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Kunstwerk der Woche: „Junger Schlaf“ von Anna Ullrich

Nachricht 14. April 2020
2020-04-14 Kunstwerk Anna Ullrich junger Schlaf
Anna Ullrich: Schlaf – Junger Schlaf 2, 2017 / © VG Bild-Kunst, Bonn 2020

Ich liege und schlafe ganz mit Frieden;
denn allein du, HERR, hilfst mir, dass ich sicher wohne.
(Psalm 4,9 – Ein Abendgebet)

Von tiefschwarzer Dunkelheit umhüllt ragt aus landschaftlich anmutenden Faltenwürfen – Höhenzügen aus weißen Kissen und Laken, die sich im Dunst der Dämmerung schemenhaft abzeichnen, gleich – der Oberkörper einer jugendlich weiblichen Gestalt hervor, der von einem emporhebenden Licht beschienen, unseren Blick auf die seitlich verdrehte Rückenfigur zieht, deren fein gemustertes weißes Gewand die Schulterpartie freigibt. Wie gestrandet wirkt die Liegende, deren blondes in Wellen fließendes Haar in ein schwarzes Nichts zu münden scheint, das zu einem nächtlichen Ufer einer fast spiegelglatten Wasserfläche wird, auf der sich kleine Wellenbewegungen vollziehen.

Derart wird unsere Bilderfahrung verunsichert. Denn da ist nichts, was räumlichen Halt verspricht, als diese vernehmbare Ruhestätte einer Bettlandschaft aus von dämmrigem Licht gräulich getrübten Überwürfen, die in der Tiefe des finsteren Raumes schwinden. Geradezu erscheint die Figur vor dem mittleren Bildhorizont schwebend. Ein haltgebender Untergrund ist der Liegenden entzogen – ein bodenloser Zustand wie sich zeigt. Doch wirkt es, als werde sie vom Licht in der Stille von Raum und Zeit getragen, oder besser: gehalten.

Welche Szenerie wird uns hier von Anna Ullrich vor Augen geführt?

Die Fotografie mit dem Titel „Junger Schlaf“ entstammt der im Jahr 2017 begonnenen Work-in-Progress-Serie „Schlaf“, welche zudem Fotografien mit den Titeln „Kinderschlaf“ und „Alter Schlaf“ umfasst. Im Einvernehmen mit den tief Versunkenen wohnt Anna Ullrich zu gegebener Zeit diesem nächtlichen Übergangsstadium des Lebens bei und porträtiert die Schlafenden. Deren Lebensalter reicht von 4 bis 86 Jahren, mithin die gesamte Lebensspanne, womöglich – wie die Künstlerin anmerkt – bis zum Entschlafen.

Doch die anmutende Stille der Szene darf über deren dramatische Ambivalenz, die im kontrastreichen Wechselspiel von Licht und Dunkel zum Ausdruck kommt, nicht hinwegtäuschen. Denn das Sehen bedarf des Lichts als Medium, während der Schlaf zumeist auf Dunkelheit angewiesen ist, in welcher uns die Dinge visuell verborgen sind.

In mehrfacher Hinsicht haben wir es mit einer Grenzsituation zu tun: Schlaf ist als wiederkehrendes Grundphänomen menschlichen Lebens bekannt, das der erneuernden Erholung dient, einen Bruch der alltäglichen Lebensvollzüge einleitet oder auch Verwandlungen vorausgeht. Während wir also in andere Bewusstseinszustände hinübergleiten und dabei die bewusste Kontrolle verlieren, bedarf es eines privaten Schutzraumes. Nun ist die Beobachtungssituation der Schlafenden von besonderer Brisanz: Hier begegnen sich Schlafende und Wachende, Beobachtende und Beobachtete in unverhältnismäßiger, weil unausgeglichener Weise. In die Situation der Schutzbedürftigkeit sind die Schlafenden im Prozess ihrer Regeneration dem fremden Blick ausgeliefert.

Die Bilder fragen somit nach den menschlichen Grundbedürfnissen von Geborgenheit und Vertrautheit, zeigen jedoch gleichermaßen deren Fragilität und berühren den Grenzbereich zwischen Öffentlichkeit und Intimsphäre. Der Prozess des Fotografierens ist dabei ebenso intim und baut auf einer fragilen Vertrauensbasis auf wie das Betrachten der Bilder die Intimsphäre anrührt, da Privatheit ins Licht der Öffentlichkeit überführt wird. Insofern bringt der Anblick etwas Verstörendes mit sich, da die Bilder Schaulust anfachen, die einem Erkenntnisdrang entspringt und entspricht. Als Betrachtende werden wir dabei auch auf uns selbst zurückgeworfen. Darin wird nun die Wirkmächtigkeit der Bilder spürbar. Denn so lässt es sich auf die prägnante Formel zur Metapsychologie des Bildes von Georges Didi-Huberman bringen: „Was wir sehen, blickt uns an“, und dies wäre zu ergänzen: Es gewinnt Leben und Bedeutung, dadurch, dass es uns betrifft.

Aus eigener Erfahrung wissen wir um den sich wiederholenden Rhythmus des Schlafens und des (Wieder-)Erwachens. In all ihrer Fragilität haben wir doch Vertrauen in unsere Lebenserfahrung. Jedoch: Entschlafen und Auferstehen, diese Verheißung vermag unsere Wahrnehmung und Vorstellungskraft derart zu übersteigen, dass unter der Voraussetzung „erst sehen, dann glauben“ der Zweifel genährt und der Glaube herausgefordert wird. Vor dem Hintergrund der visuellen Künste könnte diese Erkenntnis besondere Berücksichtigung finden: Mit dem Vorgang des Sehens geht nicht allein ein Erlangen, sondern ebenso ein Verlust einher. „Die Augen schließen, um zu sehen“ könnte insofern als eine künstlerische Entsprechung gelesen werden zur Sentenz „Nicht sehen und doch glauben!“ (vgl. Johannes 20,29b) – vielleicht gerade zum Osterfest hin.

Zur Künstlerin

Anna Ullrich (geb. 1979) lebt und arbeitet als bildende Künstlerin in Hildesheim. In ihren Arbeiten, die sich durch eine besondere Sensibilität und Präzision auszeichnen, erforscht sie die Potentiale und Grenzen des Mediums der Fotografie und setzt sich mit Fragen der Bildlichkeit auseinander.

Als künstlerisch-kreativen Impuls während des Stillstandes im öffentlichen und kulturellen Leben hat das Arbeitsfeld Kunst und Kultur im Haus kirchlicher Dienste (HkD) eine neue Initiative und Rubrik auf seiner Homepage gestartet. Für die Dauer des Shutdowns erscheint auf www.kunstinfo.net immer donnerstags ein „Kunstwerk der Woche“ in Bild und Text oder auch mit Ton.

Dennis Improda