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Foto: Stephan Eimterbäumer

Über meine Gefühle während meiner Insolvenz reden zu können, hat mir sehr geholfen

Nachricht 08. Oktober 2020

Landessozialpfarrer Matthias Jung im Gespräch mit Attila von Unruh

"Das war eine richtig gute und gelungene digitale Veranstaltung" - so äußerte sich eine Teilnehmerin direkt nach Ende des Gesprächs, dass Landessozialpfarrer Matthias Jung mit Attila von Unruh von TEAM U über dessen Erfahrungen mit dem Scheitern geführt hat.

2007 musste Attila von Unruh sein Unternehmen nach einer geplatzten Bürgschaft in die Insolvenz führen und zugleich Privatinsolvenz beantragen. Sehr offen berichtete er in dem digitalen Gespräch über seine Gefühle in dieser Zeit. "Wir Deutschen, und vor allem wir Männer, haben gelernt und verinnerlicht, dass wir möglichst alles alleine schaffen müssen. Wenn wir scheitern, suchen wir folgerichtig die Schuld zuallererst bei uns selbst, ganz gleich, wo die objektiven Gründe für eine Insolvenz liegen. 'Was habe ich falsch gemacht, was hätte ich besser machen können', so lauten die typischen Fragen. Da sich diese Schuldgefühle oft mit Scham verbinden, entwickelt sich schnell ein Teufelskreis, da ich mich in mich selbst zurückziehe. Nicht selten mache ich dann in meiner Einsamkeit noch Fehler, welche die Insolvenz noch verschlimmern."

Attila von Unruh fand eines Tages einen Gesprächspartner, der ähnliches erlebt hatte, aber keine Unterstützung bei Schuldnerberatungsstellen oder Arbeitgeberverbänden. Erstere beraten nur in der Privatinsolvenz, letztere verweisen auf Jurist*innen. Das ließ Attila von Unruh keine Ruhe und so gründete er die "Anonymen Insolvenzler", die es mittlerweile in vielen Städten gibt und die wie andere ähnliche Bewegungen Hilfe zur Selbsthilfe bieten, indem Betroffene in Gesprächskreisen sich mit Menschen austauschen können, die ebenfalls Erfahrung mit dem Scheitern in unternehmerischen Zusammenhängen gemacht haben.

Anschaulich erzählte Attila von Unruh aus den Erfahrungen, die er und seine Mitstreiter*innen in den letzten Jahren mit der Arbeit in solchen Gruppen gemacht haben. "Die Gruppengrößen sind sehr unterschiedlich, es gibt kleine Gruppen mit nur wenigen Teilnehmer*innen, dort ist dann der Austausch sehr intensiv und persönlich. Wir haben aber auch schon Gruppen mit dreißig und mehr Personen gehabt, dort haben wir dann mehr thematische Angebote gemacht und es gab nicht in jedem Monat eine Vorstellungsrunde."

Aus der Runde der Zuhörer*innen gab es eine ganze Reihe von Nachfragen, zB zu der Frage, was und wie finanziert wird. Die Arbeit ist rein gemeinnützig und lebt von Spenden, das Geld wird vor allem für die Ausbildung der Gruppenleiter*innen ausgegeben und für Supervision. Es wurde auch gefragt, wie die FuckupNights eingeschätzt werden: "Die FuckupNights sind einerseits hilfreich, weil sie dazu beitragen, dass das Thema Scheitern aus der Tabuzone herausgeführt wird. Anderseits sind die Geschichten, die dort erzählt werden, häufig auch banal oder können in der Kürze der Zeit nicht mit Tiefgang beschrieben werden. Es hilft auch wenig, wenn dort Frauen oder Männer sprechen, denen man abspürt, dass sie noch zu sehr mitten drin sind in der Verarbeitung ihres eigenen Scheiterns und sie daher auf solch einer Bühne zu diesem Zeitpunkt fehl am Platz sind", so Attila von Unruh.

Was kann Kirche oder speziell der KDA hier als Beitrag leisten, fragte eine Zuhörerin. Antwort. "Zum einen hilft Kirche uns durch die Bereitstellung von Räumen, unsere Gruppen treffen sich in mehreren Städten in Gemeindehäusern. Und es hilft, wenn wir vor Ort auch Kontaktpersonen haben, an die wir Menschen auch mal zu einem persönlichen Gespräch schicken können, wenn das eine Gruppe überfordert. Natürlich arbeiten wir auch mit Psycholog*innen usw. zusammen, aber manchmal ist auch ein*e Pastor*in hilfreich." Matthias Jung ergänzt: "Vor allem können wir vom KDA dabei helfen, die Anonymen Insolvenzler bekannter machen. Ich erzähle immer wieder in Gesprächen von dieser Bewegung und ich habe noch nie jemand getroffen, der die Anonymen Insolvenzler bereits kannte."

Am Ende meldete sich Daniel Helberg zu Wort und erzählte kurz von seinen Erfahrungen mit FuckupNights. Das war zugleich eine schöne und ungeplante Überleitung – denn Daniel Helberg wird am 9. November um 18 Uhr Gesprächspartner von Matthias Jung in der zweiten digitalen Veranstaltung in der Reihe: "Selbst schuld?! Scheitern in unternehmerischen Zusammenhängen" sein.

Das Gespräch wurde aufgezeichnet, hier finden Sie den Mittschnitt auf dem You-Tube-Kanal des KDA Hannover: