Foto: HkD

Gasteltern der Tschernobyl-Kinder sind heute Großeltern

Nachricht 13. August 2020

Warum es so wichtig ist, dass die Ferienaktion nach der Corona-Pause weiter läuft und wieder mehr unterstützt wird

Auch die Ferienaktion der Arbeitsgemeinschaft „Hilfe für Tschernobyl-Kinder“ der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers ist dieses Jahr wegen der Reisebeschränkungen zum Schutz vor dem Corona-Virus ins Wasser gefallen: 430 Mädchen und Jungen aus der Stadt Gomel in Weißrussland sollten jetzt in den Monaten Juni und Juli jeweils vierwöchige Ferienaufenthalte bei Gasteltern bei uns in Niederdachsen verbringen.

Wie Lars-Torsten Nolte, Referent für die Tschernobyl-Kinderhilfe bei der Landeskirche, erklärt, wäre es die 30. Auflage der seit 1991 laufenden Aktion gewesen. Seit dem Start haben bereits etwa 30000 Kinder und Jugendliche bei uns ihre Gesundheit gestärkt. Nolte ist besorgt – nach seinen Worten sind in den vergangenen Jahren viele Gasteltern aus Altersgründen aus der Aktion ausgestiegen und es sind nur wenige junge Unterstützer nachgerückt.

Eigene Kinder sind aus dem Haus

„Viele Gasteeltern, die jahrelang Kinder bei sich aufgenommen haben, gehören heute der Großelterngeneration an. Ihre eigenen Kinder sind aus dem Haus und ihre Lebens- und Freizeitgestaltung lassen sich nicht mehr so gut mit dem Programm für die Ferienkinder verbinden“, sagt Nolte. Weil viele aufgehört hätten, sei die Ferienaktion im Lauf der Jahre immer kleiner geworden. Nachdem sie anfangs in 28 Kirchenkreisen lief, wurde sie diesmal „nur“ noch in 15 Kirchenkreisen organisiert. Auch in Osnabrück und Melle wurde die Aktion eingestellt, weil die Unterstützer zu alt geworden sind und sich nicht mehr beteiligen wollten.

Mit dem Aussteigen der Gasteltern sind auch die Kapazitäten für die Ferienkinder immer weiter geschrumpft. Nachdem aus dem Programm der Landeskirche früher bis zu 1500 Kinder jährlich in Gastfamilien in Niedersachsen vermittelt werden konnten (und noch weitere 1500 von einer anderen Organisation), standen diesmal nur noch 430 Plätze zur Verfügung. „Wir würden uns freuen, wenn sich wieder mehr junge Familien finden, die sich an der Aktion beteiligen und Kinder bei sich aufnehmen“, sagt Nolte.

Dass bei der Aktion eher nur wenige junge Leute nachrücken, liegt nach seiner Einschätzung an mehreren Gründen. Dazu gehört, dass das Thema Tschernobyl nicht mehr häufig in Medien auftaucht und dass allgemein nur wenig über die langfristigen Folgen des Reaktorunfalls bekannt ist. Aber nach seiner Meinung wirkt sich auch aus, dass die Anti-Atomkraft-Bewegung, die das Entstehen der Ferienaktion stark beflügelt hat, heute in dieser Form nicht mehr besteht.

35. Jahrestag des Reaktorunfalls in 2021

2021 jährt sich der Jahrestag des Reaktorunfalls vom 26. April 1986 zum 35. Mal – Nolte hofft, dass sich dadurch wieder mehr Aufmerksamkeit auf Tschernobyl richtet und auch die Ferienaktion noch einmal Vorschub bekommt. Die Aktion soll unbedingt weiter fortgeführt werden. „Es tut den Kindern gut, wenn sie einmal aus der belasteten Umgebung herauskommen und hier eine unbeschwerte Zeit haben, in der sie auch dem psychischen Druck nicht ausgesetzt sind, unter dem dort alles steht“, macht Nolte deutlich.

Die Ferienaufenthalte und die weiteren Hilfen der Arbeitsgemeinschaft werden aus Spenden finanziert. Die Gasteltern müssen nur für die Unterkunft und die Verpflegung der Kinder aufkommen, alle weiteren Kosten werden von der Evangelisch-lutherische Landeskirche Hannovers (Reise- und Versicherungskosten) und den Kirchenkreisen (Programmkosten beim Aufenthalt, Reisekosten in Deutschland, Taschengeld) getragen.

