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Ein Jahr nach Hanau: „Wir sagen ihre Namen“

Nachricht 19. Februar 2021

„Wir sagen ihre Namen“ – dieser Aufruf wird in diesen Tagen unter dem Hashtag #saytheirnames vermehrt geteilt. Heute jährt sich der terroristische Anschlag in Hanau, bei dem insgesamt zehn Menschen ums Leben kamen.

Lisa Gellert, Beauftragte für Friedensarbeit der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers im Haus kirchlicher Dienste dazu: „Einerseits dürfen wir nicht vergessen, dass rechtsextremistische Ideologie Nährboden für Gewalt und Morde sein kann. Andererseits ist es wichtig, dass nicht der Täter die Bühne bekommt, womöglich noch in rechten Kreisen heroisiert wird, sondern dass wir den zehn Ermordeten gedenken und ihren Angehörigen beistehen.

Laut Recherchen der Amadeo Antonio Stiftung sind in Deutschland seit 1990 mindestens 213 Menschen durch rechte Gewalt ums Leben gekommen. Die Fassungslosigkeit gegenüber diesem Ausmaß an Gewalt muss Ansporn sein für alle, sich auseinanderzusetzen mit Vorurteilen, rassistischer Stereotypisierung und menschenverachtenden Einstellungen, womöglich auch in der eigenen Familie oder Institution.

Die Initiative „Kirche für Demokratie – gegen Rechtsextremismus“ (IKDR) in der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers wurde 2010 auch mit dem Wissen um die eigene Verantwortung aufgrund der unheilvollen Geschichte des Antisemitismus in den Kirchen gegründet. Ein „Nie wieder!“ alleine reicht nicht; es braucht neben Worten auch Taten. Die IKDR hat sich zum Ziel gesetzt, rechtsextreme und menschenfeindliche Haltungen innerhalb und außerhalb der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers zu benennen und ihnen entgegenzutreten. Dies geschieht in Vernetzung und im Austausch, um gemeinsam mit anderen Rassismus, Antisemitismus und Rechtsextremismus ein demokratisches und lebensbejahendes Miteinander entgegenzustellen.“

Bündnisse erinnern an Anschlag in Hanau vor einem Jahr

Mit Kundgebungen, Mahnwachen und weiteren Aktionen in mehreren niedersächsischen Städten wollen Bündnisse gegen Rechts an den rassistischen Anschlag in Hanau mit neun Toten vor einem Jahr erinnern. Am Abend des 19. Februar 2020 hatte der Hanauer Tobias R. neun Bürger aus Einwandererfamilien, seine Mutter und sich selbst erschossen, weitere Opfer überlebten verletzt.

Das Bündnis „Ein Jahr nach Hanau“ in Hannover hat für Freitagabend (19. Februar) um 18.30 Uhr zu einer Kundgebung auf dem Steintorplatz aufgerufen. „Neun Menschen mussten ihr Leben lassen, weil sie nicht in ein menschenverachtendes Weltbild passen, das in diesem Land nicht an der Wurzel gepackt, sondern in Talkshows diskutiert wird“, heißt es im Aufruf: „Als wären Rassismus und Faschismus Meinungen und nicht, was sie eigentlich sind: Verbrechen.“ Seit dem Anschlag habe sich in Deutschland nichts verändert. So sei etwa „Racial Profiling“ weiter an der Tagesordnung. Dem Bündnis gehören rund zehn gewerkschaftliche und politische Jugendorganisationen an.

In Göttingen laden der Integrationsrat, die Grünen und das Bündnis gegen Rechts am Freitagabend um 18.30 Uhr zu einer Gedenkveranstaltung am Alten Rathaus ein. Die Namen der neun in Hanau Getöteten würden an bei der Kundgebung „sichtbar gemacht“, hieß es. „Rechter Terror ist eines der größten Sicherheitsrisiken für alle, die nicht den Vorstellungen der Mehrheitsgesellschaft entsprechen“, sagte Gregor Kreuzer vom Göttinger Kreisvorstand der Grünen. Insbesondere gegen Menschen mit Migrationsgeschichte richte sich Hass. Bereits um 17 Uhr soll am Auditorium der Universität eine Demonstration beginnen.

In Osnabrück hat das „Bündnis 19. Februar“ eine Fotoaktion organisiert. Menschen können am Freitag zwischen 14 und 17 Uhr am Bahnhofsvorplatz digitale oder Polaroid-Selfies gegen Rassismus aufnehmen und über soziale Medien verbreiten. Um 18 Uhr beginnt auf dem Theatervorplatz eine Kundgebung. Weitere Gedenkveranstaltungen sind in Braunschweig, Hildesheim und Oldenburg angekündigt. Auch in Bremen soll der Opfer des Hanauer Anschlags gedacht werden.

Zu einer Mahnwache in Delmenhorst hat das „Breite Bündnis gegen Rechts“ aufgerufen. Sie soll den Angaben zufolge am Sonnabend (20. Februar) um 11.30 Uhr in der Innenstadt beim Kaufhaus C & A beginnen. Dabei solle der Opfer rechtsextremer Gewalt gedacht werden, sagte Bündnis-Sprecher Hans-Joachim Müller.

Mit der Mahnwache will das Bündnis auch auf eine Serie von Brandanschlägen vergangenes Jahr im Bremer Umland in Syke, Gnarrenburg und Ganderkesee aufmerksam machen. Sie seien immer nach einem ähnlichen Muster auf Restaurants von Migranten verübt worden, hieß es. Immer seien Hakenkreuze und teils auch rassistische Parolen hinterlassen worden. Man begrüße es, dass der Oldenburger Präsident der Polizeidirektion jetzt eine Belohnung für Hinweise in Aussicht gestellt habe, die zu den Tätern in Ganderkesee führten.

Öffentlichkeitsarbeit im HkD / Evangelischer Pressedienst (epd), Landesdienst Niedersachsen-Bremen