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Lauras Landpartie - Der Blog

Update: Nun mit allen Beiträgen komplett! Viel Spaß beim Lesen :-)

Tag 4: Was motiviert?!

Ausbildung und Abschluss mit Rückreise nach Hannover

Meine letzte Station auf #lauraslandpartie ist das Landwirtschaftliche Bildungszentrum (LBZ) Echem. Bettina Labesius vom "Schaufenster Landwirtschaft" empfängt mich und gibt mir eine Führung über den Betrieb. Normalerweise sei hier viel mehr los, Schülergruppen und Azubis würden über den Hof laufen, doch gerade hat die Sommerpause begonnen, sodass nur wenige Menschen unterwegs sind.

Frau Labesius zeigt mir die unterschiedlichen Melksysteme - zwar begleiten sie auf dem Betrieb nur hin und wieder im Rahmen von Abschlussarbeiten wissenschaftliche Vergleiche der Produktionssysteme, aber können so den Azubis und Verbrauchergruppen die Unterschiede zeigen und erfahrbar machen. Ich bin beeindruckt von den Details - die eigens entwickelten Infotafeln des "Lehrpfad: Tier.Haltung.Verstehen" hängen an ihren eigenen Ställen. Zum Thema Herdenschutz gibt es eine übersichtliche Aufstellung der verschiedenen Zaunvarianten für die unterschiedlichen Tierarten - zum einen als Infotafel und gleichzeitig aufgebaut auf einem Stück Wiese. Diese Verbindung von Information mit praktischer Darstellung ist in meinen Augen klasse.

Nach dem Gang über den Hof treffen wir uns im Hauptgebäude mit Anne Zetl, der Leiterin der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, und Benito Weise, dem Koordinator der Überbetrieblichen Ausbildung. Wir sprechen über die Ausbildung, was junge Menschen - insbesondere den wachsenden Anteil der Quereinsteiger - dazu motiviert, eine landwirtschaftliche Ausbildung zu beginnen, über Tierwohl, das Spannungsfeld biologische und konventionelle Landwirtschaft und den Niedersächsischen Weg. "Der Wandel der Landwirtschaft braucht Zeit, aber an vielen Stellen gibt es ein Umdenken und auch entsprechende Aktivitäten. Der Niedersächsische Weg ist sicherlich ein guter Baustein auf dem Weg der Transformation", sagt Bettina Labesius.

Das Gespräch und die vielen Bildungsangebote des LBZ motivieren mich und bekräftigen mein Gefühl, das ich auf dieser Reise gewonnen habe: Es tut sich etwas, an vielen Stellen in der Landwirtschaft gibt es Bewegung.

Nach dem leckeren Mittagessen fahren Bettina Labesius und ich mit dem Fahrrad zum ca. 2km entfernten Schweinestall. Dort zeigt uns Jan Hempler die konventionelle Anlage, von Abferkelstall bis zur Mast. In die Ställe hinein gehen wir nicht, können aber von außen durch Fenster in jede Abteilung reinschauen. In großem Abstand gegenüber befindeen sich die ökologischen Ställe - der Unterschied der Haltungssysteme ist eindrücklich. Jan Hempler, seit vielen Jahren Berater für Schweinehaltung, ist überzeugt, dass die ökologische Weise funktioniert - bei so viel Erfahrung mit beiden Systemen nehme ich ihm das ohne Zweifel ab.

Es ist wieder ein hochinteressanter und informativer Tag. Nach fast 2 Stunden Führung ist dann nun auch die letzte Station meiner Tour vorbei und nach einem herzlichen Dank an Frau Labesius und Herrn Hempler mache ich mich auf den Weg zum Bahnhof Echem, um von dort mit dem Zug die Heimreise anzutreten.

In Lüneburg stockt es allerdings; wegen eines umgestürzten Baumes auf den Gleisen ist die Strecke nach Uelzen gesperrt, schon seit Stunden. Die Menschenmassen am Lüneburger Bahnhof warten geduldig. Endlich fährt ein metronom ein: "Einfahrt auf Gleis 2 mit Fahrt nach Uelzen." Verwundert aber hoffnungsfroh setzt sich der Pulk, in dem ich nicht die einzige Radfahrerin bin, in Bewegung. Kaum eingestiegen erklingt die Durchsage: "Sehr verehrte Fahrgäste, dies war leider eine Fehlinformation: Dieser Zug fährt nach Hamburg." Also alle wieder raus, zurück auf Gleis 1. Alles wartet auf den Schienenersatzverkehr, der bestellt ist, aber nicht kommt.

Eine Rucksack-Reisende, die neben mir steht, sagt irgendwann: "Ich geh wieder nach Hause. Nach Freiburg komme ich heute nicht mehr. Dann fahre ich eben morgen." Sie wünscht mir gutes Vorankommen - und tatsächlich fährt wenig später ein metronom nach Uelzen ein, die Streckensperrung ist aufgehoben. Der Fahrradwagen platzt aus allen Nähten, aber immerhin geht es weiter. Und dann die freudige Nachricht: "Dieser Zug fährt weiter nach Hannover Hbf."

Um zwanzig nach 7 komme ich in Hannover an und fahre die letzten Meter mit dem Fahrrad nach Hause. Vor wenigen Tagen bin ich hier genauso gestartet - nein, nicht genauso, denn heute habe ich viel mehr im Gepäck: Ich habe spannende Gespräche mit den unterschiedlichsten Menschen geführt, habe von ihren Geschichten und Gedanken erfahren, bin knapp 150km auf dem Fahrrad durch die Lüneburger Heide gefahren. Ich werde noch eine Zeit lang brauchen, um all die Eindrücke zu verarbeiten und für mich zu sortieren. Das kommende Wochenende, an dem ich auf dem Rothaarsteig mit einem Freund wandern werde, wird vermutlich auch dabei helfen.

