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Hermann Buß: Beschenkt durch Begegnung mit Belarus

Nachricht 01. November 2019

Die Wanderausstellung „Polessje-Elegie“ („Das verlorene Land“) mit Öl-Bildern von Hermann Buß aus der Tschernobyl-Sperrzone wurde am 15. Oktober 2019 in Gomel, Belarus (Weißrussland) in Anwesenheit des Künstlers und des Geistlichen Vizepräsidenten des Landeskirchenamtes der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers Arend de Vries eröffnet. In den ersten zwei Wochen kamen über 700 Besucher zur Ausstellung, die landesweit eine positive Medienresonanz genießt.

„Bei der Eröffnung in der Ausstellungshalle der staatlichen Franzysk-Skaryna-Universität Gomel sorgten zunächst die maritimen norddeutschen Bilder von Buß für Aufsehen, die sein bisheriges Werk dokumentieren“, sagt Lars-Torsten Nolte, Referent für die Tschernobyl-Hilfe im Haus kirchlicher Dienste. „Da Belarus ein Binnenland ist und es zum Meer etwa 800 Kilometer sind, ist eine Landschaft wie das ostfriesische Wattenmeer den allermeisten Menschen in Gomel völlig unbekannt. Nach diesen neuen Eindrücken folgte unmittelbar die Auseinandersetzung mit den Bildern der ‚Polessje-Elegie‘, das Erinnern an familiäre Wurzeln in dieser Region rund um Tschernobyl, an Geschichten aus der Familie, die Frage nach der Atomreaktor-Katastrophe von 1986 und ihren Folgen, die bis heute und noch in langer Zukunft wirken sowie unseren Umgang damit.“

Der Geist der Region auf der Leinwand

Gastgeber Sergei Khakhomov, Direktor der Universität Gomel, betonte in seiner Begrüßung bei der Ausstellungeröffnung, dass die Universität besonderen Wert auf internationale Begegnungen legt und er sich deshalb besonders freut, die beeindruckenden Bilder von Hermann Buß zeigen zu können.

Monika Schindler, Leiterin des Rechts- und Konsularreferats der Botschaft der Bundesrepublik Deutschland in Belarus, sagte, Hermann Buß sei es eindrucksvoll gelungen, den Geist dieser speziellen Region und den Nachhall der Katastrophe in der Natur auf die Leinwand zu bringen. Zudem verwies sie auf die langjährige gute und vertrauensvolle Zusammenarbeit der Visastelle der Botschaft mit der Landeskirche Hannovers und ihrem weißrussischen Partner im Rahmen der landeskirchlichen Tschernobyl-Hilfe, die der gesundheitlichen Erholung für Kinder aus der Region in Deutschland dient.

Zwei Seiten der Katastrophe

Arend de Vries erinnerte an das Unglück von Tschernobyl, das in aller Deutlichkeit zeigte, dass der Mensch die Schöpfung nicht nur gefährdet, sondern sie ganz und gar zerstören kann. Er hob die gemeinsame Verantwortung für die Bewahrung der Schöpfung hervor: „Wir sollen diese Welt unseren Kindern und Enkelkindern so hinterlassen, dass auch sie auf dieser Erde leben können.“

„Die Bilder von Hermann Buß zeigen zwei Seiten dieser Katastrophe“, so de Vries.  „Zum einen weite Landschaften, die der Mensch verlassen musste, wo nur noch die Hinterlassenschaften des Menschen sichtbar sind, nicht mehr der Mensch. Verfall. Ein alter Friedhof. Häuser, durch die man hindurchschauen kann. Zäune, die nichts mehr beschützen können. Wege, die ins Nichts führen.

Und auf der anderen Seite dann die wachsenden Bäume und Sträucher, die in die verlassenen Häuser der Menschen hineinwachsen. Sie kommt zurück, die Natur, belastet, aber mit Wachstumskräften.

Es sieht trostlos aus, was der Mensch hinterlassen hat. Kann die Natur es wieder beleben? Welche Kraft kann sie entwickeln, wenn Menschen fern bleiben? Und es gibt die Ahnung, dass die Natur den Menschen überdauern wird, in Jahrzehnten, Jahrhunderten. Ob die Menschen, die dann zurückkehren, andere sein werden als die Menschen des 20. und 21. Jahrhunderts?“

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Hermann Buß spricht bei der Eröffnung von „Polessje-Elegie“ in Gomel. Foto: Ekaterina Kasatkina/Prawda Gomel

Der Künstler selbst beschrieb, wie ihn die Landschaft der Polessje angerührt hat, weite Felder, Wälder, Sümpfe und die zivilisatorischen Einsprengsel, so dass seinem ersten Besuch noch weitere folgten. Sein Interesse gelte dem Komplexen, Ambivalenten, dem, was das Leben ausmacht. „Und genau das fand ich dort“, sagte Buß bei der Eröffnung. „Schönheit, gebrochen durch Zeichen, durch Spuren menschlichen Wirkens und Scheiterns. Verletzungen, Schmerzen, aber auch Verheilungen, die Verwandlung des Vergangenen in Zukünftiges.“

Buß unterstrich, wie sehr er sich durch die Begegnungen mit Belarus und den Menschen dort beschenkt fühlt. Besonders vor dem Hintergrund der tiefen Scham, die er angesichts der unvorstellbaren Spuren des Grauens empfindet, die die deutsche Besatzung in diesem Land hinterlassen hat.