiken Gnosis abgegrenzt, nach der die Menschen vor ihrer Geburt Lichtfunken aus einer besseren Welt seien, die sich im finsteren Erdenleben bewähren müssen, um wieder aufzusteigen. Esoterisches Denken greift diesen Ansatz wieder neu auf.

Demgegenüber bleibt festzuhalten, dass Gottes- und Heilserkenntnis immer ein Geschenk bleiben, dass ein Gebet ein dialogisches Geschehen ist und kein Verschmelzen mit einem kosmischen Prinzip darstellt und dass Gottes Macht sowie christliche Freiheit und Verantwortung nicht kosmisch oder durch den Kreislauf von Karma und Wiedergeburt festgelegt sind. Das grenzenlos optimistische Menschenbild und das Versprechen grundlegender Erkenntnisse und Erleuchtungserfahrungen sind zurückzuweisen.

Handlungsempfehlungen

Der christliche Glaube ist herausgefordert, seinerseits nach Spuren des Geistes in der Schöpfung zu suchen und Gottes befreiende Gegenwart bis ins Leibliche und Soziale hinein erfahrbar werden zu lassen. Die in der Esoterik gesuchten und in den Kirchen vernachlässigten Themen religiöse Erfahrung, Meditation, Heilung, Engel oder auch Dämonen sollten biblisch verantwortet zur Sprache kommen. Es kann deutlich werden, dass religiöse Sinnsuche immer ambivalent ist. Religion kann befreien oder unterdrücken, kann heilen oder zerstören.

Weitere Informationen

Matthias Pöhlmann: Esoterik, EZW-Lexikon, 2011, https://www.ezw-berlin.de/html/3_143.php.

Bernhard Grom: Hoffnungsträger Esoterik, Regensburg 2002.

Wahrnehmungen

Vor allem durch ihre praktische Arbeit wird die Anthroposophie öffentlich wahrgenommen:

  • Waldorfschulen mit ihrem ganzheitlichen Bildungskonzept (mit über 240 Schulen in Deutschland bilden sie den größten Privatschulverband),
  • „bio-dynamische“ (nicht zu verwechseln mit „biologische“) Landwirtschaft, zertifiziert über Demeter,
  • medizinische und kosmetische Produkte der Weleda AG,
  • eine ausgefallene Architektur mit ihrem Verzicht auf rechte Winkel,
  • zahlreiche künstlerische Tätigkeitsfelder.

Ihr organisatorisches Zentrum ist die Anthroposophische Gesellschaft. Von ihr ist die Christengemeinschaft (s. o. 2.3) als ihr religiöser Zweig formal unabhängig, es bestehen aber eine inhaltliche Verbundenheit und zahlreiche Doppelmitgliedschaften.

Inhalte

Die „Weisheit vom Menschen“, wie der Begriff Anthroposophie zu übersetzen ist, geht auf Rudolf Steiner (1861 – 1925) zurück. Er entwickelte einen intuitiv geprägten Erkenntnisweg, „der das Geistige im Menschenwesen zum Geistigen im Weltenall führen möchte“ (Anthroposophische Leitsätze). Dahinter steht die Überzeugung, auf diesem Weg könne sich ein „höherer“ Mensch entwickeln, dessen gesteigertes Erkenntnisvermögen einen Zugang zu verborgenem Wissen ermögliche. Dies geschehe nicht durch spekulatives Denken, sondern durch geschulte, der Seele zugängliche Wahrnehmungen. Steiner beschrieb dazu ein methodisch geordnetes Vorgehen und nannte folglich die Anthroposophie „Geisteswissenschaft“. Sie führe über die bisherigen Erkenntnisgrenzen hinaus und befasse sich mit der „geistigen“, „übersinnlichen“, verborgenen („okkulten“) Welt, die dem normalen Bewusstsein verschlossen sei. Das Ziel der ganzen Menschheitsentwicklung bestehe darin, dass der Mensch in diese geistige Welt eingehe und den niederen, materiellen, sichtbaren Leib ablege. Diese geistliche Höherentwicklung vollziehe sich in zahlreichen Erdenleben nach den Gesetzen von Karma und Reinkarnation.

