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Der Wirtschaftsseelsorger

Nachricht 30. Januar 2019

Peer-Detlev Schladebusch hat ein Seelen-Coaching für Führungskräfte erfunden: das »Spiritual Consulting«. Dazu gehört, mit Managern auf Pilgerreise zu gehen, durch persönliche und unternehmerische Krisen.

Wenn der Weg schmaler wird und man Schulter an Schulter wandert, beginnt der spannende Abschnitt der Pilgertour. Dann, irgendwo zwischen Loccum und Volkenroda, werden die Gespräche persönlicher. Die Führungskräfte, mit denen Peer-Detlev Schladebusch unterwegs ist, erzählen ihm, wo sie an sich selber zweifeln, welche Entscheidung ihnen schwerfällt, welche Prob- leme sie zu Hause haben. Er ist mit ihnen auf dem Weg – am liebsten zu einer Lösung. Peer-Detlev Schladebusch ist Pastor und Betriebswirt – 55 Jahre, kariertes Hemd, graue Schläfen. Und Erfinder der »Spiritual Consultings«. Mit seinem Programm berät  er  Unternehmen  und  begleitet als Coach Führungskräfte  aus  der  Wirtschaft  –  in  persönlichen und ethischen Fragen, bei der Karriereplanung und in Umbrüchen. Dafür geht er mit ihnen längere Wege, auch auf zweitägigen Pilgertouren. Der christliche Glaube und dessen Ethik sind das Herz des »Spiritual Consultings«.

Kirche und Wirtschaft verknüpfen

Theologie und Ökonomie passten für Schladebusch bereits gut zusammen, als das für andere noch Gegensätze waren: »Was willst du hier?«, fragten ihn seine Kommilitonen, als er neben seinem Theologiestudium Mitte der Achtzigerjahre noch Betriebswirtschaft studieren wollte. »Ich fand es spannend, voneinander zu lernen. Ich wollte Theorie und Praxis in beiden Bereichen kennenlernen.« Das tat er zum einen, indem er ein Versandunternehmen aufbaute, das sein Studium finanzierte, zum anderen, indem er nach seinem Studium vierzehn Jahre lang als Gemeindepastor bei Osnabrück und Burgdorf arbeitete. Dabei merkte er, dass er gerne Projekte startet, Prozesse anleitet und Menschen miteinander ins Gespräch bringt. Deshalb gründete er 1997 in Osnabrück gemeinsam mit seinem Pastorenkollegen Ralf Reuter einen »Dialogkreis Kirche-Wirtschaft« und bot Führungskräften Seelsorge an. Das kam so gut an, dass die Hannoversche Landeskirche die beiden 2004 bat, daraus ein Pilotprojekt zu entwickeln. Schladebusch zog mit seiner Frau und seinen drei Kindern nach Celle und mit seinem Büro nach Hannover. »Spiritual Consulting« wuchs und ist heute ein fester Arbeitsbereich der Kirche. 2009 bekam Schladebusch noch den zusätzlichen Auftrag, den »Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt« zu übernehmen, den es bereits seit 1957/58 in Wolfsburg gibt – ein früher Brückenschlag der Hannoverschen Kirche zur Wirtschaft. Seitdem ist Schladebusch als Industriepfarrer und als Berater mit »Spiritual Consulting« zwischen Celle, Hannover, Lüneburg und Wolfsburg und auch bundesweit unterwegs. Daneben organisiert er wirtschaftsethische Kongresse, hält Vorträge und leitet das Netzwerk »Christen in der Automobilindustrie« (CAI), das er drei Jahre vor dem Dieselskandal bei VW initiierte.

Unterwegs zum Sinn

Unterwegs zu sein, das mag Peer-Detlev Schladebusch. Am liebsten in der Natur, mit Blick vom Berg ins Tal. Unterwegs ist er gerne mit anderen, denn gemeinsam bewegt man mehr. Das hat ihn schon damals in seiner kirchlichen Jugendgruppe begeistert. »Wie kann das gelingen?«, fragen ihn viele Führungskräfte. »Nur wer bereit ist, sich selbst führen zu lassen, kann auch andere führen. Das hängt für mich mit meinem christlichen Verständnis zusammen. Da ist jemand, der mich geschaffen und mich mit speziellen Fähigkeiten ausgestattet  hat.  Welcher  Sinn steckt dahinter? Wie kann ich ein sinnvolles Leben gestalten?«, sagt er mit warmleiser Stimme. »Ich arbeite viel mit den Themen Persönlichkeit und Spiritualität. Wenn ich auslebe, was Gott in mir angelegt hat, kann  ich ein sinnvolles Leben führen und sinnstiftend sein für andere.«

