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Foto: Stephan Eimterbäumer

Studienreise nach Tallinn

Nachricht 20. Juni 2022

„Seid ihr eigentlich verrückt?“

„Seid ihr eigentlich verrückt, jetzt eine Studienreise nach Tallinn zu machen?“ Das haben Laura Bekierman und ich in den letzten Wochen mehr als einmal gehört. Schon kurz nach unserer Ankunft in Estland hat sich unser Eindruck bestätigt: Nein, wir sind keineswegs verrückt. Ganz im Gegenteil, es war gut, gerade jetzt in dieser unruhigen Zeit hier zu sein und ins Gespräch zu kommen.

Die ersten beiden Tage standen unter dem Fokus: Ankommen, sich vertraut mit der Geschichte Estlands, der aktuellen Situation und natürlich auch mit der wirtschaftlichen Situation. Dazu haben wir z. B. mit Tarmo Mutso, David Hoffmann, Karen Voolaid und weiteren Mitarbeiter*innen der Auslandshandelskammer für die baltischen Staaten gesprochen (die für uns auch das gesamte Programm organisiert haben). Und wir waren bei der Konrad-Adenauer-Stiftung und haben dort die langjährige Büroleiterin Elisabeth Bauer getroffen.

Gespräch mit der Konrad-Adenauer-Stiftung

Ohne ins Detail zu gehen: Ich habe im Vorfeld so einiges gelesen über Estland und auf Arte und anderswo Reportagen geschaut. Aber es bestätigt sich wieder einmal die Erfahrung, die ich persönlich vor allem in Frankreich und Griechenland gemacht habe und mache – der persönliche Kontakt vor Ort ist noch einmal etwas ganz anderes. Die wirtschaftliche und politische Situation wird so mit Zwischentönen, auch in Mimik und Gestik, veranschaulicht. „Ja, solche Reisen sind teuer, deswegen werden sie vielfach gestrichen – und das ist ein großer Schaden und Verlust“, meinte auch Elisabeth Bauer. Sie fand es besonders bemerkenswert, dass eine kirchliche Gruppe sich für wirtschaftliche Fakten und Entwicklungen interessiert und sich dafür auf den Weg macht.

Einblicke in die Geschichte

Besonders beeindruckt hat mich aber eine andere Frau. Im Museum Vabamu, welches die Besetzung durch und die Befreiung vom sowjetischen Unterdrückungsregime thematisiert, führt uns eine junge Estin. Mit leuchtenden Augen erzählt sie uns furchtbare Begebenheiten aus der Zeit der Unterdrückung. Mit leuchtenden Augen? Ja – denn in jedem ihrer Worte ist die Begeisterung für die Freiheit und die Leidenschaft für den eigenen demokratischen Staat zu spüren. Sie erzählt Geschichten, von anderen, aber auch von sich selbst. Manchmal ist sie den Tränen nah, wenn sie über Verschleppung nach Sibirien erzählt oder von den Tausenden, die ihr Leben verloren, weil sie aufbegehrten oder durch Kleinigkeiten oder zufällig auffielen. Sie hat die ersten Lebensjahre noch unter sowjetischer Besatzung erlebt, das wirkt nach.

„Machen Sie sich klar: Für uns Deutsche endete der Zweite Weltkrieg 1945 oder auch 1949 mit dem Grundgesetz. Für Estland und die anderen baltischen Staaten endete er vor dreißig Jahren“, so lautete daher auch eine der zentralen Bewertungen von Elisabeth Bauer.

Faszinierende Digitalisierung

„Ich bin Herr*in über meine Daten“, diesen Satz höre ich am nächsten Vormittag im e-Estonia briefing centre mehr als einmal. Ein Besuch hier hinterlässt für Besucher*innen aus Deutschland Spuren. Der Grad der Digitalisierung im Kontakt zwischen Staat und Bürger*innen einschließlich des Gesundheitssystems klingt wie aus einem Science-Fiction Film. Eine ID-Nummer, eine Karte, Zugang zu wirklich allem, von der Steuer bis zur Unternehmensgründung. Ich kann an vielen Stellen entscheiden, wer was zu sehen bekommt. Und umgekehrt: Selbstverständlich kann ich z.B. die Berichte einsehen, die mein Arzt, meine Ärztin über mich schreibt.

