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Neue Perikopenordnung - mehr Frauentexte?

Nachricht 31. Januar 2019
Frauennamen, Judith Rohde

Seit dem 1. Advent ist die neue Perikopenordnung in Kraft getreten. Eine Kommission der EKD hat acht Jahre lang daran gearbeitet, die alte Ordnung der Lesungen und Predigttexte für alle Sonntage und Festtage des Kirchenjahres zu überarbeiten. Das dabei herausgekommene Buch gliedert in übersichtlicher Weise gut lesbar zunächst Bekanntes: die Aufteilung in insgesamt sechs Perikopenreihen ist geblieben. Inhaltlich sind einige Texte herausgefallen, neue hinzugekommen.

Die  geplante Änderung bzw. Erweiterung durch Texte, die die Lebenswirklichkeit von Frauen thematisieren ist auf das Ganze gesehen leider eher marginal.
Neu aufgenommen wurden:

  • Hohelied 2,8-13 , 2. Advent, V
  • Gen 18,1-2.9-15 (Sara und Abraham),  4. Advent, III
  • Ruth 1, 1-19 (Ruth und Naomi),  3. Sonntag nach Epiphanias
  • Ex 14 (Durchzug Schilfmeer, Mirjam-Lied),  Ostersonntag, III
  • Gen 16,1-16 (Hagar am Brunnen),  Misericordias Domini
  • Lk 13, 10-17 (Heilung der verkrümmten Frau), 1. So n.Tr.
  • Gal 3,26-29 (Völker- Religionen-Geschlechtergerechtigkeit), 12. Sonntag nach Trinitatis
  • Ex 1, 8-21 (die Hebammen Schifra und Pua),  23. Sonntag nach Trinitatis

Es fällt sofort auf, dass mehr alttestamentliche und erzählende Texte aufgenommen wurden. Dies entspricht der Gesamttendenz der Neuordnung. Die Texte aus dem ersten Testament wurden erfreulicherweise verdoppelt, so dass sie im Verhältnis von 1/3 zu 2/3 neutestamentlichen Predigtexten stärker vertreten sind.

Während die Aufnahme von Kerntexten wie Gen 16 (Hagar und Ismael) und Ruth 1 sowie Ex 1 (Widerstand der hebräischen Hebammen gegen den Kindermord) oder ganz neuen Texten wie Hohelied 1 sehr zu begrüßen sind, genauso wie der bei Fragen der Geschlechtergerechtigkeit meist zitierte Text  Gal 3,28, führt ein genaues Hinsehen jedoch zu Einschränkungen:  Die widerständigen Hebammen (Ex 1) wurden auf den 23. Sonntag nach Trinitatis gelegt, kommen also nur alle Jubeljahre als Predigttext vor; die Textauswahl im Hohelied lenkt die Interpretation durch die Platzierung (2. Advent)  schnell auf Christus und kann nicht als eigentlicher „Frauentext“ gezählt werden. Weiter wird die Freude über Gal 3 getrübt durch die Tatsache, dass einzelne andere Frauentexte herausgefallen sind. Schmerzlicher Verlust ist hier vor allem die Erwähnung der Berufung der Jüngerinnen (Lk 8,1-3) und deren Ersetzung durch Mt 9,35ff., wo es pointiert nur um die Berufung männlicher Jünger geht.

Immerhin wird Lk 8,1-3 als Lesungstext vorgeschlagen für einen erfreulicherweise neu eingeführten Gedenktag: am 22. Juli kann die Kirche an eine bedeutende Jüngerin erinnern: Maria Magdalena. An diesem Tag wird ein weiterer neuer Text aus dem Hohelied als Lesung vorgeschlagen: Hld 3,1-5,5. Die Worte sind eindeutig aus der Perspektive einer  Frau geschrieben. Allerdings: aufgrund der Zuordnung zu gerade diesem Gedenktag können sie die erneut suggerieren, dass Maria Magdalena vor allem als die Frau gesehen wurde, die Jesus in erotischer Liebe zugetan war.

Noch ein Trost: an den Ostertagen wurde nach wie vor an den Lesungen, die die Frauen um Jesus als erste Verkündigerinnen der Auferstehung bezeugen (Mk 16, Joh 20, Mt 28 etc.) festgehalten. Und im Bereich sogenannter  „Themenfelder“ findet man mit Hilfe eines Stichwortverzeichnisses  für mögliche thematische Gottesdienste unter dem Themenfeld „Liebe / Leben in Beziehungen“ eine Fülle weiterer Texte.

Fazit: der erste Blick in die neue Perikopenordnung zeigt einige moderate Neuerungen. Wichtig sind die Ausweitung der alttestamentlichen Bibeltextexte für die Predigt und der Abschied von einer Predigtreihe, die ausschließlich aus Episteln besteht. Positiv zu bewerten ist auch die Durchforstung der Texte nach Antijudaismen, wodurch vereinzelte Perikopen den Abschied einreichen mussten. Der Wunsch nach bewusster Erinnerungskultur führte zudem zu neuen Verankerungen: 27. Januar als Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus und der 9.November als Tag des Gedenkens an die Novemberpogrome sind fester Bestandteil.

Im Blick auf die Frauen sind Chancen vertan worden. Schade, dass die Kommission scheinbar so zusammengesetzt war, dass der engagierte Blick auf die Bedeutung der biblischen Frauen und die Verkündigung ihrer Überlieferung offenbar nicht sehr ausgeprägt war.

Bettina Rehbein, Theologische Referentin im Frauenwerk