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Einführung: Evangelisch inmitten weltanschaulicher Vielfalt

Pluralität als Normalfall

In früheren Zeiten war die religiöse Welt überschaubarer: Gläubige waren Christ*innen, evangelisch oder katholisch, und sie lebten in konfessionell einheitlichen Gebieten. Begegnungen mit der anderen Konfession oder gar mit einem fremden Glauben waren selten.

Heute ist weltanschauliche Vielfalt der Normalfall:

  • Das Christentum selbst erscheint vielfältiger: Wir finden unterschiedliche Freikirchen, größere oder kleinere Gemeinschaften in christlicher Tradition, zahlreiche unabhängige christliche Neugründungen, teilweise in Gestalt von Migrationsgemeinden.
  • Neue Religionen kamen ins Land, vor allem der Islam und buddhistische Traditionen und Techniken sind präsent.
  • Neben klar erkennbaren Gruppen und Gemeinschaften finden sich neue religiöse Strömungen und Bewegungen mit unverbindlichem Charakter.
  • Nicht wenige Menschen haben nur geringes Interesse an religiösen Themen oder verstehen sich ausdrücklich als religionskritisch, so dass man nicht nur von einem religiösen, sondern genauer auch von einem weltanschaulichen Pluralismus sprechen muss.
  • Zunehmend verschwimmen die Grenzen zwischen säkularen und religiösen Angeboten und Weltdeutungen.
  • Vorgegebene Traditionen spielen immer weniger eine Rolle, stattdessen müssen wir selbst unterschiedliche Lebensbereiche zu einem Ganzen zusammenfügen.

Schattenseiten des Pluralismus

Der Pluralismus hat eine dunkle Kehrseite: Menschen erleben, wie sie manipuliert oder unter Druck gesetzt werden bis hin zu Abhängigkeiten von Gruppen oder Anbietern, die absolute Hingabe fordern oder ihre Interessen mit Gewalt durchsetzen.

Früher wurde für solche Gruppen der Begriff „Sekte“ verwendet. Wer sich aufgrund von Sonderlehren von der Kirche trennte, war „Sektierer“ und wurde bekämpft. Später wurde der Begriff auch auf Gruppen ausgeweitet, die vom gesellschaftlichen Mainstream abwichen.

In der heutigen religiösen Vielfalt erscheint dieser klassische Sektenbegriff untauglich. Wer soll und darf denn bestimmen, was eine „Sekte“ ist und was nicht? Die größeren Organisationen gegenüber den kleineren? Oder die älteren gegenüber den jüngeren Neubildungen? Das dürfte kaum ein geeignetes Kriterium sein – sonst wären auch die evangelischen Kirchen „Sekten“ gegenüber der katholischen Kirche oder das gesamte Christentum gegenüber dem Judentum. Außerdem gibt es religiöse oder religionsähnliche Neugründungen wie z. B. Scientology, die nicht aus einer Abspaltung hervorgegangen sind. Schon aus diesen Gründen ist Vorsicht bei der Bezeichnung „Sekte“ geboten.

Darüber hinaus schwingt beim Gebrauch des Wortes „Sekte“ heute noch etwas anderes mit: „Sekten“ – das sind diejenigen, die ihre Mitglieder schlecht behandeln. Damit richtet sich der Blick darauf, ob Gemeinschaften oder Anbieter für ihre Mitglieder nach innen oder nach außen zu Konflikten führen.

„Sekte“ bezeichnet also eine konfliktträchtige Gruppe.
Folgende Merkmale können auf eine solche Gruppe hinweisen:

  • absoluter Wahrheits- und Erlösungsanspruch, verbunden mit Schwarz-Weiß-Denken,
  • betonte Gemeinschaft nach innen und Abwehr oder gar ein Verbot von Außenkontakten,
  • Aufbau radikaler Gegenwelten, Bedrohungsszenarien und Endzeiterwartungen,
  • Personenkult um die Leiter*innen, die über jede Kritik erhaben sind,
  • Kontrolle vieler oder aller Lebensbereiche,
  • Verbreitung von passenden Verschwörungstheorien,
  • vollständige finanzielle, berufliche, familiäre usw. Abhängigkeit der Mitglieder von der Gemeinschaft und ihrer Leitung, so dass ein normales gesellschaftliches Leben nicht mehr möglich ist.

Diese Merkmale können unterschiedlich stark ausgeprägt sein, eine trennscharfe Abgrenzung zwischen „Sekte“ und „Nichtsekte“ ist immer nur graduell möglich. Auch verändern sich diese Merkmale: Man kann von „Versektung“ sprechen – wenn eine Gruppe immer mehr oder stärkere konfliktträchtige Merkmale zeigt – oder umgekehrt von „Entsektung“.

Eine evangelische Perspektive – zu dieser Handreichung

Der Blick auf andere Konfessionen und Religionen war lange Zeit von Abwehr und Kritik bestimmt. Die heutige weltanschauliche Pluralität stellt die Kirchen vor die Herausforderung, für ein gutes gesellschaftliches Zusammenleben einzutreten. Dazu gehört einerseits die Achtung der Freiheit anderer religiöser und weltanschaulicher Gewissheiten – und dies, obwohl die Wahrheit des christlichen Glaubens durch diese anderen infrage gestellt wird. Andererseits ist religiöse – und damit auch christliche – Wahrheit immer existenziell und nur aus der je eigenen Perspektive möglich. Beides findet in dieser Handreichung seinen Niederschlag, wenn bei der Darstellung anderer Glaubensüberzeugungen versucht wird, deren Binnenperspektive wahrzunehmen, d. h. sich hineinzudenken und ein Gespür dafür zu entwickeln, wie diese Religiosität „funktioniert“, und sie dann aus der Außensicht des evangelisch-christlichen Glaubens eingeschätzt wird.

So können Christ*innen eine begründete evangelische Position jenseits von Abgrenzung einerseits und Relativismus andererseits einnehmen. Die Spannung zwischen der Binnen- und der Außensicht lässt sich nie ganz auflösen, denn es gibt keine neutrale Position im religiös-weltanschaulichen Pluralismus.

Die vorliegende Orientierungshilfe ist eine Handreichung für evangelische Kirchengemeinden. Sie will Hilfestellungen zur eigenen Urteilsbildung geben, wenn es beispielsweise Anfragen nach gemeinsamen Veranstaltungen, zur Raumvergabe, zu Doppelmitgliedschaften wie auch zu kirchlichen Handlungsfeldern (Taufen, Segnungen, Trauungen, Beerdigungen) und zur Seelsorge gibt. Sie erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Ökumenische und interreligiöse Themen bleiben außen vor.

Neben „klassischen“ Vertretern aus christlicher Tradition (Kap. 1-3) kommt das weite Feld neuerer Religiosität und Spiritualität zur Sprache. Dabei werden Esoterik (4), die Faszination „dunkler“ Spiritualität (5) und Aspekte aus ursprünglich asiatischem Kontext (6) in den Blick genommen. Die Kapitel über Lebenshilfe-Angebote (7) und über Formen von Religionsdistanz (8) werfen einen Blick auf die Grenzen zwischen Säkularem und Religiösem. Die Auswahl beruht auf Erfahrungen aus der Beratungsarbeit. Die Internetlinks geben den Stand von März 2020 wieder.