Foto: HkD

Fromm und weltoffen

Nachricht 19. Juni 2019
19-06-19-reinhard-fiola-foto-elena-bokelmann-DSC_8403-fav-300dpiF
Pastor Reinhard Fiola geht in den Ruhestand. Foto: Elena Bokelmann / HkD

Nach 35 Jahren Pfarramt geht Pastor Reinhard Fiola Ende Juni in den Ruhestand. Seit 2013 war Fiola Koordinator für das Thema Mitgliederorientierung im Evangelischen FundraisingService, der seit 2018 zum Haus kirchlicher Dienste gehört.

„Wir haben unseren Mitgliedern durch die Taufe die größte Statuszusage gemacht, die überhaupt möglich ist: Du bist ein geliebtes Kind Gottes!“, sagt Fiola. „Jetzt ist es an uns, den Kontakt zu ihnen zu halten und ihnen wertschätzend und auf Augenhöhe zu begegnen.“ Dennoch verlieren viele Mitglieder den Kontakt zu ihrer Kirche.

Fiola hat Ideen entwickelt, wie sich das ändern kann. Eine davon ist die „Kirchenkiste“. „Diese Kiste können Kirchengemeinden zur Taufe an die Familie des Täuflings verschenken“, erklärt Fiola das Konzept. „Sie enthält ein Buch, dass sowohl den Kindern als auch den Eltern erklärt, was die Taufe bedeutet.“ Jedes Jahr zum Tauftag schickt die Gemeinde dann ein kleines Geschenk, das an die Taufe erinnert. Zusammen mit weiteren Erinnerungen können diese in die Kiste gelegt werden. Mit der Zeit entsteht eine Schatzkiste zur Glaubensbiographie des oder der Getauften. „Es geht darum, den Täufling bis zur Konfirmation zu begleiten, und wenn möglich, auch darüber hinaus!“, so der Theologe. „Warum feiern wir Silberne Konfirmation und nicht ‚Silberne Taufe‘? Gerade das Alter zwischen 25 und 30 ist ein wichtiger Zeitpunkt, um mit Christen erneut ins Gespräch zu kommen. Viele müssen dann zum ersten Mal Kirchensteuern zahlen. Das tun sie nur, wenn sie einen guten Grund dafür haben!“

Auch die Orientierung an den verschiedenen Milieus in einer Kirchengemeinde ist Fiola wichtig. Mit Hilfe von Milieu-Landkarten können Gemeinden erfahren, welche Bevölkerungsgruppen bei ihnen vertreten sind. „Oft stellt sich dann heraus, dass die Veranstaltungen nur ein bestimmtes Milieu bedienen!“, so der Pastor. „Dann ist es Aufgabe der Verantwortlichen in der Gemeinde, darauf zu reagieren und die anderen Milieus in den Blick zu nehmen!“ In einem Stadtteil, in dem viele Akademiker wohnen sind Bildungsangebote richtig, in Stadtteilen mit vielen jungen Menschen sind eher erlebnisorientierte Veranstaltungen gefragt.

Auch die Kasualpraxis sollte überdacht werden. Hochzeiten, Taufen und Beerdigungen gehören zu den wenigen Berührungspunkten zwischen Kirchenmitgliedern und ihrer Kirche. „Gerade dann sollten wir die Menschen mit ihren Wünschen ernstnehmen!“, betont Fiola. „Darf der Vater die Braut nicht zum Altar führen?"

