Filmtipps "Streitfall Religion"

04. September 2020

Eine alte Dame, die mit Hilfe eines zynischen Journalisten, dem der Geldsegen winkt, nach ihrem verlorenen Sohn sucht. Gottes Tochter, die ihrem tyrannischen Vater mit einem neuen Testament die Menschlichkeit wieder nahe bringt. Eine Fernbedienung, die nicht Gott ist, eine Schallplatte, die das Leben spielt. Die Suche nach einem amtlichen Wunder, damit ein Papst heilig gesprochen werden kann. Der seltsame Friedrich, der Nietzsches „Gott ist tot“ mit dem Sohn einer Pastorin auseinandernimmt und Gebäudereiniger Schotty, der sich mit professioneller Begleitung auf die Suche nach dem „passenden Glaubensmodel“ macht, am besten mit Uwe Seeler. 

Und heute die Frage eines Kindes „Wie kann es sein, dass Jesus ein Mensch war, sein Vater aber Gott?“. Der Mensch entwickelt seit vielen zehntausend Jahren seinen Glauben, Erkenntnis, Wissen und doch fragt er heute wie in Urzeiten danach, wie das Leben entstanden ist, welchen Sinn es hat. Ist Glaube eine Sache unserer Gene? Was macht Gesellschaften aus, in denen Menschen den Glauben teilen? Wie soll die Wissenschaft Alltagserfahrungen, wie die Liebe einordnen und erklären? Was ist der „richtige“ Glaube und wann beginnen wir oder hören wir auf zu glauben? Wer sind unsere Götter? Und wie frei entscheiden wir uns für sie?

Die hier vorgestellten Spiel-, Kurz- und Dokumentarfilme stellen eine kleine Auswahl Geschichten bereit, die es uns möglich machen, uns diesen Fragen zu widmen. Zu Wort kommen betagte Damen und zynische Reporter, Teenager und Menschen, die Gorillas lieben, Priester, Rabbiner, Physiker, Atheisten und Philosophen, Reinigungskräfte und Verkäuferinnen.

Philomena

Stephen Frears - Frankreich, Großbritannien, USA 2013, Spielfilm, Laufzeit 94 Minuten, Empfohlen ab 14 Jahren - FSK ab 6 freigegeben

Als Teenager wird Philomena in den 1950er Jahren im streng katholischen Irland ungewollt schwanger. Zur Strafe kommt sie in eines der sogenannten Magdalenenhäuser, in denen junge Frauen ihre unehelichen Kinder als ausgestoßene „Sünderinnen“ zur Welt bringen müssen und gezwungen werden, sie zur Adoption freizugeben. 

50 Jahre schweigt Philomena aus Scham. Jetzt, mit fast 70, bittet sie den zynischen Journalisten Martin Sixsmith um Unterstützung bei der Suche nach ihrem Kind. Trotz aller Gegensätze freunden die beiden sich an, treffen auf eisernes Schweigen und stoßen im Verlauf ihrer Suche auf das schreckliche Geheimnis eines ganzen Landes. 

Stephen Frears, u.a. bekannt für „Mein wunderbarer Waschsalon“, hat mit einem Team von ausgezeichneten britischen Satirikern eine Balance zwischen Drama und Humor gefunden. Seine Geschichte übt harsche Kritik gegenüber einem kirchlichen System in einem feigen Staat, in denen, historisch verbürgt, Menschenhandel und Ausbeutung mit moralischem Hochmut begründet wurden. Er fragt bedeutungsvoll, wer da eigentlich die Sünde begangen hat.

So urteilt die Epd: „Humorvoll und dennoch ergreifend, intellektuell wie emotional überzeugend hält der Film die Spannung zwischen Skepsis und Glaube, Verurteilung und Vergebung offen.“ (epd Film,  2014 (März), S. 8)

Und dennoch, seine Hauptprotagonistin bleibt mit nachdrücklich sanfter Art in der Liebe treu, wie ihr Name verrät. Mit Dame Judy Dench hat Frears eine Darstellerin gefunden, die mit ihrem Spiel die Geduld und Friedlichkeit ihrer Zuschauer regelrecht herausfordert. So wurde sie zurecht dafür mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet und engagiert sich weiter für die Familien, deren Leid sie zeigt.