Die Geschichte, die hinter dieser 30jährigen Entwicklung steht, lässt sich auf einschlägigen Seiten nachlesen. Für mich, der ich aus einem Land komme, in dem Datensicherheit ganz groß geschrieben wird, war es eine wesentliche Erkenntnis, dass die Sicherung der Daten von Anfang an mitgedacht wurde und sich entsprechend entwickelt hat, über Blockchain und aktuell die Sicherung aller Datensätze auch auf Servern außerhalb Estlands.

Gut: Ein wenig gruselig klingt die Beschreibung, dass in einer Verkehrskontrolle die Polizei nach der Identifikation meiner Person über die ID-Karte meine Daten plus Bild von mir zu sehen bekommt – aber natürlich nicht die Arztberichte! Die Abbuchung des Bußgeldes für die Geschwindigkeitsüberschreitung geht dann auch vollautomatisch, mein Konto ist da nach wenigen Stunden bereits ärmer.

Es ist faszinierend und zugleich sind wir Jahrzehnte von diesem Standard entfernt. Vielfach hat in Deutschland das gute alte FAX-Gerät noch nicht ausgedient. Aber es ist in Estland auch nicht alles nur rosarot, das klingt in anderen Gesprächen durch. Dennoch herrscht ein grundlegendes Vertrauen in dieses System und die Bürger*innen schätzen es, weil es einfach ist. Steuererklärung? Drei Minuten. Ein Unternehmen anmelden? In kurzer Zeit rein digital.

Umgekehrt scheint es so zu sein, dass die Menschen in Estland aufgrund des hohen Vertrauens in das staatliche System umso sorgloser mit Google und Apple umgehen, hören wir in einem anderen Gespräch.

Eine ganz andere Beobachtung, die ich in diesen Tagen im Gespräch mit David Hoffmann mache:

Unternehmerische Tätigkeit ist weit verbreitet, nicht nur, weil es so einfach ist, eine Firma zu gründen. Es gehört zur schulischen Ausbildung, sich mit den Grundlagen der Unternehmensentwicklung zu befassen. Wenn ich es richtig verstanden habe, ist dies im Lehrplan in einem Schuljahr Teil eines verpflichtenden Projekt. Soweit mir bekannt, gibt es nichts vergleichbares in unseren Lehrplänen. Und von vielen, mit denen wir sprechen, hören wir, dass sie ein – zumeist kleines – Unternehmen nebenbei führen. Ich finde das spannend, diese entspannte Selbstverständlichkeit finde ich oft nicht in Deutschland.

Im Viru Moor und bei Pfarrer Matthias Burghardt

Am vierten Tag fahren wir ins Viru-Moor. Die Mitarbeitenden des AHK hatten überlegt, uns zumindest einen kleinen Einblick in die Weite und die Schönheit Estlands zu geben. Dazu fahren wir vierzig Kilometer nach Osten und wandern zwei Stunden auf schmalen Pfaden. Die Gespräche über die vielfältigen Eindrücke gehen dabei weiter. Es tut gut, an diesem Vormittag nicht wieder neue Impulse zu bekommen, sondern einmal miteinander zu reflektieren.

Abgerundet wird unsere Studienreise mit einem Besuch bei Matthias Burghardt, dem Pfarrer der deutschen Gemeinde innerhalb der Estnisch Evangelisch-Lutherischen Kirche (EELK). Es ist spannend, ihm zuzuhören, wenn er über die Menschen erzählt, die zu seiner Gemeinde gehören. Und über das Gemeindeleben, das so ganz anders ist als kirchengemeindliches Leben in Deutschland.

