Leben nach der Pandemie

Wie wollen wir nach der Pandemie leben? Solidarität als Modell für die Zukunft

Krisen bringen Versprechen mit sich. Das Motiv der Krise als Chance ist populär. Vernunftbegabt und produktiv geht die krisengeplagte Gesellschaft durch ein „finsteres Tal“ und erfindet sich neu, besser, gar solidarischer. Der Zukunftspublizist Matthias Horx hat letztens enorme Aufmerksamkeit erfahren für seine positiven, Mut machenden Prognosen: Zukunft entstehe in Krisen. Eine Welt nach Corona werde eine bessere sein.  

Mir stellt sich die Frage: Wodurch erreichen wir dieser Zustand? Und gilt das für alle Gesellschaftsmitglieder gleichermaßen?

Den aufgestellten Prognosen gegenüber hege ich doch eine gewisse Skepsis. Ich möchte die derzeitigen Ausgangsbedingungen betrachten und mit Beispielen unserer Umfrage unter Gewerkschaftskolleg*innen aufzeigen, wie Sie aus der Krise auf die Zukunft blicken. Dabei spielt das Prinzip der Solidarität, unser wiederholtes Motto zum Tag der Arbeit, eine zentrale Rolle.

Zunächst also zu den Ausgangsbedingungen einer gewünscht besseren Zukunft:

Corona ist kein Gleichmacher in unserer Gesellschaft. Das Virus bedroht uns alle, aber es bedroht uns nicht alle gleichermaßen. Das zeigen alltägliche Beobachtungen wie wissenschaftliche Erhebungen. „Die Corona-Krise ist eine Fortführung bisheriger Krisen unseres Wirtschaftssystems“, sagt z.B. der Soziologe Stephan Lessenich. Dieses gründet darauf, Lebensräume von Menschen und Tieren systematisch gewinnmaximiert zu verwerten. Das mal vorangestellt.

Die Corona-Krise macht uns nicht gleicher angesichts ihrer Bedrohungen. Vielmehr schreibt sie die Ungleichheiten zwischen Armen und Wohlhabenden fest und fort - zwischen gut organisierten und abgesicherten Beschäftigten und ungeschützten, eigenverantwortlich und prekär Arbeitenden. Die Unterschiede sind gewaltig:

Wohne ich derzeit auf engem Raum mit Familie oder geräumig mit Gartenanschluss? Kann ich mobil und im Homeoffice arbeiten, oder muss ich mit vielen Menschen in Räumen und auch an Erkrankten arbeiten? Kann ich mich mit anderen zusammenschließen und gefährdende Bedingungen beim Arbeitgeber beanstanden und den lebensnotwendigen Arbeitsschutz durchsetzen oder arbeite ich vereinzelt und unsichtbar -  z.b. spät abends als Reinigungskraft? Haben meine Kinder Zugang zu technischen Endgeräten und können parallel am digitalen Unterricht teilnehmen oder teilt sich die Familie – wenn überhaupt – ein Smartphone?

Diese Krise offenbart eine große Schieflage der Teilhabe in unserer wohlhabenden Gesellschaft. Viele Menschen kämpfen mehr denn je um ihr finanzielles Auskommen für sich und ihre Familien. Fakt ist also: Sie haben keine Reserven und keine Ressourcen, um weniger zur Ausbeutung des Planeten beizutragen. Die Prognose von Mutmacher Matthias Horx, dass aus der Krise eine Verschiebung der Werte vom Materiellen hin zum Emotionalen entstehe, geht an der Realität eines beachtlichen Teils der Gesellschaft vorbei.  Mit unsicheren Niedriglohnjobs und dem damit verbundenen Konsum ist z.B. der ökologische Fußabdruck (auf niedrigem Niveau wohlbemerkt) zementiert. Die Ausgangsbedingungen für eine bessere Zukunft nach der Krise sind also mitnichten die gleichen.