Steve Coogan, Komiker und Drehbuchautor gibt seinem Sixsmith Worte an die Hand, die manch christlichem Geist schmerzen dürften. Auf die abweisende Rechtfertigung einer der Nonnen, Christus würde ihr Richter sein, nicht Menschen wie Sixsmith, antwortet er: „I think if Jesus was here right now he'd tip you out of that fucking wheelchair - and you wouldn't get up and walk.“

Geeignet für die Erwachsenenbildung und Schüler ab 14 Jahren. 

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Das brandneue Testament

Jaco van Dormael - Belgien, Frankreich, Luxemburg 2015, Spielfilm, Laufzeit 111 Minuten, Empfohlen ab 14 Jahren - FSK ab 12 freigegeben

Gott ist ein Misanthrop, der zusammen mit seiner Frau und Tochter in Brüssel in einer Dreizimmerwohnung wohnt und die Menschheit mit immer neuen Einfällen quält. Er flucht, beleidigt und prügelt seine Familie. Tochter Éa beschreibt ihn als „[…] Tyrann. […] Schon vor der Erschaffung der Welt hat mein Vater sich gelangweilt und so schuf er Brüssel.“ 

Hässlich erfreut erarbeitet Gott an seinem DOS-PC Gebote ohne Ende „Gebot 2125: Ein Marmeladenbrot fällt immer auf die Seite mit der Marmelade.“ Lediglich sein Sohn JC hat den Absprung geschafft und sich unter die Menschen gemischt, um seine frohe Botschaft zu verbreiten. Der große Bruder ist es dann auch, auf dessen Rat hin Éa handelt: „Ein Brief, in dem die Apostel über sich selbst sprechen. Das wäre echt ganz neu.“ Sie entscheidet sich, es besser als ihr Vater zu machen und ein neues Testament schreiben zu lassen. Durch die Trommel ihrer Waschmaschine geflüchtet, sucht sie sechs weitere Apostel, die sie zuvor am PC ihrer Vaters recherchiert hat - und sie teilt allen Menschen ihr jeweiliges Todesdatum per SMS mit. Gott verzweifelt an ihrer Rache und ist gezwungen, sich zu bewegen. 

Die „liebenswerten Verlierer“, so Regisseur van Dormael, begleiten die Zuschauer*innen in der belgischen Produktion mit dem Blick durch die Augen der querdenkenden, leichtsinnigen Gottestochter auf eine temporeiche Reise durchs bunte Leben.  „Jaco Van Dormael […] demonstriert von Anfang an, dass er genug Witz und Fantasie für die ganz großen Fragen besitzt und schwere Themen mit leichter Hand zu behandeln weiß.“ (Schnelle, F. (2015).  epd Film, 2015 (Dezember), S. 56).

Geeignet für die Arbeit mit Erwachsenen und Jugendlichen ab Sekundarstufe 1. Der Film ist steht digital zum Download mit zahlreichen Arbeitshilfen zur Verfügung.

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Quarks & Co. - Was wir über den Glauben wissen

Dokumentation mit Ranga Yogeshwar, Deutschland 2014, 45 Minuten, Lehrprogramm gemäß § 14 JschG, geeignet ab 14 Jahren

Glaube fasziniert: Auch wenn eine höhere Macht mit wissenschaftlichen Methoden nicht nachweisbar ist, gehört der überwiegende Anteil der Menschen einer Religionsgemeinschaft an. Diese Folge der ARD-Wissenssendung beschäftigt sich mit den Themenschwerpunkten: Warum glaubt der Mensch? Wie sehen die dunklen Seiten des Glaubens aus? Und: Wie können Glauben und Wissenschaft nebeneinander bestehen?

Warum glauben Menschen an eine höhere Macht, ein Leben nach dem Tod, Bestrafung von Fehltaten und Belohnung für Wohlverhalten? Ist Glaube ein Relikt der Vergangenheit, als Menschen im Donner den Ärger einer vermeintlichen Gottheit zu hören glaubten? Ist es die Angst vor der Endgültigkeit des Todes oder die Suche nach einem tieferen Sinn im Leben? Wird Glaube vererbt? Warum gibt es eine Zunahme von religiösem Fanatismus und Gewalt gegen andere Glaubensformen? Wenn Glaube wissenschaftlich nicht zu beweisen ist, sind Wissenschaftler dann per se Atheisten? In sieben kurzen aufeinander aufbauenden Episoden nimmt sich der bekennende Atheist Ranga Yogeshwar dieser Fragen an. Ursprung, Entwicklung und Verbreitung der Weltreligionen werden deutlich gemacht, Vergleiche zwischen den Religionen zeigen Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Positive Aspekte („Religion ist gesund“) werden ebenso thematisiert wir negative Glaubensformen. Wissenschaft und Glaube, ihre Gemeinsamkeiten und Gegensätze bilden den Abschluss der Folge. Die Autoren der Sendung arbeiten mit Universitäten und Wissenschaftlern zusammen und wurden mehrfach ausgezeichnet.

