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Stolpersteine - Auf der Grenze zwischen Handwerk und Kunst

Nachricht 26. Januar 2015
Künstler bei der Arbeit, im Hintergrund die zukünftigen Handwerkergesellen
Künstler bei der Arbeit, im Hintergrund die zukünftigen Handwerkergesellen

Berufsfachschüler unterstützen Stolpersteinverlegung in Aurich - Handwerk und Kunst auf demselben Weg

„Sie werden keine Gaskammern bauen wollen, keine Baracken, um Menschen darin einzupferchen, sie werden ehrbare Handwerker werden wollen!“

Am Holocaustgedenktag (dem Tag der Erinnerung an die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz) vormittags machte sich in Ostfriesland eine ca. 60 köpfige Gruppe auf den Weg durch Aurichs Straßen. Der 27. Januar 1945 jährt sich in diesem Jahr zum 70. Mal. Und zu diesem Anlass wurden wieder die sogenannten Stolpersteine des Künstlers Gunter Demnig verlegt.  Er will an die Opfer der NS-Zeit erinnern, indem er vor ihrem letzten selbstgewählten Wohnort Gedenktafeln aus Messing ins Pflaster des Gehweges einlässt. Stolpersteine liegen bereits in über 500 Orten Deutschlands und in mehreren Ländern Europas.
'Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist', zitiert Gunter Demnig den jüdischen Talmud auf seiner Internetseite: „Mit den Steinen vor den Häusern wird die Erinnerung an die Menschen lebendig, die einst hier wohnten. Auf den Steinen steht geschrieben: HIER WOHNTE... Ein Stein. Ein Name. Ein Mensch. Jedes Opfer erhält seinen eigenen Stein. Gedacht wird mit diesem Projekt aller verfolgten oder ermordeten Opfer des Nationalsozialismus: Juden, Sinti und Roma, politisch Verfolgter, religiös Verfolgter, Zeugen Jehovas, Homosexueller, geistig und/oder körperlich behinderten Menschen, Zwangsarbeiter und Deserteure; - letztlich aller Menschen, die unter diesem Regime leiden mussten.“
Begleitet wird die Gruppe von 10 freiwilligen Helfern der Berufsfachschule Bautechnik, Aurich, die mit ihren drei Lehrern dabei sind. Sie kümmern sich jeweils um das nötige Material, das für die Stolpersteinverlegung nötig ist, unterstützen den Künstler bei der Arbeit, sorgen für die Sicherheit der Aktionsteilnehmer auf den Straßen, hören aber auch immer wieder hin, wenn die Biographien der aus Aurich verschleppten Juden zu hören sind. Sie schauen auf die Bilder, die gezeigt werden. Auch Kinder sind dabei. Vielleicht, wie sie, in Aurich geboren und aufgewachsen aber dann verurteilt, ihre Heimatstadt zu verlassen, sie werden deportiert in Lager, in den sicheren Tod, selektiert, ausgesondert - Sonderbehandlung. Solche Menschengeschichten, die während der praktischen Arbeit von verschiedenen Personen berichtet werden, lassen auch die Jugendlichen nicht kalt. "Ich finde es gut, dass wir hier dabei sind" sagt einer. "Im Unterricht werden wir weiterreden über das, was da passiert ist".

Claus Dreier, Handwerkspastor der Landeskirche, begleitet die Aktion in Aurich, und resümiert: „Die jungen Leute bereiten sich auf ihren Handwerksberuf vor und dabei lernen sie noch viel mehr. Sie werden wohl keine Gaskammern bauen wollen, keine Baracken, um Menschen darin einzupferchen, sie werden ehrbare Handwerker werden wollen!“ Handwerk, meint er, sei ja für sich genommen wertneutral. Erst die Handwerker selber würden ihr Handel bestimmen und verantworten. Ja- oder Nein sagen lernen müsse jeder Mensch: „Nein zu Menschenverachtung, Hass, Gewalt, Ja zu Frieden, zu Toleranz, Menschenfreundlichkeit.“ Das Gedenken, so erkennt Dreier,  „zieht Kreise. Es zieht ein in die Köpfe von Menschen, die lernen wollen. Der Berufsfachschule, den drei Lehrkräften, die auch dabei sind, kann man nur danken, dass sie zugestimmt haben, als das Organisationsteam ´Stolpersteine für Aurich` sie um praktische Hilfe bat.“ Gunter Demnig freut sich auch. „Künstler, die gestalten“, sagt er, „sind immer auch Handwerker“. Vielleicht hätten die jungen Leute das auch gemerkt, meint Dreier: „Das ist einer von uns. Der arbeitet, mit seinen Händen und mit seinem Kopf. Und das können wir auch.“

Die Auszubildenden werden in absehbarer Zeit vielleicht selbst weitere Stolpersteine in Aurich verlegen, ohne Demnig, der viel unterwegs ist. Die Grenze zwischen Handwerk und Kunst ist fließend. Es ist und bleibt ein Lernfeld, wie das Leben selbst.