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Christliche Religionsgemeinschaften im Wandel

Christliche Religionsgemeinschaften im Wandel

Christliche Sondergemeinschaften, die im 19. und am Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden sind, haben ihr Selbstverständnis in deutlicher Abgrenzung zu anderen Kirchen entwickelt. Dabei vertreten sie Glaubensauffassungen und Praktiken, die von der Mehrzahl der christlichen Kirchen ausdrücklich nicht geteilt werden. Daher ist das Verhältnis zu den Sondergemeinschaften von Konflikten und Distanz geprägt. Der Blick auf die Entstehung von christlichen Sondergemeinschaften lässt sie als „außerkirchliche religiöse Protestbewegungen der Neuzeit“ (Helmut Obst) erscheinen. Die Abgrenzung von den großen christlichen Kirchen wurde meist damit begründet, dass diese das biblische Zeugnis nicht ernst genommen, wichtige Aspekte nicht berücksichtigt und sich insgesamt zu sehr der Welt und dem jeweiligen Zeitgeist angepasst hätten. Mit der Gründung und Ausformung von Sondergemeinschaften wurde innerhalb dieser Gruppen oftmals ein absoluter Wahrheits- und Erlösungsanspruch entwickelt. Manche dieser Gruppen wählen gezielt die Distanz zur Welt, fordern Gehorsam und sind maßgeblich von einem Schwarz-Weiß-Denken bestimmt. Hinzu kommen die Vorstellung eines perfektionistischen Christseins und ausgeprägte endzeitliche Vorstellungen, wobei das Heil ausschließlich der eigenen Gemeinschaft zuteilwerden soll. Das Selbstverständnis ist von angeblich neuen Einsichten in das biblische Zeugnis oder von neuen Offenbarungen geprägt. Die Entstehung und weitere Entwicklung christlicher Sondergemeinschaften ist maßgeblich im Gegenüber zu den christlichen Kirchen entwickelt und formuliert worden. Die abgrenzende Haltung wurde zum entscheidenden Kennzeichen des eigenen Selbstverständnisses.

Auch die christlichen Kirchen sahen und sehen sich zu einer kritischen Verhältnisbestimmung gegenüber diesen Sondergemeinschaften herausgefordert. Während es einerseits heute noch Gemeinschaften gibt, die an einer exklusiven, antiökumenischen und abgrenzenden Haltung festhalten (z. B. Zeugen Jehovas) und sich manche im Lauf der Zeit noch stärker radikalisiert haben, gibt es andererseits auch Gemeinschaften, die ihre ablehnende Haltung gegenüber den ökumenisch orientierten christlichen Kirchen revidiert und einen Öffnungsprozess begonnen haben, um die gewählte „Selbstisolation“ zu überwinden. Möglicherweise haben innerer Druck und neue Kommunikationswege und Informationsmöglichkeiten für Mitglieder und Ehemalige bzw. Aussteiger*innen diesen Prozess beschleunigt. Nicht zuletzt dürften die Säkularisierungsprozesse in der Gesellschaft ebenfalls dazu beigetragen haben, dass die Haltung der Abschottung aufgegeben wurde.

Mehrere herkömmlich als christliche Sondergemeinschaften bezeichnete Gemeinschaften haben ihre Sonderlehren und die konfliktträchtigen Ausdrucksformen ihrer religiösen Praxis teils verändert und neu interpretiert. Dazu zählen neben den Siebenten-Tags-Adventisten und der Neuapostolischen Kirche, um die es im Folgenden geht, u. a. die Weltweite Kirche Gottes, die Kirche des Nazareners, die Gemeinde Gottes (Cleveland) und die Gemeinde Gottes (Anderson).

In diesem Kapitel werden zwei Gemeinschaften vorgestellt, die einen längeren bzw. einen beschleunigten Öffnungsprozess vollzogen und ihren Exklusivitätsanspruch aufgegeben haben: Die Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten (STA) und die Neuapostolische Kirche (NAK) sind mittlerweile Gastmitglied in der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK). Durch Begegnungen und offizielle Gespräche zwischen Vertreter*innen dieser Gemeinschaften und der Kirchen kam es bei den ehemaligen Sondergemeinschaften zur Formulierung eines neuen Selbstverständnisses, das nicht in Abgrenzung, sondern in einer neuen Verhältnisbestimmung zu den christlichen Kirchen und der Suche nach einer gemeinsamen Übereinstimmung in Fragen der Lehre und Praxis formuliert wurde.

