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Corona: Trotz Ausnahmezustand bleibt die Hoffnung

Nachricht 07. April 2020
Philipp Elhaus, Leitender Referent für Missionarische Dienste im HkD. Bild: Jens Schulze

Corona bestimmt weltweit das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben. Experten zufolge stehen wir erst am Anfang einer globalen Pandemie. Der persönliche Kontakt zu anderen Menschen ist deutlich begrenzt, Kommunikation und Austausch finden nur über Telefon und Internet auf Distanz statt. Hinzu kommen für viele Menschen existentielle wirtschaftliche Sorgen. Auf die Fragen, welche Bedeutung die Corona-Krise für das kirchliche Leben hat, antwortet Philip Elhaus, Leitender Referenten für Missionarische Dienste im Haus kirchlicher Dienste.

Kontaktverbot, existentielle Nöte, das alles betrifft auch die Kirchen. Wie gehen Christen mit der Situation um?

Ich beobachte ein neues Interesse am Gebet und an Ritualen, und ich sehe eine Vielzahl an kreativen Ideen und Impulsen. Ein altes Sprichwort sagt „Not lehrt beten“. Das bedeutet zunächst, mit den eigenen Gedanken und Gefühlen, Ängsten und Unsicherheiten nicht allen bleiben zu müssen, sich aussprechen zu können. Es ist ein Geschenk, in Einsamkeit einen Sprachgesell zu haben, wie dies Paul Gerhard in einem Kirchenlied sehr schön ausdrückt. Gott in den Ohren zu liegen. Klagen, fragen, bitten –Loslassen, zur Ruhe kommen, neue Kraft schöpfen. Gott ist oft nur ein Gebet weit entfernt.

Ein Gebet kann ich frei formulieren, aber mir auch lebensgesättigte Worte aus der Bibel leihen, zum Beispiel aus den Psalmen. Über die Fürbitte schließe ich andere Menschen ein, Notleidende auf der ganzen Welt, aber auch mir ganz nahe stehende Menschen, die ich nun nicht treffen darf, aber im Gebet innerlich vor Augen sehe und umarme. Insofern hat das Gebet etwas Befreiendes und Tröstendes, und durch die Fürbitte auch etwas Verbindendes. Auf zahlreichen Onlineplattformen wird gemeinsam gebetet.

Not macht auch erfinderisch, weckt Ideen und Talente. Ich staune über die vielen kleinen und großen Zeichen und Initiativen, über Phantasie und Engagement. Am Palmsonntag läuteten bundesweit die Glocken, ebenso am kommenden Ostersonntag um 12 Uhr. Die Evangelische Kirche in Deutschland ruft dazu auf, täglich um 19 Uhr gemeinsam „Der Mond ist aufgegangen“ zu singen oder zu musizieren, auf dem eigenen Balkon oder im Garten. Das Angebot der Telefonseelsorge wird verstärkt wahrgenommen und ausgebaut, die Internetseelsorge gerade von vielen Menschen entdeckt.

Viele Gemeinden gehen online und bieten einen kommunikativen Mix aus digital und analog: Gestreamte Gottesdienste, geistliche Impulse auf der Webseite, Telefonketten, biblische Mutmachworte auf Wäscheleinen zum Abreißen, Segensstationen auf Tour mit dem Lastenfahrrad, mobile Lautsprecheranlagen mit Segenswünschen und vieles mehr. Und darüber hinaus viele konkrete Hilfsangebote von Nachbarschaftshilfe bis zu mobilen Verpflegungsstationen für die LKW-Fahrer angesichts der geschlossenen Raststätten.

Alle kirchlichen Gebäude sind geschlossen, persönliche Begegnungen in seelsorgerischen Gesprächen können nicht stattfinden. Woher bekommen die Gläubigen Kraft und Hoffnung in diesen Zeiten?

Erinnern wir uns kurz an die Geschichte der Kirche. Die hat nicht begonnen in den großen Sakralbauten, sondern in den Häusern, als Hauskirche, ganz am Anfang sogar oft „im Geheimen“. Auf diesen Anfang werden wir jetzt unfreiwillig zurückgeworfen. Natürlich mit einem großen Unterschied: Damals umfasste eine Hausgemeinde eine große Gruppe von Personen mit Familienmitgliedern und Bediensteten, heute reden wir über Singles oder Kleinfamilien.

Gott kann ich als Christ überall begegnen – in einem Kirchengengebäude, den eigenen vier Wänden oder in der Natur. Kraft und Hoffnung haben an jedem Ort eine gemeinsame Quelle – die Nähe Gottes, die er uns verspricht. Die ist jedoch in der Corona-Krise alles andere als einfach zu finden.