Bei der Entwicklung seiner Lehre greift Steiner auf unterschiedliche Traditionen zurück, vor allem auf ein geistig verstandenes Christentum. Die „Akasha-Chronik“, die ihm allein zugänglich sei, bilde die Quelle für ein „Fünftes Evangelium“. Dieses schließe die Lücken in den vier biblischen Evangelien und enthalte zentrale Wahrheiten, die dem Christentum bislang verborgen geblieben und die teilweise durch die Kirche entstellt worden seien. Anstelle von Wissen und Erkenntnis seien Glaube und Dogmen getreten.

In der Zeit Steiners seien diese Erkenntnisse nun nicht länger nur wenigen vorbehalten, jetzt könne jeder Mensch dieses Wissen erwerben. Dies geschehe durch Schulungen und entsprechende Einweihung. Steiner verstand die Anthroposophie als Vollendung des Christentums und behauptete 1909 die „ätherische Wiederkunft Christi“: Man könne jetzt Christus „ätherisch“ sehen.

Die Vorstellung, dass die Abfolge mehrerer Erdenleben dem Menschen eine geistige Höherentwicklung ermögliche, steht auch im Hintergrund der praktischen Tätigkeitsfelder und macht das anthroposophische Interesse auch an Schulbildung verständlich.

Einschätzungen

Große Anziehungskraft hat die Anthroposophie in vielen gesellschaftlichen Bereichen, auf die heute sehr sensibel geachtet wird: ganzheitliche Pädagogik, ökologisches Wirtschaften, alternative medizinische und pharmazeutische Produkte. Man muss aber bedenken, dass die anthroposophischen Tätigkeitsfelder nicht ohne das anthroposophische Welt- und Menschenbild zu verstehen sind. Umfassende Wahrnehmungen mit allen Sinnen sind nur äußere Anlässe, um fertige Begriffe im Inneren, im „Geistigen“ zu schauen. Die Steiner´sche spekulative Geistesschau entzieht sich jeder Prüfung. Ob „Mondäpfel“ tatsächlich gesünder sind und nicht nur teurer, kann empirisch nicht entschieden werden.

Steiners Anthroposophie bezieht sich in vielen Bereichen auf den christlichen Glauben, und Christus bekommt eine hervorgehobene Position. Allerdings werden dort biblische und christliche Inhalte neu und esoterisch gedeutet. Christlicher Glaube dagegen geht davon aus, dass der Mensch seine Vollkommenheit nicht selbst anstreben soll und kann und dass er auch nicht die Aufgabe hat, letzte Geheimnisse ergründen zu müssen. Christus entlastet davon. Dies führt zu einem grundsätzlich anderen Menschen- und Weltbild.

Handlungsempfehlungen

Eine detaillierte Auseinandersetzung mit der Anthroposophie ist aufgrund der komplexen Lehre nur mit großem Aufwand möglich. Problematisch ist, dass viele Begriffe aus dem Christentum entlehnt sind, aber im Kontext der Anthroposophie eine ganz neue Bedeutung bekommen. Auf diese Unterschiede und die Einbindung in das anthroposophische Weltbild ist immer hinzuweisen. Wer beispielsweise sein Kind auf eine Waldorfschule schickt, sollte sich mit dem anthroposophischen Menschenbild auseinandersetzen, das von (empirisch nicht belegten) Siebenjahreszyklen ausgeht und bestimmte Eigenschaften von Kindern im Karma begründet sieht.

Anthroposophische Pflegeprodukte wie auch Erzeugnisse aus der biodynamischen Landwirtschaft können dagegen auch ohne Übernahme der anthroposophischen Weltanschauung genutzt werden. Ein Verkauf oder Vertrieb im kirchlichen Rahmen ist aber nicht zu empfehlen.

Die Wirksamkeit anthroposophischer Medizin ist nicht belegt, ihre Grundlagen mit der Allgemeinmedizin nicht in Einklang zu bringen. Beispielsweise gibt es keine Nachweise für die Wirksamkeit der bekannten Mistel-Therapie in der Krebsbehandlung, eine nachteilige Wirkung ist sogar nicht auszuschließen.

Bei der Begegnung mit überzeugten Anthroposophen besteht das grundsätzliche Problem, dass sich die Anthroposophie nicht als Religion, sondern als „Wissenschaft“ versteht. Eine Kritik ist folglich immer eine Kritik an „geheimen“, aber objektiven Tatsachen.

Weitere Informationen

Jan Badewien: Anthroposophie, EZW-Kompakt-Flyer, 2011, https://ezw-berlin.de/downloads/Flyer_Kompakt-Information_Anthroposophie.pdf.

