Filmtipp SYSTEMSPRENGER

20. Juli 2020

Systemsprenger

„Sie braucht `nen andern Rahmen.“ sagt eine Pädagogin und die Antwort kommt prompt als Scherz von ihrem Kollegen: „Manchmal wünscht ich mir schon, man dürfte die Kinder noch einsperren.“ Und bald ist Benni eingesperrt.

Systemsprenger beginnt schon mit einem hohen Tempo. Benni (Helena Zengel) rennt davon. Sie läuft in einer Geschwindigkeit, dass die Kamera ihr kaum hinterher zu kommen scheint. Laute und derbe Musik unterstützt diesen Kampf. 

Die wilde Neunjährige ist das, was Sozialpädagog*innen einen Systemsprenger nennen. Dabei will Benni nur eines: Liebe, Geborgenheit und wieder bei ihrer Mutter wohnen! Doch Bianca hat Angst vor ihrer unberechenbaren Tochter. Als es keinen Platz mehr für Benni zu geben scheint und keine Lösung mehr in Sicht ist, versucht der Anti-Gewalttrainer Micha (Albrecht Schuch), sie aus der Spirale von Wut und Aggression zu befreien.

Neben den lauten stehen die stillen Momente in diesem Film, die Momente ohne Worte. So sagt Benni schroff „Sei leise!“, als ihr Micha sie beschwichtigen möchte, ihr ins Wort „Mama“ fällt, das so schmerzhaft für sie scheint. Und dennoch ist er eine der wenigen Figuren in dieser Geschichte, die sie beim Wort nehmen, die ihr auf Augenhöhe begegnen, nicht versuchen über sie zu sprechen. Er verhandelt mit ihr. Er wird an seine Grenzen kommen, sie wird sie überschreiten. 

Bennis Mutter taucht spät auf, kaum sichtbar. Benni ruft so präsent nach ihr und fordert sie indirekt auf, endlich Verantwortung zu übernehmen. Die Mutter wird es ihrer Tochter gleich machen und davonlaufen. Und immer wieder erkennen wir die Einsamkeit dieses Kindes und die derer, die ihm helfen wollen, einen Platz im Leben zu finden. Albert Schuch, der den Micha verkörpert sagte dazu im Interview, das Schlimmste ist doch, wenn „die Hoffnung der Eltern in das Kind nicht mehr da ist.“ Egal, welchen Mist man als Kind so baue, entscheidend ist, dass die Menschen, denen man vertraut, „einen nicht aufgeben.“

In der Mitte des Films fragt man sich: „Wenn diese Geschichte ein gutes Ende nehmen sollte, wie sähe es wohl aus?“. Aber man glaubt nicht an ein gutes Ende. Tragisch und bitter macht der Film mit seiner grandiosen Hauptdarstellerin aufmerksam auf das Leid derjenigen jungen Menschen, die in unserer Gesellschaft selten einen kontinuierlichen Platz finden. Die Aufmerksamkeit bleibt auf dem Kind, das verloren scheint und an dem unsere pädagogischen Möglichkeiten vielleicht enden.

 

Systemsprenger

Deutschland 2017-2019, 125 Minuten, geeignet ab 12 J.

Regie und Drehbuch: Nora Fingscheidt

Darsteller*innen: Helena Zengel, Gabriela Maria Schmeide, Albrecht Schuch, Lisa Hagmeister u.a.

Alles zum Film

Kirchen und Kino - Der Filmtipp zeigt Systemsprenger in Kooperation mit kommunalen Kinos

  • 14.09.2020 um 18.00 Uhr im LichtSpiel Schneverdingen
  • 20.09.2020 um 19.00 Uhr im Kino Lichtspiel in Wittingen
  • 21.09.2020 um 19.00 Uhr im Kino-Center am Steinweg in Gifhorn
  • 28.09.2020 um 20.15 Uhr im Capitol Theater Walsrode
  • 11.10.2020 um 18.00 Uhr im Oscar Kulturspielhaus in Osterholz Scharmbeck
  • 20.10.2020 um 20.00 Uhr im Centralkino Lingen
  • 21.10.2020 um 20.00 Uhr im Kultur- und Kommunikationszentrum Sumpfblume GmBH in Hameln
  • 27.10.2020 um 17.00 Uhr und 19.30 Uhr im Kellerkino der VHS Hildesheim
  • 28.10.2020 um 19.30 Uhr im Kommunalen Kino Hannover
Alles über das Projekt finden Sie hier

Kontakt

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Anja Klinkott
Tel.: 0511 1241-501

Verwaltungsangestellte
Medienpädagogin