Ärzte fortbilden und Krankenhäuser unterstützen

Neben den Ferienaufenthalten setzt sich die Arbeitsgemeinschaft dafür ein, die Krankenhäuser in Gomel mit Hilfsgütern zu unterstützen und Ärzte fortzubilden. Nach den Angaben der Arbeitsgemeinschaft wurden inzwischen Medikamente und medizinische Hilfsgüter in einem Wert von mehr als 1,5 Mio. Euro an Krankenhäuser im Gebiet Gomel gespendet, außerdem sind aus den Kirchenkreisen noch weitere 1500 Tonnen humanitäre Hilfe u.a. für Kindergärten, Schulen und Heime auf den Weg gebracht worden. Daneben wurden Weiterbildungsaufenthalte für Mediziner aus Weißrussland an Krankenhäusern und bei Ärzten in Niedersachsen organisiert.

Die Kinder, die für die Ferienaufenthalte ausgewählt werden, sind nach den Infos der Arbeitsgemeinschaft meist im Alter von 9 bis 13 Jahren. Teilweise kommen auch Kleinkinder, die von ihren Müttern begleitet werden. Es werden bevorzugt Kinder aus sozial schwachen und kinderreichen Familien, Waisen und vor allem Kinder aus stark radioaktiv belasteten Bezirken für die Ferienaufenthalte ausgewählt. Gasteltern können Kinder noch ein weiteres Mal gezielt zu sich einladen.

Viele Freundschaften enstanden - Kinder zwischen 9-13 Jahren

Lars-Torsten Nolte, im HkD für die Kinderhilfe zuständig, empfängt die jungen Gäste aus Weißrussland traditionell am Flughafen. Bild: picture alliance/ Ole Spata

Wie Nolte berichtet, sind bei der Aktion viele Verbindungen und Freundschaften zustande gekommen, die auch zu Gegenbesuchen oder weiteren Einladungen nach Deutschland geführt haben. Viele Freundschaften dauerten bis heute an. Nolte ist überzeugt, dass die Aktion sehr dazu beigetragen hat, dass sich in Weißrussland alte Feindbilder gegenüber Deutschland aufgelöst haben. „Es war anfangs ein großes Thema in Weißrussland, dass ausgerechnet wir Deutsche als ehemalige Kriegsfeinde die Kinder aufnehmen. Heute spricht darüber niemand mehr und dazu haben natürlich auch die vielen Beziehungen beigetragen, die durch die Ferienaktion zustande gekommen sind“, sagt Nolte.

Der Mann von der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Hannovers spielt auf ein trauriges Kapitel aus der deutschen Vergangenheit an. Beim Angriff der Deutschen auf die Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg kam es besonders auf dem Gebiet Weißrusslands zu schweren Kampfhandlungen. Die Rote Armee errichtete dort eine Verteidigungslinie und lieferte sich erbitterte Abwehrschlachten gegen die Deutschen. Auch Gomel gehörte zu den Städten, um die verbissen gekämpft wurde. Die Deutschen hielten die Stadt schließlich von August 1941 bis November 1943 besetzt. Die Einwohnerzahl ging durch sie um zwei Drittel zurück. Fast alle Juden in Gomel wurden ermordet – über 37000 Menschen, etwa 40 Prozent der Bevölkerung. Nach dem Krieg gab es ein Lager für deutsche Kriegsgefangene in Gomel.

Gomel besonders betroffen

Heute leben 500000 Menschen in Gomel, es ist die zweitgrößte Stadt Weißrusslands – und es ist die Stadt, in deren Umgebung nach dem Reaktorfall im Jahr 1986 hunderte Dörfer evakuiert wurden, während sie selbst zu groß dafür war und die Menschen darin ausharren mussten, so dass sie zu „Geiseln von Tschernobyl“ wurden, wie „Der Spiegel“ titelte. In Gomel brach damals die Lebensmittelversorgung zusammen, es herrschte Hunger, die Menschen durften nicht nach draußen, sollten sich mit nutzlosen Maßnahmen wie dem Abkochen von Wasser schützen und lebten in ständiger Angst vor der unsichtbaren Gefahr. Die Stadt trennen nur etwa 120 Kilometer Luftlinie von dem Unglücksreaktor. Sie liegt im Südosten Weißrusslands, also genau in dem Teil des Landes, der besonders schwer kontaminiert wurde. Über 70 Prozent der radioaktiven Stoffe, die bei dem Reaktorunfall freigesetzt wurden, gingen über Territorien nieder, die heute zu Weißrussland gehören. 140000 Menschen wurden umgesiedelt und etwa ein Drittel des heutigen Staatsgebietes wurde verstrahlt. Die Folgen wirken sich in dem agrarisch geprägten Land bis heute aus.

Fassen lässt sich das Thema aber nur schlecht. Selbst über die Anzahl der Toten, die dem Reaktorunfall zugeschrieben werden müssen, wird bis heute gestritten. Auch darüber, ob ein Zusammenhang mit erhöhten Krebs- und Krankheitsraten besteht. Sogar darüber herrscht Uneinigkeit, welche Grenzwerte angesetzt werden müssen, damit sich nicht eine auch nur geringfügig erhöhte Belastung von Lebensmitteln mit radioaktiven Stoffen langfristig schädlich im Körper auswirkt.