Helmut Zander: Die Anthroposophie. Rudolf Steiners Ideen zwischen Esoterik, Weleda, Demeter und Waldorfpädagogik, Paderborn 2019.

Wahrnehmungen

Himmelsbeobachtungen und ihre Deutungen im Blick auf das irdische Geschehen gehören zu den ältesten Kulturleistungen der Menschheit. Astrologie versteht sich als „die älteste Symbolsprache der Menschheit“ (www.astrologenverband.de). Laut Umfragen erfreut sie sich auch heute noch großer Beliebtheit – selbst wenn nur ein kleiner Teil der Befragten wirklich daran glaubt. Man findet sie in Zeitungshoroskopen, Astro-TV-Sendungen und im Internet, in Deutungen über den Einfluss von Gestirnen bei Börsenkursspekulationen oder Katastrophen. Neben dieser „Vulgärastrologie“ findet sich mit seriöserem Auftreten eine revidierte Astrologie als eine Form der Persönlichkeitsberatung, die den Menschen mit seiner Person und seinem Schicksal als in den gesamten Kosmos eingebunden sieht.

Inhalte

Astrologie und die heute wissenschaftliche Astronomie waren lange Zeit kaum zu unterscheiden. Vorausgesetzt wird in der Astrologie eine Entsprechung zwischen dem Gang der Himmelskörper und dem irdischen Geschehen. In der klassischen Astrologie wurde diese Beziehung als kausale Wirkung von Gestirnen auf das Irdische interpretiert.

Die heute vorherrschende revidierte Astrologie spricht eher von einer Korrespondenz oder Analogie zwischen Gestirnen und dem Menschen: Die Gestirne seien Symbole für die menschliche Seele. Das Unbewusste in der menschlichen Seele habe Teil an einem kollektiven Unbewussten, dessen Sprache die Symbole forme. Die traditionellen astrologischen Prinzipien werden jetzt in das Innenleben des Menschen projiziert.

Ein Horoskop liefere folglich keine Voraussagen, sondern diene als Mittel, als Messpunkt für eine Persönlichkeitsanalyse und Lebensberatung. Diese können dann aber immer nur individuell und persönlich vorgenommen werden. Astrolog*innen sollten daher eine gute Menschenkenntnis, Intuition und Empathie mitbringen. Ein Horoskop dient daher auch nicht zur Zukunftsprognose, sondern als „Mittel zur Auseinandersetzung mit sich selbst, ein Mittel zur Selbsterkenntnis, zur Erkenntnis eigener Entwicklungsmöglichkeiten, aber auch Grenzen“ (Ruppert, 232).

Einschätzungen

Empirische Prüfungen in den letzten 50 Jahren konnten keinen signifikanten Zusammenhang zwischen Persönlichkeitsmerkmalen und Horoskopen aufzeigen. Daher kann man auch der revidierten Astrologie bestenfalls die Rolle einer „nützlichen Fiktion“ zusprechen, es bleibt zu fragen: Wenn es doch in erster Linie auf psychologische Einfühlsamkeit und Menschenkenntnis ankommt – wozu bedarf es dann noch der astrologischen Komponente (über eine Art von Konzentrationshilfe für den Beratenden hinaus)?

Theologiegeschichtlich besteht eine enge Beziehung zwischen christlicher Theologie und dem Kern astrologischer Vorstellungen. Die Faszination der Astrologie besteht darin, dass mit der Entsprechung von Himmel und Erde eine sinnvolle Gesamtschau der Welt, ein Kosmos im Sinne des griechischen Wortes sichtbar würde. Dies ist im Grunde auch ein Bestandteil des biblischen Schöpfungsglaubens.

Theologisch problematisch wird die Astrologie darin, dass sie aus außerbiblischen Traditionen entsprungen ist und sich faktisch immer wieder mit solchen verbindet. Eine Tendenz zur Esoterik zeigt sich auch in der revidierten Astrologie, wie beispielweise die Internet-Verweise auf der Homepage des Deutschen Astrologenverbandes zeigen. Hier kann es dann leicht zu Bindungen, zu Unfreiheit und Abhängigkeitsverhältnissen kommen, wenn den Berater*innen eine große Deutungshoheit über das Leben eingeräumt wird.

Schließlich bleibt die Frage, ob astrologische Festlegungen nicht Gottes Freiheit und seinem Heilshandeln entgegenstehen. Gott und nicht die Sterne bestimmen menschliches Leben. Und hieraus resultiert christlich verstanden auch menschliche Freiheit.

