Henriette und das vernetzte Dorf

Henriettes Kühlschrank ist leer. Sie lebt in einem kleinen Dorf, der nächste Supermarkt ist acht Kilometer entfernt. Ihren Führerschein hat Henriette schon vor Jahren abgegeben. Seitdem ist es ein Problem, die tägliche Versorgung sicher zu stellen.

Heute nimmt sich Henriette aber ihr neues Tablet zur Hand. Mit dem Finger tippt sie auf das Symbol für den „Marktplatz“ und es öffnet sich das Eingabefeld. Sie setzt ein Häkchen an des Feld „Suche“ und tippt ein: „Wer kann mich morgen zum Einkaufen mitnehmen?“. Automatisch wird ihre Anfrage an die virtuelle Pinwand angeheftet.

Zwei Stunden später gibt das Tablet eine kurze Melodie von sich und Henriette schaut nach. Gernot aus dem Unterdorf hat sich gemeldet: „Komme morgen gegen 16.00 bei dir vorbei!“. Henriette freut sich – nicht nur auf das Einkaufen, sondern auch darauf, mal wieder mit jemandem etwas Schwatzen zu können.

beerdigung

Wie alles begann

Das Dorf war Henriettes Heimat. Von Kindesbeinen an war das ihre Welt. Mit ihrem Ehemann zog sie zwei Kinder auf, die erst zum Studium und dann zum Arbeiten das Dorf verließen und in entfernte Städte zogen. Als Henriettes Ehemann verstarb, war sie auf sich allein gestellt. Anfangs kam sie noch gut zurecht, fuhr mit dem Auto in den nächsten größeren Ort um einzukaufen, auch mal in die Stadt, um Freundinnen zu treffen oder ins Theater zu gehen.

unfall

Das Problem

Aber mit der Zeit hatte sie immer mehr Schwierigkeiten, sich im Verkehr zurechtzufinden. Nach einem kleinen Auffahrunfall gab sie ihren Führerschein ab – und damit begannen die Probleme.

In ihrem Dorf gab es keine Einkaufsmöglichkeiten. Sicher, sie konnte mit dem Bus in die Stadt fahren, aber die schweren Taschen zu tragen machten ihr Mühe. Und außerdem musste sie immer fünf Stunden warten, ehe ein Bus zurückfuhr.

Wenn eines ihrer Kinder sie besuchte, dann wurde sie zum Großeinkauf in den Supermarkt gefahren. Aber das kam leider nur sehr selten vor – sie wohnten einfach zu weit weg.

laden

Früher gab es im Dorf noch einen kleinen Laden mit Poststelle. Henriette war fast täglich dort, um etwas einzukaufen. Aber mehr noch, weil sie dort anderen Menschen begegnete und es ergab sich immer das ein oder andere Gespräch. Aber der Laden wurde geschlossen als sein Besitzer in Rente ging. Jetzt saß Henriette meistens den ganzen Tag zu Hause und schaute Fernsehen.

fernsehen

Wie geht es für mich weiter?

Sie grübelte viel darüber, ob sie ihr Haus nicht verkaufen und in ein Seniorenheim in die Stadt ziehen sollte. Dann wäre sie auch das Problem mit dem Garten los. Den schweren Rasenmäher konnte sie nur noch unter Mühen bedienen. Sie hatte ihr Haus schätzen lassen und das Ergebnis war ernüchternd. In diesem kleinen Dorf hätte sie nicht mehr viel dafür bekommen und außerdem wollte sie ja auch hier bleiben.

Dann lag eines Tages dieser Flyer in ihrem Briefkasten. „Runder Tisch Dorfleben“ stand darauf und es wurde eingeladen zu einem Treffen in der alten Schule. Es solle dabei um die Zukunft im Dorf gehen, um besseres Leben miteinander und um „Vernetzung“. Unterschrieben hatten die Einladung der Bürgermeister, die Pastorin aus dem Nachbarort, der Vorsitzende vom DRK und der Brandmeister der Freiwilligen Feuerwehr. Henriette war interessiert und trug sich den Termin in ihren Küchenkalender ein.

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Der Runde Tisch

Schon von weitem sah Henriette, dass an diesem Abend im alten Schulhaus einiges los war. Alle Stühle im ehemaligen  Klassenzimmer waren schon besetzt und viele standen an den Wänden. Ein junger Mann bot ihr freundlicherweise seinen Platz an.

Der Bürgermeister eröffnete die Zusammenkunft und beschrieb, worum es gehen sollte. „Wir haben euch alle eingeladen, weil wir etwas tun wollen für das Leben in unserem Dorf. Wir merken doch alle, dass es immer schwieriger wird, hier zu wohnen. Für die, die noch ein Auto haben, mag es angehen. Aber alle anderen kommen nur mit Schwierigkeiten zum Arzt oder zum Einkaufen. Von Kino und Theater gar nicht zu reden. Als wir noch unseren Laden hatten, da war noch Leben auf der Straße. Die einen gingen hin, die anderen kamen zurück – man begegnete sich auf ein Wort. Heute ist die Straße wie ausgestorben, alle sitzen nur noch zu Hause“.