Ansprechpartnerin für Fragen und Anregungen zum Blog

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Laura Kawerau
Tel.: 0511 1241-405

Referentin für den Kirchlichen Dienst auf dem Lande
Agrarwissenschaflterin M.Sc.agr

Tag 3: Stadt und Land

Gespräch mit dem KDL-Beauftragten Pastor Hillmer in Uelzen

Himmlisch ist gar kein Ausdruck dafür, wie gut ich geschlafen habe. Wenn auch kurz, so doch wunderbar erholsam. Die Zweige des Walnussbaumes vor meinem Fenster rascheln leise im Morgenwind, der helle blaue Himmel lockt nach draußen. Berndt hat recht, wenn er diesen Ort als Paradies bezeichnet.

Unten treffe ich Anneke, die schon Tee gekocht hat und das Frühstück auf einem Tablett nach draußen trägt. Barfuß laufe ich über das taunasse Gras und setze mich mit ihr vor den historischen Speicher. Anneke legt mir die Zeitung auf den Tisch und geht noch ein paar Jostabeeren pflücken. Hans-Ludwig führt gerade noch die zwei Pferde vor die Werkstatt, weil der Hufschmied später kommen wird.

Nach einem kurzen aber schönen Frühstück mache ich mich dann bereit für meinen nächsten Termin in Uelzen. Ich kann mich zwar nur schwer von Hans-Ludwig, Anneke und ihrem Idyll trennen, aber bin auch auf die Begegnung mit Pastor Hillmer gespannt. Wir verabschieden uns herzlich und ich bin mir sicher, dass wir uns in nicht allzu ferner Zukunft wiedersehen werden.

Da ich etwas später losfahre als geplant, rufe ich Pastor Hillmer an und sage, dass ich etwa zwanzig Minuten später ankommen werde. Er klingt ganz entspannt und wünscht mir eine gute Fahrt. Das wird es zum Glück auch, wenngleich der Radweg direkt an der stark befahrenen B4 entlangführt, der Gegenwind durch die LKWs böen-artig verstärkt wird und ich mich bei den vielen Hügeln an meine Heimat – die Kasseler Berge – erinnert fühle.

Ich erreiche die St. Johannis-Kirche um 10:20 Uhr und treffe Herrn Hillmer mit seinem Hund vor dem Gemeindehaus. Wir durchqueren die Kirche und setzen uns in den angrenzenden Gemeinderaum, trinken Tee und Kaffee und tauschen uns aus: Welche Themen nimmt er als KDL-Beauftragter im Kirchenkreis Uelzen als wichtig und aktuell wahr? Was bewegt die Menschen hier? Auch kritische Fragen besprechen wir: Wie authentisch geht die Kirche mit den Themen Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung um? Wertschätzung für Bauern und Bäuerinnen und ihre Arbeit, Hofnachfolge und Bodenpreise bzw. Zugang zu Land für motivierte Junglandwirte sind einige Aspekte, über die wir uns unterhalten. Die Sicht von Herrn Hillmer ist immer eine doppelte; als Landwirtssohn kennt er die Lebensrealität von Bauern und ihren Familien – als langjähriger Pastor einer Stadtgemeinde aber auch die von nicht-landwirtschaftlich geprägten Menschen. Das Erntedankfest sieht er als eine gute Möglichkeit, um auch in einer Stadtgemeinde landwirtschaftliche Themen ins Bewusstsein zu bringen. Gemeinsam überlegen wir, wie man den Austausch dabei stärken könnte – z.B. über Informationsbeiträge von Landwirt:innen oder auch Förster:innen selbst.  

Über diese Begegnungsformate kommen wir auch auf das Thema Regionalität, und dass man darüber das zum Teil noch existierende Konfliktpotenzial bei der Diskussion „bio versus konventionell“ überwinden könnte.

Die Arbeitshilfen, die der Kirchliche Dienst auf dem Lande jährlich zum Erntedankfest herausgibt, findet Pastor Hillmer sehr hilfreich und wünscht sich, dass diese Angebote auf jeden Fall weitergeführt werden. Diese Rückmeldung nehme ich gerne mit und werde sie an meine Kolleginnen weitergeben.

Die Kirchturmuhr schlägt Mittag und nach einer kurzen Foto-Pause für den social media–Auftritt bedanke ich mich, verabschieden wir uns und gebe in mein Navi die Adresse des Hotels ein, von dem ich hoffe, dass ich nicht wieder vor verschlossener Tür stehen werde – wie gestern Nacht.

Soziale Nachhaltigkeit leben

Dieses Mal klappt alles wunderbar, ich beziehe mein Zimmer und mache mich gleich bereit für meinen nächsten Besuch am heutigen Tag bei Familie Harleß in Schwienau-Linden. Gute 15km sind es von Uelzen aus, der Radweg führt an der Landstraße entlang. Nachdem ich bei Bad Bevensen kaum Mais gesehen habe, sehe ich hier wieder mehr davon. Als ich am Ort Gerdau vorbeifahre, liegt der Duft von Müsli in der Luft – die Bohlsener Mühle befindet sich nicht weit von der Landstraße entfernt.

Pünktlich erreiche ich den Hof, Karl Harleß begrüßt mich und führt mich auf die Terrasse. Seine Frau Gesine und zwei der drei Söhne kommen dazu, es gibt Kaffee und frisch gebackenen Kuchen (lecker!). Herr Harleß beginnt zu berichten: die Familie bewirtschaftet einen Hof mit einem Schwerpunkt auf Schweinehaltung und war schon immer bestrebt, die Haltungsbedingungen möglichst tiergerecht zu gestalten. Den Ringelschwanz sehen sie als Indikator für Tierwohl und Herr Harleß nimmt mich gedanklich mit in den Alltag ihres Hoflebens – mit allen politischen, baurechtlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen zum Thema Tierwohl der letzten Jahre. Auch an diesem Gespräch fällt das Stichwort Wertschätzung: Gesine Harleß, die aktuelle Vorsitzende des LandFrauenvereins Ebstorf, meint: „Ein wichtiges Thema, das uns hier bewegt, ist das Thema Wertschätzung. Die ist bestimmt bei vielen Menschen in der Gesellschaft vorhanden, aber kommt bei den Landwirten kaum an.“ Interessanterweise und im Kontrast zu meinem Gespräch mit Pastor Hillmer am Vormittag sagt sie aber auch: „Es arbeitet ja nur noch ein ganz geringer Anteil der Bevölkerung in der Landwirtschaft. Ob es da noch gerechtfertigt ist, das „Erntedankfest“ jedes Jahr dieser recht kleinen Gruppe zu widmen? Wir sehen auch die „Ernten“ und Leistungen anderer Berufsgruppen und gestalten unsere Erntedankgottesdienste auch mit diesem Verständnis.“