So haben sich die Siebenten-Tags-Adventisten von einer radikal antikatholischen Gruppe zu einer Freikirche gewandelt, die seit 1993 als Gastmitglied in der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen vertreten ist. Verantwortlich dafür waren vor allem Begegnungen und Gespräche von Adventisten, die als offizielle Konzilsbeobachter des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962 – 1965) anwesend waren. Bedenken haben die STA weiterhin, weil sie befürchten, dass eine „Welteinheitsökumene“ das eigene adventistische Anliegen verwässern könnte. Deshalb haben sie die Charta Oecumenica, in der im Jahre 2003 „Leitlinien für die wachsende Zusammenarbeit unter den Kirchen in Europa“ verabschiedet wurden, nicht mitunterzeichnet.

Seit 2001 hat die Neuapostolische Kirche in einem ökumenischen Öffnungsprozess begonnen, ihr Verhältnis zu den christlichen Kirchen neu zu bestimmen. Stammapostel Richard Fehr (1988 – 2005) setzte 1999 eine Projektgruppe Ökumene ein, die später in „Arbeitsgruppe Kontakte zu anderen Konfessionen/Religionen“ umbenannt wurde. Maßgeblich für die ökumenische Annäherung war nicht zuletzt die Veröffentlichung des neuen Katechismus der NAK im Jahre 2012, in dem sie ihr Selbstverständnis neu formulierte. Sie bekräftigt darin, dass sie sich den Glaubensbekenntnissen der Alten Kirche verpflichtet fühlt und die ökumenische Zusammenarbeit mit anderen Kirchen als wichtige Aufgabe betrachtet. Nachdem die NAK schon zuvor auf lokaler (Memmingen 2006) und regionaler Ebene Gastmitglied der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen geworden war, wurde sie im April 2019 auch auf Bundesebene offiziell als Gastmitglied aufgenommen.

Zwischen diesen beiden Gemeinschaften und der evangelischen Kirche gibt es regelmäßige bilaterale Kontakte und Begegnungen, um Gemeinsamkeiten zu suchen, aber auch theologische Unterschiede zu diskutieren.

Weitere Informationen

Matthias Pöhlmann / Christine Jahn (Hg.): Handbuch Weltanschauungen, Religiöse Gemeinschaften, Freikirchen, Gütersloh 2015, 320-324.

Ulrich H. J. Körtner: Ökumenische Kirchenkunde, LETh 9, Leipzig 2019.

Helmut Obst: Außerkirchliche religiöse Protestbewegungen der Neuzeit, KEG III/4, Berlin 1990.

Wahrnehmungen

In verschiedenen Gegenden Deutschlands findet sich am Orteingang ein Hinweisschild, auf dem die Adventgemeinde zu ihrem Gottesdienst am Samstag um 10:30 Uhr einlädt. Die Mitglieder heiligen den Sabbat (Samstag). In ihrem Alltag legen die Siebenten-Tags-Adventisten (STA) Wert auf eine gesunde Lebensweise und verzichten auf Alkohol, Tabak und oft auch auf fleischliche Nahrung. Die Freikirche der STA darf nicht mit Gruppen und Initiativen verwechselt werden, die im Umfeld von Kirchentagen meist antikatholische und stark endzeitlich ausgerichtete Schriften verteilen. In der Regel handelt es sich dabei sich um Vertreter adventistischer Splittergruppen, von denen sich die Freikirche der STA deutlich distanziert.

Inhalte

Die Gemeinschaft der STA ist in der Mitte des 19. Jahrhunderts in den USA entstanden. Einen prägenden Einfluss auf ihre Entstehung übten die zeitgenössischen nordamerikanischen apokalyptischen Bewegungen aus. Der baptistische Farmer William Miller (1782 – 1849) begann die Bibel intensiv zu studieren und meinte einen Schlüssel für die Berechnung der sichtbaren Wiederkunft Christi gefunden zu haben, die er zwischen dem 22. März 1843 und dem 21. März 1844 erwartete. Seine Botschaft stieß auf große Resonanz. Als die von ihm errechnete Wiederkunft Christi ausblieb, war die Enttäuschung sehr groß. Die Bewegung zerfiel in mehrere Gruppen. Eine zentrale Person für die Einigung der verschiedenen adventistischen Gruppen war Ellen Gould White (1827 – 1915), die sich zuvor der Miller-Bewegung angeschlossen hatte. Da sie nach Auffassung von Glaubensgeschwistern den „Geist der Weissagung“ besaß, stieß sie mit ihren Prophezeiungen im Kreis der Adventisten auf große Aufmerksamkeit. Nach einer Konferenz im Jahre 1863 wurde die Gemeinschaft der STA offiziell gegründet. Besonderen Wert legte E. G. White auf eine gesunde Lebensweise für Christen. Die Errichtung von Krankenhäusern und Sanatorien diente ebenfalls der Gesundheitspflege. 1876 entstand die erste deutsche STA-Gemeinde in Solingen.