Das Projekt

Beifälliges Gemurmel ging durch den Raum. „Unsere Pastorin“, fuhr der Bürgermeister fort, „hat mir von einem neuen Projekt der Kirche erzählt und ich denke, wir sollten uns das anhören und darüber nachdenken, ob uns das vielleicht helfen könnte“. Und dann gab er das Wort an die Pastorin und die berichtete von diesem neuen Projekt, bei dem die Bewohner eines Dorfes alle miteinander über das Internet verbunden werden und sich mit Hilfe von Tablet-PCs austauschen können. Das sagte Henriette erst einmal wenig, aber die Jüngeren in der Runde schienen recht interessiert zu sein.

„Aber entscheidend ist“, sagte der Vorsitzende vom Roten Kreuz, „dass wir bereit sind, einander zu helfen. Wenn jeder nur weiter für sich lebt, dann brauchen wir uns auch nicht über das Internet miteinander zu verbinden. Das hat nur Sinn, wenn wir alle auch füreinander etwas tun wollen“. Einer der Anwesenden meldete sich daraufhin zu Wort: „Ich würde ja schon auch etwas für andere tun – nur mich fragt ja niemand! Woher soll ich denn wissen, wer Hilfe benötigt“. Wieder beifälliges Gemurmel.

Die Pastorin wartete bis alle wieder ruhig waren und erklärte dann: „Genau dazu soll das Projekt doch eine Hilfe sein. Stellt euch vor, in jedem Haus gibt es ein Tablet und alle sind über eine entsprechende App miteinander verbunden. Jemand, der kein Auto hat, aber zum Arzt muss, schreibt das an die virtuelle Dorfpinwand. Eine andere liest das. Sie muss sowieso in die Stadt fahren und kann wen mitnehmen. So schreibt sie zurück und man verabredet sich. Technisch ist das alles kein Problem, wir müssen es nur wollen, dass wir sorgend miteinander umgehen wollen“. Wieder Gemurmel im Raum – für eine längere Zeit, weil jede und jeder plötzlich Ideen hatte, was man alles einander mitteilen kann.

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Das Projekt nimmt Gestalt an

So kam damals der Stein ins Rollen. Der Bürgermeister schlug vor, eine Arbeitsgruppe einzurichten, in der man genauer besprechen sollte, was das Dorf eigentlich brauchte. Henriette fühlte sich plötzlich angenehm berührt, als sie für diese Arbeitsgruppe vorgeschlagen wurde. Und sie hat die ganze Zeit auch gerne dabei mitgearbeitet – schließlich wusste sie genau, was Menschen in ihrer Situation brauchen. Vor allem, dass sie nicht immer nur Nehmende sein wollen, sondern selber auch mal etwas geben wollen.

So scharte sie eine Gruppe Älterer um sich, die regelmäßig den „Dorfdanktag“ organisieren mit Kaffee und Kuchen für die Helfenden. Viele Ideen entwickelten sich rund um die Vernetzung. Um ihren Garten muss sich Henriette keine Sorgen mehr machen. Sie findet regelmäßig einen Jugendlichen, der sein Taschengeld etwas aufbessern will und ihr dafür den Rasen mäht und das Laub im Herbst zusammenharkt. Manchmal bleiben die auch noch, um den angebotenen heißen Kakao zu trinken.

Aber der Kakao ist Nebensache – sie wollen vor allem Zuhören, wenn Henriette von dem Leben im Dorf in ihrer Kindheit und Jugend erzählt. Einer hat das sogar einmal mit seinem Handy aufgenommen und in das gemeinsame Netzwerk gestellt – natürlich hat er vorher um Erlaubnis gebeten. Henriette war ganz überrascht, wie viele diesen Beitrag „geliked“ hatten. Seitdem gibt es eine Gruppe, die an einer Chronik des Dorfes arbeitet. Die Ergebnisse kann  man sich im Netzwerk anschauen.

So oder so ähnlich könnte es vielleicht zugehen in unseren Dörfern, in denen die tägliche Daseinsvorsorge immer mehr zum Problem für diejenigen wird, die kein Auto zur Verfügung haben.
Das Projekt „Das vernetzte Dorf“ der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers will erkunden, ob man mit Hilfe von Tablet-Computern die Teilhabemöglichkeiten besonders in kleinen Dörfern verbessern kann.

Fortsetzung der Geschichte: Henriette beim DORLE

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Ellen Radtke
Tel.: 0511 1241-443
Mobil: 0176 641 685 00
Aufgabenbereich:

Projektleitung "Das vernetzte Dorf"
Pastorin