Handlungsempfehlungen

Empfehlenswert ist ein kritischer Umgang mit astrologischer Beratung, besonders wenn die Beratenden über keine Qualifikationen verfügen. Leicht können hier Festlegungen durch angeblichen Einfluss von Gestirnen menschliche Entscheidungs- und Handlungsfreiheit einschränken. Trotz der langen gemeinsamen Geschichte von Astrologie und Christentum sind die Unterschiede zu beachten. Gemeinsame Veranstaltungen, die auf diese Unterschiede nicht hinweisen, sollten nicht durchgeführt werden, ebenso wenig sind kirchliche Räumlichkeiten zur Verfügung zu stellen. Seelsorgerlich können Hinweise auf fehlende Belege für die astrologisch behaupteten Zusammenhänge und auf die Freiheit des Evangeliums sowie auf Gottes statt der Gestirne Macht hilfreich sein.

Weitere Informationen

Claudia Knepper: Astrologie, EZW-Lexikon, 2010, https://ezw-berlin.de/html/3_135.php.

Siegfried Böhringer: Menschheit und Kosmos. Über die wahren Herausforderungen der Astrologie, EZW-Texte 138, Berlin 1997.

Hans-Jürgen Ruppert: Suche nach Erkenntnis und Erleuchtung – moderne esoterische Religiosität, in: Reinhard Hempelmann u. a. (Hg.): Panorama der neuen Religiosität. Sinnsuche und Heilsversprechen zu Beginn des 21. Jahrhunderts, Gütersloh 22005, 201-303 (230-237).

Wahrnehmungen

„Denn er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen …“ – wohl kaum ein anderes Bibelwort wurde in den letzten Jahren so oft als Taufspruch gewählt wie dieser Satz aus dem 91. Psalm. Engel finden überall Zuspruch. Allerdings spielen sie in der kirchlichen Verkündigung kaum eine Rolle. Sie sind ausgewandert in Filme und Kinderbücher, werben für Versicherungen und sind als Geschenkartikel sehr willkommen. Laut Umfragen glauben mehr Menschen an Engel als an Gott.

Auch esoterische Angebote haben sich der Engel angenommen: Neben dem zweimonatlichen Engel-Magazin gibt es eine große Engel-Ratgeber-Literatur, CDs mit Engelmusik, Engel-Essenzen und jährliche internationale Engel-Kongresse mit weit mehr als tausend Besucher*innen, überwiegend Frauen. Die Ticketpreise liegen zwischen 170 und 600 Euro. Der WDR lud zum Thema „Milliardengrab Esoterik“ ein Engelmedium ins Studio.

Inhalte

Engel sind in vielen Religionen Zwischenwesen, weder Gott noch Mensch. In der Bibel treten sie als Botschafter Gottes auf, entsprechend der Wortbedeutung angelos – griech. Bote. Sie sind also biblisch immer auf Gott bezogen als seine Diener. Im Zuge des naturwissenschaftlichen Weltbildes vor allem des 19. Jahrhunderts verloren sie in Kirche und Theologie stark an Bedeutung und wurden erst im 20. Jahrhundert wiederentdeckt – in ihrer Botenfunktion und, besonders in der katholischen Theologie, mit ihrer bildhaften Kraft.

In der Esoterik werden sie als „himmlische Dienstleister“ (Murken / Namini) aufgenommen und weitgehend von ihrem Gottesbezug gelöst. Sie werden als eigenständige Personen gesehen, mit denen man in Kontakt treten kann und die – oft als persönliche Begleiter – Schutz, Kraft, Heilung, Lebenshilfe, Liebe oder spirituelles Wachstum vermitteln können. Begabte Engelmedien führen in bestimmte Übungen ein, in Meditationen, Rituale, Gebete oder den Gebrauch von Engelkarten. Aber grundsätzlich ist es jedem Menschen möglich, mit dem eigenen Engel zu kommunizieren. Man müsse dazu nur sein Herz öffnen.

