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Quelle: HkD

Photovoltaik aufs Kirchendach?!

Nachricht 03. Juli 2020
Foto: Gunnar Schulz-Achelis

Dieses Reizthema hat schon manchen an der Kirche zweifeln lassen, weil sie es nicht zulässt, dass auf die schönen großen Süddächer aller Kirchen PV-Anlangen gebaut werden. Wenn das mal so einfach wäre… Obwohl wir „Kirche“ sind, gilt für uns Recht und Gesetz (zum Glück), hier das Niedersächsische Denkmalschutzgesetz. Das müssen unsere Ämter für Bau und Kunstpflege umsetzen. Gäbe es das Gesetz nicht, würde trotzdem kaum noch jemand eine PV-Anlage auf ein Kirchendach bauen, weil es nur einen sehr geringen wirtschaftlichen Ertrag brächte. Aber es gibt ja noch Kitas und Kirchenämter, deren Dächer sehnen sich nach Photovoltaikmodulen…

1. Energiehunger - Energiegerechtigkeit

Erneuerbare Energien müssen einen immer größeren Anteil an der Energieversorgung liefern, anders lässt sich weltweit der Klimawandel nicht bremsen. Der globale Energiehunger wächst, kein Wunder, wenn man bedenkt, wie viele Menschen endlich auch von Armut befreit sein wollen. Keine Armut, das heißt heute auch immer, Zugänge zu Strom und meistens einem fossilen Energieträger mindestens zum Kochen. Wer diese Zugänge nicht hat, muss oft um des Überlebens willen Holz sammeln gehen oder als Städterin Holzkohle am Straßenrand kaufen, um die Familie mit Nahrung versorgen zu können. Die Treibhausgasemissionen in  Ländern mit großem Armutsanteil in der Bevölkerung betragen nur ein Zehntel der unsrigen, aber die Folgen für die Natur sind katastrophal: Entwaldung, Erosion, Verwüstung, wie in der Lüneburger Heide vor 200 Jahren, so heute z. B. in Äthiopien. Viele Millionen Menschen brauchen dringend und schnell um ihrer Würde und um der Natur Willen mehr Energie und sie müssen dabei für einen begrenzten Zeitraum auch mehr Treibhausgase emittieren als heute. Das ist ein Gebot der Gerechtigkeit: Unser Reichtum hatte und hat Emissionen zur Folge, die heute und in langer Zukunft den Klimawandel antreiben werden, selbst, wenn wir lange CO2-frei wären. CO2 braucht viele Jahrzehnte, um abgebaut und unschädlich zu werden. Also müssen wir drastisch Emissionen senken, um anderen die Chance zu geben, mehr zu emittieren, ohne dass der Klimawandel damit noch stärker befeuert werden würde.

Dieser Zusammenhang ist einer der Gründe, warum wir nicht bis 2050 warten dürfen, um dann plötzlich und ganz schnell klimaneutral zu werden. Jede Tonne Treibhausgas, die heute ausgeblasen wird, richtet für lange Zeit Schaden an. Wir könnten sie selbst dann nicht zurückholen, wenn Sie zu einer großen Klimakatastrophe beitrüge.

Auch wenn wir durch den Energiehunger der letzten 150 Jahre unseren Anteil am globalen Energiereichtum eigentlich für lange Zeit schon verfrühstückt haben, werden wir nur begrenzt und langsam auf die riesigen Energiemengen verzichten können, die wir zurzeit nutzen. Also müssen wir sie so schnell es geht ohne Kohlenstoff erzeugen, also mit erneuerbaren Energien, da auch Atomkraft aus bekannten Gründen keine Option ist.

2. Emissionsreduktion

Energiesparen ist und bleibt die vornehmste Art, die Umwelt zu schützen. Es spart Ressourcen und verhindert Emissionen, kostet aber auch immer dann Geld, wenn Energiesparen auf vorheriger Investition beruht. Für Kirchengemeinden sind beide Wege des Energiesparens möglich: Verzicht und Effizienzsteigerung. Man kann z. B. auf eine beheizte Kirche zwischen Epiphanias und Palmarum verzichten und immer, wenn die Kirche geheizt wird, sich mit 14 °C begnügen. Diese beiden Maßnahmen können ca. die Hälfte des gesamten Energieverbrauchs der Kirche einsparen helfen, ohne dass sie einen Cent kosten würden. Eine Effizienzsteigerung wäre es, wenn Hauptamtliche Strecken unter 10 km mit dem Pedelec statt mit dem Auto erledigten oder alle Pastorenhäuser anständig gedämmt wären.

Die Stromerzeugung mittels Photovoltaik (PV) ist ein dritter Weg für Kirchengemeinden, Emissionen zu verringern.

