Foto: HkD

Zweites interreligioeses Frauenmahl zum Thema Heimat

Nachricht 08. März 2019

„Was bedeutet für mich Heimat?“ Darüber unterhielten sich 220 Christinnen, Jüdinnen, Musliminnen und Bahai aus Hannover und Umgebung beim zweiten interreligiösen Frauenmahl am 7. März in der Marktkirche in Hannover. Die fünf Gänge des Menüs der Einrichtung „Pro Beruf“ wechselten sich ab mit Tischreden und musikalischen Beiträgen. Veranstaltet wurde der Abend von der Gemeinde der Marktkirche in Hannover und dem Frauenwerk im Haus kirchlicher Dienste (HkD) der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers in Kooperation mit acht weiteren christlichen, jüdischen und muslimischen Gemeinden und Organisationen.

Landtagspräsidentin Dr. Gabriele Andretta erinnerte am Vorabend des internationalen Frauentags daran, dass vor 100 Jahren das Frauenwahlrecht eingeführt worden ist. Foto: Joanna Nottebrock

„Wir wollen miteinander diese Welt gestalten, dazu brauchen wir Wegzehrung, geistliche und weltliche“, sagte Hanna Kreisel-Liebermann, Pastorin der Marktkirche, zu Beginn des Abends.

Dr. Gabriele Andretta, Präsidentin des Niedersächsischen Landtags, erinnerte in ihrem Grußwort am Vorabend des internationalen Frauentags daran, dass vor 100 Jahren das Frauenwahlrecht eingeführt worden sei. Doch noch immer lebten viele Frauen auf der Welt in Unfreiheit und die Hälfte der Menschen, die auf der Flucht sind, seien Frauen. „Was können wir tun, damit sie bei uns neue Heimat finden?“, fragte die Politikerin.

Shalom Chaveroth - Friede, Gefährtinnen

Mit Tischsegensworten aus der jüdischen, muslimischen und christlichen Tradition auf Hebräisch, Arabisch und Deutsch und dem Tischlied „Shalom Chaveroth“ begann der kulinarische Teil des Abends. Birke Schoepplenberg vom Evangelischen Kirchenfunk in Niedersachsen (ekn) moderierte den Abend und stimmte mit historischen und eigenen Überlegungen zum Thema Heimat auf die Gespräche an den Tischen ein.

Werte und Beziehungen zu Menschen vermitteln Hiemat

„Gegenwärtig ist mir Deutschland am ehesten dort Heimat, wo es am wenigsten Deutsch ist, wo Multikulturalität gelebte Praxis ist. Und wo ich nicht immer als die ‚Andere‘ erklären muss, wie es denn ist, als Jüdin in Deutschland zu leben“, sagte Dr. Ulrike Offenberg, die Rabbinerin der Liberalen Jüdischen Gemeinde in Hameln in der ersten Tischrede.

Im Judentum sei das Land, das Abraham und Sara verheißen wurde, über Jahrhunderte als Sehnsuchtsort lebendig geblieben. Doch Juden und Jüdinnen entwickelten im Laufe der Jahrhunderte eine Heimat in einem Gewebe von Gebeten, Sprache, kulturellen und religiösen Praktiken, das in seinem innersten Kern nicht an Orte gebunden sei und flexibel genug, um sich an andere Einflüsse und Umgebungen anzupassen. „Die Zugehörigkeit zu Orten ist wichtig, aber Heimat vermitteln eher Werte, Kultur und verlässliche Beziehungen zu Menschen“, so die Geistliche.

Durch Ayşe lernte ich, was Heimat ist

Prof. Dr. Katja Lembke, Direktorin des Landesmuseums in Hannover, erzählte von ihrer besten Freundin aus Kindertagen von ihrer Kindheitsfreundin Ayşe in den 70er-Jahren. Sie schilderte, wie das Mädchen neu in die Klasse kam und schon bald gut Deutsch sprach. Die Türkin wurde Lembkes beste Freundin und die beiden sprachen über Gemeinsames und Trennendes und stellten zum Beispiel fest, dass Jesus in der Bibel und im Koran vorkommt, wenn er auch verschiedene Rollen in den beiden Religionen hatte.

„Ayşe ging eines Tages mit ihrer Familie zurück in die Türkei. Doch durch sie habe ich erfahren, was Heimat ist“, schloss Lemkbe, die auch Mitglied in den Synoden der Landeskirche und der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) ist.

Wo Empathie zugelassen wird, fühlt sich der Hass nicht heimisch.

Die Bloggerin und YouTuberin Farah Bouamar aus Paderborn hielt ein Plädoyer dafür, sich selbst und anderen wertschätzend zuzuhören und sich und andere nicht in erwartete Bilder zu pressen. „Wo Empathie zugelassen wird, fühlt sich der Hass irgendwann nicht mehr heimisch.“

Sie sprach davon, welche Bilder und Erwartungen an sie als feministische Muslima und Studentin der Philosophie herangetragen würden: Bilder, die andere sich über sie machen, aufgrund dessen, was sie über den Islam zu wissen meinen, ebenso wie Erwartungen aus der eigenen Community. Anhand einer Anekdote aus dem arabischen Raum illustrierte sie, dass jede und jeder letztendlich nur den eigenen Weg finden kann.

Gespräche an den Tischen

Zwischen den Reden gab es viel Gelegenheit zum Austausch unter den Teilnehmerinnen. Kamen die Gespräche ins Stocken, so sorgte an jedem Tisch eine Tischpatin für neue Impulse. Eine über 80-jährige Teilnehmerin sagte: „Der Heimatbegriff hat sich verändert. Das war früher der Geburtsort, die Heimaterde. Das ist heute mehr das Gefühl in einer Gemeinschaft zu sein.“ Eine junge Muslima hingegen erlebt Heimat, „wenn ich mich nicht ständig erklären oder einordnen muss, sondern einfach so da sein kann."

Menschen, die sich zuhören

„Wir brauchen Menschen, die einander sorgfältig zuhören und einander helfen, in dieser Welt ein Zuhause zu finden“, sagte Franziska-Müller-Rosenau, Landespastorin für die Arbeit mit Frauen zum Abschluss des Abends.

Musikalisch umrahmt wurde der Abend von der Geigerin Elena Kondrashova und Stella Perevalova am Klavier aus der Liberalen Jüdischen Gemeinde Hannover. Sie spielten Stücke von Komponisten, die in der Nazizeit verboten waren, und eigene Potpuorris aus bekannten Melodien osteuropäischer Juden.

Neun Kooperationspartnerinnen

Zu den Kooperationspartnerinnen, von denen Vertreterinnen den Abend mit dem vorbereiteten, gehören:

  • das Frauenwerk der Landeskirche im HkD,
  • die Gemeinde der Marktkirche Hannover,
  • die Gleichstellungsbeauftragte der Landeskirche,
  • die Liberale Jüdische Gemeinde Hannover,
  • das Aktionsbündnis muslimischer Frauen in Deutschland (AmF),
  • das Evangelische Missionswerk Niedersachsen in Hermannsburg,
  • das Haus der Religionen Hannover,
  • die Schwesternschaft des evangelischen Diakoniewerks Friederikenstift und
  • die Evangelische Studierendengemeinde Hannover (esg).