Ich lerne viel von der Familie, sie strahlt Stärke und Zusammenhalt aus, wirkt auf mich reflektiert, aufmerksam und respektvoll. „Tierleid ist Ausdruck von Menschenleid“ – wir sprechen über die psychischen Belastungen bei vielen Landwirtsfamilien. Der Druck, der von den nicht-landwirtschaftlich geprägten Menschen an Landwirt:innen herangetragen wird, könnte nach Meinung der Familie Harleß unter anderem durch gute Kommunikation vermindert werden: „Ich würde mir wünschen, dass wir Bauern lernen, unser Handeln anderen erklären zu können.“ Ein wichtiger Baustein dabei sei es, Kindern die Landwirtschaft nahe zu bringen und erfahrbar zu machen, sagt Sohn Phillip. „Am besten ist es wirklich, bei den Kindern anzufangen. Unsere Projekte und Hofführungen werden super gut angenommen, gerade von Kindern.“

Eine insgesamt nachhaltige Landwirtschaft, das wäre etwas, woran alle Akteure unseres Ernährungssystems mitarbeiten sollten. Und insbesondere bei Betrieben mit Tieren dürfe die soziale Komponente nicht unterschätzt werden.

Auch wenn ich noch viel länger hätte bleiben können – die Familie hat noch einiges an Arbeit vor sich und so bedanke und verabschiede ich mich und fahre auf Empfehlung der Harleß´ eine andere Strecke zurück nach Uelzen. Meine Gedanken kommen auf der Rückfahrt kaum noch hinterher – die Bilder, Eindrücke und Geschichten, die ich auf meiner Reise sammle, werden mittlerweile so vielfältig, dass mein Kopf immer länger braucht um sie zu verarbeiten.

Ich genieße aber die Radabschnitte zwischen den Besuchen, denn die Bewegung tut gut und unterstützt meine Kopf-Arbeit.

Morgen erwartet mich noch das Landwirtschaftliche Bildungszentrum Echem und dann geht es auch schon wieder zurück nach Hannover. Erst einmal aber sitze ich noch ein wenig im Biergarten meines Hotels in Uelzen und bekomme mein Abendessen als Entschädigung für gestern Nacht von der Gastwirtin spendiert. Dankbar für meine heutigen Einblicke in zwei weitere Lebenswelten gehe ich schließlich schlafen.

Tag 2: Geschichten vom Wald und der Welt

Besuch der Revierförsterei Lintzel

Mein Tag in Munster beginnt mit einem kurzen Gang zur Apotheke gegenüber; dort habe ich einen Corona-Test gebucht. Ich bin die erste und etwas zu früh, aber die Mitarbeiterin sagt fröhlich: „Es ist mir lieber, wenn die Leute zu früh kommen!“ Anschließend gehe ich zurück ins Hotel, frühstücken. Die Familien an den Nebentischen planen ihre Ausflüge zum Heidepark, während ich ein paar Fotos vom gestrigen Tag an das Social Media-Team der Landeskirche versende. Der negative Corona-Befund kommt per Mail und obwohl ich mir nichts Anderes hätte vorstellen können, ist es doch immer wieder ein beruhigendes Gefühl.

Ich packe meine Sachen, checke aus und möchte gerade auf mein Fahrrad aufsteigen, als Welf Einhorn anruft. Auf einem Streckenabschnitt nach Lintzel sei derzeit die Straße wegen Bauarbeiten gesperrt – falls dort auch der Radweg gesperrt sein sollte, soll ich mich wieder bei ihm melden, ansonsten wünscht er mir gute Fahrt und „bis gleich!“.

Aus Munster raus und weiter nach Osten, der Radweg führt nun durch längere Waldstücke. Neben der Straße liegen alte Bahngleise, es ist wenig Verkehr. Eine schöne, ruhige Strecke. Bei den Waldabschnitten fallen mir Kiefern auf, doch ich sehe auch Buchen, Eichen, Fichten, vereinzelt Birken und andere Baumarten. Ich komme an dem alten Forsthaus an, zeitgleich mit Welfs Frau, die gerade eins der Kinder vom Kindergeburtstag abgeholt hat. Welf und ich setzen uns auf die Terrasse und er erzählt: „Mein Vater war auch schon Revierförster hier und nun wachsen meine Kinder in diesem Haus auf, genau wie meine Geschwister und ich damals.“

In den folgenden knapp zwei Stunden lerne ich viel über die Geschichte der Heideregion und des Waldes hier. Die Zusammenhänge von Waldwirtschaft, Politik nach den Weltkriegen (Stichwort Reparationszahlungen – an die Briten zum Teil in Form von Holz aus der Heide) und auch Bergbau im Harz, für den die Fichten eine Schutzfunktion erfüllten, weil sie vor dem Einbrechen hörbar knacken, bis zu den neuesten Forschungen zum Thema Klimawandel ergeben ein vielschichtiges Bild des Waldes, durch den ich soeben noch durchgeradelt bin. Und einmal mehr wird mir deutlich, welch generationsübergreifende Arbeit die Forstwirtschaft ist.

