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Volkstrauertag 2019: „Den Opfern Stimme geben“

Nachricht 12. November 2019
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Lutz Krügener, Referent für Friedensarbeit im HkD. Foto: Elena Bokelmann/HkD

In den letzten Jahrzehnten hat sich der Volkstrauertag in seinen inhaltlichen Aussagen zu einem „Mahntag für den Frieden“ gewandelt. Mit dem Totengedenken des Bundespräsidenten wird aller Toten der beiden Weltkriege, der Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft und ihrer Verbrechen gedacht, aber auch der Toten in den aktuellen Kriegen und auf den Fluchtrouten. Angesichts der heutigen Krisen und innergesellschaftlichen Konflikte wird zu Frieden und Versöhnung aufgerufen.

Pastor Lutz Krügener, Referent für Friedensarbeit  im Haus kirchlicher Dienste der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers beklagt jedoch: „Leider findet sich diese inhaltliche Konzentration auf Frieden und Versöhnung selten in den äußeren Gestaltungsformen wieder. Inhalt und Form stimmen nicht überein. Die Anknüpfungen an die militaristischen Traditionen werden an manchen Orten beibehalten, und so bleibt der Tag besonders für jüngere Generationen unattraktiv und hinter seinen eigentlichen Anliegen und Möglichkeiten zurück.“

Lokale Geschichte an Gedenkorten aufarbeiten

Nach Ansicht von Krügener strahlen etliche der Gedenkorte noch den Militarismus der zwanziger und dreißiger Jahre des vergangenen Jahrhunderts aus. Opfergruppen wie Zwangsarbeiterinnen, Sinti und Roma, Juden oder auch Deserteuren wird selten ein Raum gegeben. Ebenso vermisst er häufig einen Bezug zu den Kriegen unserer Zeit. Nach seiner Ansicht bergen einige der bisherigen Formen die Gefahr, von Rechtsextremisten vereinnahmt zu werden. Die Evangelisch-lutherische Landeskirche Hannovers ruft dazu auf, an diesen Stellen besonders aufmerksam zu sein und vor allem die lokale Geschichte aufzuarbeiten und aktuelle Bezüge sichtbar zu machen. Dies kann auch ein konkreter Beitrag sein, dem stärker werdenden Antisemitismus etwas entgegen zu setzen. „Es gilt heutigen Opfern von Kriegen und Gewalt eine Stimme zu geben, wie z.B. den Kriegsflüchtlingen, die in Deutschland Schutz gefunden haben oder den Juden in Deutschland“, so Krügener.

Volkstrauertag als Friedens- und Gedenktag in Niedersachen

Mit dem Volkstrauertag wurde seit den 20ger Jahren des letzten Jahrhunderts zunächst ausschließlich der getöteten deutschen Soldaten gedacht. Genau vor hundert Jahren, 1919 wurde dieser Tag vom Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge vorgeschlagen und erstmals 1922 begangen, damals noch für die gefallenen deutschen Soldaten „des (Großen) Krieges“. Doch schon in der Weimarer Republik und verstärkt nach 1933 im Nationalsozialismus, wurde der Volkstrauertag gänzlich missbraucht und diente als „Heldengedenktag“ zur Einstimmung auf den nächsten Krieg.

Im besonderen Gedenkjahr 2018 wurde eine „Neuorientierung des Volkstrauertages als Friedens- und Gedenktag in Niedersachen“ erarbeitet. Herausgegeben wird die Schrift vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Die Evangelisch-lutherische Landeskirche Hannovers hat intensiv daran mitgearbeitet, und unterschrieben ist die Neuorientierung von über 30 Institutionen, Parteien und Einrichtungen. Die Evangelisch-lutherische Landeskirche Hannovers hat alle Gemeinden dazu ermutigt, mit den verantwortlichen Akteuren vor Ort an einer Neugestaltung des Volkstrauertages zu arbeiten und die Kriegerdenkmäler umzugestalten. Sie hat dazu verschiedene Materialien und Anregungen erstellt und zahlreiche Gemeinden haben sich auf den Weg einer Veränderung begeben.

Pastor Lutz Krügener, Geschäftsführer der Initiative „Kirche für Demokratie und gegen Rechtsextremismus“, hat an der Handreichung mitgearbeitet: „Inhaltlich und in seinen Formen muss der Volkstrauertag klar erkennbar ein Mahntag für den Frieden sein. Rituale und die Gedenkorte müssen darauf hin gestaltet sein, dass sie die Botschaft der Trauer um alle Opfer von Gewalt und zugleich das Streben nach Versöhnung und Völkerverständigung transportieren.“ Alles Nationalistische und Militaristische darf nach Ansicht von Krügener an dem Gedenkort und an dem Tag keinen Platz finden. Um dies umzusetzen sollte besonders versucht werden, junge Menschen aus vielfältigen gesellschaftlichen Gruppierungen an der Gestaltung zu beteiligen. Krügener regt an, lokale Arbeitskreise zu bilden, die ausgehend vom Volkstrauertag nach Formen suchen, die die Themen Frieden, Gerechtigkeit und Leben in kultureller Vielfalt in der öffentlichen Wahrnehmung stärken.