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Angebote zur Lebenshilfe und Selbstoptimierung

Angebote zur Lebenshilfe und Selbstoptimierung

In der modernen, pluralistischen und weltweit vernetzten Gesellschaft haben Menschen oft den Eindruck, dass das Leben schwieriger, komplizierter und unübersichtlicher geworden ist. Wenn dieses Gefühl zum Problem wird, ist es wichtig, gute und tragfähige Hilfe und Begleitung zu erfahren. Dies kann zum Beispiel durch professionelle Psychologie oder Psychotherapie, durch Seelsorge und Beratung geschehen. Es gibt hier viele gute Angebote, allerdings auch solche, die nichtfachliche Hintergründe haben, para- und pseudowissenschaftliche Methoden anbieten, spirituelle Kontexte haben, die mit dem Christentum nicht zu vereinbaren sind, oder ein problembehaftetes Welt- und Menschenbild haben.

Wahrnehmungen

Mit Angeboten von Scientology kann man auf verschiedene Arten in Kontakt kommen: durch Werbung und Informationsstände in den Innenstädten, über das Internet, im persönlichen Umfeld oder auch über instrumentalisierte Institutionen (etwa Schulen, die sich nicht ausreichend über Angebote von sogenannten scientologischen Unterorganisationen informiert haben). Bekannte Scientologen, wie etwa Tom Cruise, machen Werbung für die Gruppe. Über Scientology wurde in den deutschen Medien umfangreich aufgeklärt, die Organisation wird in der Öffentlichkeit als Sekte wahrgenommen, sie selbst bezeichnet sich als Kirche. Zunehmend tauchen scientologische Angebote, bei denen es oft mühsam ist, die eigentliche Herkunft zu erkennen, im öffentlichen Raum auf. Dazu gehören etwa:

  • „Dianetik“: die Methode der Scientology.
  • „Der Weg zum Glücklichsein – The Way to Happiness“: Werbekampagne für Scientology.
  • „Fakten über Drogen“, „Sag NEIN zu Drogen, sag JA zum Leben“: Anti-Drogen-Kampagne der Scientology-nahen Organisation „Narconon“, die sich vor allem an Schulen und Jugendorganisationen wendet.
  • „KVPM – Kommission für Verstöße der Psychiatrie gegen Menschenrechte“ will durch Veröffentlichungen und Ausstellungen auf angebliche Missstände in der Psychiatrie aufmerksam machen.
  • „Jugend für Menschenrechte – Youth for Human Rights International“ spricht vor allem Jugendliche an und vertreibt Videoclips und Hefte zu Menschenrechten.

Diese Organisationen dienen oft dem Erstkontakt mit Scientology und als sogenannte „Eintrittspforte“ in das System.

Inhalte

Scientology wurde von dem Science-Fiction Autor L. Ron Hubbard (1911 – 1986) in den USA gegründet und bezeichnet sich selbst als Religion. Scientologen gehen davon aus, dass sich das Universum und der Mensch aus verschiedenen Bausteinen zusammensetzen. Demnach besteht das Universum aus Materie, Energie, Raum und Zeit, der Mensch aus dem Verstand, dem sterblichen Körper und dem sogenannten „Thetan“. Letzterer sei ein unsterbliches Wesen (Seele oder Geist), das in jedem Menschen existiere, eine Art „Geistwesen“. Laut Scientology ist der Thetan übermächtig, hat jedoch seine Kräfte im Laufe des jetzigen und der vorherigen Leben durch traumatische Faktoren wie Unfälle oder Krisen verloren. Ziel eines jeden Menschen sei es, die Freiheit und somit auch die Kräfte des ursprünglichen Thetans zu erlangen. Dazu muss man zuerst den sogenannten Clear-Status erreichen und dann Programme und Kurse absolvieren, die das Ziel haben, den „Thetan“ unter Kontrolle zu bekommen und „Operierender Thetan“ in unterschiedlichen Stufen zu werden. Wenn man dies erreichen würde, so Scientology, würde man eine Art „neuer Mensch“ mit unendlichen Fähigkeiten bis hin zur Gott-Gleichheit. Versprochen wird eine ständige Weiter- und Fortentwicklung des Selbst. Dies geschieht durch ein durchgeplantes Kurssystem, das entgeltlich angeboten wird. Darin werden unterschiedliche Techniken angewandt, die teilweise als pseudotherapeutisch zu bezeichnen sind.

