Foto: HkD

Evangelischer Bildungsurlaub für katholische Italiener

Nachricht 09. Juli 2019

40 Jahre Thementage für VW-Mitarbeiter mit italienischen Wurzeln

Einmal im Jahr kommen VW-Mitarbeiter mit italienischen Wurzeln in Wolfsburg zu Thementagen zusammen – und das seit 40 Jahren. Es ist ein Treffen über konfessionelle Grenzen hinweg. Die Nachfrage ist riesig.

Seit 40 Jahren veranstaltet der Kirchliche Dienst in der Arbeitswelt (KDA) im Bezirk Lüneburg-Wolfsburg sogenannte Bildungsurlaube für VW-Mitarbeiter mit italienischen Wurzeln. Es sind Thementage, die aus der täglichen Arbeit herausführen, organisiert von Industriepastor Peer-Detlev Schladebusch und Paolo Brullo.

„Neben den Teilnehmern mit italienischen Wurzeln sind auch mal welche mit spanischem oder polnischem Hintergrund beim Bildungsurlaub dabei“, so Schladebusch. In einem Hinterhof in der Dieselstraße 23 trifft man sich seit Jahren im Circolo Sardo. „Hier kochen Antonella und ihr Team mit viel Liebe, und es gibt den besten Kaffee Wolfsburgs.“ An einfachen Tischen sitzt man auf harten Stühlen eng beieinander und beschäftigt sich jedes Jahr mit einem anderen Thema. Es geht oft sehr lebhaft zu. Die Nachfrage ist so groß, dass noch zwei weitere Bildungsurlaube stattfinden könnten. Immer wieder wird die Bitte geäußert, mindestens einen weiteren anzubieten.

„Paolo Brullo ist in Wolfsburg wohlbekannt. Sein Vater Vito kam im Jahre 1962 als erster evangelischer Pastor für die Italiener, die bei Volkswagen arbeiten, nach Wolfsburg“, erinnert sich Schladebusch. Als der KDA, damals in Wolfsburg noch Industriediakonie genannt, 1979 die ersten Bildungsurlaube durchführte, war Brullo dabei – und ist es bis heute. Seit Pastor Schladebusch vor zehn Jahren die Seelsorge in der Region Wolfsburg-Lüneburg übernahm, führen sie die Bildungsurlaube gemeinsam durch. Der KDA im Haus kirchlicher Dienste betreut auch die Arbeit des Netzwerks Christen in der Automobilindustrie (CAI), das regelmäßig Veranstaltungen rund um das Thema Glauben und Gemeinschaft in der Arbeitswelt organisiert.

Vom Zentralbüro in Celle leitet Pastor Schladebusch die Arbeit des Bezirks Lüneburg-Wolfsburg. Brullo kümmert sich um die Belange der italienischen Arbeiter in Nachfolge seines Vaters. Als dieser mit 48 Jahren starb, stellte sich die Frage: Wer soll sein Nachfolger werden? „Ein paar Italiener fackelten nicht lange. Sie nahmen den 20-jährigen Sohn Paolo bei der Hand und überredeten ihn, sich weiterhin um ihre alltäglichen Anliegen zu kümmern“, so Schladebusch. Mittlerweile ist er Rentner und kümmert sich noch immer.

Im Rahmen des Bildungsurlaubs besucht man auch Denkmäler, den Friedhof der Zwangsarbeiter aus der NS-Zeit, das Stadtarchiv, das italienische Konsulat in Hannover oder führt Gespräche mit Vertretern verschiedener Religionen. Regelmäßig wird der Austausch mit Gewerkschaften, Betriebsräten und Verantwortlichen der Stadt Wolfsburg gesucht, sei doch das Werk in der NS-Diktatur mit enteigneten Mitteln der Gewerkschaften finanziert worden, so Schladebusch.

Er und Brullo haben in den vergangenen Jahren immer wieder wirtschaftsethische Themen mit handfestem praktischem Bezug in den Mittelpunkt gestellt. In diesem Jahr stand das Thema „Arbeiten mit Herz, Hirn und Hand“ im Vordergrund der Begegnung Ende Mai. „Ein besonderes Highlight war ein kurzer Arbeitseinsatz im Auto-Museum gleich nebenan“, so Schladebusch.

Warum aber veranstaltet der KDA dieses Bildungsangebot für überwiegend römisch-katholische Italiener? „Das ist ganz einfach“, so Schladebusch: „Spätestens seit Vito und Paolo Brullo wissen wir, dass wir in Wolfsburg untrennbar zusammengehören über Konfessionsgrenzen hinweg. Ohne die Italiener gäbe es heute kein Werk und keine Stadt. Sie haben nicht nur Aufbauhilfe geleistet, sondern auch ein gutes Flair in die Industriewelt hineingebracht.“ Heute seien die Italiener zudem eine Brücke zur Integration von Migranten, weil sie deren Nöte und Bedürfnisse leichter verstünden.

Text: Hans-Christian Roestel Evangelische Zeitung Nr 27, 7.7.19 S. 15