Einschätzungen

Die Popularität des esoterischen Engelsglaubens erinnert die Kirchen an die Sehnsucht der Menschen nach persönlichem und erfahrbarem Schutz, nach Liebe und Angenommensein. Diese Bedürfnisse werden in der Esoterik nicht nur bedient, sondern jeder Mensch kann dort selbst zur Erfüllung beitragen. Die esoterischen Engel passen damit in eine Zeit, die nach individueller spiritueller Lebensgestaltung sucht, mit der Möglichkeit, sich aus dem vielfältigen religiösen Angebot das Passende selbst herauszusuchen. „Engel“ sind hierbei greifbarer und näher als ein transzendenter Gott. Durch ihre Vielzahl kann es zu persönlichen, exklusiven Beziehungen kommen im Unterschied zu einem gemeinsamen Gottesglauben. Ein persönlicher Engel kann das Selbstwertempfinden steigern und Verbindlichkeit vermitteln in einer überwiegend unverbindlich gewordenen Welt.

Diese in unserer individualisierten und erfahrungsorientierten Welt attraktiven Aspekte haben aber auch ihre Kehrseite: Die Möglichkeiten menschlicher Selbstermächtigung werden überschätzt, die Welt der Engel erscheint als menschlich erkennbar und handhabbar. In der Esoterik sind die Engelsbotschaften immer nur gute Nachrichten. Die biblischen Aspekte des Gerichtshandelns, die Aspekte von Gerichtsengeln werden ausgeblendet. Wenn mit einer vermeintlichen Engelsbotschaft etwas im Menschen angesprochen wird, dann kann dies auch zu einer krisenhaften Reaktion führen. Die Botschaften der Engel sind von jenseitiger Autorität, den vermittelnden Engelmedien kann dabei eine nicht mehr hinterfragbare Autorität zukommen. Wenn Engelerfahrungen zur Reflexion und zum aktiven Gestalten problembehafteter Situationen führen, können sie teilweise psychologisch sinnvoll sein. Schwierig und dysfunktional wird es dort, wo ihnen zu viel Macht zugesprochen wird und Menschen nicht mehr die Verantwortung für ihr eigenes Leben übernehmen. Ausbleibende Hilfe kann zu Krisen führen bis hin zu psychologisch bedenklichem Realitätsverlust und zu Fetischismus.

Diese Schattenseiten sind auch die Folge des fehlenden Gottesbezuges. Wer mit Engelbotschaften auftritt, hat in der Regel keine nachprüfbare Legitimierung außer der subjektiven Erfahrung vorzuweisen. Erlebnisse sind aber kein theologisches Kriterium, sondern bedürfen erst eines solchen. Dabei ist die nicht aufzulösende Spannung zwischen eigenem Erleben und einer echten Gottesbegegnung immer mit zu bedenken.

Handlungsempfehlungen

Auch wenn Engel einen biblischen Bezug haben, sollte im Blick auf Engelmedien oder entsprechende Angebote und Veranstaltungen kritisch geprüft werden: Werden Engel in der Rolle eines „Boten“ gesehen und spiegelt sich in den behaupteten Erfahrungen und Erlebnissen der Heil schaffende Gott der Bibel wider? Inwieweit werden statt religiöser in erster Linie ökonomische Interessen bedient?

Engel können bestenfalls die Rolle eines Übergangsobjektes bekommen, das Teil meiner selbst und Teil des göttlichen Handelns sein kann. Hierbei kann biblisch ein großer dogmatischer Freiraum genutzt werden. Eine Absolutsetzung von Engeln, die an Gottes Stelle treten, ist abzulehnen.

Weitere Informationen

Sebastian Murken / Sussan Namini: Himmlische Dienstleister. Religionspsychologische Überlegungen zur Renaissance der Engel, EZW-Texte 196, Berlin 2007.

Claudia Knepper: Engel, EZW-Lexikon, 2011, https://ezw-berlin.de/html/3_177.php.

Wahrnehmungen

Eine Frau wird nachts regelmäßig wach und spürt die Geister von Verstorbenen, die sie um Hilfe bitten. Auf einer Party spielt eine Gruppe Jugendlicher mit einem Ouija-Brettchen und erfährt, wer als Nächstes sterben wird. Ein Wünschelrutengänger entdeckt Wasseradern im Schlafzimmer, die Betten werden umgestellt und die Familie kann wieder ruhig schlafen. Nach einer energetischen Reinigung geht es auf einem Bauernhof wieder wirtschaftlich bergauf.