Die meist angewendete Technik zum Erreichen des Clear-Zustandes wird Auditing genannt. Dabei spricht der Anhänger mit dem sogenannten Auditor in einer Art „Therapeuten-Setting“, um dem Verstand zu „klären“. Während des Gespräches wird ein sogenanntes „E-Meter“ verwendet, das Ähnlichkeiten mit einem Lügendetektor hat. Durch Blechbüchsen fließt ein geringer Strom, angebliche mentale Veränderungen im Klienten werden durch Ausschläge einer Nadel angezeigt. Diese Ausschläge werden vom Auditor interpretiert. Ist ein vermeintliches Problem oder eine Belastung gelöst, spricht man davon, dass der Klient „gecleart“ sei.

Scientology ist streng hierarchisch, fast militärisch gegliedert. Es gibt diverse interne Organisationen, die über Ordnung und Richtigkeit der angewandten Methoden wachen. Kritiker*innen werden als Feinde gesehen, die Scientology Schaden zufügen wollen.

Einschätzungen

Die Methoden von Scientology sind stark umstritten. Der Organisation werden heimliche Machtbestrebungen, antidemokratische Tendenzen, Missbrauch von Hypnose und Manipulation vorgeworfen. In Deutschland wird die Organisation vom Verfassungsschutz beobachtet.

Es wird infrage gestellt, ob es sich bei Scientology überhaupt um eine Religion handelt. In erster Linie handelt es sich um ein Wirtschaftsunternehmen, das sich die Gewinnmaximierung durch den Verkauf von Büchern, CDs und Kursen zum Ziel gesetzt hat. Das übergestülpte religiöse System ist als okkultistisch und esoterisch einzustufen. Es dient vor allem dazu, als quasi-religiöses System finanzielle und steuerliche Vorteile zu erlangen. Die Methoden können als pseudowissenschaftliche Ideologie bezeichnet werden. Scientologisches Gedankengut ist mit christlichem Glauben unvereinbar. Das Menschenbild in Scientology geht davon aus, dass ein gottähnlicher Übermensch geschaffen werden könne. Dies widerspricht dem christlichen Menschenbild der würdevollen Geschöpflichkeit auch in Schwäche und Leid.

Handlungsempfehlungen

Man sollte sich gut über Scientology und die jeweils auftretenden Tarnorganisationen informieren, um nicht in eine Situation zu geraten, in der man instrumentalisiert wird. Es ist nicht möglich, mit Scientology oder einer der Unterorganisationen zusammenzuarbeiten, Räume zu vermieten oder Werbung auszulegen. Menschen, die Kurse bei Scientology belegt haben, berichten von Druck, Problemen in der Familie und dem sozialen Umfeld. Diese Menschen sollten professionell begleitet und ihnen sollte Hilfe angeboten werden. Über die Hintergründe und Praktiken von Scientology sollte aufgeklärt werden.

Weitere Informationen

Arnd Diringer: Die Brücke zur völligen Freiheit? Organisationsstruktur, Dogmatik und Handlungspraxis der Scientology-Organisation, EZW-Texte 188, Berlin 2007.

Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft Berlin: Scientology inkognito. Unterorganisationen und Kampagnen, 32016.

http://www.relinfo.ch/lexikon/psychogruppen/scientology

Wahrnehmungen

„Es ist fantastisch: Die Berührung von 32 Punkten am Kopf sind der energetische Schlüssel, um alles aufzulösen, was dich möglicherweise daran hindert, in deine volle Kraft, Kreativität und Handlungsenergie zu kommen.“ Mit diesen Worten beginnen die Werbeflyer zu Veranstaltungen von Access Consciousness. Eingeladen wird zu unterschiedlichen Vortrags- und Erlebnisabenden, die dazu führen sollen, dass man weitere Kurse belegt. Es wird versprochen, dass durch die Stimulationsmethode „Access Bars“ Lebensthemen wie Kommunikation, Heilung, Geld, Hoffnung und Träume, Kontrolle, Wahrnehmung, Sexualität oder Altern mit neuen Energien gefüllt werden und sich komplett zum Positiven verändern. Die Methode wird als einfach, unproblematisch, günstig und effektiv beworben.

