Foto: HkD

70 Menschen diskutieren über den Sozialraum

Nachricht 13. Juli 2021

Erfolgreicher Fachtag Sozialraumorientierung des Hauses kirchlicher Dienste

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Am Fachtag Sozialraumorientierung im Stephansstift am 3. Juli, der von der GBOE imitiert wurde, nahmen 70 Teilnehmende teil. Foto: Dr. Stephan Schwier.

Olaf Ripke von der Gemeindeberatung (GBOE) im Haus kirchlicher Dienste (HkD) brachte es auf den Punkt: „Wie erreiche ich neue Milieus? Oder: Es ist doch ganz nett so, wie es ist“. Das seien die Pole, in denen sich Kirche gerade bewege. Beim Fachtag Sozialraumorientierung am 3. Juli im Stephansstift - Zentrum für Erwachsenenbildung Hannover haben 70 Teilnehmende diskutiert und  sich fachlich ausgetauscht. Von der aktuellen Bestandsaufnahme bis hin zu praktischen Ideen reichten die Vorträge und Workshops.
 
Oberkirchenrätin Elke Schölper, Fachzuständige im Landeskirchenamt, berichtete aus ihren Erfahrungen mit Visitationsberichten, die Kirchengemeinden und Kirchenkreise einreichen. „Manche Berichte lassen den Sozialraum einfach aus“, bemängelte sie. Viele Menschen hegten hohe Erwartungen an die Kirche und deren Leistungen für das soziale Leben. „Aber sie interessieren sich oft nicht dafür, wie das gelingen kann“, sagte sie. Darum sei die Aussage des Landesbischofs Ralf Meister zwar provokant, aber nachdenkenswert: Wenn die Kirche im Dorf bleiben soll, muss das Dorf auch in der Kirche bleiben. Schölper regte an, künftig die Stellenorientierung nicht an die Mitgliedszahlen zu koppeln, sondern am Sozialraum.
 

Was fördert eine bessere Orientierung der Kirchen in den Sozialraum?

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Daniel Wegner von der Hochschule Hannover: „Es braucht das Miteinander von Ehren- und Hauptamtlichen.“ Foto: Dr. Stephan Schwier.

Die Kirche sollte „nicht in Worten sprechen, die niemand mehr versteht“, sagte Hilke Rebenstorf vom Sozialwissenschaftlichen Institut der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD). Durch Traditionsabbrüche gebe es viele Menschen, die einem Gottesdienst nicht mehr folgen könnten, weil sie sonst auswendig gelernte Texte und Lieder nicht kennen. Insgesamt sei ein Relevanzverlust der Kirche zu beklagen. Spontanen Applaus erntete sie mit der Aussage, Kirche solle sich vom Begriff der Barmherzigkeit verabschieden. Das sei ein alter Begriff, heute gebe es einklagbare Rechte. Zu Kirchengebäuden hat sie die Anregung zu fragen: „Wie kann man vorhandene Räume gemeinsam mit anderen Vereinen und Institutionen am Ort nutzen?“
 
Von der Hochschule Hannover war Daniel Wegner gekommen, der mit seinen Kolleg*innen das DRIN-Projekt der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) ausgewertet hat. Dort hatte man schon vor einigen Jahren mit 3 Millionen Euro 28 Projekte unterstützt, die im sozialen Umfeld der Kirchen angesiedelt waren. Nicht nur Kirche und Diakonie hätten dort eng zusammengearbeitet, es seien auch 150 Projektpartner aus den Orten dabei gewesen. Und: 80 Prozent der Projekte laufen auch mit Fundraising weiter. Ein wichtiges Fazit für Wegner: „Es braucht das Miteinander von Ehren- und Hauptamtlichen.“
 
Nach den Vorträgen zeigte Peter Meißner von der Projektstelle Gemeinwesendiakonie im HkD einen Querschnitt durch Projekte in der Landeskirche Hannovers – vom Stammtisch in der Kirche bis zu großen Projekten mit verschiedenen Projektpartnern.
 
Am Nachmittag konnten die Teilnehmer*innen an fünf Workshops teilnehmen. Holger Nollmann, seit dem 1. Juli Theologischer Referent für Kirche im Sozialraum im HkD, zeigte in seinem Workshop, wie es mit Sozialraumorientierung (los)gehen kann. Frank Auracher vom „Stadtteilverein Nordstadt.Mehr.Wert“ aus Hildesheim ging auf die Frage ein, wie Kirche in lokalen Netzwerken arbeiten kann. Hilke Rebenstorf vertiefte ihren Vortrag im Workshop mit dem Titel „Bereicherung und Reibefläche – Sozialraum-orientierte und traditionelle Gemeindearbeit“. Um die speziellen Bedingungen im ländlichen Raum ging es im Workshop von Peter Meißner. 
In der Kirche des Stephansstifts nahm Anette Schmidt, Architektin im Amt für Bau- und Kunstpflege der Landeskirche, die Teilnehmenden mit auf eine Kirchensafari. Anschließend konnten alle Ideen einbringen, wie sie die Kirche umgestalten würden: Fenster und zugemauerte Türen wieder aufreißen, ein Café einbauen, eine Decke einziehen und sogar Wohnungen einrichten.
 
Am Ende des Tages fasste Elke Schölper die Ergebnisse zusammen. Sozialraumorientierung sei ein Prozess und es verändere alle Beteiligten: „Es ist kein zusätzliches Arbeitsfeld, sondern verändert grundsätzlich den Ansatz.“ Künftig müsse das Geld so eingesetzt werden, dass eine Sozialraumorientierung möglich werde. Selbstkritisch seien auch die eigenen Vorgaben der Landeskirche  zu überprüfen: Man müsse Hinderndes streichen und Förderndes hervorheben.

Stephan Schwier