„Es ist total wichtig, den Menschen die historische Entwicklung des Waldes zu vermitteln. Dann können sie unsere Arbeit besser verstehen. Gerade jetzt, wo der Zustand des Waldes so häufig in der Presse ist, müssen wir erklären, wieso wir „trotzdem“ noch Bäume fällen. Das hat eben auch mit Aufforstung zu tun und seit den 1990er Jahren wirtschaften wir nun nach den LÖWE-Kriterien, also langfristiger ökologischer Waldentwicklung.“ Dass der Wald verstärkt im öffentlichen Bewusststein steht, nehmen Welf und seine Frau positiv wahr. "Man muss den Menschen zwar auch mehr erklären, aber das mache ich gern", sagt Welf. 

Dieses Bewusstsein könnte auch die Kirche stärker in den Blick nehmen. "Da könnten wir Synergien stärken und Kirche den Wald als Begegnungsort in den Blick nehmen. Wenn man in den Wald geht, kann man die Schöpfung tagtäglich sehen."

Ich hätte noch Stunden bleiben und zuhören können, so fasziniert bin ich, doch vor mir liegen noch knappe 30km zu meiner zweiten Station am heutigen Tag. Den Hinweis zu den Waldpädagogikangeboten der Niedersächsischen Landesforsten nehme ich gerne mit und nehme mir vor, mich in dem Bereich noch weiter zu bilden und zu beschäftigen.

Und so bedanke und verabschiede ich mich von Familie Einhorn und mache mich auf den Weg nach Bad Bevensen, wo ich mit einem pensionierten Lehrer der Georgsanstalt in Ebstorf und Berndt Tietjen, Geschäftsführer der Akademie Junglandwirte Niedersachsen verabredet bin.

Weltkarten und Weltgeschichten

Auf etwa der Hälfte der Strecke, bei Ebstorf fahre ich an einem abgeernteten Getreidefeld vorbei, an dessen Rand ein „Grünes Kreuz“ steht. Ich halte an und lese: „Gemeinsam für eine Landwirtschaft mit Zukunft – Wasser“. Es folgt ein kurzer Text darüber, dass das Beregnungswasser für die Landwirtschaft gekürzt werden soll. Und das, obwohl nur ein sehr geringer Teil vom Grundwasser dafür verwendet wird, verglichen mit den Mengen, die für andere Zwecke wie Toilettenspülung oder Autowäschen aufgewendet werden. „Ist das richtig ???“ fragt der oder die Verfasser:in. „Die grünen Kreuze sollen als Mahnung an die Gesellschaft verstanden werden, sich den Wert der heimischen Landwirtschaft bewusst zu werden.“

Nachdenklich fahre ich weiter. Wenig später halte ich am nächsten Schild am Feldrand an, auf dem in Rotschrift der Titel „Ernte in Gefahr!“ steht. Das Schild steht neben einem etwa zwei Meter langen Feldstreifen, auf dem – laut Erläuterung – „auf modernen Pflanzenschutz verzichtet“ wurde und Glanz- oder Garten-Melde wächst. Ohne Pflanzenschutz würden die Ernten „dramatisch zurückgehen“ oder gar „der Ausfall der ganzen Ernte drohen“, so heißt es auf der Tafel. Das Säulendiagramm zeigt Ernteverluste für unterschiedliche Feldfrüchte an; gezeichnet „Pflanzenschützer“. Dass Landwirtschaft seit jeher darauf basiert, nur eine oder wenige Nutzpflanzen auf einer Fläche wachsen zu lassen, ist natürlich richtig. Dass dafür Un- bzw. Beikräuter auf dieser Fläche so gut wie möglich reduziert werden müssen, ist ebenfalls richtig. Doch der Ton, in dem der Text auf dem Schild geschrieben wurde, irritiert mich – klingt er in meinen Ohren doch etwas aggressiv. Wie können wir es schaffen, dass die Arbeit der Landwirt:innen für Nicht-Landwirt:innen nachvollziehbarer wird, und gleichzeitig Toleranz und Akzeptanz für andere Sichtweisen steigt?

Bei Hans-Ludwig Greve komme ich etwas zu früh an, die Familie sitzt noch auf der Veranda beim Mittagessen. Mit einem Glas frischem Wasser setze ich mich abstandhaltend dazu. Hans-Ludwig berichtet mir von einem Bio-Landwirt in der Nähe, der einen „Farmdroid“ für seinen Anbau von Zuckerrüben einsetzt. Hans-Ludwigs Frau Anneke zeigt mir auf ihrem Tablet das Video dazu. Ein solarbetriebener Roboter, der die Rüben legt und sogar in den Reihen Beikräuter mechanisch entfernen kann – ein beeindruckendes Gerät. Der Landwirt sei leider derzeit im Urlaub, sonst hätten wir uns den Farmdroid auch mal anschauen können, erzählt Hans-Ludwig.

Berndt Tietjen trifft ein und ein Freund der Familie, der bis zum Mittagessen dort war, verabschiedet sich. „Bernhard, erst stelle ich dir noch kurz Berndt Tietjen vor – wie du siehst, ein Agrarfunktionär.“ Berndt fragt verdutzt: „Woran siehst du das denn?“ „Na, an deinem karierten Hemd!“ Ein wenig perplex macht Berndt „aha“, wir schauen uns an und schmunzeln über Hans-Ludwigs direkte Art. „Nun kommt, ich zeig euch den Hof.“

Gemeinsam bekommen wir eine kleine Führung über den Hof von Greves, Berndt und ich eilen hinter Hans-Ludwig her, der immer vier Schritte voraus ist. Das historisch anmutende Bauernhaus ist aus dem Jahr 1939, einer Zeit, in der viele Neubauten gemäß der „Heimatschutzarchitektur“ gebaut wurden. Umringt von Obst- und Walnussbäumen liegt es idyllisch auf einer Anhöhe vor dem Ort Bad Bevensen. Zügigen Schrittes führt uns Hans-Ludwig über den Hof: um das Wohnhaus herum, an einer Werkstatt und Scheune vorbei, an einem kleinen Rugby-Feld vorbei (das hat der ehemalige Lehrer für Englisch, Deutsch, Religion und Geschichte für seine Kinder eingerichtet und auch mit seinen Schülern dort gespielt) zur Obstwiese, auf der die zwei Pferde und ein paar Lämmer mit ihren Müttern grasen. Freilaufende Hühner staksen an uns vorbei – „Wie bei Petterson und Findus, was?“, ruft Hans-Ludwig über seine Schulter – ich kann kaum Schritt halten – und ich denke: „haargenau!“
Es geht zurück zum Haus, wir treten ein. Berndt sagt: „Boah. Hier würde ich sofort einziehen.“ Staunend stehen wir vor den liebevoll vollgestopften Bücherregalen in diesem urig gemütlich eingerichteten Haus und fühlen uns wie in einem Bilderbuch.

