Solidarität in Europa

von Stephan Eimterbäumer

S Eimterbäumer mit Schild
Stephan Eimterbäumer ist kda-Pastor für das südliche Niedersachsen Foto: privat

„Solidarisch ist man nicht alleine!“ – So lautet in diesem Jahr das Motto des DGB zum 1. Mai. Das gilt auch für die EU. Die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise sollten vereint bewältigt werden.

Ein Modell politischer Solidarität findet sich in der Bibel. Sie erzählt, dass das Volk Israel aus zwölf Stämmen bestand. Diese wiederum aus Sippen. Es gab eine abgestufte Solidarität von der Sippe bis zum Stämmeverband. Die Solidarität zeigte sich auch militärisch, zum Beispiel bei der Eroberung des Landes, „wo Milch und Honig fließen“. Der Anführer Josua lobt die Krieger von zweieinhalb Stämmen. Diese hatten ihr Gebiet schon eingenommen, und sind dann solidarisch weiter mitgezogen, um auch für die übrigen 9 ½ Stämme das Land zu erobern (Josua 22,3): „Bis heute habt ihr eure Bruderstämme nicht im Stich gelassen. Während dieser langen Zeit habt ihr genau das getan, was der HERR von euch wollte.“

Ich lasse mal offen, inwiefern die zwölf Stämme historisch sind und was sie militärisch bewirkt haben. Denn auch wenn sie eine spätere Idealvorstellung sind: So malen sie doch die Idee der Solidarität vor Augen! Wie viele Sterne hat doch gleich die Europaflagge? Zwölf!

Eine einfache Form der Solidarität ist ein Zusammenhalt, um gemeinsame Interessen zu vertreten. So könnte man zum Beispiel sagen: Europa muss jetzt zusammenstehen, um chinesischen Einfluss abzuwehren. Eine stärkere Form der Solidarität hat darüber hinaus eine innere emotionale Haltung:

Denn Solidarität kostet auch etwas. Sie erfordert Verzicht. Starke Staaten sollten zur Bewältigung der Krise beitragen, zugunsten von Staaten, die von der Krise hart getroffen sind. Die Vorstellung vom Verzicht steckt tief in der christlichen Geschichte. Diese erzählt von der Solidarität Gottes mit den Menschen. Der Ewige kommt auf die unvollkommene Erde – das feiern wir Weihnachten. Er verzichtet auf Macht und Herrlichkeit. Und er stirbt für die Menschen am Kreuz. Daran denken wir Karfreitag. Auf etwas verzichten – damit andere leben! Das ist mal ein Prinzip!

Kann man das übertragen auf die EU 27? Proeuropäische Ökonomen und Politikerinnen glauben das. Allerdings geht das nicht mit kurzfristigem Nutzenkalkül. Solidarität braucht ein Herz für Europa – für seine Werte und seine Menschen. Ich wünsche mir, dass so eine Haltung die Diskussion über den geplanten EU-Wiederaufbaufonds in den nächsten Wochen prägt. Wenn es um die Details von Krediten und Transfers geht. Das wäre doch etwas, wenn Josua in einigen Jahren zu den nordeuropäischen Ländern sagen würde: „Bis heute habt ihr eure Bruderstämme nicht im Stich gelassen. Während dieser langen Zeit habt ihr genau das getan, was der HERR von euch wollte.“

 

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