Für eine Krankenhaus-System-Wende

von Marika Küchler

Marika Küchler mit Schild
Matika Küchler ist Mitglied bei Verdi und im Personalrat der Universitätsmedizin Göttingen Foto: Friedrich Selter

Es ist erstaunlich, dass ein so kleines Wesen, das mit bloßem Auge nicht zu sehen ist, ein Virus tatsächlich das Leben von uns allen verändert. Aber verändert es auch Haltungen? Wie dramatisch die Lage in den Krankenhäusern in Deutschland ist, war schon vor Corona bekannt. Aber geändert wurde nichts, das Fallpauschalensystem stand und steht nicht zur Debatte.

Dieses System hat die Krankenhäuser in eine Situation des Konkurrierens gebracht, wo im Sinne der Kranken kooperieren angebracht wäre. Kooperationen gibt es nur, wenn diese sich wirtschaftlich rechnen. Wer im System Krankenhaus arbeitet, ist Kostenfaktor. Personal ist der größte Kostenfaktor im Krankenhaus, also wird dieser so gering wie möglich gehalten. Und dies betrifft bei weitem nicht nur die Pflege, der Personalmangel zieht sich durch das ganze Krankenhaus.

Dazu wurden Stellen abgebaut, und wo dies nicht mehr oder nicht möglich war, sorgten Steigerungen bei der Anzahl von Patientinnen und Patienten für weitere Belastungen. Der Druck auf die Kolleginnen und Kollegen wurde immens, mit allen negativen Auswirkungen. Trotz alledem arbeiten viele Kolleginnen und Kollegen im Sinne der Kranken und Leidenden bis zur eigenen völligen Erschöpfung, mit ihren Patienten sind sie solidarisch.

Dass diese Solidarität oft zu Lasten der eigenen Gesundheit, und oft genug zu Lasten der eigenen Familie geht, wird im Moment des Gebrauchtwerdens vergessen. Ihre Solidarität mit ihren Patienten und Kolleginnen ermöglicht überhaupt den Fortbestand dieses nur den wirtschaftlichen Interessen untergeordneten Systems Krankenhaus. Würden sie sich zusammenschließen, und sich solidarisch dem System der Ausbeutungsoptimierung verweigern, würde es in kürzester Zeit zusammenbrechen.

Gibt es also eine richtige und eine falsche Solidarität? Eine gute und eine schlechte, eine nützliche und eine unnütze? Diese Fragen lassen sich meistens erst im Nachhinein beantworten, in der konkreten Situation entscheidet jeweils das eigene Gewissen. Nun hat uns das kleine unsichtbare Wesen Corona vor Augen geführt, mit wie wenig Kolleginnen und Kollegen das System aufrechterhalten wurde. Alle spüren durch die verordneten Einschränkungen sehr deutlich, wie schnell unsere Krankenhäuser an ihre Grenzen stoßen.

Und auch jetzt sind es wieder die Kolleginnen und Kollegen, die solidarisch für ihre Patienten die Last tragen und ertragen, indem sie beispielsweise sich nicht verweigern, bis zu 12 Stunden zu arbeiten. Indem Kolleginnen und Kollegen, die normalerweise nicht in Schichten arbeiten, nun Schichtdienste leisten, indem sie schlicht und ergreifend parat stehen, wann und wo sie gebraucht werden. Für den Moment erleben wir auch eine Welle der Hilfsbereitschaft, so haben sich spontan nach einem Aufruf viele Studierende und ehemalige Schwestern und Pfleger gemeldet, um im Krankenhaus zu unterstützen.

Was aber geschieht nach dem Virus? Wird es ein gemeinsames gesellschaftliches Ziel geben, dass  Krankenhäuser so zu führen sind, dass sie menschengerecht arbeiten können? Menschengerecht für ihre Patienten, mit menschengerechten Arbeitsbedingungen für ihre Beschäftigten. Die Gesellschaft muss sich entscheiden, ob sie gewillt ist, weiter an dem bestehenden System festzuhalten, oder ob sie ihre Haltung grundsätzlich ändert und für Krankenhäuser ein humanes System einfordert. Ein System das Kranke nicht bloß notdürftig versorgt, sondern so wie es geboten ist, umsorgt. Ein System das die Arbeit für, am und mit dem Kranken so zulässt, dass diese Arbeit mit Freude und Engagement bis zur Rente gut und gerne getan werden kann. Im Krankenhaus arbeiten keine Heldinnen und Helden, sondern gut ausgebildete professionelle Helferinnen und Helfer,

  • von der Krankenschwester/dem Pfleger,
  • über die Laborassistentin/den Laborassistenten,
  • die Röntgenassistentin/den Röntgenassistenten,
  • die Ärztin/den Arzt,
  • die Pförtnerin/den Pförtner,
  • die Sekretärin/den Sekretär,
  • die Betriebstechnikerin/den Betriebstechniker,
  • die Physiotherapeutin/den Physiotherapeuten,
  • die Wissenschaftlerin/den Wissenschaftler,
  • die Reinigungskräften,
  • die Transporterinnen/Transporter,
  • die Schreibkräfte,
  • die Kollegen der Abfallentsorgung,
  • die Verwaltungsangestellten,
  • die Kolleginnen und Kollegen der Wäscherei,
  • die Kolleginnen und Kollegen der Materialwirtschaft,
  • die Kolleginnen und Kollegen der Küche
  • bis zu vielen anderen.

Ihnen allen gebührt Dank und Anerkennung, so wie selbstverständlich allen anderen Bürgerinnen und Bürgern die, je nach ihren Fähig- und Fertigkeiten ihren Beitrag für das Große und Ganze leisten oder geleistet haben. Nur durch das Wirken aller kann unsere Gesellschaft bestehen und funktionieren.

Die Beschäftigten der Krankenhäuser helfen anderen, wenn diese sich selbst nicht mehr helfen können, auch sie benötigen Hilfe, nämlich die Solidarität der Staatsgemeinschaft. Nach der Zeit der guten Gesten während der Corona-Krise, muss die Zeit der Taten folgen! Nach der Zeit des „Immer so weiter“, endlich die Zeit der Veränderung. Wir alle entscheiden durch unsere Solidarität, wie wir in der Gemeinschaft unserer Gesellschaft zukünftig leben.

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