Deswegen ist es so wichtig, dass wir Gewerkschaften zu vielen dieser existenziellen Schwachpunkte in der Krise intervenieren. An einigen Stellen haben wir gemeinsam respektable Erfolge erzielt, so z.B. ein Verbot von Leih- und Werkverträgen in der Fleischindustrie oder die Mietenstundung, sowie das kürzlich in Niedersächsischen Landtag beschlossene Wohnraumschutzgesetz.

Als Gewerkschaften stehen wir vor zentralen Fragen. Strukturwandel und Veränderungen der Arbeitswelt, Produktivität und Klimabilanz, Zugang zu Ressourcen und gesellschaftliche Teilhabe. Wir wollen einen fairen und sozialen Wandel gestalten, den alle Menschen mitgehen können. Solidarität ist dabei eine Praxis in Krisenzeiten. Wir gestalten auch jetzt die sozialen und Arbeitsbedingungen aktiv mit. Und was lernen wir in dieser Krise und wollen künftig besser machen? Wie kann Solidarität zum Modell der Zukunft werden und im Sinne eines gerechten, mitbestimmten Lebens wirken?

Als Deutscher Gewerkschaftsbund in Südniedersachsen stellten wir uns und unseren Kolleg*innen die Frage: Wie wollen wir nach der Pandemie leben und arbeiten?

In kurzen Interviewstatements (unter: https://suedniedersachsen-harz.dgb.de/1-mai-2021) stellen fast alle befragten Kolleg*innen das kollektive Handeln in der Vordergrund. Künftig wollen Sie bei der Arbeit und bei ihrem vielfältigen zivilgesellschaftlichen Engagement noch stärker gemeinsam wirken. DAS ist übersetzt Solidarität. Der Soziologe Lessenich würde sagen: Die gemeinsame Praxis, trotz unterschiedlicher Ausgangslagen, wahrgenommene soziale Missstände zu beheben.

Ein befragter Kollege sagte uns klipp und klar: „So wie vorher wird es nach der Krise nicht mehr sein. Deswegen ist es wichtig solidarisches Handeln anzuschieben.“ Wenn der Arbeitsplatz immer stärker mobil und ins Private verlagert wird, dann müsse er als Betriebsrat mit Kolleg*innen hier klare, die Arbeitnehmer*innen schützende Regelungen erzielen.

Wenn die Pflege Angehöriger und Betreuung der Kinder zusammen mit beruflichen Verpflichtungen geschultert werden solle, müsse hier eine gesetzliche und kollektiv geregelte Entlastung geschaffen werden.

„Solidarisch Handeln heißt sich gewerkschaftlich organisieren“, ergänzt ein weiterer Kollege. Er will künftig die Angleichung der Lebensverhältnisse erreicht sehen. Gleicher Lohn für gleichwertige Arbeit, zwischen den Geschlechtern und zwischen Ost und West.

Und nicht zuletzt nennt ein Interviewter sein Fazit aus der Krisenzeit: „Künftig stressbefreiter Arbeiten.“ Dabei klingen Fragen nach Arbeitszeiten und Verdichtung von Aufgaben durch. Er sieht die Aufgabe, gemeinsam die Arbeitgeber in die Pflicht zu nehmen um damit bessere Regelungen zu garantieren.

In allen Beiträgen klingen Vorstellungen von Solidarität als tragfähiges Modell für die Zukunft durch. Auch wenn ich eingangs aufgezeigt habe, diese gegenwärtige Krise offenbare viel mehr die Schieflage in der Verteilungs- und Teilhabefrage, als dass sie gesamtgesellschaftlich den gleichen Ausgangpunkt für eine bessere und gerechtere Lebensweise biete, komme ich zu dem Schluss: Solidarisches Handeln ist aus gewerkschaftlicher Sicht der Weg, es ist die Lehre aus der Krise hin zu einer lebenswerten und gerechten Gesellschaft.  

Hier liegt meines Erachtens der Ansatz für wichtige Schritte, die wir mutig gehen sollten.

Agnieszka Zimowska, Regionsgeschäftsführerin DGB-Göttingen