Inhalte

Access Consciousness wurde 1990 von Gary Douglas in Santa Barbara in Kalifornien gegründet. Später stieß Dain Heer als zusätzliche Führungsfigur hinzu. Zunächst hieß die Organisation Access, dann Access Energy Transformation und inzwischen Access Consciousness. Es gibt diverse andere Namen für Methoden, Kurse und Angebote. Nach Eigenaussage ist das System mittlerweile in über 170 Ländern vertreten und hat das Leben von „mehr als 30.000 Menschen verändert“.

Gary Douglas betätigte sich zunächst als Medium und war Kanal für diverse jenseitige Geistwesen. Kurz nach seiner ersten Channeling-Begegnung mit „Rasputin“ soll er nach Colorado gereist sein, um an einem Meditationscamp teilzunehmen. Dort soll er eine Gruppe von nichtmenschlichen Wesen, die er „Novians“ nennt, gechannelt haben. Diese Novians sollen Douglas das ursprüngliche Wissen über die grundlegende Methode von Access Consciousness, die „Access Bars“, vermittelt haben. Als „Access Bars“ wird die Einstiegsmethode bezeichnet, die jeder Teilnehmer von Access zunächst lernen muss. Sie ist der Ausgangspunkt eines nahezu unübersichtlichen Kursangebotes.

Strukturell geht dabei Access immer von einem erfahrenen Defizit aus und stellt die Möglichkeit in Aussicht, dass die eigenen Grenzen einfach und effektiv durch den Besuch der Kurse überwunden werden können.

Halbwegs inhaltlich sicher nachvollziehbar sind lediglich die Angebote der Access Bars und ihre Praxis: Am Kopf werden 32 Punkte durch leichten Druck stimuliert, dadurch sollen sich Energien übertragen und etwaige negative Inhalte „löschen“. Während einer Sitzung von Access Bars wird ein sogenannter „Clearingsatz“ mehrmals mantraartig wiederholt. Dieser Satz könne auch in anderen Sprachen gesagt werden, entfalte aber im Englischen seine „höchste Energie“. Da die Kursunterlagen geheim gehalten werden, ist es schwierig, etwas über die Inhalte zu sagen.

Strukturell betrachtet handelt es sich bei Access Consciousness zunächst um ein vom Anwender je nach eigener Interessenlage zusammenstellbares, in sich differenziertes Kurssystem, das es ihm ermöglicht, die benannten „Techniken, Werkzeuge und Prozesse“ (= „Access-Tools“) anzuwenden, um die von ihm gewünschten Ziele zu erreichen. Dabei bauen die Kurse teilweise aufeinander auf bzw. sind von der Teilnahme an vorhergehenden Kursen abhängig.

Kritiker*innen weisen in diesem Zusammenhang darauf hin, dass für Außenstehende Inhalte, Techniken und Abläufe der jeweiligen Kurse nur oberflächlich beschrieben werden. Auch Kursunterlagen werden nur an Teilnehmer weitergegeben und sind markenrechtlich geschützt.

Einschätzungen

Der Reiz für Menschen, sich dieser Methode zuzuwenden, ist sicherlich im Angebot einer schnellen, unkomplizierten und scheinbar risikolosen Verbesserung aller Lebensbereiche zu sehen. Schlussendlich wird damit jedoch eine Freiheit beworben, von der Aussteiger*innen und Kritiker*innen berichten, dass sie so nicht existiere. Im Gegenteil: Das Kurssystem und dessen Inhalte würden geheim gehalten, seien teuer und gäben sich einen pseudowissenschaftlichen Anstrich. Für diese Einschätzung spricht, dass Access vor allem im Umfeld von alternativen Lebenshilfeangeboten zu finden ist und die dort überbordenden Versprechungen von Energieanstieg, Stressbewältigung, schneller Gesundung, leichtem Geldverdienen oder intensiverem Beziehungsleben nicht haltbare Erwartungen evozieren können.

Aus evangelisch-theologischer Sicht fußen die Angebote von Access auf einem synkretistischen System verschiedener esoterischer Kontexte und Methoden, etwa Channeling und Jenseitskontakten des Gründers, gepaart mit Reinkarnationsvorstellungen. In der Praxis begegnet eine Mischung aus übertriebenen Heilungsansprüchen, Motivationstrainings, positivem Denken und Energieflüssen.

Der Clearingsatz macht einen mirakulösen Eindruck, er fungiert scheinbar als eine Art Mantra, das quasi-religiös in verborgene Energie- und Bewusstseinsschichten eindringt und sie löscht bzw. verändert.

