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Foto: www.clipdealer.de

Cecilia aus dem Sudan besucht das Frauenwerk

Nachricht 01. September 2017

„We have only one tribe - our tribe is women!”

Cecilia Poni Joshua aus dem Südsudan besuchte am 21. August 2017 in Begleitung von Grete Schaer aus Nienburg die Mitarbeiterinnen- Konferenz des Frauenwerks in Hannover

„Ich bin schon als Kämpferin geboren“, erzählt Cecilia. Ihre Zuhörerinnen spitzen die Ohren. „Ich bin Zwilling und boxte mich allein auf die Welt. Mein  Zwilling dagegen verließ nicht den Mutterleib. Meine Mutter musste ins Krankenhaus.“ Cecilias Mutter hielt zunächst nichts davon, dass ihre agile Tochter die Schule im Ort besuchte, wie ihre ältere Schwester und ihr Bruder. Sie sollte im Haushalt helfen und die Mutter bei der Betreuung  der jüngeren Kinder unterstützen, weil die viele Arbeit sonst kaum zu bewältigen war. Doch Cecilia, die Kämpferin, fand ihren ganz eigenen Weg. Sie nahm das jüngste Geschwisterkind einfach im Tuch auf den Rücken, lief zur Schule und schaute durch die schmale Fensteröffnung in den Klassenraum – und nahm so viele Monate am Unterricht teil. Erst nach der Fürsprache eines Onkels im Familienrat wurde ihr schließlich erlaubt, die Schule zu besuchen – ohne die kleine Schwester auf dem Rücken.  Aufgrund ihrer Intelligenz und ihres Durchsetzungswillens war Cecilia erfolgreich, absolvierte  die High School, studierte zunächst in Khartoum und machte schließlich mit Hilfe eines Stipendiums der englischen Regierung  in Manchester ihren Masterabschluss (Ökonomie und ländliche Entwicklung). Damit ist sie eine Ausnahmeerscheinung in einem Land mit bis zu 89% Analphabet*innen. „Education is more than bread!“, sagt sie. „Bildung ist mehr als Brot!“

 „ Wir Frauen im Sudan sind Kämpferinnen für Frieden und eigene Rechte, wir müssen uns zusammenschließen und brauchen eure Unterstützung.“ - Cecilia Poni Joshua war auf Einladung des Frauenwerks anlässlich des Reformationsjubiläums nach Deutschland gekommen. „Ohne diese großzügige Einladung hätte ich niemals ein Visum erhalten“, betont Cecilia. Schließlich ist der Südsudan seit Erlangung der Unabhängigkeit 2011 weiterhin vom Bürgerkrieg zerrüttet. Seit mehr als vier Jahren erlebt dieser jüngste Staat der Erde traurige Rekorde: bis zu zwei Millionen Binnenflüchtige (displaced people) vegetieren in notdürftigen Lagern, Hunderttausende im größten Flüchtlingslager der Erde in Uganda oder sind in andere afrikanische Länder geflüchtet; aufgrund der Trinkwassernot grassiert die Cholera. Der Krieg macht es unmöglich, dass die Felder dieses fruchtbaren Landes  bestellt werden können. So essen die Menschen aus Hunger einfach Blätter von Bäumen. Auf diese Weise bekommen viele von ihnen tödliche Durchfallerkrankungen. Etwa 1 Mio. Kinder haben zu wenig zu essen. „Das Schlimmste für eine Mutter ist es, ihr Kind verhungern zu sehen,“  konstatiert Cecilia.

Sie hat sich von Beginn ihrer beruflichen Laufbahn an  mit der Situation von Frauen beschäftigt, auch beim Sudanesischen Christenrat (SCC).Die promovierte Ökonomin arbeitet inzwischen als Gender- und Security-Officer der Vereinten Nationen (UN) zur Verbesserung der Versorgungs- und Sicherheitslage von Frauen. Dabei geht es um die gesundheitliche, ökonomische, physische und psychische Sicherheit der Frauen, die nicht nur von Hunger, sondern auch von täglicher Gewalt betroffen und bedroht sind. Vergewaltigungen gehören zum Frauenalltag. Im Rahmen ihrer Arbeit ist Cecilia ständig in den Flüchtlingslagern im Südsudan unterwegs. Der Fahrdienst für UN-Mitarbeitende holt sie von zu Hause ab und fährt sie zu ihren Einsatzorten – aus Sicherheitsgründen. Außerhalb der Arbeitszeit ist die UN-Mitarbeiterin wieder auf sich alleingestellt.