Ihre Glaubensüberzeugungen haben die STA in 28 Glaubensartikeln zusammengefasst. Folgende Lehrbesonderheiten sind darin zu finden:

Die sogenannte Heiligtumslehre (Art. 24-28) beruht auf der Vorstellung, dass es eine Nachbildung der alttestamentlichen Stiftshütte als Heiligtum im Himmel gebe, in der Jesus als Hohepriester seinen Opferdienst verrichte. Mit seinem Eintritt in das Heiligtum, der 1844 erfolgt sei, habe das Gericht vor der Wiederkunft Jesu begonnen. Die im Gericht ermittelten Gerechten würden dann in den Himmel aufgenommen, die Ungerechten aber sterben. Daran schließe sich eine 1000-jährige Zeit an, in der nur Satan und seine Engel auf der verwüsteten Erde hausen, während Christus mit seinen Heiligen im Himmel herrsche und bis zur zweiten Auferstehung über die noch Unerlösten Gericht halte. Begleitet sei das Ende des Millenniums von einer kosmischen Entscheidungsschlacht.

Der Sabbat ist für die STA der wöchentliche „Gedenktag der Schöpfung“, der auch in den Zehn Geboten verankert sei. Sie begreifen ihn auch als Sinnbild der Erlösung durch Christus, als Zeichen der Heiligung, als Ausdruck menschlicher Treue und als Vorgeschmack ewigen Lebens im Reich Gottes.

Die Endzeit ist nach Vorstellung der STA geprägt vom Glaubensabfall. Daher sei die „Schar der Übrigen“ herausgerufen, um an den Geboten festzuhalten und den Glauben zu bewahren. Die „Übrigen“ hätten die Aufgabe, darauf hinzuweisen, dass die Stunde des Gerichts gekommen sei: Diese sog. Dreifache Engelsbotschaft enthält nach der Vorstellung der STA (1) den Ruf zur Umkehr und zur alleinigen Anbetung des Schöpfers angesichts des nahenden Gerichts und (2) die Aufforderung zur Abwendung von „Babylon“. Babylon wird herkömmlich als falsche Verbindung von Religion und Staat gedeutet. Die wahren Gläubigen werden aus korrumpiert erscheinenden religiösen Organisationen herausgerufen. Schließlich wird (3) davor gewarnt, dass in der Johannesoffenbarung genannte „Tier“ anzubeten. Dies wird als Ruf zur Entscheidung für oder gegen Gott verstanden.

Der Gabe der Weissagung wird eine besondere Bedeutung beigemessen, sie sei jedoch an der Schrift zu messen. Taufe und Abendmahl gelten für die STA nicht als Sakramente, sondern als „heilige Handlungen“. Dazu zählt ergänzend auch die Fußwaschung.

Die Freikirche der STA ist zentralistisch organisiert. Grundlegende Entscheidungen werden auf internationaler Ebene von der Generalkonferenz-Versammlung getroffen. Mehrere Einzelgemeinden eines Landesteils bilden eine „Vereinigung“. Mehrere Vereinigungen bilden einen „Verband“. Verbände eines Erdteils sind in weltweit 13 „Divisionen“ zusammengeschlossen. In Deutschland gibt es den Norddeutschen und den Süddeutschen Verband. Die STA betreiben den „Adventistischen Pressedienst Deutschland“ (APD), zwei Verlage und den „Hope Channel“. Hinzu kommen mehrere soziale Einrichtungen. Die Theologische Hochschule Friedensau in Sachsen-Anhalt und das Schulzentrum Marienhöhe in Darmstadt widmen sich den Bildungsaufgaben der STA. Ende 2018 zählte die Freikirche in Deutschland 34 792, weltweit über 20 Millionen getaufte Mitglieder in insgesamt 215 Ländern.