Das Menschenbild ist mechanistisch und kann nicht mit dem christlichen Menschenbild eines einzigartigen, gottebenbildlich geschaffenen Individuums in Einklang gebracht werden. Die Vorstellungen von zu löschenden Speicherchips im Kopf muten transhumanistisch an und sind auch aus psychologischer Perspektive problematisch.

Handlungsempfehlungen

Wenn Menschen in Gemeinden die Angebote von Access Consciousness besuchen, kann ihnen ein Gespräch angeboten werden, um über die Hintergründe aufzuklären. Oftmals wissen die Konsumenten gar nicht, welche Lehre hinter den scheinbar unproblematischen Angeboten steht. Weiterhin kann gefragt werden, welche Motivation Menschen haben, solche Kurse zu besuchen. Oft steht dahinter eine Sehnsucht nach Selbstoptimierung, schneller Lösung tiefsitzender Probleme oder nach Heilung. Sensibel könnte man dann deutlich machen, dass das Versprechen einer schnellen und unkomplizierten Lösung komplizierter Sachverhalte zwar reizvoll ist, aber nicht nachhaltig funktioniert, sondern im Gegenteil die Gefahr von finanziellen und psychischen Abhängigkeiten birgt.

Räumlichkeiten können den Anbieter*innen von Access Consciousness nicht zur Verfügung gestellt werden, auch die Anfragen, Werbung und Plakate aufzuhängen, sollte man ablehnen.

Weitere Informationen

Alexander Warnemann / Oliver Koch: Einfach und bequem alles verändern? Kritische Anmerkungen zu „Access Consciousness“, in: Materialdienst der EZW 5/2018, 176-183.

https://www.psiram.com/de/index.php/Access_Consciousness

Wahrnehmungen

Unter den Titeln „Constellation Work“, „Hellinger Work“ oder „systemische Aufstellung nach Bert Hellinger“ wird sowohl auf dem alternativen Psychomarkt als auch in ärztlich approbierten Kreisen für diese spezielle Art der systemischen Familienaufstellung geworben. Dabei sind die Zielgruppe sowohl Einzelpersonen oder Familien als auch Firmen oder soziale Systeme, in denen ethnische, politische, kollegiale oder familiäre Probleme gelöst werden sollen. Es finden sich auch Angebote in kirchlichen Häusern, Familienbildungsstätten oder in der seelsorglichen Begleitung.

Inhalte

Bert Hellinger (bürgerlich: Anton Hellinger, 1925 – 2019) ist ehemaliger katholischer Priester, hat verschiedene Fortbildungen in Gruppendynamik, Therapie und Analyse besucht, jedoch keine therapeutische Ausbildung abgeschlossen. Seit 1993 gab er verschiedene Bücher und Zeitschriften heraus, in denen er seine Sicht der Familiensysteme und ihrer Ordnung beschreibt. In der Praxis geschieht die Aufstellungsarbeit nach festgelegten Regeln. Nachdem die Familienmitglieder ihre Systeme nachgestellt und Emotionen etwa durch Gesten oder dergleichen sichtbar gemacht haben, greift die nach Hellinger beschriebene „richtige Ordnung“. Nach ihr werden die Familien bzw. Systeme neu aufgestellt, wodurch dann „die Liebe wieder fließen“ und die Systeme wieder richtig und neu gemeinsam leben und agieren könnten. Dabei spielen die von Hellinger entdeckten Gesetze, die ein harmonisches Familienleben ausmachen, eine große Rolle. Ein grundlegender Gedanke ist, dass Systeme vor allem durch nicht vergebene Schuld und ungelöste Konflikte auch in früheren Generationen belastet sind und davon befreit werden müssen. Es wird in diesem Zusammenhang von einem „wissenden Feld“, den „Ordnungen der Liebe“ oder der „großen Seele“ gesprochen, die den Weg zur Erlösung weisen.

