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Adventsbesuche bei Kriegskindern

Nachricht 17. Dezember 2019
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Helene Eißen-Daub erstellte zusammen mit Haupt- und Eh-renamtlichen Mitarbeitenden des Besuchsdienstes die Arbeitshilfe zum Thema Kriegskinder und Kriegsenkel. Foto: Anna Findert/HkD

„Gerade in der Adventszeit brechen bei älteren Menschen, die wir besuchen, die Erfahrungen und Erinnerungen an ihre Kindheit und Jugend erneut auf“, sagt Helene Eißen-Daub, Referentin für Besuchsdienst im Haus kirchlicher Dienste (HkD). Daher hat sie zusammen mit einem Redaktionsteam aus haupt- und ehrenamtlich Mitarbeitenden des Besuchsdienstes die aktuelle Ausgabe des Magazins „Unterwegs zu Menschen“ dem Thema Kriegskinder und Kriegsenkel gewidmet. Die Zeitschrift erscheint zweimal jährlich und wird von der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, der Evangelischen Kirche in Hessen-Nassau (EKHN), der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern und der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers herausgegeben.

Kriegserlebnisse wirken lange nach

„Nur wenige Menschen, die im Krieg oder während der Flucht traumatische Situationen erlebt haben, konnten diese adäquat aufarbeiten“, schreibt die Pastorin Heinke Geiter aus der EKHN. In den Situationen selbst stand oft der nackte Kampf ums Überleben an erster Stelle, in der Nachkriegszeit verhinderten Wiederaufbau und der Wunsch, nicht mehr an die Kriegszeit zu denken, eine Aufarbeitung des Erlebten. So wurden Erlebnisse teilweise ein Leben lang verdrängt. Im Alter kommen diese bei vielen Betroffenen wieder hoch. Auch in Gesprächen bei Besuchen kann dies der Fall sein.

Das Magazin möchte Mitarbeitende im Besuchsdienst dazu befähigen, mit dem Thema gut umzugehen. „Dazu ist es wichtig, genau wahrzunehmen“, so Eißen-Daub. „Wenn Menschen anfangen zu erzählen, ist es wichtig, gut zuzuhören. Es kann auch sinnvoll sein, das Gespräch zu suchen und zu helfen, Tabus zu lösen. Andererseits sollte das, was im Schweigen geschützt bleiben will, nicht ans Licht gezerrt werden.“ Und nicht zuletzt sollten die Besuchenden selbst ihre eigenen Grenzen erkennen und mit sich selbst sorgsam umgehen. Denn die Erlebnisse des Krieges wirken auch in der zweiten und dritten Generation nach. „Nicht verarbeitete Erlebnisse und Traumata werden unbewusst weitergegeben an die nächsten Generationen“, so Eißen-Daub.

Hinführung

Das Magazin beginnt mit einer Einführung ins Thema und der Klärung grundlegender Begriffe wie „Trauma und Posttraumatische Belastungsstörung“. Auch eine Definition von Kriegskindern und Kriegsenkeln gehört dazu: Als Kriegskinder werden die Menschen bezeichnet, die im Krieg Kinder, also bis zu 14 Jahre alt waren. Die weiteste Definition fasst Menschen der Jahrgänge 1927 bis 1948 darunter, da sie auch die Belastungen der Nachkriegszeit noch zum Krieg hinzurechnet. Als Kriegsenkel werden die Menschen bezeichnet, deren Eltern Kriegskinder waren.

Erlebnisse und Folgen

Unter der Überschrift „Erlebnisse und Folgen“ werden verschiedene Aspekte des Themas beleuchtet. Doris Noack beschreit die seelischen Kriegsverletzungen und deren Folgen für das weitere Leben eines Menschen. Dorothea Eichhorn fragt nach der Schuld und zeigt auf, wie schwierig es für die Einzelnen war, eigenes Erleben zu betrauern angesichts eigener Täterschaft oder einer kollektiv zugewiesenen Täterschaft. Auch die Kinder und Enkel von Tätern treten ein schweres Erbe an. Auch der Beitrag von Elke Seifert betrachtet den Umgang mit der Schuld und wie Menschen daraus lernen können, wenn sie eine Umdeutung eigener Erlebnisse zulassen.