Neben dem Rugby-Feld setzen wir uns unter den Sonnenschirm, Anneke hat aus den ersten Augustäpfeln Applecrumble gebacken. Ich frage unsere beiden Gastgeber, ob sich die Stimmung in der Landwirtschaft bzw. in der Georgsanstalt in den letzten Jahren verändert hat – denke dabei an das „Pflanzenschützer-Schild“ und das Grüne Kreuz von vorhin. Der gedankliche Graben zwischen konventioneller und ökologischer Landwirtschaft sei kleiner geworden, meint Hans-Ludwig; die Verachtung gegenüber den „Ökos“ weniger. Und doch – so richtig entspannt sei das Verhältnis (noch) nicht, „öko“ sei durchaus zu einer ernstzunehmenden Konkurrenz geworden.

Verständnis, Toleranz und vor allem Akzeptanz auch innerhalb der Landwirtschaft für die unterschiedlichen Wirtschaftsweisen – das würde ich mir wünschen und denke an meine gestrigen Gespräche mit Jan Meyerhoff und Christoph Weseloh.

Wir haben nicht viel Zeit, um 16.00 Uhr werden wir von der Äbtissin des Klosters Ebstorf erwartet. Kaum zu spät kommen wir an, die Äbtissin öffnet uns und überreicht Hans-Ludwig den Schlüssel. Die beiden kennen sich seit vielen Jahren und Hans-Ludwig hat schon viele Schülergruppen durch das Kloster geführt, daher ist diese Führung im kleinen Kreis kein Problem. Ein ehemaliger Kollege Hans-Ludwigs, ebenfalls Lehrer an der Georgsanstalt, ist noch mit dabei und zu viert schreiten wir durch die große Klosteranlage. Hans-Ludwig erzählt uns viel zur Geschichte des Klosters, zur Architektur und den regionalen Besonderheiten. Für den absoluten Höhepunkt der Führung treten wir in aus dem Kreuzgang in einen Raum: „Willkommen im Auditorium Maximum“, verkündet Hans-Ludwig halb stolz, halb schmunzelnd. Im Halbkreis sind Stuhlreihen auf drei Stufen angeordnet mit Blick auf eine elektrisch aufrollbare Leinwand. Mit einem 2,5m langen Zeigestock positioniert sich Hans-Ludwig vor der Leinwand und lässt sie hochfahren. Berndt kommentiert: „Hans-Ludwig mit dem längsten Zeigestock Norddeutschlands vor dieser geschichtsträchtigen Karte - vor uns wirken jetzt elementare Kräfte...“ Hans-Ludwig grinst: „Meine Frau würde mich jetzt auslachen. Jaja, macht euch nur über mich lustig.“

Wir drei über den ganzen Raum verstreut sitzenden Zuhörer lauschen dann jedoch gebannt den Erläuterungen zur Ebstorfer Weltkarte, die im 13. Jahrhundert entstanden ist und das gesamte Wissen der damaligen Zeit in kleinen Bildern und Piktogrammen darstellt. Beeindruckend.

Nach dieser überaus spannenden und informativen Führung machen wir noch einen kurzen Abstecher zum Gebäude der Berufsbildenden Schule Georgsanstalt. Die Worte „traditionsbewusste Schule“ werden für mich in dem Gebäude an unterschiedlichen Details sichtbar und nicht zuletzt durch die Festschrift-Bücher zu 150 Jahren Georgsanstalt und 125 Jahren Verein der Ehemaligen und Freunde der Georgsanstalt, die Berndt und Hans-Ludwig mir an diesem Nachmittag schenken.

Ein schneller Ritt durch alte und neuere Geschichte der Region – die Bücher werde ich zum Nachschlagen und Nachlesen einiger Informationen des heutigen Nachmittages sicherlich gut gebrauchen können.

Zum Abendessen sind Hans-Ludwig, Berndt und ich in einem Restaurant in Bad Bevensen angemeldet. In der hübschen Altstadt versuche ich, die vielen Eindrücke des Tages langsam sacken zu lassen. Das Essen schmeckt fabelhaft und es ist schon fast dunkel, als wir uns wieder auf die Fahrräder schwingen und zurück zu Hans-Ludwigs Hof fahren. „Noch einen Espresso? Digestif?“ Am gemütlichen Esstisch sitzen wir nochmal zusammen. Ich frage Hans-Ludwig: „Was denkst du, wie müsste sich die Landwirtschaft oder die landwirtschaftliche Ausbildung sich verändern? Wo müssen wir neue Wege gehen?“ Hans-Ludwig überlegt einen Moment.
„Zur Ausbildung kann ich nicht viel sagen, weil ich andere Fächer unterrichtet habe. Allgemein denke ich, dass die sogenannten Soft Skills wie z.B. Kommunikationsfähigkeit in allen Ausbildungsberufen mehr Bedeutung gewinnen und stärker vermittelt werden sollten. Und in der Landwirtschaft sollte sich der Blick auf die Förderungen verändern: Anstatt nach Flächenbesitz zu fördern, sollten Kriterien wie zum Beispiel die Anzahl sozialversicherungspflichtiger Mitarbeiter:innen auf einem Hof herangezogen werden.“

Ich nehme anregende Impulse von diesem Nachmittag und dem Abend, von den Gesprächen und dem, was ich gesehen habe, mit.
Schließlich machen Berndt und ich uns auf den Weg – Berndt hat angeboten, mich und mein Fahrrad mit seinem Auto zum Hotel in Uelzen zu bringen. Von dort wird er weiter zu sich nach Hause fahren.
Wir verabschieden uns von Hans-Ludwig und nehmen die Einladung, ihn bei nächster Gelegenheit wieder zu besuchen, gerne mit.