Darum geht mir in diesen Tagen die Jahreslosung oft durch den Kopf: „Ich glaube – hilf meinem Unglauben.“ In dieser Spannung zu leben ist eine Herausforderung, die uns mitten in die Karwoche führt: zwischen Angst und Hoffnung, Todesnähe und Lebensmut. Auf Ostern gehen wir noch zu – wie auf das Ende der Krise, dessen Zeitpunkt wir noch nicht absehen können. Und dann gilt es, Gemeinschaft wieder zu leben und zu stärken.

Wo und wie findet Ostern in diesem Jahr statt?

Ostern findet in Herzen und Häusern statt – und in der Natur. Ostern ist ein Frühlingswort. Die aufbrechende Natur ist ein trotziges Gleichnis der Hoffnung in Corona-Zeiten. Ein Sonnenstrahl im Gesicht als Lebensgruß des Himmels. Das Wunder einer Blüte, die sich dem Leben öffnet. Auch das Osterbrauchtum macht die Osterhoffnung sichtbar.

Noch nie habe ich mich über Osterschmuck im Garten und den Fenstern unserer Nachbarn so sehr gefreut, wie in diesem Jahr, vielleicht weil ich merkte, Ostern findet statt, wird nicht abgesagt, auch trotz Corona.

Natur und Brauchtum erinnern mich an die unglaubliche Botschaft von der Auferstehung. Der, nach dem wir uns Christen nennen, hat den Tod hinter sich gelassen und alle lebenszerstörenden Mächte überwunden. Wenn ich meine Hoffnung schon begraben habe, kann ich mit ihm aufstehen. Natürlich muss ich das große Wort Auferstehung in meinem Alltag übersetzen, mit kleineren Wörtern wie Mut, Zuversicht, Ausharren, Geduld – aber auch mit mutigen Taten, zuversichtlichem Handeln, beharrlichem Engagement. Das Leben Jesu, das nicht totzukriegen ist, gilt ja nicht nur mir oder den Christen, sondern allen Menschen – gerade den Ausgegrenzten, Leidenden, Kranken.

Ostern werden wir in diesem Jahr mit einer kleinen Hausandacht und einer selbstgebastelten Osterkerze feiern, die wir in der Dunkelheit entzünden – ähnlich wie in der Osternacht in der Kirche. Christus kommt als Licht der Welt – auch in Häuser und Herzen.

Und übrigens: Auch der Gottesdienst kommt an Ostern ins Haus. Nicht nur in der gewohnten Weise in Rundfunk und Fernsehen, sondern auch über zahlreiche YouTube-Kanäle. Ich weiß von einem Kollegen, der den Ostergottesdienst als Teamwork vorbereitet hat. Alle Teile des Gottesdienstes wie Musik, Gebete, Lesungen hat er auf verschiedenen Menschen und Altersgruppen verteilt, einzelne Personen angesprochen und sie gebeten, ihren Part mit dem Handy aufzunehmen. Er schneidet dann alles zusammen und stellt für Ostersonntag einen gemeinsam gestalteten Ostergottesdienst ins Netz. So feiert Ostern die Gemeinde gemeinsam!

Wie wird die Corona-Krise unsere Gesellschaft und unsere Kirche verändern?

Ich bleibe mal beim Stichwort Hoffnung. Ich hoffe, dass die beeindruckenden Zeichen von Solidarität und sozialer Innovation, die wir auf zahlreichen Ebenen von Nachbarschaftshilfe bis hin zu unbürokratischer Finanzmittel erlebt haben, nicht wieder schnell verfliegen. Dass wir im Gedächtnis behalten, dass ein starkes WIR von vielen starken ICH´s lebt – und umgekehrt das einzelne ICH auf das WIR angewiesen ist.

Bei der Kirche hoffe ich, dass sie konzentrierter und klarer bei Gott und zugleich bei den Menschen sein kann, dass die Wiederentdeckung von Gebet und Ritual keine Episode bleibt. Corona wirft uns wieder zurück auf etwas, was uns als Kirche ausmacht. Wir leben aus dem unverfügbaren Geheimnis, das wir Gott nennen. Und das steht allen Menschen offen.

Ich wünsche mir eine Kirche, die zugleich selbstbewusst und demütigt die Hoffnung pflegt und hegt, aus der sie geschöpft hat und die sie teilen durfte. Ich wünsche mir, dass Besinnung, Innovationsgeist und Engagement eine gute Balance behalten Die Kirche hat eine wichtige Rolle inne im Gemeinwesen als Anwältin des von Gott gewollten Lebens für alle mit den Beiträgen, für die sie unvertretbar steht: Glaube, Hoffnung und Liebe.