Foto: HkD

"Feine Antennen" - Besuchsdiensttag in Hannover

Nachricht 13. September 2019
60 Ehrenamtliche kamen am 9. September zum Besuchsdiensttag, um sich mit dem Thema „Hochsensibiltät zu beschäftigen. Foto: Susanne Ruge/HkD

Um Menschen mit hoher Sensibilität ging es beim Besuchsdiensttag am 9. September in Hannover. Knapp 60 Ehrenamtliche aus den Besuchsdiensten in den Gemeinden der Evangelisch-lutherischen Landeskirche folgten der Einladung der Besuchsdienstarbeit aus dem Haus kirchlicher Dienste ins Hanns-Lilje-Haus in Hannover.

„In einer Schafherde gibt es Tiere, die immer den Kopf heben und gleich mitbekommen, wenn sich ein Mensch nähert. Sie sind die ersten, die sich dann in Bewegung setzen, die anderen Tiere folgen ihnen“, erzählte Pastorin Christiane Seresse aus Schaafheim in ihren Einleitungs-Vortrag „Feine Antennen“, in dem sie grundlegende Informationen zum Thema Hochsensibilität vermittelte. Genau wie bei den Tieren gibt es auch unter den Menschen solche, die eine größere Wahrnehmungsfähigkeit haben, als andere. Für Wahrnehmungsbegabte ist es beides zugleich: zum einen eine besondere Gabe und zum anderen eine ständige Herausforderung.

15 Prozent der Menschheit ist hochsensibel

Bereits Iwan Pawlow stellte Anfang des 20. Jahrhunderts fest, dass etwa 15 Prozent der Menschen deutlich früher auf Lärm reagieren, als die restlichen 85 Prozent. Seit den 90er Jahren des 20. Jahrhundert, hat sich die Forschung zu diesem Thema stark ausgeweitet. Die Amerikanerin Elaine Aron prägte den Begriff „hochsensible Personen“ (highly sensitive persons = HSP) für die Menschen, die deutlich mehr Sinneseindrücke wahrnehmen als die Mehrheit.

Menschen mit einer besonderen Wahrnehmungsbegabung erleben Farben, Klänge und Stimmungen intensiver, nehmen aber auch insgesamt mehr Informationen aus ihrer Umgebung auf, als der Durchschnitt. So sind sie in der Lage, vor Gefahren zu warnen, Unstimmigkeiten in Gruppen zu erspüren oder künstlerische Leistungen zu vollbringen. Doch diese Begabung hat auch ihren Preis. „Stellen sie sich eine Bibliothekarin vor, die kurz vor Ende der Öffnungszeit nicht die üblichen zehn, sondern auf einmal über hundert Bücher zurückgegeben bekommt. Um die alle wieder an den richtigen Platz zu stellen, muss sie Überstunden machen“, so Seresse. Ähnlich geht es hochsensiblen Menschen nach einem ereignisreichen Tag. Sie brauchen mehr Ruhe als andere, um alles zu verarbeiten.

Viele Hochsensible erleben bereits in ihrer Jugend Ablehnung und Unverständnis. „Stell dich nicht so an!“ „Leg Dir ein dickeres Fell zu!“ Die Folge ist oft ein negatives Selbstbild. Ein wertschätzender Umgang mit den positiven Seiten der Wahrnehmungsbegabung kann dabei helfen, dieses Selbstbild zu korrigieren und Verletzungen aus der Kindheit heilen zu lassen, betonte die Theologin.

Bedeutung für den Besuchsdienst

In der anschließenden Diskussion wies Helene Eißen-Daub, Referentin für den Besuchsdienst im Haus kirchlicher Dienste, darauf hin, was diese Erkenntnisse für den Besuchsdienst in den Gemeinden bedeuten: „Wir können hochsensiblen Menschen, die wir besuchen, Raum geben, zu erzählen. Wir sollten ihre Verletzungen ernst nehmen. Es kann sein, dass ihnen zum ersten Mal jemand zuhört, der Verständnis für ihre Wahrnehmung der Welt hat. Auch wenn Sie selbst nicht hochsensibel sind, können Sie denen Raum geben, die es sind.“

Workshops zur Vertiefung

Zweiergespräche im Workshop. Foto: Susanne Ruge / HkD

In einem der nachmittäglichen Workshops bot Seresse eine Vertiefung des Themas an, in der sie unter anderem näher auf die Frage einging, welche Maßnahmen Hochsensible ergreifen können, um sich vor Reizüberflutung zu schützen. Regelmäßige Pausen, vor allem in der Natur, gehören dazu ebenso wie die genaue Beobachtung der Signale des eigenen Körpers.

„Hochsensible Fähigkeiten kennen lernen und wertschätzen“ war das Thema des Workshops, den Christine Jung, Diplom-Pädagogin und Autorin, am Nachmittag anbot. Sie brachte die Teilnehmerinnen buchstäblich in Bewegung auf der Suche nach ihren eigenen Fähigkeiten. Zuletzt wurden Ideen entwickelt, wie diese Fähigkeiten im Besuchsdienst eingesetzt werden können.

Unter dem Motto „Männer fühlen anders?“ lenkte Dietmar Vogt vom Zentrum für Seelsorge den Blick darauf, wie Männer mit Gefühlsthemen und Rollenbildern umgehen. In seinem Workshop standen Gesprächs-Situationen, die Teilnehmende aus ihrer Erfahrung im Besuchsdienst mitbrachten, im Mittelpunkt.

Pastorin Inken Richter-Rethwisch, die seit September mit einem Stellenanteil auch in der Besuchsdienst im HkD tätig ist, beschäftigte sich mit „Wahrnehmungsbegabten in der Bibel“. Der Seewandel des Petrus und die Jakobs Traumerscheinung der Himmelsleiter inspirierten zu Diskussionen über die Tragfähigkeit biblischer Verheißungen.

Weitere Veranstaltungen zum Thema geplant

„Die positiven Rückmeldungen der Teilnehmenden ermutigen uns, das Thema weiterhin im Blick zu behalten und in Zukunft weitere Fortbildungen zum Thema ‚Wahrnehmungsbegabung‘ anzubieten“, fassen Eißen-Daub und Richter-Rethwisch die Ergebnisse des Tages zusammen.

Weitere Informationen

Für den Herbst ist bereits ein weiterer Workshop mit Christine Jung geplant: „Hochsensibilität – eine besondere Art, die Welt wahrzunehmen“

am 11. November von 14.30-17.30 Uhr
im Hanns-Lilje-Haus
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Der Workshop kostet 10 Euro,
anmelden kann man sich bis zum 4. November unter
0511 1241-544 oder
besuchsdienst@kirchliche-dienste.de.

Termine für 2020 finden Sie ab Ende November unter

www.kirchliche-dienste.de/besuchsdienst