Um Viertel nach 11 erreichen Berndt und ich das Hotel in Uelzen, in dem ich zwei Übernachtungen gebucht habe. Die Straßen Uelzens beleuchtet, aber leer, die Stadt schläft schon. Obwohl ich meine späte Ankunft im Hotel angekündigt habe, öffnet niemand die Tür. Zwei Hotelgäste wollen gerade hineingehen, sehen uns ratlos vor der Tür stehen und bringen mir eine Handynummer, die mit dem Hinweis „Im Notfall bitte hier melden“ in ihrem Hotelzimmer lag. Ich rufe die Nummer an – der Anrufbeantworter meldet sich, das Handy ist also aus. Ich bin platt und ratlos, da hat Berndt schon Hans-Ludwig am Telefon und fragt, ob ich heute Nacht auf dem Hof übernachten kann. „Kein Problem“, antwortet dieser und Berndt und ich packen mein Fahrrad und Gepäck ein weiteres Mal in seinen Kofferraum. Zwanzig Minuten später kommen wir abermals auf dem Hof an – Anneke führt mich im Haus in eins der früheren Kinderzimmer. Mir ist das alles furchtbar unangenehm, aber Anneke und Hans-Ludwig sind ganz entspannt und nehmen mich herzlich auf. Berndt verabschiedet sich, er hat noch 1,5 Stunden Autofahrt vor sich.
Es ist weit nach Mitternacht als ich völlig erledigt in dem Dachzimmer unter einer Weltkarte mit dem Titel „Tiere unserer Welt“ einschlafe.

Entstehung der Akademie Junglandwirte Niedersachsen

Um die geschichtliche Verbindung zwischen der Georgsanstalt und der Akademie Junglandwirte Niedersachsen zu verdeutlichen, hat Berndt als Leiter der Akademie dankenswerterweise den folgenden Abschnitt für meinen Blog verfasst:

Die Georgsanstalt ist für unsere Akademie eine wichtige Keimzelle. Im Landkreis Uelzen wurde in den 1960er Jahren der erste Arbeitskreis Junger Landwirte gegründet. Auch nach der Schulzeit wollten sich die jungen Landwirte weiter bilden und Gemeinschaft pflegen. Dafür wurden über Winter Fortbildungsveranstaltungen organisiert. Engagierte Lehrer der Georgsanstalt übernahmen die Geschäftsführung des Arbeitskreises und kümmerten sich um hochkarätige Referenten. Der „Schüler-Lehrer-Pakt“ funktionierte. Nach dem „Ebstorfer Modell“ wurden weitere Arbeitskreise ins Leben gerufen. Das führte in den 1980er Jahren zur Gründung einer Landesarbeitsgemeinschaft der Arbeitskreise, aus denen die „Junglandwirte Niedersachsen“ und auch unsere Akademie hervorgingen. „Weiterbildung in Gemeinschaft“ ist bis heute unsere Mission.  

Tag 1: Heidekreis

Die Landpartie beginnt

Im Morgengrauen verlasse ich meine WG, Hannovers Straßen sind noch ruhig. Auf meinem Weg zum Bahnhof fahre ich mit dem Fahrrad an einigen Bäckereien vorbei, in denen schon Licht brennt. Der Duft von frisch gebackenen Brötchen liegt in der Luft. Über dem Hauptbahnhof strahlt der Vollmond, während hinter mir die ersten Sonnenstrahlen den Himmel erhellen.

Im Bahnhof beginnt langsam geschäftiges Treiben, ich staune, wie viele Menschen um die Uhrzeit schon auf den Beinen sind.

Kaum stehe ich am Gleis, fährt der metronom ein und ich finde einen guten Platz für mein Fahrrad. Ein netter Herr antwortet auf meine Frage, ob er ein Foto von mir machen könne, „Na klar, das werde ich wohl hinkriegen!“ Pünktlich fährt der Zug ab, ich setze mich und bin freudig gespannt, was ich in den kommenden Tagen erleben werde.

Nach zwei Umstiegen, die auch mit meinem Fahrrad problemlos klappen, komme ich um kurz nach 8.00 Uhr in Dorfmark an. Da ich extra die frühere Verbindung genommen habe, habe ich nun genug Zeit um in einem Café einen Kaffee zu trinken. Die gute Laune der Dame, die mich in der Bäckerei bedient, springt auf mich über und ich fühle mich einfach nur wohl, da wo ich gerade bin. Ich setze mich mit meinem kleinen Tablett nach draußen und beobachte die Kunden, die sich in der Bäckerei ihr Frühstück kaufen. Zwei Frauen kommen angeradelt, steigen ab und eine von ihnen spricht mich sofort an: „Mensch, sind Sie ganz allein unterwegs? Meinen größten Respekt!“ Sie zieht ihren imaginären Hut und deutet eine Verbeugung an. Ich winke lächelnd ab und erzähle, dass ich in Hotels übernachte und nicht völlig „wild“ unterwegs bin. Doch die Frau bleibt beeindruckt und strahlt dabei über das ganze Gesicht. Dann geht sie mit ihrer Begleitung in die Bäckerei – als sie wieder rauskommen, verabschieden sie sich und wünschen mir alles Gute. Den Wunsch erwidere ich und mache ich mich ebenfalls wenig später auf den Weg.