Einschätzungen

Seit 1993 arbeitet die Freikirche der STA als Gastmitglied in der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) sowie in der Vereinigung Evangelischer Freikirchen (VEF) mit. Die Charta Oecumenica wurde von ihr nicht unterzeichnet. Auf internationaler Ebene gab es mehrere bilaterale Gespräche mit den christlichen Kirchen. Für das Deutsche Nationalkomitee des Lutherischen Weltbundes sind dabei noch verschiedene theologische Fragen im Blick auf adventistische Sonderlehren offen geblieben (Sabbat, Heiligtumslehre, Endzeiterwartung), die derzeit diskutiert werden. (Zum Öffnungsprozess der STA vgl. das vorausgehende Kap. 2.1.)

Handlungsempfehlungen

Taufen innerhalb der STA werden aus evangelischer Sicht als rite vollzogen anerkannt. Adventisten können gastweise zu evangelischen Abendmahlsfeiern eingeladen werden. Gegenseitige Besuche können ein besseres Verständnis auf beiden Seiten ermöglichen. Bei der Zusammenarbeit mit einem Mitglied der STA oder einer Anstellung eines Mitglieds sollte die Auswirkung der Sabbatheiligung miteinander besprochen werden.

Weitere Informationen

Christian Feichtinger: Das geheiligte Leben. Körper und Identität bei den Siebenten-Tags-Adventisten, KKR 72, Göttingen 2018.

Matthias Pöhlmann / Christine Jahn (Hg.): Handbuch Weltanschauungen, Religiöse Gemeinschaften, Freikirchen, Gütersloh 2015, 159-178.

Wahrnehmungen

Die Neuapostolische Kirche (NAK) hat in den vergangenen Jahren einen enormen ökumenischen Öffnungsprozess vollzogen. Seit April 2019 ist sie Gastmitglied in der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK).

Inhalte

Die Wurzeln der NAK reichen in das England des 19. Jahrhunderts zurück. Hier entstanden zwischen 1832 und 1835 die sog. Katholisch-Apostolischen Gemeinden, die sich als das „wieder aufgerichtete Erlösungswerk“ Jesu Christi, als wahre Kirche in der Endzeit verstanden. Theologische Streitigkeiten führten 1863 in Hamburg zur Abspaltung der Allgemeinen Christlichen Apostolischen Mission; aus deren Wurzeln ist – begleitet von weiteren Zerwürfnissen – die Neuapostolische Gemeinde bzw. die NAK hervorgegangen. Auch in den Folgejahren kam es immer wieder zu Spaltungen, die zur Bildung weiterer Gemeinschaften wie des Apostelamts Jesu Christi oder der Apostolischen Gemeinschaft führten. Die NAK ist das Ergebnis eines langwierigen Ablösungs- und Verwerfungsprozesses. Pfingsten 1897 führte die Errichtung des Stammapostolats zur eigentlichen Konstituierung der Gemeinschaft, die sich seit 1930 NAK nennt. Ihre weitere Geschichte wurde stark von den jeweiligen Stammaposteln geprägt, insbesondere von Johann Gottfried Bischoff (1871 – 1960). Während seiner Amtszeit kam es zu einer massiven Abgrenzung von anderen Kirchen und zu zahlreichen Abspaltungen. Seine unerfüllte Erwartung, wonach er der letzte Stammapostel sei und die Wiederkunft des Herrn unmittelbar bevorstehe, stürzte die NAK in eine große Krise, da die sog. „Bischoff-Botschaft“ auch noch lange Zeit danach als Offenbarung an den Stammapostel betrachtet wurde. Erst in jüngster Zeit hat sich die NAK davon distanziert und die Offenbarungsqualität dieser Botschaft bestritten.

Einen wichtigen Schritt in Richtung Ökumene vollzog die NAK mit der Veröffentlichung ihres neuen Katechismus im Dezember 2012. Vorangegangen waren zahlreiche mehrjährige Kontaktgespräche mit kirchlichen Fachstellen. Darin hat die NAK eine Revidierung ursprünglicher Positionen vorgenommen, die dazu führte, dass sie ihren bisherigen Exklusivitätsanspruch aufgegeben hat. Sie schließt sich an die altkirchlichen Bekenntnisse an und hat ein eigenes Glaubensbekenntnis formuliert. In zehn Artikeln wird darin die verbindliche Lehre der NAK formuliert. (Zum Öffnungsprozess der NAK in Richtung Ökumene vgl. auch Kap. 2.1.)