Den spirituellen Ansatz von Schladebuschs Consulting schätzen die Führungskräfte: »Sie suchen einen Partner für die Analyse ihrer Situation. Vertrauen ist da eine ebenso wesentliche Voraussetzung wie Verschwiegenheit, die wir als Pastoren qua Amt mitbringen«, erläutert Schladebusch. »Wir hören häufiger: ‚Ich komme auch zu Ihnen, weil ich nicht zu einem privaten Berater gehen möchte, der das macht, weil er damit möglichst gutes Geld verdienen muss.’ Wir bekommen unser normales Pastorengehalt. So sind wir unabhängig.«

Manche Führungskräfte sind verunsichert, wenn sie zu ihm kommen, trauen sich nichts mehr zu. Ihnen vermittelt Schladebusch Hoffnung. Er ermutigt sie, »zu entdecken, was der Schöpfer in sie hineingelegt hat«. In geschützter Atmosphäre können sie sich ausprobieren. Manche Manager bringen auch ihre Glaubensfragen mit ins Coaching. Dann ist das »Spiritual Consulting« für sie der Anfang einer Entdeckungsreise in puncto Gott: »Es passiert häufig, dass die Führungskräfte Lust haben, noch mehr über den christlichen Glauben zu erfahren.« Dann erzählt Peer-Detlev Schladebusch gern von dem, was ihm im Leben Halt gibt. »Das Kreuz ist für mich das große Pluszeichen im Leben. Da ist jemand, der mich geschaffen hat, der bei mir ist und ein Fürsprecher für mich ist.«

Andere Manager kommen zu ihm in Umbrüchen – bei Fusionen oder Nachfolgefragen, manchmal auch bei Entlassungen. »Wie kann ich in so einer Situation führen?«, fragen sie ihn. »Dann muss man sehr genau schauen, worum es geht. Privates und Berufliches ist da oft vermischt, gerade bei Nachfolgefragen in Familienunternehmen. Das ist ein Spezialge- biet von mir.« In solchen Situationen braucht Schladebusch viel Zeit, die Arbeit ist sehr gesprächsintensiv. »Aber ich werde ja bezahlt, um Zeit für andere zu haben«, sagt er und lacht einen Ton höher, als er spricht.

Wandern in der Grauzone

Seine Zeit gibt Raum und öffnet. Manchmal ist Schladebusch erstaunt, was Führungskräfte auch am Abend einer Pilgertour auf den Hüttentisch packen, nachdem sie auf alten Bibelschmugglerwegen in Österreich gewandert sind. »Diese Wege veranschaulichen Entscheidungen, bei denen Führungskräfte nicht wissen: Ist das ethisch korrekt? Wir versuchen ja häufig, die einfachen Lösungen hinzubekommen – weiß oder schwarz. Wenn es Vorgaben gibt, an die man sich halten kann, ist das wunderbar. Aber die hat man nicht für alle Fälle des Lebens oder der Wirtschaft«, sagt Schladebusch. »Meine These ist: Es gibt 80 Prozent Grau, der Rest ist schwarz oder weiß. In der Grauzone muss ich Entscheidungen treffen, die ich mit meinem Gewissen vereinbaren kann. Darüber kann man sich  gut auf einer solchen Pilgertour unterhalten.« Für manche Gruppen  markiert eine Pilgerreise mit Schladebusch einen gemeinsamen Neuanfang. Denn Fehler, Schuld und Vergebung können auf dem Weg zum Thema werden.

Schrauben am alten Mercedes

Was Schladebusch in seinem Consulting gedanklich und geistlich anpackt, das macht er in der Freizeit am liebsten mit seinen Händen: Er schraubt an seinem alten Mercedes, betrachtet sorgsam die einzelnen Teile, fügt zusammen, um dann zu sehen: Das ist gut geworden. Dabei ist er nicht bloß am Ergebnis interessiert, sondern am Weg dorthin. Denn der bringt Wachstum.

Text: Anne Albers-Dahnke / gomagazin
Mit freundlicher Genehmigung des gomagazins:
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