Solidarität als Nächstenliebe

von Friedrich Selter

Friedrich Selter vor Grün
Friedrich Selter ist Superintendent des Ev.-luth. Kirchenkreises Göttingen Foto: privat

Zur DNA der jüdisch-christlichen Glaubenstradition gehört das Thema Solidarität dazu. Wobei mir der biblische Begriff der Nächstenliebe lieber ist. Denn er meint nicht nur die Bedürftigkeit meines Nächsten, sondern auch mich selbst. Wenn meinen Nächsten und mich Liebe verbindet, auf Lateinisch „Caritas“, dann werden Geber und Empfänger auf Augenhöhe gebracht.

Eine biblische Paradestelle zum Thema „Solidarität“ steht im Lukasevangelium, im 3. Kapitel. Johannes der Täufer hält eine Bußpredigt und ruft die Menschenmenge – wir würden heute von Gesellschaft sprechen – zur Umkehr auf. Und dann heißt es:

„Die Menge fragte ihn und sprach:
Was sollen wir nun tun?

Er antwortete aber und sprach zu ihnen:
Wer zwei Hemden hat, der gebe dem, der keines hat;
und wer Speise hat, tue ebenso.“

Solidarität meint die Bereitschaft, Bedürftigen etwas vom eigenen Besitz abzugeben. Also persönlich Nächstenliebe zu üben. Es geht aber auch um eine gesellschaftliche Utopie: Jeder soll gut versorgt sein. Der Grundbedarf muss gedeckt sein. Bei Johannes gehören Nahrung und Kleidung dazu. Wir ergänzen: Es geht auch um die Wohnungsmiete, Bildungsmöglichkeiten, Gesundheitsvorsorge und Mobilität.

In den zurückliegenden Jahrzehnten ist unsere Wirtschaft der Maxime kontinuierlichen Wachstums gefolgt. Dadurch ist ein Wohlstand erwirtschaftet worden, von dem breite Bevölkerungsgruppen profitieren. Aber es gibt auch Verlierer dieser Wachstumsideologie: Neben der Umwelt sind es auch gesellschaftliche Gruppen.

In den frühen Achtzigern hatte ich zum ersten Mal ein Spielebuch in der Hand mit dem Titel: „Spiele ohne Verlierer und Gewinner.“ Anleitungen zur Freude am gemeinsamen Gewinnen. Was Johannes der Täufer und was die Bibel auch an anderen Stellen fordert, ist ein Ausgleich zwischen Reichen und Armen. Kein Auskommen mit dem Einkommen passt nicht zu dieser biblischen Sicht auf die Gesellschaft. Eine Gesellschaft ohne Verlierer ist zugleich die Grundlage für Frieden.

Weiter zum nächsten Beitrag: Agnieszka Zimowska, DGB

Zurück zur Hauptseite www.erstermai-kirche.de