Hier kommen Menschen zusammen, die dauerhaft in Estland leben und andere, die für einige Jahre hierher kommen, in der Regel beruflich bedingt. „Das führt dazu, dass wir immer wieder neue Impulse bekommen“, so Matthias Burghardt.

Mich beeindruckt die fröhliche Lockerheit, das Selbstbewusstsein und das soziale Engagement. Mit dabei sind ein Kirchenvorstandmitglied und eine Sozialarbeiterin, und die drei geben ein rundes Bild ab. Spannend fanden wir, dass die Gemeinde Anlaufstelle ist für Menschen aus Deutschland, die auf einer Kreuzfahrt hier in Tallinn das Schiff verlassen müssen. Das erinnert mich an vieles, was ich aus Deutschland von den Kolleg*innen der Flughafenseelsorge kenne, die für viele strandende Menschen Hilfestellung anbieten.

Auch Matthias Burghardt hat mehrere verschiedene berufliche Tätigkeiten. Neben der deutschsprachigen estnischen Gemeinde betreut er auch eine Gemeinde estnischer Sprache. Und er unterrichtet an einer Schule. Er war auch schon als Übersetzer und fürs Radio tätig. Natürlich hat das auch etwas mit den teils niedrigen Gehältern zu tun und die Koordinierung der verschiedenen Stellen ist nicht immer leicht. Andererseits fällt der Ausfall einer Tätigkeit nicht so hart ins Gewicht, ich habe ja noch andere Stellen.

Abgesehen davon finde ich es sehr bedenkenswert, dass der Pfarrer hier nicht „nur“ Pfarrer ist, sondern zugleich mitten im Berufsleben anderer Branchen steht. Für Seelsorge und Predigt sicher nicht von Nachteil.

Mehr zu Matthias Burghardt findet sich hier: https://kirche.ee/pfarrer-matthias-burghardt/

Ein erstes Fazit

Nein, wir waren keinesfalls verrückt, als wir mit unserer kleinen, aber sehr gut gemischten Gruppe nach Tallinn geflogen sind. Wir nehmen viele Gedanken und Erfahrungen mit, die in Gespräche und Begegnungen in Deutschland einfließen werden.

Umgekehrt hat es mich gefreut, dass auch wir zu der einen oder anderen positiven „Irritation“ des Gewohnten beitragen konnten. „Eine kirchliche Gruppe, die sich mit wirtschaftlichen Fragen beschäftigt, hatten wir hier noch nie“, so Elisabeth Bauer von der Konrad-Adenauer-Stiftung. Und David Hoffmann sagte uns, dass normalerweise solche Delegationsreisen einen oder maximal zwei Tage dauern. Eine Gruppe, die fünf Tage in Tallinn war und sich für Land und Leute, Wirtschaft und Arbeit interessierte, hatte er auch noch nicht, so dass die Planung des Programms eine schöne neue Herausforderung war.

Mich bewegen persönlich nach dieser Woche die vielen positiven Resonanzen, die wir als kirchliche Gruppe bekommen haben. Aus meiner Sicht nutzen Kirchen in Europa viel zu wenig die Chancen, die sich als Teil weltumspannender Gemeinschaft für den Zusammenhalt auf unserem Kontinent ergeben. Ab und zu blitzt das Potential auf, ich denke z. B. an den Stationenweg 2017 im Jahr des Reformationsjubiläums, der durch etliche europäische Staaten führte. Hinfahren, zuhören, erzählen, bewegen in Kopf und Herz. Es wirkt, aber es ist oft nicht direkt sichtbar, wie und wo. Ich denke dann an die Gleichnisse Jesu vom Sämann: Er sät den Samen, manches geht auf, anderes nicht. Vorab nicht planbar, aber die Verheißung lautet, dass die Aussaat Frucht bringt. Europa ist ein großartiger Kontinent und es lohnt, in das Zusammenleben zu investieren. Gerade weil auch die sehr unterschiedlichen Spuren christlichen Glaubens in diesen Ländern und Regionen mich/uns immer wieder neu anregen.

Matthias Jung