Erzählungen wie diesen begegnet man häufig und in unterschiedlichen Kontexten. Immer geht es um Verbindungen zu einer jenseitigen, verborgenen Welt. Man behauptet, Praktiken und Techniken zu kennen, um beide Welten zu verbinden: automatisches Schreiben, Gläserrücken und Pendeln, Kristallsehen, Runen- oder Tarotkartenlegen, Handlesen und im weitesten Sinne auch Horoskopdeutungen oder Geistheilungen. Besonders begabte Menschen dienen als Medium der Kontaktaufnahme ins Jenseits. Ein christlich gefärbter Spiritismus findet sich z. B. in der Greber-Bewegung, die sich auf ein spiritistisch gedeutetes Neues Testament bezieht, oder in der Geistigen Loge Zürich des Mediums Beatrice Brunner (1910 – 1983) mit dem Verein Pro Beatrice.

Inhalte

Wie im verwandten Sammelbegriff Okkultismus (s. u. 5.1) wird zwischen einer materiell-sichtbaren und einer unsichtbar-geistigen (okkult = verborgen) Welt unterschieden. Beim Spiritismus geht es im Kern um den Kontakt mit dieser jenseitigen Welt und um die Kommunikation mit Geistern und Verstorbenen. In einer Sitzung (Séance) wird in Anwesenheit eines Mediums oder mittels bereitgestellter Techniken der Kontakt zum Jenseits bzw. zu bestimmten Geistern hergestellt, um Informationen über das Jenseits und das Leben nach dem Tod zu bekommen.

Neben einem eher neugierig-spielerischen Jugendspiritismus und dem Versuch, diese Phänomene wissenschaftlich-experimentell zu erforschen, zielt der Offenbarungsspiritismus auf die Kundgabe höherer Wesen oder Autoritäten – oft mit dem Versuch, unter Bezugnahme auf Gott, Jesus oder Engelwesen den Spiritismus mit dem christlichen Glauben zu einem „Geistchristentum“ zu verbinden. Ein fließender Übergang besteht zu den Neuoffenbarern (s. o. 3.8). Der Orden Fiat Lux wie das Universelle Leben (s. o. 3.7) basieren auf einem Offenbarungsspiritismus. Eine gewisse Sonderrolle nimmt der Bruno-Gröning-Freundeskreis (s. o. 3.5) ein, dessen Namensgeber angeblich Heilungen aus dem Jenseits bewirken kann.

Esoterisch gefärbte spiritistische Vorstellungen finden sich unter der Bezeichnung Channeling (engl. channel = Kanal). Hier zielt die Kontaktaufnahme weniger auf Verstorbene und Geister als auf spirituelle Führer und religiöse Autoritäten (teilweise auch Außerirdische), die Botschaften höherer Bewusstseinsstufen bereithalten. Das Ziel ist hier die eigene spirituelle Entwicklung. Channeling wird auch in esoterischer Beratung angeboten.

Einschätzungen

Der Spiritismus hat seine Berechtigung als kritische Reaktion auf die naturwissenschaftliche Entzauberung der Welt und als Protestbewegung gegen eine rein materialistische Weltsicht. Gemeinsam mit dem christlichen Glauben geht er von der Existenz einer Welt jenseits des im Alltag Erkennbaren aus. Die Kirchen werden allerdings deutlich kritisiert: Durch ihre zunehmende Diesseitsorientierung hätten sie sich vom Wissen über die jenseitige Welt und den Kommunikationsmöglichkeiten mit ihr abgeschnitten. Trotz dieser inneren Entfremdung gibt es nicht selten Doppelmitgliedschaften.

Eine insgesamt fehlende selbstkritische Reflexion spiritistischer Praktiken und Weltanschauungen macht den Dialog mit dem Spiritismus schwierig. Er begnügt sich meist mit der Behauptung, es „funktioniere“ einfach, und nimmt nicht zur Kenntnis, dass zahlreiche (Selbst-)Täuschungen und teilweise auch Betrug nachgewiesen wurden, positive Bestätigungen jedoch bis heute fehlen. Seine Vorgehensweise, mit empirischen Mitteln eine empirisch nicht erfassbare Welt erkennen zu wollen und – anders als der christliche Glaube – nachweisbares Wissen zu behaupten und Sicherheit statt Vertrauen zu suchen, ist aus evangelischer Sicht zu kritisieren. Psychologisch gesehen sind spiritistische Praktiken keine harmlosen Spielereien, sondern können Angstzustände und Depressionen hervorrufen – wenn ein Mensch beispielsweise sein eigenes Todesdatum genannt bekommt! –, sie können zu Abhängigkeiten und Realitätsverlusten führen.

