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NS-Gedenkstätte Sandbostel erinnert virtuell an Befreiung

Nachricht 02. April 2020
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Der "Friedensort" Gedenkstätte Lager Sandbostel. Bild: Stefan Heinze

Eigentlich sollten zum Gedenken an den 75. Jahrestag der Befreiung des NS-Kriegsgefangenlagers Sandbostel am 29. April Gäste aus aller Welt in die Region kommen. Doch die Corona-Krise vereitelte die Pläne. Nun sei ein virtuelles Gedenken mit Reden und Ansprachen im Internet geplant, erläuterte am Dienstag der Leiter der Einrichtung, Andreas Ehresmann. Dazu seien Videos auf der Homepage und den Kanälen der Gedenkstätte in den sozialen Netzwerken geplant. So hätten bereits Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) und der hannoversche Landesbischof Ralf Meister Beiträge zugesagt.

Ein weiterer Teil des virtuellen Gedenkens soll eine Aktion sein, die Ehresmann als "temporäres Denkmal" beschreibt. Dafür werden bis zum 15. April unter dem Titel "Call for Remembrance" Dinge zum Gedenken gesammelt – E-Mails und Briefe mit je eigenen Gedanken sowie Fotos (Nachdrucke) und symbolische Objekte wie Trauerbänder, Kunstblumen und Steinchen. Das Denkmal soll dann genauso wie Reden und Ansprachen am Jahrestag der Befreiung im Netz präsentiert werden.

Friedenspädagogische Arbeit mit Jugendlichen

„In der Gedenkstätte Lager Sandbostel arbeitet seit fünf Jahren auch der Diakon Michael Freitag-Parey“, erzählt Lutz Krügener, Beauftragter für Friedensarbeit im Haus kirchlicher Dienste (HkD). Die Gedenkstätte ist durch sein Engagement einer der geförderten Friedensorte der Landeskirche. Das zentrale Anliegen der friedenspädagogischen Arbeit ist es, Jugendlichen einen Zugang zu der Zeit und der Menschenverachtung des Nationalsozialismus zu vermitteln. „Mit ihnen geht Michael Freitag-Parey auf die Suche danach, was wir heute für ein friedliches Zusammenleben lernen können“, so Krügener. „Immer wieder führt er mit ihnen das ‚Namensziegelprojekt’ durch. Jugendliche oder auch Erwachse erhalten eine der Namenskarten, mit denen die Kriegsgefangenen registriert wurden. Den Namen, das Geburts- und Sterbedatum ritzen sie dann sorgfältig in Tonplatten. Die gebrannten Tonplatten werden später auf dem Kriegsgefangenen-Friedhof aufgestellt. Somit konnten schon Hunderte aus der Anonymität der Massengräber herausgeholt werden. Dies ist besonders Angehörigen, die zu Besuch kommen, ein großer Trost.“

Kriegsgefangenenlager Sandbostel

Bis zur Befreiung durch britische Soldaten am 29. April 1945 kamen nach bisherigen Recherchen 313.000 Kriegsgefangene, Zivil- und Militärinternierte aus mehr als 55 Nationen nach Sandbostel. Die meisten Gefangenen wurden in mehr als 1.100 Kommandos vor allem in der Landwirtschaft zur Arbeit gezwungen, aber auch in der Industrie und in der Rüstungsproduktion. Tausende starben durch Hunger, Seuchen, Erschöpfung und Gewalt.

Am Nachmittag des 29. April 1945 erreichten die ersten britischen Truppen das Kriegsgefangenenlager Sandbostel und befreiten etwa 14.000 Kriegsgefangene und 7.000 KZ-Häftlinge. Die Soldaten waren besonders erschüttert über die Zustände in dem Bereich, der als KZ-Auffanglager diente. Sie nannten Sandbostel "a minor Belsen" – ein kleines Belsen. Seit 2007 ist ein Teil des Geländes Gedenkstätte.

Die genaue Zahl der in Sandbostel verstorbenen Kriegsgefangenen ist bis heute nicht geklärt. Nachweisbar sind mindestens 5.200 Kriegsgefangene und etwa 3.000 KZ-Häftlinge. Es dürften Ehresmann zufolge aber insbesondere deutlich mehr sowjetische Soldaten auf der heutigen "Kriegsgräberstätte Sandbostel" in den Massengräbern ruhen.