Zum Oesenhof, wo ich mit dem Landwirt Jan Meyerhoff verabredet bin, fahre ich die zum Glück mäßig befahrene Landstraße entlang, vorbei an Getreidefeldern, kurzen Waldstücken und viel Mais. Es ist angenehm warm, ein paar Regentropfen fallen vom Himmel, doch dann bleibt es sonnig.

Der Oesenhof in der Lüneburger Heide

Ich komme etwas zu früh an, Jan fährt kurz nach mir auf dem Hof ein. Er hat gerade mit seinem Sohn ein paar Schafe abgeholt. Er lädt mich auf einen Kaffee auf die Terrasse des alten Bauernhauses ein. Seine erste Frage gilt mir und meiner Tour: „Wieso genau machst Du das?“ „Ich suche den direkten Kontakt zu Landwirtinnen und Landwirten, zu den Menschen, die im ländlichen Raum unserer Landeskirche leben. Ich möchte hören, was sie bewegt und erfahren, ob und wie die Kirche bei diesen Themen unterstützen könnte.“ Mit der örtlichen Kirchengemeinde hat der Hof kaum Kontakt, aber über die Werte, über Solidarität und Schöpfung kommen wir ins Gespräch. Jan erzählt vom „Kultgemüse“, ein Konzept bei dem sie Parzellen mit unterschiedlichen Gemüsearten anlegen, die dann von Privatpersonen gepflegt und beerntet werden. Seit 7 Jahren machen sie das und die Nachfrage ist groß. „Das ist sicherlich nichts für jeden Betrieb, genauso wenig wie solidarische Landwirtschaft flächendeckend sinnvoll wäre. Aber es gibt eine Nachfrage und wir sind gleichzeitig dankbar für die Wertschätzung, die wir darüber erfahren.“ Auch den Austausch beim FINKA-Projekt, bei dem sie einen konventionellen Betrieb beim Verzicht auf Insektizide und Herbizide beraten und unterstützen, findet er wertvoll. „Alle, die Flächen besitzen und verpachten, sollten verstärkt darauf schauen, wie diese bewirtschaftet werden.“

Wir gehen über den Hof zu den Gemüseflächen. Er zeigt mir den Selbsterntegarten, der auf Vertrauensbasis jedem offensteht – „Es läuft super, wir haben keine Probleme mit Diebstahl oder so.“ Toll, ich bin beeindruckt. Weiter geht es zum Kultgemüse. Vor dem Eingang steht eine Tafel mit kurzen Infos zu aktuellen Arbeiten. „Wir geben den Menschen auch Anleitungen per E-Mail, für manche ist es das erste Mal, dass sie Gemüse selbst anbauen. Aber es begeistert die Menschen, das ist so schön zu sehen.“ In meinen Augen ein wunderbares Beispiel dafür, wie Bildung auf einem Hof integriert werden kann.

Wir hätten noch über vieles Weitere reden können – Tourismus oder Tierhaltung reißen wir nur kurz an. Doch für mich geht es weiter zum nächsten Hof und Jans neue Schafe freuen sich auf die Wiese. So bedanke ich mich und schwinge mich mit vielen Gedanken auf mein Rad.

Ich folge der Landstraße, der Fahrtwind und die häufigen kurzen Waldstücke entlang der Straße kühlen die Mittagssonne etwas ab. Während der Fahrt erzähle ich mir selbst von meinen Gedanken und lasse die Landschaft auf mich wirken. Mal sind die Flächen groß und der Himmel weit, mal sind die Flächen klein und von Waldstückchen umgeben.

Nach etwa 16 km bin ich schon fast am Ziel, habe aber noch eine Dreiviertelstunde Zeit. Von der Hauptstraße biege ich auf einen Forstweg ab und suche mir zwischen Bäumen und dem Beginn eines Maisfeldes ein halbschattiges Plätzchen für meine Mittagspause. Die letzte Nacht war kurz, langsam holt mich die Müdigkeit ein. Ich strecke mich für ein paar Minuten auf dem Gras aus und schließe die Augen. Sicherheitshalber stelle ich mir einen Wecker – bloß gut, denn die leise im Wind raschelnden Blätter und sanftes Vogelgezwitscher verbinden sich zu einer angenehmen Einschlaf-Melodie.

Zurück auf der Hauptstraße radel ich mich wieder munter und komme pünktlich bei Familie Weseloh an. Ich bin mit Christoph verabredet, der etwa in meinem Alter sein müsste. Seine Mutter und Schwester treffe ich im Hof, dann kommt auch Christoph. „Also so kommen wirklich die Wenigsten“, sagt Christophs Mutter lachend und deutet auf mein Fahrrad. Ich schmunzele – angesichts der vielen Höfe in Einzellage, die diese Region offensichtlich prägen, glaube ich das sofort.

Bei Christoph Weseloh in Neuenkirchen

Christoph hat im halboffenen Gartenhaus Kaffee und Wasser vorbereitet und wir setzen uns, mit Blick in den Garten und auf das Haupthaus.

Auch er fragt mich interessiert, wieso ich diese Tour mache. Ich berichte von meinem Anliegen und dem Kirchlichen Dienst auf dem Lande – da er den Studienkurs der Akademie Junglandwirte absolviert hat, sind der KDL und unsere Landwirtschaftspastorin ihm bekannt. Ja, und die Rolle der Kirche in diesem Spannungsfeld „Landwirtschaft – Gesellschaft – Politik“, die findet er auch interessant.