Nur wenn die alten Verstrickungen gelöst werden und das System nach Hellingers Regeln neu aufgestellt wird, ist die Ordnung wieder hergestellt und Probleme sind gelöst. Diese Ordnung ist starr: Die Frau ist dem Mann untergeordnet, Kinder haben sich den Eltern zu fügen, und erstgeborene Geschwister stehen vor den nachgeborenen. An diesen Ordnungen ändern auch schwere Missbrauchserfahrungen oder andere Verletzungen nichts. In der Praxis werden – teilweise in showähnlichen Events – Rituale durchgeführt, die die Ordnungen wiederherstellen sollen: etwa demütiges Verbeugen vor den Ranghöheren bis hin zum Entschuldigen von Missbrauchsopfern bei den Tätern. Tatsächlich gibt es Aussagen Hellingers, in denen er den Juden empfiehlt, „das Totengebet für Hitler zu sprechen“, vorher werde das jüdische Volk keinen Frieden finden. Solche Aussagen sind verabscheuungswürdig und tief verletzend. In Hellingers Familienstellen spielen auch religiöse Elemente eine Rolle, so etwa jenseitige geistige Wesenheiten, die herbeizitiert werden können, um an der Aufstellung teilzunehmen.

Einschätzungen

Die beiden Fachverbände für systemische Therapie (DGfS und DGSF) haben die Methode Hellingers kritisiert und verworfen. Dabei kritisierten sie vor allem, dass die Methode in Großgruppen ohne therapeutisches Setting stattfinde, dass starke Emotionen ausgelöst werden, die man nicht auffangen könne, dass Hellingers Vorgehen als autoritär empfunden werde oder dass die patriarchalen Einstellungen Unterwerfungsgesten geradezu fordern und aufdrängen.

Hellinger hat sich vom Christentum und dem damit verbundenen personalen Gottesbild verabschiedet. Stattdessen hat er ein esoterisches, von Reinkarnationsvorstellungen, Schamanismus und Channeling geprägtes Glaubensgebäude aufgebaut, das Einfluss auf seine therapeutischen Angebote nimmt. Das okkulte Welt- und Menschenbild steht in einem grundsätzlichen Widerspruch zum Christentum. In der Kritik steht Hellinger vor allem auch deswegen, weil er durch seine starren systemischen Einordnungen Täter zu Opfern und umgekehrt macht.

Handlungsempfehlungen

Man muss auf dem psychotherapeutischen und familientherapeutischen Markt fein unterscheiden. Der systemische Ansatz hat sich in den letzten Jahren als ernsthafte, nachhaltige und gute Therapiemethode entwickelt, die von vielen seriösen Anbieter*innen erfolgreich angewandt wird. Man sollte sich gut informieren und die Therapeut*innen immer nach ihren Hintergründen fragen. Bei einer Einschätzung des Therapieangebots stehen die Fachverbände beratend zur Seite. Dort finden sich auch ausführliche Beschreibungen zu therapeutischen Verfahren und inhaltlich begründete Abgrenzungen etwa zu Hellinger.

Informationspflicht gilt auch für Verantwortungsträger in kirchlichen Zusammenhängen, etwa wenn gefragt wird, ob man systemische Aufstellung in kirchlichen Räumen oder seelsorglichen Zusammenhängen anbieten kann. Es besteht hier auch eine Fürsorgepflicht für die Menschen, die mit ihren drängenden Lebensthemen nach Hilfe suchen. Transparenz, innere und äußere Entscheidungsfreiheit in jeder Situation, Schutz der Privatsphäre und nachvollziehbare, fundierte Ausbildung sind im sensiblen Bereich therapeutischer Settings unabdingbar.

Weitere Informationen

Offener Brief von Arist von Schlippe an Bert Hellinger (das Dokument ist im Internet leicht zu finden).

https://www.dgsf.org

http://www.familienaufstellung.org (DGfS)

Wahrnehmungen

„Positiv Denken – endlich glücklich sein“, „Stärke Dein Denken, verbessere Dein Leben“ oder „Sorge Dich nicht – lebe“: Solche Titel findet man zuhauf in der Ratgeberliteratur oder im Umfeld von alternativen Lebenshilfeangeboten.

Viele Vorreiter des Positiven Denkens waren früher als Geistliche tätig und verfügten über eine theologische Ausbildung. Auch daher rührt es, dass es eine Affinität zu geben scheint zwischen manchen Angeboten des Positiven Denkens und dem christlichen Glauben. Die bekannte Fernsehpredigerin Joyce Meyer (geb. 1943) etwa geht davon aus, dass es besonders wichtig sei, „sich eine positive Haltung zu bewahren, denn Gott ist positiv“.