Die einzelnen kurzen Sequenzen dieser Dokumentation lassen sich als Impuls im Religions-, Werte und Normen- sowie im Philosophieunterricht zu den Themen Weltreligionen, Sinn, Glaube, Religionskritik und Atheismus einsetzen. Er richtet sich an Schüler*innen ab 14 Jahren und setzt fundiertes Grundwissen über die Weltreligionen voraus. Dies sollte auch beim Einsatz in Berufsschulen und Berufsgymnasien beachtet werden. Der Film kommt mit mit didaktischem Material und unterstützt Lehrendes dabei, Schüler*innen den Blick auf die eigene (Nicht-)Religiosität zu schärfen und diesen Standpunkt auch aus wissenschaftlicher Sicht zu vertreten. 

Die Dokumentation steht auch als Download zur Verfügung.

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Atheismus und Religionskritik - Das Beispiel Friedrich Nietzsche

Johannes Rosenstein und Sebastian Freisleder, Deutschland 2013, Dokumentation, 29 Minuten, Lehrprogramm gemäß § 14 JschG, geeignet ab 16 Jahren

Atheistische und religionskritische Anfragen sind im (Religions-) unterricht aller Klassen- und Schulformen eine Selbstverständlichkeit. In diesem Film wird am Beispiel Friedrich Nietzsches diese Thematik aufgegriffen. Im Zentrum des fiktionalen Kurzfilms „Der tolle Mensch“ stehen zwei Männer: Friedrich, der allein in einer kleinen Altbauwohnung lebt und der Student Niko, der für ihn einkauft und sich um ihn kümmert. Diese eigenwillige Freundschaft wird durch Friedrichs intensive Beschäftigung mit der Philosophie Nietzsches auf eine harte Probe gestellt. Gespräche über den Tod Gottes und den Stellenwert der Moral lassen die Grenzen zwischen Friedrich und dem Philosophen Nietzsche mehr und mehr verschwimmen. Nachdem er Niko wiederholt mitteilt, dass er sein Mitleid nicht möchte, entschließt sich dieser, ihn nicht mehr zu aufzusuchen.

Die Handlung wird parallel durch Ausschnitte aus Nietzsches Text "Der tolle Mensch" (aus "Die fröhliche Wissenschaft") sowie kurze TV-Clips kommentiert.

Dieser Kurzfilm ist für Schüler*innen der gymnasialen Oberstufen und Berufsgymnasien geeignet. Er ermöglicht die Auseinandersetzung mit neuzeitlichen Positionen der Religionskritik, insbesondere mit Nietzsches Auffassung vom „Tod Gottes“. Auch eine eigene Position zu Nietzsches Kritik an der Religion kann von den Schüler*innen erarbeitet werden. Atheismus und Religionskritik können als wichtige Korrektive zum Glauben wahrgenommen werden. Sie fordern als eine bestehende Lebensauffassung das Christentum zum Dialog und zur Auseinandersetzung auf. Darüber hinaus können Schüler*innen Einblick in die kulturellen, geschichtlichen und gesellschaftlichen Voraussetzungen von verschiedenen Gottesbildern erlangen (aus: FWU-Unterrichtsmaterialien). 

Der Film steht auch als Download zur Verfügung.

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Spin – oder wenn Gott ein DJ wäre

Jasmin Winans, USA 2005, Kurzspielfilm, 9 Minuten, Lehrprogramm gemäß § 14 JschG, geeignet ab 12 Jahren

Ein DJ fällt vom Himmel auf einen belebten Platz. Von den Menschen nur am Rande wahrgenommen, baut er seine Anlage auf. Mit Hilfe seiner Plattenteller ist er in der Lage, in den Ablauf der Zeit einzugreifen. Ein schwerer Unfall? Kein Problem! Der DJ gibt dem Ball, der den Unfall verursacht, einen anderen Drive. Doch so leicht ist es nicht. Die Richtungsänderung des Balls löst nur eine andere Katastrophe aus. Egal, was der DJ versucht, sein Ergebnis lässt zu wünschen übrig. Erst als er sich den Menschen und ihren tiefer liegenden Bedürfnissen zuwendet, schafft er es mit erhöhtem Einsatz, den Ereignissen einen guten Ausgang zu ermöglichen.  

