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Die Alten sind auch nicht mehr die Alten

Nachricht 30. April 2019
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Gerontologin Ulla Reyle zusammen mit über 90 Teilnehmenden bei der Fachtagung „Die Alten sind auch nicht mehr die Alten". Bild: Anna Findert/HkD

„Als Gerontologin werde ich oft gefragt: Wie alt schätzen Sie mich? Das beantworte ich nie. Es ist nicht gut für die Beziehung!“, sagt Ulla Reyle und lacht aus vollem Herzen. Sie sei gestern mit dem Zug von Tübingen nach Hannover gekommen, die Fahrt habe wegen Verspätungen fast neun Stunden gedauert. Doch sie freue sich richtig, heute hier sein zu können. Mit 70, vor ein paar Jahren, habe sie als Hochschuldozentin an der Uni Tübingen aufgehört und ist nun in ihrer eigenen Praxis als Supervisorin und Geistliche Begleiterin unterwegs. „Das lange Leben ist für mich wie ein Geschenk“, sagt Reyle“, „ich hoffe bloß, dass ich eine ‚freundliche Alte’ bleibe!“

Bei der Tagung „Die Alten sind auch nicht mehr die Alten“ im Hanns-Lilje-Haus am 25. April leitete die Expertin für Altersforschung am Nachmittag eine Arbeitsgruppe speziell für Frauen in der Lebensphase „hohes Alter“. Über 90 Teilnehmende sind zusammen mit Reyle zu der Fachtagung in Hannover gekommen, die neue Impulse für die Seniorenarbeit mit 80plus versprochen hat und in Kooperation zwischen den Arbeitsfeldern Arbeit mit Älteren und Besuchsdienst im Haus kirchlicher Dienste (HkD) und der Evangelischen Erwachsenenbildung Hannover organisiert wurde. „Die traditionelle kirchliche Seniorenarbeit ist im Wandel. Woran liegt das? Was hat sich verändert? Wie kann auf diese Entwicklung angemessen reagiert werden?“, fragte Karola Schmidt, Referentin für Arbeit mit Älteren im HkD in ihrer Einführung in den Tag. Vor allem die Suche nach den geeigneten Konzepten und Angeboten für die „neuen Alten“ stand an diesem Tag im Mittelpunkt.

Die aktuellen Herausforderungen und Chancen in der Arbeit mit älteren Menschen griff Diplom-Theologin Susanne Fetzer vor Kurzem in ihrem Buch „80plus und mitten drin“ auf und ging der Frage nach, warum die Alten nicht mehr die Alten sind. Bei der Tagung gab sie in einem Referat ihre Erkenntnisse an die Teilnehmenden weiter und machte deutlich, dass auch die Generation 80plus neu entdeckt werden muss. Der aktuell massive Rückgang an Alten- und Seniorenkreisen spricht für sich: Ältere Menschen und das Älterwerden heute sind völlig anders als vor 50 Jahren. „Wenn wir die Seniorenkreisarbeit in unsere Zeit hinein übersetzen wollen, dann müssen wir wahrnehmen, wie etwa 18 Millionen Menschen in der nachberuflichen Phase heute ticken und dies zur Basis unserer Arbeit machen“, so Fetzer. Ältere heute seien ein Mosaik der bunten Vielfalt. „Die Älteren gibt es nicht!“ Wer heute 80 ist, hat sich womöglich als Dreißigjährige das „Weiße Album“ der Beatles oder eine Schallplatte der Rolling Stones gekauft.

Begegnung und Beteiligung statt Betreuen und Bedienen

Nach Auffassung von Fetzer ist es an der Zeit, eine neue Arbeit auf den Weg zu bringen, die Senioren nicht in speziellen „Beschäftigungsreservaten“ versorgt. Dazu sei es nötig zu verstehen, was ältere Menschen brauchen. Menschen als soziale Wesen sind nicht fürs Alleinsein gemacht. Sie gedeihen nicht besonders gut in einer Monokultur der Gleichaltrigen. Ältere und jüngere Menschen können voneinander profitieren. „Wir brauchen einander. Wir müssen unsere Kirchengemeinden neu wahrnehmen als Ort der Begegnung, als Ort des Miteinanders, als Gestaltungsort des gemeinsamen Lebens“, so Fetzer. Kirchengemeinde sein bedeutet auch Gemeinschaft zu sein, generationenübergreifend.

Ein weiteres menschliches Grundbedürfnis ist es, aktiv zu sein, sein Leben zu gestalten und sich in die Gemeinschaft mit anderen einzubringen. Dieses Bedürfnis ist unanhängig von dem Leistungsvermögen oder Alter. Konkret bedeutet das, dass Ältere die Chance haben sollen, sich entsprechend ihren Wünschen und Möglichkeiten einzubringen. „Wir alle brauchen Aufgaben, die uns befriedigen, die uns Freude machen. Diese Aufgaben geben unserem Leben einen Sinn“, betonte Fetzer.

"Gott schickt keinen Menschen in Rente"

Menschen nicht allein über ihr Alter zu definieren, sondern über ihre individuelle Persönlichkeit, ist die primäre Haltung in der „neuen Seniorenarbeit“. Die Kunst dabei ist, ältere Menschen genauso zu behandeln wie alle anderen Erwachsenen. „Unsere Aufgabe ist es Menschen mit 80plus etwas zuzutrauen. Schließlich schickt Gott keinen Menschen in Rente!“, provoziert Fetzer und wird durch die Teilnehmenden bestätigt.

Das Älterwerden ist ein Balanceakt zwischen körperlicher Verletzlichkeit und der Suche nach Entwicklungsaufgaben in der neuen Lebensphase. Man lernt Hilfe anzunehmen, eigene soziale Netzwerke zu pflegen und nach Teilhabe im gesellschaftlichen Leben aktiv zu suchen. Deshalb muss aus der Seniorenarbeit eine Begegnungsarbeit und Beteiligungsarbeit werden. Das Fazit des Tages: Wenn das unser Ziel ist, dann werden wir auch kreative Wege finden dieses Ziel umzusetzen.

„Reines Beklagen der Situation führt nicht weiter. Es geht darum, alte Modelle der kirchlichen Seniorenarbeit los zu lassen, um Platz für Neues zu schaffen“, sagte Helene Eißen-Daub, Referentin für Besuchsdienst im HkD in ihrer Arbeitsgruppe „Vom Jammern zum Loslassen“. Auf Anregung der Teilnehmenden wollen die Veranstalter in Zukunft spezielle Fortbildungen zu den Methoden für die Arbeit mit Älteren anbieten, die Rücksicht auf die körperlichen, geistigen und seelischen Bedürfnisse dieser Generation nehmen.

Karola Schmidt
Tel.: 0511 1241-332
Aufgabenbereich:

Referentin für Arbeit mit Älteren

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Helene Eißen-Daub
Tel.: 0511 1241-589
Aufgabenbereich:

Referentin für Besuchsdienstarbeit
Pastorin