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Kunstwerk der Woche: Engelskulptur vom Cementiri de Poblenou in Barcelona

Nachricht 20. April 2020
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Engelskulptur vom Cementiri de Poblenou in Barcelona, Foto: Dr. Matthias Sural

 

 

„Gelobt sei der Herr täglich.
Gott legt uns eine Last auf,
aber er hilft uns auch.“

Psalm 68,20

Auf dem Cementiri de Poblenou in Barcelona, dem in unmittelbarer Nähe zur Strandpromenade gelegenen innerstädtischen Friedhof der katalanischen Metropole, findet sich diese steinerne Engelskulptur eines unbekannten Künstlers, einer nicht bekannten Künstlerin. Die von der ganzen Gestaltungsart und dem Verwitterungszustand her wahrscheinliche Entstehungszeit dieser Plastik dürfte das erste Drittel des vorigen Jahrhunderts sein, genau die Zeit mit einer besonders hohen Zahl an Engeldarstellungen im Bereich der Sepulkralkultur.

Die dargestellte geflügelte junge Frau trägt leicht androgyne Züge und steht auf dem Dachsims eines Mausoleums. Die Hände wie zum Gebet aneinandergelegt, geht der Blick der Figur leicht himmelwärts, dorthin, wo der Adressat von Gebeten klassischerweise vermutet wird. Das lange, dünne Gewand der Frau umspielt ihren schlanken Korpus und findet seine Entsprechung oder sogar Fortsetzung auf dem Sims liegend, wie ein für den zu erwartenden Abflug fallengelassenes Obergewand um die nackten Füße der Figur drapiert.

Was aber ist es, das diese Skulptur in den Rang eines Kunstwerks erhebt? Diese Frage gewinnt noch an Dringlichkeit, macht man sich bewusst, dass solcherlei Engelfiguren in Variation häufiger auf Friedhöfen mindestens in ganz Europa anzutreffen sind. Wir haben es hier mit einer populären, popkulturellen Typisierung oder quasi mit einem „Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ (Walter Benjamin, 1935/36) zu tun. Das Typische umfasst vor allem die Gebetshaltung, den diagonal ansteigend gen Himmel gerichteten Blick und den Friedhof gewissermaßen als „Sitz im Leben“ der Engel-Figur.

Zum in gewisser Weise popkulturellen Kunstwerk wird diese Skulptur eben vor allem dadurch, dass hier eine spezifische Haltung eingenommen ist und plastisch aussagekräftig zur Darstellung gelangt, zum Typus wird, in diesem Falle die Gebets-Haltung, mithin eine Haltung, die mit Gott rechnet, ihn mit der beklagenswerten Realität des auf dem Friedhof allgegenwärtigen Todes zusammendenkt. In, mit und unter dieser Gebets-Haltung leuchtet die durch und durch menschliche Sehnsucht auf, dass es einen Mehrwert über dieses Dasein hinaus geben möge, die Sehnsucht nach Transzendenz, nach Überwindung des Todes, nach Hoffnung über den Tod hinaus, danach, Gehör zu finden mitten in Leiden und Trauer. So gesehen handelt es sich hier um ein von Sehnsucht beseeltes, von der Frage nach Hoffnung bestimmtes, ergo um ein über sich selbst hinausweisendes Kunstwerk.

Popkulturell aufgeladen und künstlerisch relevant ist diese Skulptur auch deshalb, weil sie implizit bis explizit ein Beziehungsgeschehen thematisiert, und zwar ein solches zwischen Mensch und Gott. Denn hier begegnet ja die situationsgebundene Abbildung einer speziellen Figur aus dem reichen Fundus biblischer Rollen und Figuren: die Figur des biblischen Engels, der die Rolle eines Boten Gottes hat und die Stellung eines Mittlers zwischen Gott und Mensch einnimmt, so wie zum Beispiel in den Auferstehungsgeschichten der Evangelien, wo er die frohe Kunde vom Sieg des Lebens über den Tod (Jesu) übermittelt. In der Figur und Darstellung des Engels ist das Thema der Beziehung von Mensch und Gott immer schon angelegt. Damit einhergehend auch die Frage danach, was den Menschen zum Menschen macht, ob insbesondere die Suche, Frage, Sehnsucht nach Gott oder, anders gesagt, der Glaube in Kombination mit dem Zweifel („Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“ Markus 9,24) ein anthropologisches Konstitutivum darstellt, eine unabdingbare Konstante der conditio humana.

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Engelskulptur vom Cementiri de Poblenou in Barcelona, Foto: Dr. Matthias Surall

Schließlich ist diese doppelt namenlose Skulptur, die weder den Namen eines Künstlers, einer Künstlerin an sich trägt noch einen identifizierbaren Engel abbildet, sondern eher einen Engeltypus inszeniert, noch in weiterer Hinsicht ein popkulturell wahrnehmbares Kunstwerk: Das betrifft zum einen seinen Standort im öffentlichen Raum eines kommunalen Friedhofs, wo er allgemein rezipierbar positioniert ist. Zum anderen kommt die popkulturelle Dimension auch darin zum Ausdruck, dass es sich hier – zwar ungewollt, aber dadurch nicht weniger evident und virulent – um ein Kunstwerk im Status des „work in progress“ handelt. Damit meine ich in diesem Falle, dass die aus sensiblem Sandstein geformte Skulptur den Witterungseinflüssen ihres urbanen Kontextes ungeschützt ausgeliefert ist, was im Laufe der Jahre und Jahrzehnte seine Spuren hinterlassen hat. Da sind die fehlenden Finger, das vor allem im Bereich der Nase schon leicht abgetragene Antlitz und besonders auffällig die abgebrochenen Flügelteile. All das gibt dieser eigentlich typischen Figur ein dann doch gleichsam individuelles Gepräge.

Vom Leben gezeichnet, von Zeit und Witterung beeinflusst, steht er da, dieser Engel, und ‚funktioniert‘ so noch besser als im unbeeinflussten Urzustand. Denn jetzt erweckt er den Anschein, ein Repräsentant einer geradezu lebensgesättigten Haltung zu sein. In Kombination mit dem Wort aus dem 68. Psalm versinnbildlicht sich hier die Kombination aus Tod und Leben, aus Karfreitag und Ostern. Kurz gesagt: kein Leben ohne Brüche, Abbrüche und Lasten, ohne Hinterlassenschaften wie Spuren, Furchen und Narben. Und: kein Leben ohne den Tod. Aber eben auch dies gilt und wird hier sinnenfällig illustriert: Mitten im Tod das Leben. Inmitten all der Gräber eines Friedhofs das Hoffnungszeichen eines betenden Engels, der nicht lebensfern abstrakt daherkommt, sondern vom Leben gezeichnet. Gerade in der nachösterlichen Zeit verstehe ich die Botschaft dieses Engels auch so: Ostern gibt es nur durch den Karfreitag hindurch. Das Leben gibt es nicht ohne Umwege, Belastungen und Abbrüche. Doch der Gott, der Jesus nicht dem Tod überlassen hat, hält die Brüche, Lasten und Fragmente jedes Lebens auf, aus und letztlich zusammen.

Nicht nur, aber auch mit diesen hoffnungsvoll interpretierten Andeutungen wird klar: Das Kunstwerk dieses beschädigten Engels ist groß. Es eröffnet einen Horizont, atmet eine Haltung, setzt in Beziehung. Es macht etwas mit mir – nicht nur, aber besonders in dieser nachösterlichen Zeit mit erzwungener Kontaktsperre und auferlegter Abstandswahrung.

Dr. Matthias Surall