Eine Variante des Positiven Denkens stammt von Bärbel Mohr (1964 – 2010), die umfassende Wunscherfüllung durch „Bestellungen beim Universum“ versprach. Außerdem zu nennen ist die Drehbuchautorin Rhonda Byrne (geb. 1951), die in „The Secret“ das Gesetz der Anziehung dargestellt hat, wonach ein Mensch das bekomme, was er ausstrahle.

Die Angebote, die sich mit „Postivem Denken“ verbinden, sind heutzutage fast unüberschaubar geworden, und genauso vielfältig sind ihre theologischen oder spirituellen Hintergründe: Das reicht von esoterischen über okkultistische Vorstellungen bis hin zu evangelikalen Weltanschauungen.

Inhalte

Grundlegend für das „Positive Denken“ ist die Überzeugung, dass sich durch bestimmte Denkmethoden und Vorstellungen Glück, Erfolg, Wohlbefinden und Heilung wie von selbst einstellen. Größtenteils wird dabei von einem „Gesetz der Anziehung“ ausgegangen, welches positive Gedanken und Vorstellungen in Tatsachen verwandle. Die diesbezügliche Ratgeberliteratur und entsprechende Coaching-Angebote sind unüberschaubar und ein lukrativer Markt geworden. Geprägt wurde die sich als Lebenshilfe verstehende Methode von der esoterischen Neugeist-Bewegung (New Thought Movement). Diese ist ursprünglich eine vor allem von protestantischen, weißen Mittelstands-Amerikaner*innen getragene religiöse Heilmethode. Danach entspringen alle Krankheiten dem menschlichen Geist. In Ausbildungen wurde vermittelt, sich mit dem göttlichen Geist zu verbinden und im Einklang mit Gott zu leben. Grundlage bildete das „mind over matter“-Prinzip, bei dem es darum geht, sich selbst und die Materie zu beherrschen. Durch Affirmationen und Visualisierungen sollen die Wahrnehmung und das Denken so nachhaltig beeinflusst werden, dass sich dadurch die Wirklichkeit ändert. Krankmachende Gedanken sollen als falsch durchschaut werden („es gibt keine Krankheiten“). Aus einer solchen inneren Haltung heraus soll es möglich sein, das alltägliche Leben spielerisch zu meistern und sich und andere von Krankheiten zu heilen.

Als Begründer der Neugeist-Bewegung gilt der Heilpraktiker Phineas Parkhurst Quimby (1802 – 1866). Er versuchte, seine Patient*innen davon zu überzeugen, dass ihre Krankheit als Folge eines Irrglaubens, grundloser Befürchtungen und negativer Gedanken zu betrachten sei, und lehrte sie, sich auf die reine und vollkommene Gegenwart Gottes zu konzentrieren, weil es im göttlichen Bewusstsein weder Krankheit noch Störung geben könne.

Heute werden Neugeist-Gedanken zum Teil wieder in den amerikanischen Megakirchen oder in esoterischem Gedankengut aufgegriffen.

Einschätzungen

Die Besinnung auf Tugenden steht in guter biblischer Tradition. Im Brief an die Philipper (4,8) empfiehlt Paulus: „Was wahrhaftig ist, was ehrbar, was gerecht, was rein, was liebenswert, was einen guten Ruf hat, sei es eine Tugend, sei es ein Lob – darauf seid bedacht!“ Die Bibel unterstreicht die Macht positiver Überzeugungen: „Alles ist möglich dem, der glaubt“ (Mk 9,23). Aus kreuzestheologischer Sicht kommt aber auch dem menschlichen Scheitern ein besonderer Stellenwert zu, der Mensch ist mit all seinen Schwächen angenommen. In den Lehren der Neugeist-Autoren werden christliche Grundvorstellungen von Glauben, Gebet oder Heilung zu angeblich unwiderstehlichen „Erfolgs“-Methoden verfälscht. Aus biblischer Sicht gehört die Akzeptanz von Grenzen zum Menschensein dazu (Sterblichkeit, Krankheit, Leid). Dass ein Leben voller Zufriedenheit auch angesichts von Einschränkungen und Schwächen möglich ist, liegt nicht im Blickfeld der Ideologie des Positiven Denkens.