Handlungsempfehlungen

Diesen möglichen psychischen Folgen sollte man behutsam seelsorgerlich und gegebenenfalls auch fachärztlich begegnen. Hilfreich kann dabei die Unterscheidung zwischen einer spiritistischen Deutung dieser Phänomene einerseits und einer animistischen, auf innerpsychische Vorgänge bezogenen Deutung andererseits sein. Dadurch kommt es oft bereits zu einer Entzauberung des Spiritismus: Psychische Automatismen und unbewusste Bewegungen (ideomotorischer oder Carpenter-Effekt: das Denken an eine Bewegung löst eben diese aus) können Phänomene auf natürliche Weise erklären. Bei Gruppenphänomenen wie beim Pendeln kann man nachweisen, dass mit zunehmender Dauer einer Séance die Ergebnisse immer genauer und vorhersagbarer werden, da die Anzahl der sinnvollen Antwortmöglichkeiten abnimmt. Die Rolle des gewählten Settings für mögliche Suggestionen und (Selbst-)Täuschungen kann dann in den Blick kommen. Menschen, die Spiritismus praktizieren, sollten seelsorgerlich begleitet werden, ihr Verhalten nicht lächerlich gemacht oder verteufelt, sondern ihre Motive geklärt werden. Auch die Abhängigkeit von einem Medium bzw. Channel ist zu bedenken. In Fragen des Umgangs mit dem Tod kann christliche Auferstehungshoffnung theologisch reflektiert werden mit dem Hinweis auf die Gemeinschaft mit Christus auch über die Todesgrenze hinaus. Abschiedsrituale können hilfreich werden wie auch Abendmahlsfeiern als Vorwegnahme eschatologischer Gemeinschaft. Wo Kirchenmitglieder sich an spiritistischen Zirkeln beteiligen, sollte verdeutlicht werden, dass sich beides gegenseitig ausschließt. Der Spiritismus geht durch die Geistesmitteilungen über die Bibel hinaus. Ein neues christliches Nachdenken über die Existenz von Geistern (und Dämonen) ist aber eine von evangelischen Kirchen noch zu leistende Aufgabe.

Weitere Informationen

Matthias Pöhlmann: Spiritismus, EZW-Lexikon, 2011, https://ezw-berlin.de/html/3_142.php.

Martin Zürcher-Weilenmann (Hg.): Jenseitskontakte – Trost, Traum oder Täuschung?, EZW-Texte 251, Berlin 2017.

Matthias Pöhlmann (Hg.): Was kommt nach dem Tod? Nahtoderfahrungen, Jenseitsbilder und die christliche Hoffnung, EZW-Texte 245, Berlin 2016.

Wahrnehmungen

Laut Umfragen hält jeder fünfte Bewohner Europas und Nordamerikas eine mehrfache Rückkehr in ein Leben auf der Erde für eine Tatsache. Reinkarnation (wörtlich „Wiederfleischwerdung“) findet sich in vielen Religionen und Kulturkreisen. In Asien im Hinduismus und im Buddhismus bildet die Reinkarnation den Kerngedanken. In Europa taucht er in der Antike als Seelenwanderung, etwa bei Platon, auf. Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein blieb er aber eine Randerscheinung. Erst mit dem Aufblühen der Esoterik gelangte er zusammen mit der Erforschung von Nahtod-Erfahrungen zur gegenwärtigen Verbreitung. Immer mehr Menschen meinen, auf ein früheres Erdenleben zurückblicken zu können, oder nehmen Angebote für erinnernde „Rückführungen“ in Anspruch. In Verbindung mit der Psychoanalyse entwickelte Thorwald Dethlefsen (1946 – 2010) seine Reinkarnationstherapie, bei der er durch angebliche therapeutische Rückführungen die Wurzeln gegenwärtiger Probleme in früheren Leben meinte diagnostizieren zu können.

Inhalt

Hinduistische und buddhistische Reinkarnationsvorstellungen sind pessimistisch geprägt. Wiedergeburten wie auch Individualität erscheinen als eine Last, von der man Befreiung sucht. Im Westen dagegen ist der Gedanke an eine Wiedergeburt positiv besetzt und wird mit dem esoterischen Gedanken an eine Höherentwicklung verbunden. Reinkarnation wird dann verstanden als eine Möglichkeit des Neuanfangs mit der Chance, eine weitere Stufe auf dem Weg zur Vollkommenheit zu erklimmen; das gilt persönlich wie auch für die gesamte Menschheit. Folgerichtig ist hier im Unterschied zu den asiatischen Religionen nur an eine menschliche Wiederverkörperung gedacht. Gelingen oder Misslingen liegen in eigener Verantwortung, das Karma begründet den Rahmen des menschlichen Lebens, es garantiert Gerechtigkeit und Fortschritt in der Abfolge der verschiedenen Reinkarnationen.

