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„Frieden fängt im Kleinen an" - Radiointerview mit Lisa Gellert

Nachricht 25. März 2021
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Lisa Gellert, Beauftragte für Friedensarbeit im Haus kirchlicher Dienste. Sie sagt, "Frieden fängt im Kleinen an". Foto: NDR

Im Rahmen der Sendereihe „Im Anfang war das Wort“ auf NDR Info gab Lisa Gellert, Friedensbeauftragte der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers ein Interview, in dem sie sagt: „Frieden fängt im Kleinen an“.

Dazu passt ihr Lieblingsspruch aus der Bibel:
 

„Der Mensch sieht, was vor Augen ist, Gott aber sieht das Herz an."

1. Samuel 16

Was ist der Kern dieses Verses für Sie?  

Lisa Gellert: Zum einen, dass wir als Menschen eben einen Kern in uns tragen; ein Licht oder eine Seele. Und vielleicht nicht nur Menschen, sondern jedes Lebewesen, dass uns einen Wert gibt. Und dieser Wert ist bei allen gleich. Der kann uns nicht genommen werden, egal, was im außen passiert. Und damit sind wir auch untereinander verbunden. Das Zweite ist, dass das, was vor Augen ist, manchmal auch täuschen kann. Also wir schließen dann meistens von der Oberfläche aus und fragen nicht nach. Das ist auch etwas, was ich mir selbst auf die Fahne schreibe, dass wir tiefer schauen und in Begegnung sowie Verbindung gehen müssen. Um tatsächlich zu sehen, was den Menschen ausmacht. 

Sie sind Friedensforscherin - was ist Frieden eigentlich? 

Gellert: Wie das immer bei so großen Konzepten oder Werten ist, es gibt darüber keine Einigkeit. Eine wichtige Person in der Friedensforschung ist Johann Galtung. Er ist ein norwegischer Forscher und hat Frieden als Abwesenheit von direkter physischer Gewalt definiert. Ich glaube, soweit würden wir auch alle mitgehen, viele sagen ja auch kein Krieg ist Frieden. Er geht aber noch weiter und sagt, das könne noch nicht alles sein, wir müssten auch über strukturelle Gewalt sprechen, systemimmanente Gewalt, systemimmanente Diskriminierungserfahrungen, Benachteiligungserfahrungen. Auch das sei ein Unfrieden.

Spielt in der Forschung innerer Frieden, was wir in den Religionen als Schalom oder Salam bezeichnen würden, eine Rolle?

Gellert: Das ist ein Teil der Friedens- und Konfliktforschung, die traditionell aus der Politikwissenschaft kommt. Darauf liegt aber nicht der zentrale Fokus. Darum sollte es aber gehen, weshalb ich sage: Frieden fängt bei jedem selbst an. Denn es geht darum, wie ich über die Welt denke und die Mitmenschen. Wie ich mit ihnen kommuniziere. Das hat eine direkte Auswirkung darauf, wie ich auch mein Umfeld mit beeinflusse. Wenn ich einen anderen Autofahrer anschreie, löst das bei ihm negative Gefühle aus. Das hat ja so eine Kaskadenfolge. Es ist ein Problem, Frieden nur als großes Ideal zu begreifen und zu glauben, nichts tun zu können. Es wichtig zu sehen, ich kann irgendwo ansetzen. Wenn ich diesen Aspekt betone, Frieden in mir und mit mir zu haben, gibt es viel mehr Handlungsspielraum, etwas zu verändern. In seinem kleinen Umfeld.  

Was meinen Sie, wenn alle diesen Vers ernst nehmen würden, hätten wir dann sowas wie Weltfrieden? 

Gellert: Wenn jeder diesen Vers tatsächlich leben könnte, würde ich das bejahen. Es ist wichtig, sich diesen Wert auch selbst zuzusprechen. Einfach diese Gewissheit zu haben: Ja, so bin ich, mit Fehlern - und so bin ich gut. Und so auf andere Menschen zuzugehen. Und auch ihnen zugestehen, Fehler machen zu können. Ich glaube, das würde tatsächlich vieles lösen. Ich weiß nicht, ob es von heute auf morgen internationale Konflikte löst, aber da alles auf der individuellen Ebene beginnt, würde ich sagen: Ja.

Gerade haben Sie gesagt, "diesen Wert muss man sich auch erstmal selbst geben". Aber eigentlich ist es in dem Vers ja so, dass dieser Wert von Gott kommt. Da heißt es: Gott sieht das Herz an.

Gellert: Aber auch von Gott anzunehmen, ist nicht ganz einfach. Es ist schön, dass Gott das sagt, aber wie oft steht denn Gott, nicht nur in diesem Vers, sondern generell, vor Türen und klopft an und niemand macht auf. Es muss auch jemand die Tür aufmachen und zuhören wollen.

Was würden Sie sagen, welche Rolle spielt überhaupt "Glauben" bei der Friedensarbeit?  

Gellert: Der Glaube an das Gute, an Veränderung und die Fehlbarkeit im Menschen. Ich würde allerdings sagen, dass das kein christlicher oder muslimischer - also institutionalisierter - Glaube sein muss. Friedensarbeit ist natürlich auch im christlichen Glauben verankert. Ich meine Jesus als der Friedensstifter, der für die gesamte Welt gekommen ist, hat ja diesen Anspruch auch gelebt und verkörpert. Und ist da auch Vorbild.

Sie sind Friedensforscherin und um uns herum ist ja sehr viel Unfrieden. Was hilft Ihnen, dass Sie nicht den Mut verlieren?  

Gellert: Ich gebe zu, dass das manchmal auch so ist. Und gleichzeitig merke ich, wie ich mich für mich verändern kann, also auch fortwährend. Und, dass ich auch immer mehr Frieden mit mir finde und mit meinen Erfahrungen, zu scheitern. Und das deshalb auch anderen zugestehen kann. Da liegt für mich tatsächlich auch Mut und Hoffnung, wenn ich sehe, wie sich einzelne Menschen bewegen. 

Das mag auf der großen Skala nicht nach viel aussehen. Aber wenn jeder nur für sich, in seinem kleinen Teilbereich, den er hat, wirkt und merkt, dass Veränderung möglich ist - ob in der Partnerschaft, mit Freunden oder in der Familie. Wenn ich merke, wir als Menschen haben Potential und sind nicht verloren. Da baut jemand auf uns, dass wir nicht verloren gehen oder überhaupt verloren sind. Das macht mir Mut.

Das Interview führte Susanne Richter. Redaktion: NDR