Die Regierung Weißrusslands bemüht sich unterdessen um eine Rückkehr zur Normalität. Seit dem Jahr 2000 wird ein großangelegtes Programm verfolgt, bei dem vormals verstrahlte Flächen entgiftet und teils auch wieder einer landwirtschaftlichen Nutzung zugeführt werden. Die Lebensmittel sollen unbedenklich sein – aber ob sie es sind? Im Jahr 2017 wurde ein Weißrussland-Korrespondent der Nachrichtenagentur AP per Gerichtsbeschluss dazu verdonnert, einen Bericht über Grenzwertüberschreitungen in Milch wieder zurückzuziehen – ein ungeliebtes Thema in Weißrussland, ebenso wie die Erkrankungsraten.

Stiftung "Kinder von Tschernobyl"

Nach Angaben von Dr. Gisbert Voigt, Vizepräsident der Niedersächsischen Ärztekammer und Vorsitzender des Kuratoriums der Stiftung „Kinder von Tschernobyl“, kommt es in Weißrussland zu erschreckend erhöhten Fallzahlen bei vielen Krebserkrankungen (Schilddrüsenkrebs, Prostatakrebs, Brustkrebs und Leukämien). Auch treten nach seiner Darstellung viele Autoimmunerkrankungen, Hormonstörungen, neurologische und psychische Erkrankungen auf und es gibt weiter viele angeborene Fehlbildungen und Schwangerschaftsabbrüche. Nach den Worten des Kinder- und Jugendmediziners aus Melle sind die Krankheitsraten in der medizinischen Fachwelt bekannt, aber es gibt keine Nachweise eines Zusammenhangs mit dem Reaktorunfall, die unbestritten akzeptiert werden.

Die Stiftung des Landes Niedersachsen setzt sich seit 1992 dafür ein, in Weißrussland, der Ukraine und Russland medizinische Hilfe für die Menschen zu leisten, die von den Folgen des Reaktorunfalls betroffen sind. Sie hat seither 344 Ultraschallgeräte (Wert: ca. 11 Mio. Euro) in Krankenhäusern vorwiegend in Weißrussland und der Ukraine aufgestellt und rund 60 Fortbildungskurse in Minsk und Kiew durchgeführt, in denen fast 5000 Ärzte in der Handhabung unterweisen wurden. „Ultraschalldiagnostik steht im Ostblock im Medizinstudium nicht mit auf dem Lehrplan, deswegen ist es wichtig, dass wir diese Fortbildungen anbieten. Und die Ausstattung der Krankenhäuser ist so mangelhaft, so dass wir weiter dringend für die Geräte sorgen müssen“, sagt Voigt. Mit Ultraschall können Veränderungen der Schilddrüse gut festgestellt werden. Anders als bei uns sind die Geräte in Weißrussland aber nicht weit verbreitet.

Jetzt hat das Corona-Virus alle Aktivitäten der Landesstiftung erst einmal auf Eis gelegt. Auch Voigt hofft darauf, dass der 35. Jahrestag der Reaktorhavarie im nächsten Jahr zu mehr Rückenwind für die Tschernobyl-Hilfe führt. Wie er berichtet, ist das Spendenaufkommen im Laufe der Jahre immer weiter zurückgegangen, so dass heute nur noch fünf bis sechs neue Ultraschallgeräte jährlich beschafft werden können – deutlich weniger als früher.

Nach den bekannten Zahlen sind es 1,3 Millionen Menschen, darunter fast 500000 Kinder und Jugendliche, die in Weißrussland bis heute in Gebieten leben, die 1986 stark von radioaktivem Niederschlag betroffen waren. Wie Nolte berichtet, sind in Gomel solche Flächen auch für den Bau von neuen Wohngebieten genutzt worden. Sogar Teile des Sperrgebiets südlich von Gomel, das bis zu dem in der heutigen Ukraine gelegenen Unglücksreaktor reicht, sind heute als „Radioökologisches Schutzgebiet“ wieder eingeschränkt zugänglich. Auch die Strahlenbelastung hat mit den Jahren nachgelassen – und sogar langlebige Isotope wie Cäsium-137 und Strontium-90 mit einer Halbwertszeit von etwa 30 Jahren sondern jetzt nur noch halb so viel Strahlung ab – aber bis sie ganz zerfallen, müssen 300 Jahre vergehen.

Jens Lintel

Ansprechpartner

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Lars-Torsten Nolte
Tel.: 0511 1241-689

Referent für Kirche in Europa, Migration und Integration und Kinderhilfe Tschernobyl
Diplom-Sozialwirt
Fachbereichsleiter "Kirche im Dialog"