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Bild: Fiedels @ fotolia.com, Grafik: HkD

Experiment Querdenken

Nachricht 20. Februar 2019

Bei einem Werkstatt-Tag in Lüneburg diskutieren Menschen von nah und fern exemplarisch über die Zukunft einer Gemeinde

Abriss, Umbau, Verkauf oder Neubau? Interessierte und Experten aus verschiedenen Teilen Deutschlands sind in der Lüneburger Paul-Gerhardt-Gemeinde zusammengekommen, um Ideen für die zukünftige Nutzung der dortigen Kirchengebäude zu entwickeln. Eine Premiere in der hannoverschen Landeskirche.

„Dieser Werkstatt-Tag ist ein Experiment“, sagt Jörg Stoffregen. Der Diakon und Sprecher des Bundesnetzwerks für Gemeinwesendiakonie und Quartiersentwicklung steht vor rund 30 Gästen, in einem Raum der Paul-Gerhardt-Gemeinde im Lüneburger Osten. Sie sind angereist aus dem nahen Hamburg und aus dem fernen Köln; aus Hessen, Thüringen und Schleswig-Holstein, darunter Architekten, Stadtplaner und Kirchenhauptamtliche.

Die bundesweite Expertise soll am Beispiel dieser Gemeinde versuchen, konkrete Ideen zu entwickeln, wie die zugehörigen Kirchengebäude entwickelt werden könnten, um die Zukunft der schrumpfenden Gemeinde zu sichern, aber auch diakonisch in den Stadtteil hineinzuwirken „Heute gilt: Geht nicht? Gibt’s nicht!“, betont Stoffregen.

Die Lüneburger sind eine von 16 Projektgemeinden in der Landeskirche, die in der Initiative Gemeinwesendiakonie mitmachen, erläutert Projektleiter Peter Meißner vom Haus kirchlicher Dienste (HkD) in Hannover. Ein solcher Werkstatt-Tag ist bislang einmalig. „Der Blick von außen ist wertvoll“, sagt Meißner. „Denn die Gäste schauen anders auf das Thema als wir. Sie denken quer.“

Die Probleme der Gemeinde sind dieselben wie vielerorts: Die Zahl der Mitglieder schrumpft beständig. Zum Buß- und Bettag kürzlich waren 18 Personen im Gottesdienst. Die heute zu großen Gebäude sind kaum wirtschaftlich zu nutzen. Der Kirchraum allein hat eine Nutzfläche von 400 Quadratmetern und ist doch meist menschenleer. Ständig gibt es Reparaturbedarf in den Gemeinderäumen oder der alten Pfarrwohnung: beim Brandschutz, beim Licht, bei der Behindertentoilette, bei der Heizung. So steht die Gemeinde stellvertretend für viele andere in der Landeskirche.

Von Schießscharten und Straßenbahndepots

Die Gäste verschaffen sich einen Überblick beim Rundgang. Der Innenraum der 1963 eingeweihten Kirche weckt erste Reaktionen: für die einen „ein toller Raum mit sehr schönem Holzdach“, für die anderen ein „gutes Straßenbahndepot, wenn man die Orgel herausnimmt“. Alle empfinden die sehr breiten festgeschraubten Bänke als überdimensioniert und unflexibel. Man merkt der hohen Kirchhalle mit ihrer Seitenempore an, dass sie einst nicht nur für die Anwohner des Stadtteils Neu-Hagen, sondern auch für Soldaten der umliegenden Lüneburger Kasernen errichtet wurde.

Dann geht es durch eine verwinkelte Pfarrwohnung, Gemeindearbeitsräume und in die modernisierten Zimmer im Untergeschoss, wo ganz anders als im Sakralraum das Leben tobt. Werktäglich findet hier finanziert durch Spenden und betreut durch Ehrenamtliche die „Kindertafel“ statt. Schüler aus dem Stadtteil essen und spielen hier, erledigen ihre Hausaufgaben und bekommen Nachhilfe. „Das ist ein Segen für die benachteiligten Familien im Stadtteil“, erklärt Leiterin Antje Stoffregen.

„Die Kindertafel ist heute das Herz der Gemeinde, von hier aus ließen sich die Gebäude als diakonisches Begegnungszentrum weiterentwickeln“, schlägt sie vor. Doch leider sieht man von außen nicht, wie viel Leben jeden Tag in diesen Räumen ist, sagt die Diakonin. Ein Rundgang ums Gebäude macht auch dies deutlich. Zur Straße hin dominieren Backsteinwände und kleine quadratische Fenster, die manche Besucher an Schießscharten erinnern.

Dem Stadtteil fehlen Begegnungsräume

Nach Zusatzinformationen über den Stadtteil und mit Bauplänen ausgerüstet gehen die Gäste in Arbeitsgruppen ans Werk. Ein Teil der Gebäude könnte verkauft werden. Das Gemeindehaus ließe sich in die zu große Kirche integrieren, der Sakralraum flexibel gestalten, so dass andere Nutzungen möglich werden, lauten Ideen. Ein Tagesmütterzentrum im Untergeschoss, eine verglaste Außenwand für mehr Transparenz, andere Religionsgruppen hineinholen und vieles weitere wird diskutiert.

Ein Ansatzpunkt: Dem Bezirk fehlt es an offenen Begegnungsräumen. Das Stadtteilhaus in einem Kilometer Entfernung ist völlig überlaufen. Viele nichtkirchliche Initiativen und Selbsthilfegruppen fragen jetzt schon bei der Gemeinde nach Räumen. Die großen Bänke im Kirchraum lassen aber kaum eine andere Nutzung zu. Doch was hätten solche Vermietungen mit Kirche zu tun? Deutlich wird: Es ist gar nicht so leicht, einen guten Kompromiss zu finden zwischen Bedarfsgerechtigkeit für die Menschen im Stadtteil, finanzieller Machbarkeit und christlicher Glaubwürdigkeit.

Alle Gruppen schlagen letztlich vor, im Kleinen zu beginnen. Der Kölner evangelische Theologe und Architekt Jörg Beste, der die Ideen als Experte kommentiert, sieht zwei Wege für die Gemeinde: Energie in ein Umbauprojekt geben oder sich zurückzuziehen. Er plädiert für Ersteres. Sowohl von einem Abriss als auch von einem Teilverkauf an einen Investor rät er ab. Die neuen Eigentümer könnten sonst später wegen der Lautstärke gegen sonntägliches Singen oder Kirchenfeste klagen.

Die Gemeinde sollte Zwischenlösungen entwickeln, rät Beste: die alte Pfarrwohnung vermieten, Treffpunkte auch mal vor die Kirche verlagern, Kirchbänke in einem Akkuschrauber-Gottesdienst herausnehmen. „Probieren Sie etwas aus, dann entstehen Entwicklungen, an die jetzt noch niemand denkt.“

Die Mitglieder der Paul-Gerhardt-Gemeinde wollen die Vorschläge jetzt in einer Arbeitsgruppe auswerten. Aus Sicht der Landeskirche war der Workshop ein gelungener Tag. „Andere zu beteiligen und das Querdenken kamen gut an“, resümiert Peter Meißner. Das sehen auch die anwesenden Vertreter anderer Gemeinden so. Manche wollen nun zu Hause selbst so einen Werkstatt-Tag organisieren.

Text: Stefan Korinth/Evangelische Zeitung (2. Dezember 2018)

Rückblick auf den Werkstatt-Tag

Vier Filme zeigen verschiedene Apsekte des Tages: