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Von der Aussiedler-Seelsorge zum Film

Nachricht 15. November 2019
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Diakonin Marion Wiemann, Referentin für Bücherei- und Medienarbeit im HkD, geht Ende des Jahres in den Ruhestand. Foto: Jens Schulze/HkD

Diakonin Marion Wiemann, Referentin für Bücherei- und Medienarbeit im Haus kirchlicher Dienste (HkD), geht zum 31. Dezember in den Ruhestand. Wiemann war seit 1990 im HkD tätig, zunächst bis 2005 in der Ostkirchen- und Aussiedlerarbeit, seit 2006 in der Büchereiarbeit und seit 2007 auch in der Medienarbeit.

Wiemann schloss zunächst ein Lehramtsstudium in Englisch und Geographie ab, bevor sie 1986 berufsbegleitend Religionspädagogik im Lutherstift in Falkenburg studierte und Diakonin wurde. Währenddessen arbeitete sie bereits in der Kirchengemeinde Belm als Diakonin in Ausbildung. „Gleichzeitig hatte ich auch noch zwei kleine Kinder, das war schon eine anstrengende Zeit“, erinnert sich die 63-Jährige.

1986 wurde die Ausreise von Russlanddeutschen aus der damaligen UdSSR erlaubt. Innerhalb kurzer Zeit zogen 600 Aussiedler nach Belm, da dort Wohnungen leer standen, die vorher von britischen Soldaten genutzt worden waren. „Wir haben dann das sogenannte ‚Belmer Modell‘ entwickelt“, erzählt Wiemann. „Es gab Paten für Familien, die zum Beispiel bei Behördengängen unterstützt haben. Wie haben auch Info-Nachmittage veranstaltet und Integrations-Rüstzeiten für Familien.“

Als dann 1990 eine Seelsorgerin für das Grenzdurchgangslager Bramsche-Osnabrück gesucht wurde, fiel die Wahl auf Wiemann. Angesiedelt war die Stelle im damaligen Amt für Gemeindedienst (AfG), der Vorgänger-Einrichtung des HkD. „Das Lager in Bramsche hatte 2000-3000 Betten, Osnabrück 1500, später 1000. Die Menschen waren nur ein bis zwei Wochen dort“, so Wiemann. „Wir haben zweimal die Woche und sonntags abwechselnd in beiden Lagern Evangelisch-lutherische Gottesdienste angeboten. Das waren pro Woche vier bis sechs Gottesdienste.“

Bis 1993 arbeitete sie mit einem Pastor zusammen, später war sie allein zuständig. Die Gottesdienste wurden sehr gut angenommen, vor allem von frommen Menschen aus der Tradition der Brüdergemeinde, viele kamen aber auch aus Neugier. Seelsorgegespräche und Krankenbesuche gehörten ebenfalls zur Aufgabe der Diakonin.

Von 2003 bis 2005 übernahm Wiemann die Aussiedlerarbeit im Kirchenkreis Bramsche, war aber auch landeskirchenweit für das HkD tätig. Nach einem halben Jahr im Frauenwerk wurde sie 2006 Referentin für die Büchereiarbeit im HkD. 2007 kam dann zusätzlich noch die Medienarbeit hinzu. Die Büchereiarbeit unterstützt die Evangelischen Bibliotheken, die in Gemeinden ehrenamtlich geführt werden. „Das ist eine urprotestantische Aufgabe“, erklärt Wiemann. „Schon Luther und Melanchthon haben die Einrichtung von Büchereien gefordert, um ‚Bildung für alle‘ zu gewährleisten.“ „Melanchthon“ war daher eines der Vortragsthemen, mit denen sie in die Gemeinden reiste. „Solche Veranstaltungen helfen dabei, die Büchereien in der Gemeinde und Kommune bekannt zu machen“, so Wiemann. „Jeder und jede kann hier ausleihen, egal ob evangelisch oder nicht.“ Weitere Vortragsthemen waren zum Beispiel „Konnte Maria lesen?“, „Grafic Novel“ oder „Jochen Klepper“.