Über sich persönlich erzählt Cecilia, dass sie nur ein Jahr verheiratet war, bevor ihr Mann im Bürgerkrieg verschwand, vermutlich getötet wurde. Damit teilt sie das Schicksal unzähliger Frauen, deren Männer abwesend sind, umgebracht wurden oder kämpfen. Ihr einziger Sohn hat sein Jurastudium absolviert und seine Mutter hofft für ihn auf eine bessere Zukunft. 

Die ehemalige Geschäftsführerin des früheren Sprengels Calenberg-Hoya Grete Schaer ermuntert Cecilia über die Ursprünge der jahrzehntelangen Partnerschaft mit dem Frauenwerk zu berichten: 1997 lernten sich Cecilia und Grete in Hermannsburg kennen. Cecilia Poni war als Delegierte des women desk (Frauenarbeit) des sudanesichen Christenrates (SCC) zu einer internationalen  Frauenkonsultation des ELM (Ev. luth. Missionswerk) eingeladen worden. Dort konnte sie vor einer großen Versammlung über die bedrückende Situation im Sudan berichten. Daraus entstand nicht nur die jahrelange rege Begegnungsarbeit zwischen sudanesischen und deutschen Frauen unter dem Dach des Frauenwerks, sondern auch eine tiefe Freundschaft zwischen den beiden Frauen, die zu mehreren wechselseitigen Besuchen führte.

„Was können wir für euch im Südsudan tun?“, fragen wir Cecilia. Sie lacht und bekräftigt, dass es die sudanesischen Frauen stärke, wenn wir im Kontakt bleiben, wenn über ihr Leid berichtet wird und wir die Informationen weitergeben, vor allem aber für die Familien im Südsudan beten.

Froh zeigt sie sich über die Entscheidung von Ministerpräsident Sigmar Gabriel, acht Millionen Euro Soforthilfe zur Verfügung zu stellen.  Dies helfe gegen die materielle Not. „Unser größtes Problem ist aber nicht nur der Hunger und der Tod, sondern auch die ständige Unruhe durch die Stammeskämpfe.“ Im Südsudan gebe es 64 Stämme. Die wichtigsten seien die Nuer und die Dinka. Die meisten Regierungsmitglieder seien dem Stamm der „Dinka“ zugehörig und greifen deshalb nicht ein, wenn Frauen der Nuer vergewaltigt und Unschuldige ermordet werden. Stattdessen sichern Dinka sich ihre Privilegien und haben Zugang zu Bildung.  Auch die Kirche ist verwundbar. Viele Pastoren (v.a. Regierungskritiker) sind umgebracht worden oder durch ihre Erlebnisse selbst traumatisiert. ABER:  die Kirchen sind voll. Die Menschen brauchen Halt und Trost und finden das in der Kirche. Dies ist auch der Ort, um politische Anliegen vorzubringen und Erfahrungen auszutauschen, z.B. über die Trinkwassernot und über Raubüberfälle der Rebellen und Militärs. Die Frauen organisieren inzwischen einmal monatlich am Freitag ein ökumenisches Friedensgebet – jedes Mal in einer anderen Kirche. Sie versammeln sich auf der Straße und zeigen so ihr Engagement für den Frieden.  „Unsere Aufgabe als Frauen ist es, Frieden zu stiften. Wir sind die einzigen, die dazu in der Lage sind“, sagt Cecilia. „Wir müssen der Trennung durch Stammeszugehörigkeiten ein Ende setzen! Unsere wichtigste Botschaft als Frauen ist: „We have no tribes (Stämme)- our tribe is WOMEN!“ Cecilia bittet uns weiterhin um finanzielle Hilfe, damit Frauen als Leiterinnen und Helferinnen in der Frauenbildungs- und Friedensarbeit ausgebildet werden können. Vor allem aber bittet sie uns darum, die Idee des ökumenischen Freitagsgebets für den Frieden aufzunehmen und dadurch unsere Solidarität zu zeigen. Denn der Glaube an Jesus Christus ist das eigentliche Empowerment für die Frauen.

Erschüttert, beeindruckt und berührt von dieser starken Frau und unserer Sudan-Vertreterin Grete Schaer singen wir nach dem Segen ein Frauen-Friedenslied aus dem Sudan:

Frauen-Friedenslied

Über alle Grenzen, auf der ganzen Welt, sehnen sich Frauen, frei zu sein.
Nicht mehr steh’n im Schatten, hinten angestellt, nein:
Seit‘ an Seit‘ als Menschen gleich vereint.
Oh, singt ein Lied für Frauen, singt es laut!
Für Frieden, Gleichheit, Bildung, hört darauf!