Aus psychologischer Sicht hat das Positive Denken klare Grenzen und kann sogar schaden, nämlich dann, wenn etwa ein Erfolgs- oder Heilungsdruck derart aufgebaut wird, dass die Praktizierenden ihrer inneren Freiheit beraubt werden und den Eindruck haben, immer fröhlich und positiv durchs Leben gehen zu müssen, egal wie schlimm eigene Erfahrungen sind. Methoden des Positiven Denkens wie etwa Mantren, Hypnosetechniken oder andere suggestive oder autosuggestive Techniken stoßen an ihre praktischen Grenzen. Eine beliebte Strategie ist es, Misserfolge, Niederlagen oder Rückschritte als persönliches Versagen zu interpretieren, was häufig Selbstvorwürfe und Depressionen zur Folge hat. Im schlimmsten Fall kann eine solche Sichtweise bis zum Realitätsverlust führen. Negative Gefühle haben eine wichtige Alarmfunktion. Sie melden sich zu Wort, wenn akuter Handlungsbedarf besteht, und warnen die Menschen, wenn sie wichtige Bedürfnisse und Sehnsüchte übergehen oder sich ihren Belastungsgrenzen nähern. Die Vorzüge einer optimistischen Lebenseinstellung werden im Positiven Denken zu einer Ideologie gebündelt, durch die Wunschträume in allen Lebenslagen Realität werden sollen.

Handlungsempfehlungen

Es ist in jedem Einzelfall zu entscheiden, wie mit einem Angebot, das dem Positiven Denken nahesteht, umzugehen ist. Pauschales Zu- oder Abraten ist nicht angemessen. Folgende Fragen können bei einer Einschätzung helfen:

  • Wie werden Misserfolg, Krankheit, Leid oder die negativen Erfahrungen im Leben eines Menschen gedeutet? Werden sie abgewertet im Sinne von „Du bist selbst schuld“ oder „Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied“?
  • Kann bei der Wahrnehmung eines Angebotes ein Realitätsverlust drohen?
  • Sind die Angebote transparent, und lassen sich die Systeme auf ihre religiöse Herkunft befragen?
  • Handelt es sich bei anscheinend positiven Veränderungen um kurzfristige Gefühle oder nachhaltige realistische Wendungen?
  • Werden Menschen abgewertet, die anscheinend nicht so erfolgreich und glücklich sind?
  • Haben Sie das Gefühl, nach außen positiv denkend und fröhlich erscheinen zu müssen, obwohl es Ihnen eigentlich innerlich ganz anders geht? Haben Sie das Gefühl, Sie stehen unter einem Druck, etwas vorspielen zu müssen?

Weitere Informationen

Günter Scheich: Positives Denken macht krank!? Vom Schwindel mit gefährlichen Erfolgsversprechen, Oelde 2012.

Michael Utsch: Positives Denken, EZW-Lexikon, 2011, http://ezw-berlin.de/html/3_144.php

Wahrnehmungen

„Du kannst alles schaffen, wenn Du es willst!“ Coaches bieten ihre Dienste in ganz unterschiedlichen Bereichen an: Sie beraten Unternehmen und Mitarbeitende, Gruppen oder Privatpersonen. Dabei steht eine Optimierung der Arbeitskraft, der persönlichen und finanziellen Weiterentwicklung, der Beziehung oder der persönlichen Lebensumstände im Vordergrund. Auf Coaches trifft man entweder im Arbeitsumfeld, in Beratungszusammenhängen oder durch Werbung. In der Regel sind die Angebote kostenpflichtig. Ein Coach begleitet und berät seine Klient*innen über kürzere oder längere Zeiträume. Die Vielfalt der Angebote ist mittlerweile riesig und unüberschaubar. Neben seriösen Coaches kommen auch problematische Anbieter*innen vor.