In ihrer Zusammenfassung eines Vortrages von Christoph Hutter weisen Helene Eißen-Daub und Inken Richter-Rethwisch darauf hin, dass Schweigen ein Schutz für den Menschen sein kann, der etwas Traumatisches erlebt hat, dieses Schweigen aber auch einen Preis haben kann: Die verborgenen Erlebnisse werden an die Nachkommen weitergegeben, die oft nicht einmal wissen, woher ihre Beschwerden wie Depressionen und körperliche Symptome kommen. Auch können im Alter die verborgenen Erlebnisse mit neuer Macht hervorkommen.

Alexander Kaestner berichtet davon, wie es war vaterlos aufzuwachsen, und Friederike Kaiser von den verschiedenen Arten, wie Menschen Erlebnisse auf der Flucht in ihrer Erinnerung verarbeiten. Nicht zuletzt prägte auch das Erziehungsideal des Nationalsozialismus über Jahre hinaus Mütter und Kinder in deutschen Haushalten, wie Helene Eißen-Daub und Inken Richter-Rethwisch in einem weiteren Artikel aufzeigen: Mütter wurden dazu angeleitet, ihren eigenen Wunsch nach Zärtlichkeit und die Einfühlung in die Nöte und Gefühle der Kinder zu vernachlässigen und stattdessen die Pflichterfüllung an die erste Stelle zu setzen.

Arbeitshilfe für die Praxis

In einem dritten Teil werden den Lesenden konkrete Arbeitshilfen an die Hand gegeben. Vorschläge zur Arbeit mit Gruppen und zur eigenen Reflektion ermöglichen es, sich sowohl mit der eigenen Verstrickung in das Thema auseinanderzusetzen, als auch, sich auf Situationen bei Besuchen vorzubereiten. Wichtig bei Gesprächen ist es, die Trauer auszuhalten, so dass Tränen fließen können. Sätze wie „Sie hatten es schwer.“ Oder „Und Sie waren oft überfordert!“, können helfen, den Schmerz auszuhalten. Doch auch der Blick auf das, was schon damals gut war und in der schweren Situation geholfen hat, ist wichtig als Kraftquelle auch für die Gegenwart. Und nicht zuletzt kann der Blick auf die Vergebung Gottes helfen, sich selbst Versäumnisse zu vergeben.

Das Magazin „Kriegskinder – Kriegsenkel“ (Unterwegs zu Menschen, 2-2019) kann im HkD-Materialversand für 3,50 Euro bestellt werden.

Weitere Informationen

Das Magazin „Kriegskinder – Kriegsenkel“ (Unterwegs zu Menschen, 2-2019) kann im HkD-Materialversand für 3,50 Euro bestellt werden.

Anregung zur eigenen Auseinandersetzung

Kriegsenkeln kann die Beschäftigung mit der Geschichte der eigenen Familie dabei helfen, unverständliche Verhaltensweisen oder Emotionen zu verstehen. Neben Gesprächen in der Familie können auch alte Briefe, Fotos und andere Unterlagen dazu dienen, die eigene Herkunft zu erforschen. Die Autorin Nora Krug tut dies in ihrem Buch „Heimat“, das dieses Jahr in Hannover mit dem Evangelischen Buchpreis geehrt wurde. „Es ist ein persönliches Graphic Memoire, welches schmerzliche Identitätsfragen offenbart“, heißt es in der Entscheidung der Jury. „Das Buch regt an, sich die eigene Familiengeschichte bewusst zu machen, informiert über die deutsche Geschichte im vergangenen Jahrhundert und reizt seine Leser und Leserinnen, die Frage: „Was ist Deutsch?“ für sich selber zu beantworten.“ Die Büchereiarbeit des HkD hat hierzu eine Arbeitshilfe erstellt, die über das Evangelische Literaturportal www.eliport.de bestellt werden kann.