Von 2010 bis 2012 organisierte Fiola für die hannoversche Landeskirche das „Jahr der Taufe“ auf dem Weg zum Reformationsjubiläum 2017. Auch hier entwickelte er einen Ordner mit Informationen und Anregungen, wie das Jahr in den Kirchengemeinden gestaltet werden könnte. „Das hat sehr schöne Früchte getragen!“, freut sich Fiola. Als Beispiel nennt er die Open-Air-Tauffeste. „Viele wurden damals als einmalige Aktion gefeiert, doch an etlichen Orten finden sie nun regelmäßig statt.“

Von 1992 bis 2010 leitete Fiola die Stadtmission Hannover. „Wir waren ein kleines Team von fünf Hauptamtlichen und wurden unterstützt durch sehr viele Ehrenamtliche“, erzählt der 65-Jährige. Neben dem Engagement in der Aussiedlerseelsorge und für alle die Menschen, die am Sonntag arbeiten müssen, setzte Fiola neue Impulse in der Arbeit der Stadtmission. So wurde Hannover eine der ersten Städte in Deutschland, in der die Thomas-Messe, ein Konzept aus Finnland, gefeiert wurde. Neu waren Elemente, die Menschen emotional anrühren, wie Musik aus Taizé, viele Kerzen, persönliche Salbungen und Segnungen. „Es ging uns darum, einen Gottesdienst zu feiern, zu dem wir nicht-kirchliche Freunde einladen konnten, ohne uns zu schämen“, so Fiola. Der seelsorgerliche Aspekt wurde ein Schwerpunkt der hannoverschen Thomasmesse, die einmal im Monat zunächst in der Marktkirche, später in der Christuskirche gefeiert wurde. Die Zusammenarbeit der übergemeindlichen Stadtmission mit der Kirchengemeinde der Christuskirche wurde dabei wegweisend für andere Zusammenarbeiten dieser Art.

Weitere Schwerpunkte waren regelmäßige Stände auf dem Wochenmarkt am Klagesmarkt und auf dem Kröpke. „Mir wurde schon damals klar, dass wir uns auf dem Markt der religiösen Angebote positionieren müssen!“, sagt Fiola rückblickend. Einige Zeit später entwickelte er zusammen mit Pastor Michael Wohlers von der Wiedereintrittsstelle Taufkurse für Erwachsene. "Damals begegnete man in der Stadt zunehmend jungen Erwachsenen aus Ostdeutschland, die völlig ohne Berührung zur Kirche großgeworden waren.“ Auch veranstaltete er das Singen von Weihnachtsliedern am Heiligabend um 23 Uhr, zu dem Jahr für Jahr hunderte Menschen bis heute kommen.

Von 1982 bis 1992 war Fiola Pastor in der Kirchengemeinde in Hannover/Anderten. „Das war eine hochkirchliche Gemeinde mit viel Liturgie, etwas, das mir völlig fremd war. Doch ich war überzeugt, dass es nur auf die Inhalte, nicht auf das Äußerliche ankommt und habe versucht zu vermitteln. Mit meinen Locken und einem Vollbart lief ich aber auch als wandelnde Zumutung durch den Ort“, erinnert sich der Pastor schmunzelnd. „Ich habe damals gelernt, dass die Menschen dich akzeptieren, wenn du authentisch bist.“ Ein Schwerpunkt seiner Arbeit war die Jugendarbeit.

Fiola wurde selbst durch die Jugendarbeit in seinem Heimatkirchenkreis „Alfeld-Ost“ geprägt. „Wir waren damals pietistisch und weltoffen, links und fromm“, erzählt Fiola. „Zwischen allen Stühlen zu sitzen, das war meine Heimat!“ Zu einem Kreis von Freunden aus dieser Zeit, die alle Pastoren geworden sind, besteht der Kontakt bis heute. „Wir haben uns begleitet mit unseren Träumen,  auch durch Misserfolge hindurch, und treffen uns noch immer, um theologisch zu streiten und um zu feiern.“ Auch seine Frau lernte er über die Jugendarbeit kennen. Gemeinsam haben sie drei erwachsene Kinder und sieben Enkelkinder.

Reinhard Fiola wird am Freitag, 28. Juni um 15 Uhr in einem Gottesdienst in der Evangelisch-reformierten Kirche Hannover, Lavesallee 4, in den Ruhestand verabschiedet.