Foto: HkD

Projekt zur alternden Gesellschaft startet

Nachricht 27. September 2018

„Alternde Gesellschaft und Gemeindepraxis im Erprobungsraum Sprengel Hannover“ ist der Titel eines Projektes, das die Evangelisch-lutherische Landeskirche Hannovers zum 15. Oktober beginnt. Die Pastorinnen Inken Richter-Rethwisch und Dr. Dagmar Henze werden sich im Haus kirchlicher Dienste (HkD) der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers als Referentinnen eine Stelle teilen, um dieses Projekt aufzubauen, das auf fünf Jahre angelegt ist.

Die beiden Theologinnen sollen erkunden, welche Lebensthemen Menschen der Generation 60plus bewegen, und innovative Angebote entwickeln, die dann im Sprengel Hannover erprobt werden. „Das Thema alternde Gesellschaft ist für die Gesellschaft und die Kirche zentral, im kirchlichen Raum aber bisher kaum fokussiert betrachtet worden“, beschreibt Henze die Ausgangslage des Projekts.

Die Lebenssituation von Menschen in dieser Altersgruppe ist sehr vielfältig. Die einen stehen noch mitten im Berufsleben, andere erfinden sich nach dem Eintritt in den Ruhestand neu, wieder andere kommen mit dieser Situation nicht klar. Zunehmend mehr Menschen, gerade auch Frauen und alleinstehende Menschen, sind von Altersarmut betroffen, wieder andere trennen sich von ihrem Partner oder ihrer Partnerin. „Auf jeden Fall gibt es eine neue Phase von Alter“, stellt Richter-Rethwisch fest. „Menschen zwischen 60 und 80 fühlen sich noch nicht alt. Der klassische Seniorenkreis reicht als Angebot nicht mehr aus.“ Viele wollen stattdessen eigene Kompetenzen einbringen. „Die Menschen sind interessiert, neugierig, haben mehr Zeit und beginnen wieder über existentielle Dinge nachzudenken“, ergänzt Henze.

In der ersten Phase des Projekts wollen die beiden Pastorinnen herausfinden, wie Menschen über die alternde Gesellschaft denken. Sie wollen erforschen: Welche Modelle werden bereits gelebt, wie gehen die Menschen in unseren Nachbarländern mit diesem Thema um? „Wir werden mit den Sozialwissenschaften und der Theologie genauso im Gespräch sein wie mit Gemeinden und Institutionen“, erklärt Henze. „In dieser Phase ist es wichtig, den Blick zu weiten, um das zu sehen, was wir noch nicht kennen!“, betont Richter-Rethwisch. „Wir werden Kontakte knüpfen und Menschen aus unterschiedlichen Zusammenhängen an einen Tisch holen.“

Dass sie diese Aufgabe zu zweit beginnen, sehen beide als Chance: „Wir ergänzen uns sehr gut!“, freut sich Henze. Während sie sich mit Kirchenkreis-Strukturen und der Sichtweise dörflicher Gemeinden auskennt, bringt Richter-Rethwisch die Erfahrungen aus städtischen Gemeinden und EKD-weite Netzwerke mit ein. „Nach einer Zeit des gemeinsamen Erforschens werden wir dann Schneisen schlagen und einzelne Projekte und Ideen weiter verfolgen. Da wird dann jede von uns auch eigene Schwerpunkte entwickeln“, beschreibt Richter-Rethwisch den Plan für das weitere Vorgehen. Die Modelle, die entstehen, sollen für möglichst viele Gemeinden anwendbar sein. Gleichzeitig werden sie auch alternative Formen von Gemeinde in den Blick nehmen, um herauszufinden, welche Formen von Gemeinde den Wünschen der Generation 60plus entsprechen.

Dagmar Henze hat nach ihrem Studium drei Jahre im Frauenforschungsprojekt der Universität Göttingen zur Geschichte von Theologinnen mitgearbeitet. Daraus hervor ging eine Doktorarbeit zum Thema „Chancen und Grenzen von Frauen-Emanzipation in der Zeit von 1900 bis 1933. Eine Analyse von Leben und Wirken der protestantischen Theologin Carola Barth“. Bei Luise Schottroff an der Universität Kassel hat sie im Anschluss vier Jahre im Fachgebiet Neues Testament gearbeitet. Ihre erste Stelle als Pastorin fand Henze  in der Kirchengemeinde Holtensen, in der sie vier Jahre tätig war. Seit 17 Jahren ist sie Pastorin in den Gemeinden der Region Friedland-Obernjesa, wo die 55-Jährige weiterhin mit einem Viertel ihrer Arbeitszeit mitarbeiten wird. Seit 2007 ist sie  stellvertretende Superintendentin im Kirchenkreis Göttingen; diese Aufgabe wird sie im Umfang einer Viertel-Stelle ebenfalls weiterhin innehaben.

Inken Richter-Rethwisch war zunächst zehn Jahre Pastorin in einer städtischen Gemeinde in Kassel, bevor sie von 2010 bis 2017 Referentin bei der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) für Seelsorge und Gemeindeformen wurde. Zu ihren Aufgabenfeldern gehörten die Seelsorge in Institutionen wie Altenheimen, Krankenhäusern oder Gefängnissen ebenso wie die Frage nach alternativen Gemeindeformen etwa in der City-Kirchenarbeit oder im Bereich Kirche im Tourismus, wo „Kirche am anderen Ort“ und „Kirche auf Zeit“ gelebt wird. Viele Ideen, Kontakte und Netzwerke aus dieser Zeit kommen ihr für die neue Stelle zugute. So hat sie bei der EKD auch „Modellprojekte mitentwickelt, die dann in der Erprobungsphase wissenschaftlich begleitet wurden“, erzählt die 47-jährige Theologin. Zuletzt war sie Studieninspektorin im Predigerseminar in Loccum.

Der Termin für die die Einführung der beiden Theologinnen in ihre neue Aufgabe wird noch bekannt gegeben.

Text: Susanne Ruge