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Friedensbeauftragter Krügener: Ein persönlicher Zwischenruf

Nachricht 30. April 2020
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Pastor Lutz Krügener, Friedensbeauftragter der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers im Haus kirchlicher Dienste. Bild: Elena Bokelmann/HkD

Deutschland erhöht aktuell seinen Verteidigungshaushalt um 10 Prozent und damit am stärksten von den 15 führenden Ländern bei Militärausgaben. „Ein grundsätzliches Umdenken ist heute mehr denn je gefordert“, sagt Lutz Krügener, der Beauftragte für Friedensarbeit im Haus kirchlicher Dienste der Evangelisch-lutherischen Landeskirche  Hannovers, in einem persönlichen Zwischenruf.

„Angesichts der riesigen Herausforderungen, vor denen Deutschland und die Weltgemeinschaft stehen, scheinen für mich die Wachstumszahlen für Militärausgaben, die das hoch anerkannte Schwedische Forschungsinstitut SIPRI für 2019 veröffentlicht hat, wie aus der Zeit gefallen oder wie ein Menetekel an der Wand:

  • Weltweit beobachten wir den größten Anstieg seit 10 Jahren: Fast 2000 Milliarden US-Dollar für Militär
  • Deutschland erhöht die Ausgaben für Militär um 10 Prozent auf 49, 3 Milliarden US-Dollar.
  • Keine andere Region der Welt hat ihre Ausgaben so gesteigert wie Europa mit insgesamt 5 Prozent.
  • Die NATO-Länder geben gemeinsam 1035 Milliarden US Dollar für Militär aus.
  • Russland steigert die Ausgaben für Militär um 4,5 Prozent auf 65,1 Milliarden US-Dollar und liegt mit 3,9 Prozent des Bruttoinlandsprodukts fast am höchsten in Europa.
  • Die USA geben weniger aus als noch vor 10 Jahren, steigern aber um 5,1 Prozent und liegen damit mit 732 Milliarden US-Dollar weit vor allen Ländern und haben allein einen Anteil von 38 Prozent an den weltweiten Ausgaben.
  • China ist inzwischen die 2. Macht mit 261 Milliarden US -Dollar und Indien hat Russland mit 71 Milliarden überholt.
  • Die Länder, in denen Krieg herrscht, haben prozentual natürlich die höchsten Ausgaben.

Was macht Deutschland und die Weltgemeinschaft mit dieser Form von Sicherheits- und Militärpolitik?  So sehr ich sonst unsere Politikerinnen und Politiker gerade in dieser Krise schätze und heilfroh bin über ihren unermüdlichen Einsatz und die klugen Entscheidungen, halte diese Aufrüstung, die meistens als alternativlos gesehen wird, für unverantwortlich.

So, wie in der Rüstungspolitik, dürfen wir nicht mit den Ressourcen an Intelligenz, Rohstoffen, Geld, der Natur und letztlich Menschenleben umgehen. Die Corona-Pandemie verdeutlicht es nochmals wie unter einem Brennglas:  Wir lesen von den Hungerprognosen für Afrika. Wir leben in der Sorge, dass die Wirtschaft und viele kleine Unternehmen irreparablen Schaden nehmen. Wir wissen nicht, welche Auswirkungen all die guten Unterstützungsmaßnahmen der Politik  langfristig nach sich ziehen. Wir lesen in diesen Tagen wieder über die katastrophalen Auswirkungen der Klimaveränderung und erleben sie direkt. Wir wissen nicht, wie wir die Geflüchteten menschenwürdig beherbergen können. Und dann leistet sich die Weltgemeinschaft diesen Irrsinn der Rüstungsausgaben, die keinen produktiven Nutzen haben, sondern nur Ressourcen verbrauchen und letztlich mit verantwortlich sind für Kriege, Leid und Flucht auf dieser eigentlich so wunderbaren, vielfältigen Welt. Fast 2000 Milliarden US-Dollar Jahr für Jahr!

Hier muss es ein grundsätzliches Umdenken geben! Vielleicht kann eine weltweite Pandemie einen bitteren Anstoß dazu geben. Die Politikerinnen und Politiker dieser Welt, die wirklich das Wohl der Menschen und der Natur im Blick haben, müssen den oft beschworenen „Schweiß der Edlen“ darauf verwenden, die Aufrüstung zu beenden.

Ich erwarte hier die gleiche Energie, wie bei der  Wirtschaftskrise 2008 und der heutigen Krise. Durch Verträge, Diplomatie, Stärkung der internationalen Einrichtungen wie UN, OSZE, UNHCR, u.a.; durch Versöhnungsgesten, Vertrauensbeweise und einseitige Vorleistungen muss sich bemüht werden, die Aufrüstungsspirale zu durchbrechen. 

Wir brauchen die Mittel an Intelligenz und Geld, die jetzt in die Aufrüstung fließen, für so viele lebenserhaltende Aufgaben. Die Weltgemeinschaft sollte lernen, dass sie nur gemeinsam gut leben kann. Ein Rückfall in einen Nationalismus würde alle Probleme langfristig nur noch verstärken.

Wenn es gelänge, zunächst aus der Spirale der Aufrüstung auszusteigen, wäre schon ein wichtiger Schritt getan. Wenn es dann möglich wäre, in den nächsten 10 Jahren jeweils 5 Prozent der Ausgaben einzusparen, hätte die Weltgemeinschaft jährlich eine Billion US-Dollar zusätzlich zur Verfügung. Damit könnten die Ursachen von Hunger, Flucht und Klimazerstörung tatsächlich materiell bearbeitet werden. Wichtiger noch: wir hätten gelernt, zu was wir als Menschheit in der Lage sind, wenn wir es denn wollen und unsere Mitmenschen sehen.

Es ist nicht und nie zu spät, aber es ist jetzt die Zeit für grundlegende Veränderungen und zum Handeln zum Wohl der Menschheit und der Natur. Vielleicht hilft dafür der alte Slogan: „Global denken – lokal handeln“ und der so bittere Anstoß durch die Corona-Pandemie, die uns lehrt, dass nur Empathie und Solidarität uns voranbringen.