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„Vor Ostern“ und „Nach Ostern“

Nachricht 01. April 2021

Für den Karfreitag brauchen wir keine neuen Bilder. Das Kreuz ist zu diesem ewigen Symbol des Leidens und der Leidensgeschichte Christi geworden. Und im Übrigen kennt sich unsere Weltgeschichte mit menschlichem Leid gut aus. Dafür stehen Bilder von Kriegen, Terror, Katastrophen und Hungersnöten.

Ebenso hat jeder Mensch die persönliche Erfahrung mit dem Tod, immer dann, wenn wir Vater und Mutter, die Partnerin bzw. den Partner, das eigene Kind oder andere geliebte Menschen zu Grabe tragen. Aktuell denke ich an die weltweiten Todesfälle, die durch das Corona-Virus verursacht werden. Kurzum, wir kennen unsere Karfreitage im Leben. Und Bilder vom Leid/von der Passion dieser Welt produzieren wir täglich.

Aber von Ostern zu reden – CHRISTUS IST AUFERSTANDEN – und das in angemessenen Bildern zu bebildern, ist so gut wie unmöglich. Denn wie erzählt man von einem geheimnisvollen, mit dem Verstand nicht ergründbaren Geschehen? (Siehe die Geschichte vom „leeren Grab“.)

„Überall, wohin ich ging, wollte ich nicht sein.“

Vor wenigen Tagen erinnerte mich ein Kollege an folgende Geschichte (Rene Enzenauer, Predigtkultur): Es geht um Paul Simon. Das Duo Simon & Garfunkel hatte in den später 60er Jahren bereits Welthits geschrieben (Mrs. Robinson und Sound of Silence). Ein Journalist befragte 1970 den Songwriter nach der Entstehung seines neuesten Songs, der gerade die Charts stürmte: „Bridge over Troubled Water. „Es gab eine Zeit auf der Welt, da gab es das Lied nicht“, fragte er. „Und auf einmal war es da. Woher kam es? Was ist passiert?“

Die Frage von einem Vorher/Nachher ist ungewöhnlich. Sie bringt mich auf die Idee, über die Sache mit Ostern genauso zu reden. Es gibt ein „vor Ostern“ und ein „nach Ostern“. Was ist geschehen?

Zurück zu Paul Simon. Um die an ihn gestellte Frage zu beantworten, spielte er ein paar Akkorde auf seiner Gitarre und er erzählte davon, wie bei ihm zunächst nur eine kleine Melodie auftauchte. Und das, was er sang, waren die ersten vier Takte von „O Haupt voll Blut und Wunden“, ein Passionslied. Johann Sebastian Bach hat es als Choral in seine Matthäuspassion aufgenommen. In sehr eindringlichen Worten wird hier über das Leiden und Sterben Jesu meditiert.

Mich hat diese Geschichte sehr beeindruckt, noch mehr, als Paul Simon, der Liederschreiber, sagte: „I was stuck – Ich steckte fest.“ Damit beschrieb er seine persönliche Situation, die damals auch der politischen Lage in den USA geschuldet war. Und weiter:  „Überall, wohin ich ging, wollte ich nicht sein.“

„Ich werde die Brücke sein“

Ich denke: Genau so ist das Leben manchmal. Da ist eine Wand und es geht nicht mehr weiter. Also „Vor-Ostern“ bzw. „Karfreitag“ im Bild gesprochen. „Und dann?“ Paul Simon sagte: „Dann weiß ich auch nicht, was genau passierte. Ich hörte eine Zeit lang immer wieder eine Gospel-Platte, bis ich sie auswendig kannte. Und irgendwann hörte ich dabei die Worte: I’ll be a bridge over deep water if you trust in my name – Ich werde die Brücke sein, die über tiefes Wasser führt, wenn du an mich glaubst. Und dann war alles da, die Musik und die Worte. Alles war da. Danach ging es weiter …“

Diese Erfahrung. Vorher: Da geht nichts mehr. Aussichtslos. Ganz unten. Und dann (nachher), wie aus dem Nichts gibt es doch eine Wende. Eine Hoffnung: Das ist Ostern.

Und Paul Simon dichtete damals die Trost-Worte: „Wenn du müde bist, dich klein fühlst, und wenn Tränen in deinen Augen sind, dann werde ich sie alle trocknen. Ich bin auf deiner Seite. Wenn die Zeiten hart werden und wenn Freunde einfach nicht zu finden sind, dann werde ich mich wie eine Brücke über tosendes Wasser legen. …“

Eine Brücke über tosendes Wasser … vielleicht ist genau das passiert, an Ostern.

Pastor Ralf Tyra, Direktor des Hauses kirchlicher Dienste