Einschätzungen

Die Reinkarnationsvorstellung ist zu einer großen Herausforderung für die Kirchen geworden. Sie verspricht Menschen, ihr Schicksal zu einem beträchtlichen Teil mitbestimmen und nicht gelebte Möglichkeiten später noch verwirklichen zu können. Menschliche Vergänglichkeit könne so überwunden werden. Und sie verspricht, Antworten auf die großen Fragen nach dem Woher und Wohin des Lebens zu geben. Auch innerkirchlich wirken diese Versprechen attraktiv: Mehr als ein Viertel der Kirchenmitglieder signalisieret Zustimmung zur Reinkarnationsvorstellung.

Diese hat zwar mit dem christlichen Glauben die Hoffnung gemeinsam, dass nach dem irdischen Leben nicht alles aus ist, sondern dass es einen Weg zur Vollendung des Menschen und der Welt gibt. Abgesehen von dieser Gemeinsamkeit steht der Reinkarnationsgedanke aber im Gegensatz zu zentralen Elementen des christlichen Glaubens. Christliche Auferstehung meint keine individuelle Wiedergeburt, sondern eine fundamentale Neuschöpfung, in der Gott alles neu macht und zur Vollendung führt. Reinkarnationsvorstellungen widersprechen damit der Auferstehungshoffnung.

Entsprechend ist der Reinkarnationsgedanke auch der Bibel fremd. In neutestamentlicher Zeit war durch die platonische Philosophie und die antike Gnosis der Gedanke einer Seelenwanderung durchaus präsent, er wurde jedoch stets verworfen. Denn die Bibel betont geradezu die Leiblichkeit und die Einmaligkeit des Lebens, das dem Menschen geschenkt ist. Der Mensch ist nur als Einheit aus Leib und Seele denkbar.

Der von Gott geliebte Mensch sammelt kein Karma, das er aufarbeiten müsste, wenn er unwiderruflich stirbt und – zum Gericht – aufersteht. Gottes Gnade macht ihn neu. Die Auferstehung ist nicht im Ursache-Wirkungsschema des Karmas oder in einem Wesensteil des Menschen begründet, sondern in Gottes Treue und in Christi Auferstehung, an der Christ*innen Anteil erhalten (Röm 6,3-6; 1. Kor 15). Jeder Mensch wird mit Leib und Seele zum ewigen Leben auferweckt – im Unterschied zu einer mehrfachen Wiedergeburt in einem jeweils neuen Leib. Leiden und Vergänglichkeit bleiben ein Geheimnis und können nicht durch menschliche Schuld erklärt werden. Christ*innen sind beauftragt, Leidenden tröstend und helfend beizustehen.

Handlungsempfehlungen

Christlicher Glaube nimmt das menschliche Leben zwischen Geburt und Tod ernst als ein gutes und sinnvolles Gottesgeschenk. Das Handeln der Kirche soll sich daher an der geschichtlichen Verantwortung gegenüber Gewesenem und Zukünftigem ausrichten. Daher dürfen Reinkarnationsvorstellungen als Sehnsucht nach Überwindung von Vergänglichkeit wahrgenommen, aber mit Hinweis auf die Auferstehungshoffnung zurückgewiesen werden. Therapeutische Versuche eines „Rebirthing“ oder „Reinkarnationstherapien“ haben im christlichen Kontext keinen Platz. Sie können für Betroffene auch psychologisch hoch problematische Folgen haben. Es kann deutlich gemacht werden, dass es für „Rückführungen“ keine Beweise gibt und Reinkarnationsvorstellungen ebenso in den Bereich des Glaubens gehören wie die christliche Botschaft von der Auferstehung.

Weitere Informationen

Friedmann Eißler: Reinkarnation, EZW-Lexikon, 2016, https://ezw-berlin.de/html/3_167.php.

Helmut Zander: Geschichte der Seelenwanderung in Europa: Alternative religiöse Traditionen von der Antike bis heute, Darmstadt 1999.