Inhalte

Der Begriff „Coach“ ist nicht rechtlich geschützt und unterliegt damit keiner unmittelbaren Kontrolle, keiner Ausbildungs- oder bestimmten Inhaltsanforderung. Coach kann sich jeder nennen. Eine Angliederung an einen Coachingverband, der dann auch gewisse Qualitätsstandards setzt, ist freiwillig. Die Wirkung von Coaching ist wissenschaftlich umstritten. Grundsätzlich unterscheidet man zwischen Businesscoaching und persönlichem Coaching. Ersteres hat vor allem Firmen, deren Interessen und die Anliegen der Mitarbeiter im Blick. Das Persönlichkeitscoaching ist oft im Spektrum alternativer Lebensberatung beheimatet und bietet Unterstützung und Begleitung im Bereich von Lebenspraxis, Partnerschaft bis hin zur Selbstoptimierung. Praktisch wird das Coaching auf unterschiedliche Arten durchgeführt: Man arbeitet im Team, mit Vorträgen oder in Einzelgesprächen, aber auch an ungewöhnlichen Orten (im Wald, auf dem Schrottplatz) oder im virtuellen Raum (Online-Coaching, E-Coaching, Telefon-Coaching). Dabei sind die Methoden so vielfältig wie die Angebote. Von Gesprächen über Hypnose bis hin zu Selbsterfahrungskursen ist alles zu finden. Oft stehen diese Methoden auch in der Kritik, wenn solche angeboten werden, die dem pseudotherapeutischen oder esoterischen Kontext entspringen (NLP oder „Reinkarnationscoach“). Oft steht ein Ziel an oberster Stelle: die Optimierung der Klient*innen in ihrem jeweiligen System. Firmen und Teams sollen effizienter arbeiten, wirtschaften und produktiver werden. Menschen sollen besser leben und sich mit sich und dem Umfeld besser fühlen.

Einschätzungen

Es ist nichts daran auszusetzen, dass man sich Hilfe holt und sich von Menschen, die man kennt, denen man vertraut oder die gut ausgebildet sind, beraten und begleiten lässt. Das kann gerade in Umbruchs- oder Entwicklungssituationen des Lebens (Krisen, neue Anforderungen) hilfreich sein. Perspektivwechsel und begleitete Selbstreflexion sind grundsätzlich als positiv anzusehen. Auch aus christlicher Sicht sind dies Mittel, die empfohlen werden: Beratung, Begleitung, beruflicher Austausch und Rat und natürlich die Seelsorge aneinander sind Kernaufgaben christlicher Gemeinde (Mk 6,7ff, Aussendung zu zweit; Luk 24,13ff, Emmaus).

Problematisch wird es aus christlicher Perspektive, wenn die reine Selbstoptimierung um jeden Preis im Vordergrund steht. Der Mensch ist nicht perfekt und wird es nie sein. Gott nimmt den Menschen genau deswegen mit all seinen Fehlern und Zweifeln an, und der Wert des Menschen misst sich nicht nach Erfolg oder Misserfolg. Dies ist die befreiende Botschaft des Christentums.

Wenn Coaches unrealistische Versprechungen machen, Menschen psychisch oder finanziell ausnutzen, mit dubiosen Methoden arbeiten oder Qualifikationen vorgeben, die sie nicht nachvollziehbar besitzen, ist von einer Teilnahme abzuraten. Schließlich ist zu bedenken, dass Coaching keine Therapie ist: Es dürfen keine somatischen oder psychologischen Diagnosen oder Behandlungen durchgeführt werden.

Handlungsempfehlungen

Da der Markt an Coaching-Angeboten mittlerweile unübersehbar geworden ist, fällt es schwer, die Qualifikation einzuordnen. Es gibt mittlerweile eine Vielzahl an Dachverbänden, die Qualitätskriterien ansetzen. Sie beschreiben beispielsweise, dass seriöse Coaches ihre Arbeitsmethoden transparent machen, dass sie klare Verträge mit ihren Klient*innen abschließen, dass es ein klares Ende des Coachings gibt, dass sie nachvollziehbare Referenzen über ihre Ausbildungen oder Mitgliedschaften anzeigen, dass sie sich nicht als Alleskönner hinstellen und keine Guru-Marotten entwickeln. Wichtig ist, sich vor einem Coaching-Prozess über die Hintergründe der Anbieter*innen zu informieren und gegebenenfalls Beratung durch professionalisierte Stellen, etwa die Dachorganisationen oder Verbraucherschutzverbände, einzuholen.

Bei einer eventuellen Zusammenarbeit mit Coaches im kirchlichen Bereich oder bei Fragen der Raumvergabe ist vorher zu prüfen, ob das Angebot mit christlichen Grundüberzeugungen kompatibel ist. Coaches sind daraufhin zu befragen, ob sie einen religiösen Hintergrund haben, wenn ja welchen, und ob sie diesen in ihren Angeboten vermitteln.

Weitere Informationen

https://www.coach-datenbank.de

https://www.coachfederation.de

https://www.dbvc.de/home.html

Michael Utsch: Spirituelles Coaching? Möglichkeiten und Grenzen einer populären Beratungsform, in: Materialdienst der EZW 7/2014, 243-251.