Wie ich schon auf meinem hierher Weg gesehen habe, ist die Region vom Maisanbau und Biogaserzeugung geprägt. Auch der Betrieb von Christoph und seinen Eltern hat seinen Schwerpunkt auf die Biogaserzeugung gelegt. Mit Roggen und Gerste bauen sie auch etwa zwei Drittel des Schweinefutters für ihre Mastschweine an. Dazu kommen Kooperationen mit Betrieben in der Umgebung, um die Nährstoffkreisläufe möglichst regional geschlossen zu halten. „Das läuft richtig gut“, sagt Christoph. In den gut zwei Stunden, die wir uns unterhalten, sprechen wir über eine breite Themenpalette: von Agrarpolitik über Bildung, von der Darstellung „der Landwirtschaft“ in den Medien bis zu Ethik in der Nutztierhaltung und Bewahrung der Schöpfung. Beim Stichwort Gesellschaftsvertrag nickt Christoph: „Ja, das wäre etwas, was vielleicht auch dabei helfen könnte, eine Art Grundvertrauen zurückzubringen. Wir Landwirte sind heutzutage wirklich gut ausgebildet und auch die Kontrollen z.B. beim Thema Düngung sind sehr genau. Da würde ich mir wünschen, dass die Gesellschaft sagt: ‚Ja, die machen schon einen guten Job.‘ In den Medien werden die komplexen landwirtschaftlichen Themen häufig sehr verkürzt und vereinfacht dargestellt. Dadurch bilden sich schnell Meinungen, die aber auf oberflächlichen Informationen basieren.“

Bei der Frage, was er sich wünscht, antwortet Christoph: „Sicherheit und gleichzeitig Flexibilität. Ich würde gerne bei meinem Schweinestall die Wand dort hinten aufmachen und einen Außenklimabereich einrichten. Aber gerade in der Tierhaltung ist es derzeit so unsicher, wie sich die Richtlinien und Anforderungen verändern, dass ich da im Moment nicht investiere.“

Die Zeit vergeht wie im Flug, auch nach diesem Gespräch habe ich das Gefühl, wir hätten uns noch lange weiter unterhalten können. Zum Abschluss machen wir noch ein Foto vor dem Mais und dann trete ich meine letzte Etappe für diesen Tag an: nach Munster.

Beide Begegnungen gehen mir auf meiner Weiterfahrt noch lange durch den Kopf. Beim längeren Nachdenken erscheint mir der Tag ein wenig klischeehaft; der Besuch auf dem Bio-Hof und der Besuch auf dem konventionellen Biogas-Hof. Ich hoffe, dass ich selbst den Spagat schaffe – auch in diesem Blog – und keins der Gespräche stereotyp erscheint.

Die Landstraße, neben der der Fahrradweg verläuft, ist streckenweise recht stark befahren. Als ich am großen Willkommens-Schild des Heide-Parks vorbeifahre, wird mir auch klar, warum wohl. Immerhin ist der Radweg durch einen Grünstreifen von der Autospur getrennt.

Es ist immer noch warm, doch allmählich hat sich der Himmel mit Wolken zugezogen. Kurz hinter dem Heidepark denke ich: „Hm, irgendwie riecht es hier nach Regen.“ Und wenige Minuten später kommt genau das vom Himmel: ein langsam stärker werdender Regen. Im Schutz einiger Bäume am Straßenrand versuche ich zu erspüren, ob es nur ein kurzer kräftiger Schauer ist, oder ob der Regen länger dauern wird. Ich tippe auf längeren Regen und hole meinen leuchtend-pinken Regenponcho aus der Satteltasche, die einer meiner Mitbewohner mir für diese Tour ausgeliehen hat. Der Regen wird tatsächlich stärker und weht mir von allen Seiten entgegen. Die vorbeifahrenden Autos nehmen dankenswerterweise Rücksicht und halten großen Abstand. Nach einem Abzweig, runter von der Landstraße, prasselt der Regen so stark auf mich herunter, dass ich unter einem Baum vor einer Einfahrt zu einem abseits gelegenen Haus anhalte und warte. In der Ferne sehe ich ein Stück blauen Himmel, schließlich bricht tatsächlich die Sonne durch die Wolken – doch der Regen hört nicht auf. Über dem gegenüberliegenden Waldrand erahne ich (oder erträume mir?) einen Regenbogen. Nach einigen Minuten wird der Regen schwächer und ich fahre, klatschnass, weiter. Die Sonne kommt wieder und mein Poncho trocknet schnell. Nur noch eine Viertelstunde bis Munster, oder 5 Minuten länger, wenn ich einen Weg parallel zur Landstraße fahre. Ich habe mich schon dazu entschieden, den kleinen Umweg zu fahren, als sich am Horizont vor mir leise donnernd ein Gewitter ankündigt. Also gut, dann bleibe ich auf der Landstraße. Denn wo ich jetzt gerade so schön trocken und kurz vorm Ziel bin, möchte ich eigentlich nicht nochmal nass werden.

Dreizehn Minuten noch, der Donner wird lauter. Ich trete fester in die Pedale, doch da sehe ich schon beinahe Handballen-große Regentropfen auf der Straße (sie sind in der Tat riesig). Ich beeile mich noch mehr, aber es ist zu spät. Der Regen trommelt auf meinen Helm und nicht nur der Regen: Hagelkörner mischen sich darunter und hüpfen über die Straße. Oh je. Ortseinfahrt Munster, weniger als zehn Minuten. Ich freue mich nur noch auf eine Dusche und trockene Kleidung. Noch ist mein Hotel nicht ausgeschildert, dafür aber das Deutsche Panzermuseum und ich erinnere mich, dass die grobe Richtung übereinstimmt.

Ich biege auf eine Art Fußgängerzone, an deren Ende mein Hotel liegt. Auf den letzten Metern hört der Regen auf, es ist wunderlich. Die Schaufenster, die die verkehrsberuhigte Straße säumen, stehen zum Großteil leer und verbreiten eine leicht unheimliche Atmosphäre.

Auch das Hotel macht einen eher verlassenen Eindruck, doch ich bin dankbar, hier angekommen zu sein. Auf dem Zimmer schreibe ich meinen ersten Blogeintrag und gehe dann im Hotelrestaurant etwas essen. Der zweite Blogeintrag folgt danach – und um 23.00 Uhr gehe ich nach einem langen, ereignisreichen Tag ins Bett.