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„Die Sehnsucht nach der Natur können wir auch auf Friedhöfen stillen“

Nachricht 17. September 2021

Am 19. und 20. September ist „Tag des Friedhofs“. Reinhard Benhöfer, Referent für Umwelt- und Klimaschutz im Haus kirchlicher Dienste in Hannover, plädiert im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd) dafür, bei der Gestaltung von Friedhöfen auf Naturnähe und Nachhaltigkeit zu setzen - auch aus wirtschaftlichen Gründen.

epd: „Natürlich erinnern“ lautet das Motto des bundesweiten Tags des Friedhofs. Welche Assoziationen haben Sie da aus kirchlicher Sicht?

Benhöfer: Das Erinnern ist eine Notwendigkeit im Trauerprozess. Also: Natürlich im Sinne von selbstverständlich. Das geht gut an bestimmten Orten wie eben Friedhöfen mit den dort vorhandenen Symbolen. Das Motto kann aber auch ganz wörtlich verstanden werden: auf eine mit der Natur verbundene Art und Weise.

epd: Ist es ein neuer Gedanke, dass Friedhöfe für den Naturschutz eine wichtige Rolle spielen können?

Benhöfer: Dass die Natur an sich auf dem Friedhof eine Rolle spielt, über das Werden und Vergehen hinaus, ist ein relativ neuer Gedanke. Die Natur wird heute in einer sich wandelnden Trauerkultur immer höher bewertet. Die Sehnsucht nach Natur und Natürlichkeit, die stärker wird, je mehr sie uns vielleicht abhanden kommen, können wir auch auf Friedhöfen stillen.

epd: Viele Kirchengemeinden haben sich dem zunehmenden Wunsch nach Bestattungswäldern geöffnet. Was gilt es dabei zu beachten?

Benhöfer: Im Christentum glauben wir nicht, dass Werden und Vergehen ein kontinuierlicher Zyklus ist und das Individuum in einer neuen natürlichen Form wiedergeboren wird. Diese Vorstellung breitet sich aber immer weiter aus. Deswegen ist der Gedanke sympathisch, dass ich zwar vergehe, aber in neues Leben aufgenommen werde, wie zum Beispiel in dem Baum, unter dem ich begraben werde. Das andere ist eine Frage der Ästhetik.

epd: Was meinen Sie damit?

Benhöfer: Natur wird als ein besonders ästhetischer Raum wahrgenommen. Friedhöfe waren bislang streng kulturell geprägt bis hin an die Grenze zum Kitsch, manche verwechseln sie mit einem Kleingarten. Die Gartenzwergkultur von manchen Gräbern wird von Leuten, die Natur als besonders schön empfinden, als abstoßend wahrgenommen. Das ist also ein Hindernis im immer härter werdenden Wettbewerb unter den Friedhöfen. Friedhöfe tun sich daher selbst einen Gefallen, wenn sie ihre Flächen möglichst naturnah gestalten.

epd: Auf der anderen Seite möchten immer mehr Menschen mit einer schlichten Steinplatte unter dem grünen Rasen bestattet werden, um den Angehörigen keine Arbeit zu machen. Ist das aus Ihrer Sicht ein Problem oder eine Chance?

Benhöfer: Die sogenannten Rasengräber bringen einen ganz wichtigen sozialen Trend zum Ausdruck: Ich kann nicht erwarten, dass meine Hinterbliebenen noch in der Lage sein werden, mein Grab zu pflegen - weil zum Beispiel meine Kinder 300 Kilometer von mir entfernt leben. Das müssen wir einfach zur Kenntnis nehmen. Also müssen wir pflegefreie Grabangebote machen. Das Rasengrab ist ästhetisch das allerunterste Niveau. Zugleich ist es unter ökologischen Gesichtspunkten auch unterstes Niveau. Unter Asphalt wäre noch unökologischer, aber Rasen ist nicht viel besser.

epd: Was schlagen Sie vor?

Benhöfer: Wir müssen interessante, auch ästhetisch ansprechende Modelle finden, um den Menschen die Sorge um die Pflege ihres Grabes abzunehmen. Dafür gibt es viele gute Beispiele, für die wir sehr werben. Warum nicht eine blühende Wiese? Oder ein schönes Staudenbeet? Das hat, wenn es gut gemacht ist, keinen höheren Pflegeaufwand als ein Rasengrab.

epd: Gibt es so etwas wie gärtnerische Trends?

Benhöfer: Die laufen sehr weit auseinander. Das Interesse von Gärtnereien ist es, möglichst Blumen oder Pflanzen anzubieten, die im wirtschaftlichen Interesse des Verkäufers liegen. Wir nennen das Wegwerfpflanzen. Wir wünschen uns, dass die Friedhofsgärtnereien viel stärker auf mehrjährige Stauden setzen, die auch noch einen Wert für Insekten haben.

epd: Friedhöfe können also zugleich neuen Lebensraum bieten?

Benhöfer: Wer als Friedhofsträger die Ansprüche seiner Nutzergruppen nach Naturnähe ernst nimmt, wird damit automatisch auch der bedrohten Artenvielfalt dienen. Wenn eine naturnahe Entwicklung eines Friedhofs in regelmäßiger Kommunikation mit den Nutzern und den Bestattern, den Friedhofsgärtnern und den Steinmetzen geschieht, kann daraus ein wirklich nachhaltiger Friedhof entstehen, der dem sozialen Anspruch und auch dem Verkündigungsauftrag der Kirche nachkommt, der ökologisch aufgewertet wird und dadurch ökonomisch funktioniert.

Evangelischer Pressedienst (epd)/Landesdienst Niedersachsen-Bremen

Interviewpartner

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Reinhard Benhöfer
Tel.: 0511 1241-559

Referent für Umwelt- und Klimaschutz