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Foto: Stephan Eimterbäumer

Wortmeldung Oktober 2022

Nachricht 01. Oktober 2022

Inflation – Forderung einer „Triage der Entlastungen“

Ob im Supermarkt, bei Dienstleistung und ganz besonders beim Blick auf die Stromabrechnungen – überall sind die Preise spürbar gestiegen. In Zahlen: Die Inflationsrate liegt seit Monaten bei rund 7 % in Deutschland. Für den Herbst werden Raten von rund 9 % erwartet. Für immer mehr Menschen und Betriebe wird die hohe Inflation zu einer existenzbedrohenden Belastung.

Gründe dafür sind u. a. die stark gestiegenen Energiekosten (größter Preistreiber), Rohstoffknappheit und fehlende Vorprodukte durch unterbrochene Lieferketten. Löhne sind aktuell kein Inflationstreiber – da sind sich Wirtschaftsverbände, DGB und Politik einig. Da die Energiekrise aber nur, und nichts anderes ist zu hoffen, als vorübergehend gilt, ist es schwierig, die Inflationsrate durch steigende Löhne (über die Zielinflationsrate hinaus) auszugleichen. Ein Ringen um gerechte Entlastungen hat begonnen.

Gerechtigkeit ist die Herausforderung, Gleiches gleich und Ungleiches ungleich zu behandeln. Im Zentrum steht der Vergleich von Mitgliedern einer Gruppe. Ressourcen soll jede und jeder so bekommen, wie sie ihr oder ihm gebühren oder zustehen. Konflikte darüber, wem etwas zusteht oder gebührt, lassen sich u. a. durch unterschiedliche Sichtweisen auf Gerechtigkeit erklären:

Die Besitzstandsgerechtigkeit fordert, dass niemandem überraschend etwas genommen werden soll. Sie sichert das Vertrauen in den Status quo. Sie erleichtert das individuelle Planen.

Die Leistungsgerechtigkeit honoriert Leistung in Bildung und Beruf. Wer mehr geleistet hat, erhält mehr.

Die Bedarfsgerechtigkeit verlangt, dass bestimmte grundlegende Bedürfnisse erfüllt werden. Sie nimmt ungleiche Behandlung in Kauf, um besonderen Bedarfen gerecht zu werden.

Besonderer Bedarf steigt von Tag zu Tag – die Konflikte um gerechte Entlastungen nehmen zu.

Da noch nicht absehbar ist, wie lange und in welcher Höhe uns die Inflation noch beschäftigen wird und es utopisch ist, dass Entlastungen im bisherigen Umfang weiter umsetzbar sind sollte schon jetzt eine „Triage der Entlastungen“, also eine Priorisierung von Hilfeleistungen diskutiert werden. Wir dürfen im Herbst/Winter von den extrem gestiegenen Bedarfen nicht überrascht werden und vor lauter Überraschung und schnellen Entscheidungen die Bedürftigsten wieder vergessen. Wir dürfen nicht zulassen, dass elementare Grundbedürfnisse nicht mehr befriedigt werden können. Wir brauchen einen Plan, wer wie in welchen Szenarien welche Unterstützung bekommt.

Eine verbindliche Priorisierung der hier vorgeschlagenen Gerechtigkeitsfiguren könnte ein erster Schritt sein. In weiteren Schritten könnten die Ebenen der Maslowschen Bedürfnispyramide Orientierung für eine Priorisierung von Hilfeleistungen bieten.

In der Hoffnung, dass die „Triage der Entlastung“ niemals Anwendung finden muss.

Zum Download der Wortmeldung

Autorin

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Laura Bekierman

Referentin für den Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt

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