In vielen schnellen Schnitten, aber ohne Dialoge werden in „Spin“ in nur neun Minuten wesentliche Fragen des Lebens und der Religion thematisiert: Warum gibt es Unglück? Warum greift Gott nicht häufiger, schneller und besser in unser Leben ein? Gibt es eine perfekte Welt? Und was wäre ihr Preis? Auch der DJ kommt am Ende des kurzen Films zu der Erkenntnis, dass seine Möglichkeiten beschränkt sind: Er macht sich eilig aus dem Staub!

Dieser Impulsfilm ist geeignet für Schüler*innen ab der Mittelstufe, lässt sich aber auch gut im Konfirmandenunterricht oder in der Berufsschule einsetzen. Er verlangt allerdings ein gewisses Maß an Abstraktionsvermögen von seinen Zuschauenden. Themen wie Religion und Religionskritik, Theodizee, Leid, Unglück, Schicksal, Freiheit oder auch Sinn können damit gut bearbeitet und vertieft werden. Dazu trägt auch das umfassende didaktische Material bei. Der Film „Spin“ ist ein Klassiker in der Medienarbeit und trotz seines Alters zeitlos. 

Der Kurzfilm steht auch als Download zur Verfügung.

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Tatortreiniger – Anbieterwechsel

Arne Feldhusen, Deutschland 2015, Kurzspielfilm, 30 Minuten, FSK 12, empfohlen ab 14 Jahren

In der Kurzfilmreihe „Tatortreiniger“ des NDR ist es Aufgabe des Gebäudereinigers Heiko  „Schotty“ Schotte, Schauplätze von Straftaten von den entstandenen Tatspuren zu befreien. In diesem Fall betreibt seine Auftraggeberin eine Vermittlungsagentur für religiöse Angelegenheiten. Sie sucht im Kundenauftrag die passende Glaubensform, als Alternative zu familiär übernommenen Traditionen oder als Angebot für neuentdeckte Spiritualität. Allerdings ausschließlich als Marktanalyse und Vermittlungsleistung – für die aus der Wahl entstehenden Konsequenzen wird keine Verantwortung übernommen. Diese tragen, ähnlich wie bei einer Partnervermittlung, ausschließlich die Kund*innen. 

Während der gemeinsamen Aufräumarbeiten im verunreinigten Ladenlokal entspinnt sich zwischen der resoluten Geschäftsfrau und Dienstleister Schotty ein philosophischer Dialog über verschiedene Formen des Glaubens, Religion als Ware, deren Funktion für die Menschen und die Möglichkeiten eines Lebens jenseits des Todes. Die NDR-Reihe des „Tatortreinigers“ ist angelegt als eine kurze Komödie, entsprechend sind die Dialoge dieses Films schnell und witzig, die beiden Protagonisten entsprechen ihren jeweiligen Rollenklischees und doch wieder nicht. Überraschende (Rede-)wendungen sorgen immer wieder für Heiterkeit. 

Aber trotz des schnellen Erzähltempos bleiben beim Zuschauen Fragen zur (eigenen) Religiosität nicht aus: Kann man Religion(en) wie Rechenaufgaben in ihre Bestandteile zerlegen? („Sie brauchen einen Schöpfungsmythos, eine Erlöserfigur, Verhaltensregeln, Tabus ...“)? Ist der Gedanke an ein Leben nach dem Tod in jedweder Form die bessere Alternative zu „Aus die Maus und Würmerfutter“? Was macht den Wahrheitsanspruch einer Religion aus? Ist sie vielleicht doch nur, frei nach Karl Marx „Opium für das Volk“? Oder geht es mehr nach der berühmten Wette des Philosophen Blaise Pascal, dass es besser sei an Gott zu glauben: Falls dieser nicht existiere, sei nichts verloren, die Alternative sei weniger angenehm?

Der Kurzfilm ist geeignet für Schüler*innen frühestens ab 14 Jahren und für die gymnasiale Oberstufe in den Fächern Religion, Werte und Normen sowie Philosophie. Gut eingesetzt werden kann er aber auch in der Erwachsenenbildung gerade im kirchlichen Kontext, z.B. auf Kirchenkreistagungen als Impuls. 

Die Episode steht auch als Download zur Verfügung und bietet umfangreiches Zusatz- und Arbeitsmaterial.

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Kontakt

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Anja Klinkott
Tel.: 0511 1241-501

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