3. Stromerzeugung durch eine PV-Anlage und Eigennutzung des erzeugten Stroms

Bis vor wenigen Jahren konnte man durch den Verkauf des erzeugten Stroms über die lukrative Einspeisevergütung PV-Anlagen wirtschaftlich betreiben. Heute ist die Einspeisevergütung deutlich geringer als der Strompreis, den gewöhnliche Stromkonsumenten, zu denen auch Kirchengemeinden gehören, bezahlen. Die Kosten für die Anlagen sind extrem gesunken, trotzdem rechnen sie sich erst dann zuverlässig, wenn man einen Teil des erzeugten Stroms selbst verbrauchen kann und dadurch den Einkauf des teuren Stroms ersetzt. Eine Kirche braucht nur dann Strom, wenn geheizt wird (für die Pumpen) oder wenn Licht gebraucht wird. Nur wenige Kirchen haben eine Stromheizung. Aber selbst für diesen Fall könnte man fürs Heizen nicht den PV-Strom nutzen, weil der in der Heizperiode wegen der dann geringen Sonneneinstrahlung kaum fließt. Die PV-Anlage liefert vor allem dann Strom, wenn keine Heizung benötigt wird. Nur für den Sonderfall einer sogenannten Hybridheizung könnte PV-Strom in nennenswerten Umfang auch für das Heizen einer Kirche genutzt werden. Hybridheizung, das bedeutet: Eine PV-Anlage erzeugt in den Übergangsjahreszeiten Strom. Damit wird eine Wärmepumpe betrieben, die das Heizwasser erwärmt. In der kalten Jahreszeit übernimmt z. B. eine Gasheizung wieder die Wärmeversorgung, weil die PV-Anlage kaum noch Strom liefert und die Wärmepumpe nicht mehr wirtschaftlich arbeiten kann.

In den meisten Fällen ist eine PV-Anlage auf einem Kirchendach unter den heutigen Bedingungen vermutlich nicht so wirtschaftlich wie die Investition in eine optimale Kirchenheizung, die die Energieverschwendung beendet.

Aber PV-Anlagen gehören auf die Dächer der Kitas und der Kirchenämter, denn dort ist tagsüber auch im Sommer ein nennenswerter Strombedarf, für digitale Medien, E-Mobilität, Kühlen und Kochen. Wenn es gelingt, übers ganze Jahr betrachtet ca. 20 % des erzeugten Stroms selbst zu nutzen, sind PV-Anlagen meistens wirtschaftlich. Also spricht alles dafür, sich zunächst dafür einzusetzen, dass alle Kitas und Verwaltungsgebäude PV-Anlagen bekommen, bevor wir uns wieder Gedanken über die Dächer denkmalgeschützter Kirchen machen.

4. Wer soll das planen, bezahlen und betreiben?

Hier bieten sich verschiedene Modelle an. Bevor die diskutiert werden, müssen Kita-Gebäude näher betrachtet werden:

Wem gehört das Gebäude? Nicht der Kirche? Dann wird es mit allen Abrechnungs- und Rechtsfragen kompliziert, aber nicht unmöglich.

Wer bezahlt die Energiekosten der Kita? Die Kommune per Defizitvertrag? Dann freut sie sich über den preiswerten Strom der PV-Anlage und der Betreiber wundert sich, dass sich die Anlage nie amortisiert bzw. die Pacht für die Anlage nicht erwirtschaftet werden kann (s. u.). In diesem Fall muss man vertraglich vereinbaren, dass die Energiekosteneinsparungen dem Anlagenbetreiber zugutekommen. Für diesen Fall liegt ein ausgearbeiteter Mustervertrag beim Arbeitsfeld Umwelt- und Klimaschutz vor.

Optimal ist es, wenn das Gebäude der Kirche gehört und die Kommune die Kosten über ein Budget finanziert. Dann kommt jeder Cent Energiekosteneinsparung direkt dem Betreiber der PV-Anlage zugute.

a Eigentum und Eigenfinanzierung

Der Gebäudeeigentümer ist in der glücklichen Lage, nennenswerte Eigenmittel in die Anlage stecken zu können und vielleicht nur einen kleineren Teil über einen Kredit finanzieren zu müssen. Er hat Personen, die die Anlage für ihn ausschreiben, vergibt den Bau, zahlt die Rechnung, hat mit einem Steuerberater alle Steuerfragen geklärt und ist in der Lage, sämtliche Betreiberpflichten zu erfüllen. Das Kirchenamt genehmigt die Kreditaufnahme, alles funktioniert, die Steuern und der Kapitaldienst können aufgebracht werden, nach spätestens 20 Jahren hat sich die Anlage bezahlt gemacht und in den letzten 10 Jahre der Lebensdauer wird ein ansehnlicher Gewinn erwirtschaftet.

b Pachtanlage: Große Kita – kleines Geld

Weder hat der Kitaverband jemanden, der Ahnung von PV-Anlagen, noch die Zeit hat, sich um Planung, Finanzierung und Vergabe zu kümmern. Außerdem gibt es keine Eigenmittel, die in eine PV-Anlage investiert werden könnten. Für diesen Fall gibt es Investoren, die für den Gebäudeeigentümer die PV-Anlage errichten, in ihrem Eigentum behalten und an den Eigentümer verpachten. Denn nur, wenn der Eigentümer auch Betreiber wird, kann er den erzeugten Strom auch besonders günstig nutzen (er spart einen erheblichen Anteil der EEG-Umlage). Bürgerenergiegenossenschaften, die als Investoren auftreten, gibt es mittlerweile ausreichend. Ein gutes Beispiel ist dafür die KEEG (https://kolping-hildesheim.de/ueber-uns/einrichtungen/kolping-erneuerbare-energie-genossenschaft-eg/).

Die Betreiberpflichten kann ein Kita-Verband dank der professionellen betriebswirtschaftlichen Leitung leicht bewältigen.