Solidarität heisst Um-fair-teilen

von Agnieszka Zimowska

Agnieszka Zimowska mit Schild
Agnieszka Zimowska ist DGB-Regionsgeschäftsführerin in Göttingen Foto: Friedrich Selter

Mir, als Gewerkschafterin, ist der Begriff der Solidarität so selbstverständlich wie für Christen und Christinnen das Amen im Gebet. Und doch frage ich mich: Wie drückt sich Solidarität aus?

Ich beobachte derzeit ungewöhnlich viele politische Akteure, die Solidarität bemühen und kommunizieren. Die Kanzlerin, prominente Virologinnen und Epidemiologen, mächtige Unternehmerinnen und Manager, auch religiöse Verbände. Es scheint, alle haben das diesjährige Mai-Motto nicht nur gelesen, sondern verinnerlicht. „Solidarisch ist man nicht alleine!“ Ein gutes Gefühl kollektiven Ausdrucks. „Zusammen sind wir weniger alleine.“ „Zusammen können wir es schaffen.“ Dabei entstand dieses Mai-Motto längst bevor die weltweite Pandemie unsere alltäglichen Selbstverständlichkeiten auf den Kopf stellte.

Beim Umschauen in die Nachbarschaft, in die Betriebe, in den öffentlichen Raum und in die Familien sehe ich enorm viel Hilfsbereitschaft und Verzicht zugunsten verletzlicher Gruppen. Menschen, die beruflich an ihre Grenzen gehen oder zugunsten anderer Familienmitglieder zurückstecken. Dafür verdienen alle großen Respekt! Die Maxime „Ich zuerst“ wird abgelöst von „Ich teile, gebe“ und „Mehr für alle“. Ist das die Solidarität, die wir meinen?

Ich sehe es wie die Soziologin und Leiterin des Wissenschaftszentrum Berlin, Prof. Jutta Allmendinger: Solidarität ist mehr als Hilfsbereitschaft. Diese ist die empathische Voraussetzung für Solidarität! Solidarität fragt nicht nach der Gegenleistung, sie ist bedingungslos, “One Way-Ticket“. Manchmal tut sie sogar weh, weil wir den persönlichen Gewinn schmälern müssen, um solidarisch zu sein.

Junge Leute verzichten auf ihre Freiheit zu feiern, zu demonstrieren und zusammenzukommen. Wir Gewerkschaften gehen nicht gesammelt zum 1. Mai auf die Straße. Wir alle tun das, damit anfälligere Personen geschützt sind!

Die prekär Beschäftigten in der Pflege, im Gesundheitswesen, auf Montage oder in Einzel- und Großhandel lassen derzeit niemanden hängen. Das ist Solidarität! Das One-Way-Ticket und gleichzeitig ein großer Vertrauensvorschuss in die Gesellschaft.

Denn gesamtgesellschaftlich betrachtet, beruht Solidarität gleichzeitig auf einem hohen Niveau eines Vertrauensvorschusses. Dem Vertrauen darauf, dass diejenigen, die vom solidarischen Handeln anderer profitieren, zu Gleichwertigem bereit sind.

Nicht erst zukünftig, wir brauchen jetzt eine Solidarität der Umverteilung. Der Vertrauensvorschuss muss mit nachhaltiger Anerkennung beantwortet werden. Nehmen wir all die Frauen in den unverzichtbaren Berufen: Sie verdienen eine geschlechtergerechte Umverteilung und eine Aufwertung der Berufe und Tätigkeiten. Die junge Generation braucht ein solidarisches Rentenkonzept und Zukunftsgerechtigkeit angesichts des demografischen Wandels. Die Beschäftigten, die alle Maßnahmen zum Erhalt der Unternehmen mitgestalten, verdienen Aufstockung durch die Arbeitgeber, eine mitbestimmte betriebliche Zukunft, mindestens aber einen armutsfesten Mindestlohn von 12 €.

Das dürfen wir nicht vergessen, wenn wir den Begriff der Solidarität verwenden! Solidarität heißt Um-fair-teilung! Unsere Gesellschaft hat das Potential dafür!

Zum nächsten Beitrag: Stephan Eimterbäumer, Kirchlicher Dienst in der Arbeitswelt (kda)

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