Eine Besonderheit der NAK ist das Apostelamt: Für die NAK ist die wahre Kirche an das Amt des Apostels gebunden, da es unmittelbar von Jesus Christus eingesetzt worden sei. Aufgabe des Apostels sei es, „heilsverlangenden Menschen Erlösung zugänglich zu machen“ und „die Gläubigen auf die Wiederkunft des Herrn vorzubereiten“ (Katechismus, 289). Darüber hinaus findet sich auch die Vorstellung, wonach der Stammapostel „gegenwärtige Offenbarungen“ empfangen könne, die aber – so die Interpretation – auch am biblischen Zeugnis zu messen seien.

Die NAK spendet drei Sakramente: Neben der Wassertaufe und dem Abendmahl kennt sie noch die sog. Versiegelung, die Spendung des Heiligen Geistes. Durch Wassertaufe und Versiegelung vollzieht sich die Gotteskindschaft.

Die NAK praktiziert als weitere Besonderheit das sog. Entschlafenenwesen. Sie geht von der Unsterblichkeit der Seele und einem nachtodlichen Jenseits aus. Hier setzt das Entschlafenenwesen der NAK an: So spenden der Stammapostel (Kirchenoberhaupt) oder Bezirksapostel in sog. Entschlafenengottesdiensten die Wassertaufe, die Versiegelung und das Abendmahl stellvertretend für Entschlafene an Lebende, d. h. Amtsträger, dreimal im Jahr. Dies geschieht jeweils am ersten Sonntag im März, Juli und November.

Ein weiteres Charakteristikum der NAK ist ihre endzeitlich geprägte Glaubenshaltung. Demnach werde die Brautgemeinde (sie umfasst alle versiegelten NAK-Mitglieder) zuerst in die Gemeinschaft mit Gott aufgenommen, und danach wende sich Gott allen anderen Menschen zu.

Die NAK ist hierarchisch aufgebaut: An der Spitze steht – als höchste geistliche Autorität – der Stammapostel mit Sitz in Zürich. Weltweit amtieren rund 360 Apostel. Hinzu kommen weitere Ämter (priesterliche und diakonische), deren Besetzung die Apostel vornehmen. Weltweit hat die NAK neun Millionen, in Deutschland 330 000 Mitglieder in 1600 Gemeinden.

Einschätzungen

Das ökumenische Engagement der NAK und ihr Öffnungsprozess sind positiv zu würdigen. Insgesamt hat sie ihren Exklusivitätsanspruch deutlich abgeschwächt. Sie sieht sich zwar als Brautgemeinde in einer herausgehobenen Position im Endzeitgeschehen, ohne jedoch andere Kirchen abzuwerten. Der Anspruch, der Stammapostel versehe den „Petrusdienst“, ist mit dem evangelischen Amtsverständnis nicht kompatibel. Auch das Entschlafenenwesen bzw. die Jenseitslehre der NAK ist aus evangelischer Sicht kritisch zu hinterfragen, insbesondere dann, wenn davon ausgegangen wird, Verstorbene könnten durch besondere sakramentale Handlungen der Gnade Gottes zugeführt werden.

Handlungsempfehlungen

Die Taufen werden wechselseitig anerkannt. In der NAK wird die vorgenommene „Wassertaufe“ durch die Versiegelung ergänzt. Die NAK kennt kein Patenamt. Wird dies im Einzelfall gewünscht, sollte darüber ein klärendes Gespräch geführt werden. Dabei sollte zur Sprache kommen, dass es sich bei der Taufe nach evangelischem Verständnis um ein voll gültiges Sakrament handelt, das keiner Ergänzung durch die Versiegelung bedarf. Die NAK lädt auch Christ*innen aus anderen Konfessionen zu ihrem Abendmahl ein. Allerdings lehrt die NAK, dass nur neuapostolische Amtsträger die Konsekration vornehmen können und folglich alle anderen Konfessionen ein reines Gedächtnismahl feiern. Die Teilnahme neuapostolischer Christ*innen am evangelischen Abendmahl ist möglich.

Weitere Informationen

Katechismus der NAK, Frankfurt a. M. 2012.

Kai Funkschmidt (Hg.): Bewahrung und Erneuerung. Ökumenische Analysen zum neuen Katechismus der Neuapostolischen Kirche, EZW-Texte 228, Berlin 2013.

Matthias Pöhlmann / Christine Jahn, (Hg.): Handbuch Weltanschauungen, Religiöse Gemeinschaften, Freikirchen, Gütersloh 2015, 294-319.