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Kunstwerk der Woche: Die Psalmen

Nachricht 27. April 2020

Dass die Psalmen und der Psalter Dicht-Kunstwerke von höchster Qualität sind, hat bereits Johann Gottfried Herder in seinem Werk „Vom Geist der [h]ebräischen Poesie“ (1782-84) gezeigt. Und der – selbst Dichter (und Theologe) – verstand etwas von der Sache.

Es ist die Eigenart der biblischen Dichtung, das, was zu sagen ist, nicht in begrifflich-definitorischer Abstraktheit zu sagen, sondern die Dinge zu malen, zu beschreiben, zu umkreisen, sich ihnen anzunähern – gern mit Hilfe von Metaphern. Die Psalmen wimmeln von Metaphern wie kein anderes Buch der Bibel.

Psalmen sind Gebete und Lieder – ein Gesangbuch. Sie laden ein zum Mitbeten und -singen. Dafür sind sie, wie unser Gesangbuch, gemacht. Sie halten Stimmungen Einzelner fest, sind aber offen und einladend dazu, sich in diese Stimmungen hineinzufinden, sich mit den Betern und Sängerinnen zu identifizieren. Psalmen leihen mir Worte, wo sie mir fehlen.
Aber Psalmen sind nicht nur Einzelkunstwerke, sondern der Psalter ist ein Buch. Diese Erkenntnis ist relativ neu. Spannend ist es zu sehen, wie aus den einzelnen Psalmen Sammlungen wurden und später das Buch des Psalters geworden ist. Achten Sie beim Lesen einmal darauf, was die Psalmen miteinander verbindet. Wie gehören so scheinbar gegensätzlich gestimmte Psalmen wie 22 „Mein Gott, warum hast du mich verlassen …“ und 23 „Der HERR ist mein Hirte ...“ zusammen? Viel Spaß beim Suchen und Grübeln!

Am Ende des Weges steht das Gesamtwerk – geteilt in 5 Bücher: eine Reminiszenz an die 5 Mosebücher.

In der zweigeteilten Ouvertüre des Gesamtwerkes stehen die beiden bestimmenden Themen des Glaubens des Gottesvolkes: Die wundervoll Orientierung schenkende Tora (Weisung) in Psalm 1 und der Messias, der Hoffnung schenkt, in Psalm 2. Am Ende steht die großartige „Halleluja-Kantate“ (Erich Zenger) in Psalm 146-150. Ein fulminanter Rahmen!

Bild: Dr. Matthias Surall

Viele Psalmen nennen David als Sänger und Beter. So drückt Israel seine Hoffnung aus: Solange die Psalmen gesungen und gebetet werden, ist die Hoffnung wach, dass Gott das Schicksal seines Volkes und seines Landes zum Guten wendet.

Die Psalmen sind in dem von mir besonders geliebten Alten Testament (zusammen mit dem Prediger Salomo) mein Lieblingsbuch. Sie geben mir Worte, wo meine Sprachkraft zu schwach ist.

Das können Wort der Klage sein:

Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!
Ich schreie, aber meine Hilfe ist ferne.
Mein Gott, des Tages rufe ich, doch du antwortest nicht,
und des nachts finde ich keine Ruhe. (22,2-3)

Worte, so stark und treffend, dass Jesus sie am Kreuz gebetet hat.

Das können Worte der Bitte sein:

Gott, hilf mir, denn das Wasser geht mir bis zur Kehle.

Erhöre mich, Herr, denn deine Güte ist tröstlich;
Wende dich zu mir nach deiner großen Barmherzigkeit
Und verbirg dein Antlitz nicht vor deinem Knechte,
denn mir ist angst; erhöre mich eilends.

Nahe dich zu meiner Seele (sei mir nahe) und erlöse sie,
erlöse mich um meiner Feinde willen. (69,2.17-19)

Man sieht förmlich, wie dem Beter das Wasser bis zum Hals steht. Ist das ein Ertrinkender in einem Fluss-Ordal (Gottesurteil, bei dem ein Mensch in einen Fluss geworfen wird: wenn er ertrinkt, ist er schuldig, wenn er nicht ertrinkt, ist er unschuldig)?

Das können Worte der Sehnsucht nach Behütung sein:

Gott hat seinen Engeln befohlen über die,
dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen.
Dass sie dich auf den Händen tragen
und du deinen Fuß nicht an einen Stein stößt. (91,11-12)

Nein, kein Kitsch, sondern echte Sehnsucht, verbunden mit einem wunderbaren Vertrauen, wie ich es uns von Herzen wünsche!

… und natürlich Worte des Lobes und Dankes (das ist im Hebräischen dasselbe):

Lobe den Herrn, meine Seele.
Herr, mein Gott, du bist sehr herrlich;
Du bist schön und prächtig geschmückt.
Licht ist dein Kleid, das du anhast.

Herr, wie sind deine Werke so groß und so viel!
Du hast sie alle weise geordnet,
und die Erde ist voll deiner Güter. (104,1-2.24)

Eine wunderbare Adaption des großen Sonnenhymnus von Pharao Echnaton, an der man die Offenheit der Psalmen für die damalige Gegenwartskultur auch anderer Länder erkennen kann.

Kurz: Es lohnt sich, die Psalmen einmal oder auch mehrmals von Anfang bis Ende durchzulesen, hier oder da zu verweilen, in Gedanken in die Worte der Beterinnen und Beter einzusteigen und sich mitnehmen zu lassen. Ein Kunstgenuss und ein geistlicher Genuss von höchster Güte. Viel Spaß beim Wiedererkennen und Neuentdecken!

Dr. Klaus Grünwaldt

„Ich finde übrigens doch, dass das ein schöner, zum Lesen einladender Text ist, der hoffentlich auch ein paar Leserinnen und Leser überrascht, weil ja die Bibel eigentlich nicht als Kunstwerk gilt. Aber gerade diese Überraschung ist es ja, die den Dialog von Kunst und Kirche anregt und befeuert!“

Oberlandeskirchenrat Dr. Klaus Grünwaldt