Evangelische Büchereien führen vielerorts Aktionen zur Leseförderung durch, wie etwa Bilderbuchkinos, Vorleseaktionen oder auch die Zusammenstellung von Buchpaketen für Kitas. „Die Büchereien tun viel, um Kindern die Freude am Lesen nahezubringen“, erzählt die Diakonin. „Im ländlichen Raum sind sie oft die einzige Möglichkeit, um Bücher auszuleihen.“ Die Büchereiarbeit im HkD stellt den Bibliotheken Buchpakete zur Verfügung, die sie für einen bestimmten Zeitraum bei sich selbst verleihen können. Vor allem aber organisiert sie die Fortbildung der Ehrenamtlichen. „Zum einen geht es dabei um bibliothekarisches Wissen, etwa zur Signaturvergabe und Titelaufnahme, zum anderen aber auch literaturwissenschaftliche Themen und oder Fragen der Werbung“, so Wiemann.

Eine ganz andere Arbeit ist die der Krankenhausbüchereien. „Hier gibt es große Schwierigkeiten neue Mitarbeitende zu finden. Bisher waren das vor allem Frauen, doch die sind heute meistens berufstätig und haben keine Zeit mehr“, beschreibt Wiemann die derzeitige Situation. In den meisten Krankenhäusern gehen die Ehrenamtlichen mit einem Bücherwagen auf die Stationen und bieten Bücher zur Ausleihe an. Gleichzeitig stehen sie aber auch für Gespräche zur Verfügung. „Gespräche am Krankenbett“ war hier daher eines der Fortbildungsthemen.

Ein Schwerpunkt von Wiemann waren die Literaturgottesdienste, bei denen ein bestimmtes Buch im Vordergrund steht. „Diese Gottesdienste habe ich immer zusammen mit einem Bücherei-Team und dem Pastor, der Pastorin einer Gemeinde vorbereitet“, sagt die Diakonin. „Auch das strahlt in die Gemeinden aus.“

Ein Highlight des Jahres 2019 war die Verleihung des Evangelischen Buchpreises, die in diesem Jahr die Büchereiarbeit der hannoversche Landeskirche ausgerichtet hat. „Dazu gehörte auch, dass wir eine Arbeitshilfe erstellen. Für das Buch ‚Heimat‘ von Nora Krug hat mir das besonders viel Freude gemacht. Natürlich gibt es darin auch einen Vorschlag für einen Literaturgottesdienst“, so Wiemann.

Die Medienarbeit bietet Schulen und Gemeinden Filme zum Ausleihen an. Neben Spielfilmen liegt ein Schwerpunkt auf Dokumentarfilmen und Kurz(spiel)filmen für den religionspädagogischen Einsatz in Schulen und Kirchengemeinden, unter anderem auch zu entwicklungsbezogenen Themen. „So haben wir eine enge Zusammenarbeit mit dem evangelischen Zentrum für entwicklungsbezogene Filmarbeit, das uns verschiedene Filme unentgeltlich zur Verfügung stellt“, so Wiemann. „Ich habe mir viele, viele Dokumentationen angesehen und dabei eine Menge gelernt. Vieles war aber auch schwere Kost!“ Die Diakonin musste sowohl im Bereich Film als auch bei Büchern auf dem Laufenden sein. Zum einen, um zu entscheiden, was angeschafft wird, aber auch um Bibliothekarinnen, Lehrer und ehrenamtlich und beruflich Mitarbeitende in Gemeinden beraten zu können. Und nicht zuletzt, um eine Auswahl für Literatur- und Film-Gottesdienste treffen zu können.

Im Ruhestand würde sie gern noch eine Sprache lernen, um geistig fit zu bleiben. Auch Reisen und eine ehrenamtliche Tätigkeit kann sie sich vorstellen. „Doch um das zu entscheiden, lasse ich mir Zeit“, so die Mutter zweier erwachsener Kinder.